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Masha Gessens "Die Zukunft ist Geschichte" - Eine Buchkritik

Masha Gessens "Die Zukunft ist Geschichte" - Eine Buchkritik
Eine Lichtgestalt der jüngeren russischen Zeitgeschichte - zumindest wenn man den Thesen der Autorin Masha Gessen anheimfällt
Im vergangenen Jahr veröffentlichte Masha Gessen ihr Buch "Die Zukunft ist Geschichte”. Der Spiegel nahm das zum Anlass für ein Interview mit der Autorin. Das verwundert nicht, denn Gessens Buch über Russland ist eine fantasievolle Relotius-Erzählung.

von Gert Ewen Ungar

Daran ist zwar nahezu alles falsch, aber folglich passt sie ins etablierte Narrativ des Westens. Bereits im Dezember des vergangenen Jahres brachte der Spiegel in seiner Printausgabe ein Interview mit Masha Gessen. Als Autorin des Buches "Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor" gilt sie nicht nur dem Spiegel als Expertin für die politischen Entwicklungen in der Russischen Föderation. Masha Gessen wurde in der Sowjetunion geboren, lebt inzwischen aber (wieder) in den USA und hat sowohl die US-amerikanische als auch die russische Staatsbürgerschaft.

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Masha Gessen gehört zu einem bestimmten Typus russischer Intellektueller. Ihre ideologische Leitlinie ist der Liberalismus, ihr individuelles Geschäftsmodell besteht im Bedienen von im Westen etablierten Klischees und Vorurteilen über Russland als "Expertin". Zugespitzt: Gessen schreibt, was transatlantisch orientierte Blätter wie der Spiegel hören, also drucken und lesen lassen wollen.

Dafür bekommt Gessen in diesem Jahr den "Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung" verliehen. Die Entscheidung des Kuratoriums, dem – neben der Stadt Leipzig und der Messe Leipzig - das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kunst und der Börsenverein des deutschen Buchhandels angehören, ist angesichts des Namens des Preises einigermaßen erstaunlich, denn der Verständigung dient "Die Zukunft ist Geschichte" jetzt in gar keinem Fall, dieses Buch dient vielmehr dem geistigen Mauerbau.

Das Buch Gessens beginnt mit einer Anmaßung. Die Autorin verspricht ihren Lesern, das ganze Bild zu zeigen, nicht einen bloßen Ausschnitt aus der russischen Lebenswirklichkeit. An diesem Versprechen muss sich das Buch dann auch messen lassen, und an diesem Versprechen scheitert Gessen kläglich.

Anhand von sieben Interviews will Gessen die Entwicklung der späten Sowjetunion bis in die Gegenwart unter Putin nachzeichnen. Ihre Leitlinie ist der Begriff des "Homo Sovieticus", einer Wortschöpfung, welcher sich auch der russische Soziologe Juri Lewada bedient hat. Der Begriff ist wenig schmeichelhaft, denn er beschreibt einen opportunistischen Menschen, der nach Sicherheit strebt, klare Hierarchien liebt, korrupte Strukturen duldet und individuelle Freiheit zugunsten von Sicherheit aufgibt. Sein Antipode ist der "Homo Oeconomicus", der ausschließlich seinen persönlichen Nutzen maximieren will. Das Problem beider Modelle ist, dass sie in ihrer Schlichtheit zur Beschreibung menschlichen Handelns nicht taugen, denn die Motivation für Handlungen ist zweifellos komplex(er). Während die Mainstream-Ökonomie gerade mit dem Modell "Homo Oeconomicus" an der Realität scheitert, scheitert Gessen an der Deutung der Entwicklungen in Russland mit ihrem allzu simpel geratenen Persönlichkeits-Modell.

Für Masha Gessen ist die Sehnsucht nach Autorität und Führung, die Sehnsucht nach Sicherheit und Stabilität für einen kurzen historischen Moment unter Jelzin abgelöst worden von Freiheit. Diese Freiheit lernten die Russen jedoch nicht zu leben und wandten sich wieder der Suche nach Sicherheit und Stabilität zu. Putin sei darauf die Antwort.

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Gessen versteigt sich zu dieser These, die sie dann doch nicht belegen kann. So behauptet sie beispielsweise, die Ungleichheit zu Zeiten der Sowjetunion sei größer gewesen als in den neoliberalen Jahren Jelzins, sie sei in der Ära Jelzins nur sichtbarer gewesen.

Allerdings waren die strukturellen Ungleichheiten nicht mehr so gut abgeschirmt wie zu Sowjetzeiten", schreibt Gessen. "Die Leute bekamen jetzt mit, wenn jemand wohlhabend war - schon, weil die alten, geheimen Verteilzentren schlossen und die Reichen sehr viel eher dort einkauften, wo es die anderen auch taten.

Generell hätten sich die Menschen in der Jelzin-Ära nur arm gefühlt. Das ist zynisch. Der Zusammenbruch der russischen Ökonomie ist keine ausgedachte Geschichte, der Staatsbankrott keine Erfindung, die Abnahme der Lebenserwartung war bittere Realität.

Später gesteht Gessen zu, dass es zu Fehlentwicklungen gekommen sei, außer in der Stadt Nishni Nowgorod. Dort wurde das neoliberale Programm vorbildlich und zum Nutzen aller umgesetzt, versichert uns die Autorin. Der dafür verantwortliche Gouverneur war der später ermordete Boris Nemzow. Bei einem Besuch der Stadt äußert sich selbst die Britische Premierministerin Margaret Thatcher anerkennend, der Käse aus einem eigentümergeführten Käseladen schmeckt ihr. Ja, an manchen Stellen ist das Buch unfreiwillig komisch. Boris Nemzow wird im Buch zur verklärten Ikone der russischen Opposition. In der realen Welt jedoch ist Nemzow politisch gescheitert. Seine Karriere war ein beständiger Abstieg in die absolute Bedeutungslosigkeit. Bei Gessen bleibt er - dem westlichen Klischee entsprechend - ein herausragender, visionärer Oppositionspolitiker. Entsprechend suggeriert sie, Putin, der auch etwas von Hitler habe, sei in die Ermordung verstrickt. Ja, es stimmt, es ist absolut niveaulos, was das Buch an zahlreichen Stellen dem Leser zumutet. Preise bekommt man für solch einen Unsinn nur noch in dem sich jeder russischen Realität verweigernden Westen.

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Gessen ist durch und durch einem neoliberalen Weltbild verpflichtet. Die Schuld, die Russland auf sich geladen hat, ist folglich die Abkehr vom neoliberalen Modell. Dass Putin Privatisierung rückgängig gemacht hat, dass unter ihm die schlimmsten Auswirkungen des Neoliberalismus gemindert, die finanzkapitalistischen Umtriebe zugunsten realwirtschaftlichen Wachstums eingedämmt wurden, ist in den Augen von "Liberalen" wie Gessen sein größtes Verbrechen. Genau diese zerstörerischen Umtriebe eines entfesselten Finanzkapitalismus aber sind es, die sie meint, wenn sie von "Freiheit" spricht. Sie meint die Freiheit des Marktes, nicht die der Menschen. Diese verquere Logik hat sie mit den westlichen Kritikern russischer Politik gemein. Nun ist die Politik unter Putin recht erfolgreich. Die Lebensqualität steigt. Da hilft nur noch leugnen und verleumden.

Während es in den Neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts so war, dass Besucher aus Russland staunend in westlichen Einkaufszentren standen und die farbige Wunderwelt westlicher Warenparadiese bewunderten, ist die Situation inzwischen andersherum. Der westliche Besucher steht in Russland und wundert sich, was alles möglich ist.

Aber weil nicht sein kann, was nicht sein darf, greift Gessen zu unlauteren Mitteln. Sie schließt sich komplett der in liberalen Think-Tanks erdachten Erzählung über Russland an, in dem bürgerliche Freiheiten angeblich eingeschränkt werden, wobei sich das Land imperial ausdehnen möchte. Um dieses Bild aufrecht zu erhalten, verschweigt sie, beugt und leugnet sie Fakten. Je weiter sich das Buch der Gegenwart nähert, desto vehementer - allerdings auch desto auffallender.

Ein Beispiel: Die westlich-liberale Lieblingssorge ist die Sorge um das Wohl von Schwulen und Lesben in Russland. Hier bedient Gessen das Klischee vom homophoben Russland. Im Kontext der Auseinandersetzung zwischen dem deutschen Soziologen Andreas Umland mit dem russischen Philosophen Alexander Dugin zitiert sie aus der Online-Zeitschrift evrazia.org. Dort soll es heißen "Wie wir aus der Statistik wissen, sind sechzig Prozent der Homosexuellen mit HIV infiziert." Das ist natürlich auf den ersten Blick grober Unfug, aber der unbedarfte Leser fühlt sich in seinem Vorurteil bestätigt, in Russland grassiere die Homophobie und würden Falschinformationen verbreitet.

Das Problem ist nur: das Zitat ist falsch übersetzt. Im Original heißt es, dass sechzig Prozent der im Westen HIV-Infizierten homosexuell sind. Und das entspricht den Fakten. Man kann sich jetzt noch darüber streiten, ob das Attribut homosexuell richtig ist, oder ob es politisch korrekter nicht "Männer, die Sex mit Männern haben" heißen muss, aber die Zahl stimmt. Es ist eben kein Zeichen für homophobe Entwicklungen in der Russischen Föderation. Nun ist Gessen allerdings Muttersprachlerin. Sollte man böse Absicht vermuten?

Das ist nur ein Beispiel von vielen. Der Anmerkungsapparat des Buches ist umfangreich, allerdings ist er auch katastrophal schlecht. Einige Links führen ins Nirgendwo oder zu einer Unmenge Text, in der sich die jeweilige Behauptung nicht finden lässt. Es bleibt das Gefühl, die Anmerkungen sollen Belege vortäuschen, wo in Wirklichkeit die Fakten fehlen.

Auf diese Weise wird eigentlich alles belegt, woran der Westen gerne glaubt. Russland habe den Krieg gegen Georgien begonnen, beispielsweise. Dass das nicht stimmt, hat sogar die wohl russlandfreundlicher Umtriebe völlig unverdächtige EU festgestellt.

Russland führt Krieg in der Ukraine. Dass die von der OSZE geführte "Ukrainian Monitoring Mission" täglich zu einem anderen Ergebnis kommt - Gessen erwähnt es nicht. Die massive Einmischung der USA bei der Wahl Jelzins taucht bei Gessen mit keinem Wort auf. Äußere Einflüsse, auf die Russland reagieren muss, gibt es bei Gessen ohnehin praktisch keine. Sie zeichnet Russland als einsame geopolitische Insel, die in einem politisch stillen Ozean völlig unbehelligt vor sich hin dümpelt und sich aufgrund der Unfähigkeit seiner Bürger, Freiheit zu ertragen, ins Totalitäre wendet. Die Erzählung Gessens wird der tatsächlichen politischen Dynamik in keiner Weise gerecht.

Gessen zeichnet nicht wie versprochen das ganze Bild, sondern skizziert einen kleinen Ausschnitt, der so zurechtgeschnitten ist, dass er Klischees bedient.

Damit wird Masha Gessen selbst zur tragischen Figur. Sie liefert sich selbst dem Narrativ aus, das sie mit ihrem Buch bedient. Würde sie davon abweichen, würde sie unmittelbar untergehen. Solch ein Exempel wurde gerade am Regisseur Andrei Nekrassow exekutiert, der es gewagt hat, mit seinem Dokumentarfilm "Der Fall Magnitzki" die Erzählung vom korrupten, autoritären System Putin infrage zu stellen. Bis dahin im Westen hochgeschätzter, russland-kritischer Filmemacher, ist er inzwischen faktisch arbeitslos und isoliert.

Masha Gessen weiß das sicherlich. Sie weiß, sie muss das Narrativ bedienen und es mit Relotius-Geschichten füllen. Und genau das macht sie. Sie tut es nachweislich. Zu jenem Zeitpunkt, als sie über das gegenwärtige Moskau schreibt "Alles Grün war aus den Straßen der Stadt verschwunden. Sie bestand nur noch aus Steinflächen und rechten Winkeln. Moskau hatte jetzt die Flächenaufteilung und Beschaffenheit eines Friedhofs.", zu gerade diesem Zeitpunkt eröffnet im Zentrum von Moskau ein über zehn Hektar großer Park, eine künstliche Hügellandschaft mit den unterschiedlichen Vegetationszonen Russlands, in den ein Amphitheater, eine Eislaufbahn und ein Konzerthaus integriert sind. Es ist faktisch falsch, was Gessen schreibt, doch das westliche Narrativ muss bedient werden. Da stört die Realität nur. Masha Gessen ersetzt dem Spiegel den Relotius. Der Spiegel bedankt sich dafür mit einem großen Interview, womit die Redaktion beweist, dass sie nichts aus dem Skandal im eigenen Haus gelernt hat. Gessen bekommt trotz der an den Fakten gemessenen miserablen Qualität ihres Buches zudem noch einen Preis nachgeworfen.

Und dennoch stimmt eines positiv und hoffnungsvoll:
Das gelobte Narrativ über Russland bricht ungeachtet dieser Bemühungen, ein schlechtes Image dieses Landes aufrecht zu erhalten, zusehends in sich selbst zusammen. Die Realität ist dann doch stärker als jede "Dichtung" über sie.

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