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Leningrader Blockade: Wie ein Artikel in der "Süddeutschen" fast eine diplomatische Krise auslöste

Leningrader Blockade: Wie ein Artikel in der "Süddeutschen" fast eine diplomatische Krise auslöste
Rekonstruktion der historischen Salutschüsse vor 75 Jahren anlässlich der Befreiung der Stadt am 27. Januar 2019
Am 27. Januar wurde in Sankt Petersburg der vollständigen Aufhebung der deutschen Blockade 1944 gedacht. Drei Tage zuvor veröffentlichte die SZ dazu einen Kommentar, der in Russland für Aufruhr sorgte. Nur ein diplomatischer Zug konnte noch schlimmere Verwerfungen verhindern.

von Redaktion

Die fast zweieinhalb Jahre andauernde Einkesselung der Stadt Leningrad durch deutsche und finnische Truppen im Zweiten Weltkrieg war ein Kriegsverbrechen vom Maßstab eines zweiten Holocaust. Denn Leningrad sollte nicht gestürmt werden. Erklärtes Ziel der Nazi-Führung und der Generäle der Wehrmacht war es, alles Leben in dieser Stadt mit knapp drei Millionen Einwohnern einfach durch Hunger und permanentes Bombardement auszulöschen. Und tragischerweise gelang es weitgehend: Etwa eine Million Opfer forderte die Blockade, nach einigen Schätzungen sogar noch mehr. Die weit überwiegende Zahl unter ihnen waren verständlicherweise Zivilisten. Dass es der Wehrmacht gar nicht um eine militärische Eroberung ging, ist historisch vielseitig belegt. Die deutsche Luftwaffe flog ihren ersten Angriff im Spätsommer 1941 gezielt auf die Lebensmittellager der Stadt. Während der Blockade beschoss die deutsche Artillerie systematisch die Wohnviertel und die zivile Infrastruktur. Die Luftwaffe setzte hauptsächlich Brandbomben ein, mit einer verheerenden Wirkung in einer Stadt, in der zuvor die Wasserversorgung zerbombt wurde. Die einzige Versorgungs- und Evakuierungsroute – der sogenannte "Weg des Lebens" nur im Winter über den vereisten Ladoga-See – wurde unablässig beschossen und bombardiert. In der Stadt spielten sich unfassbare Szenen von Leid und Heldenmut ab.

Die Blockade bleibt auch 75 Jahre danach ein Trauma im Bewusstsein vieler Russen, ein Teil der gemeinsamen "Geschichts-DNA". Zu ungeheuer war das Ausmaß der Tragödie, zu schmerzhaft sind die Erinnerungen. Kein Wunder, dass man sich in Russland bis heute nicht darüber einig ist, welche Art des Gedenkens die richtige, die würdige ist. Dürfen beispielsweise die Fälle des Kannibalismus thematisiert werden? Oder kann man die Opfer, die in der Regel einem stillen Tod erlegen waren, als Helden des Widerstands sehen? Und allein schon der Gedanke, die Stadt hätte lieber vor dem Feind kapitulieren sollen, um Leben zu retten, ist für viele ein Tabu. Wobei dies teilweise auf historischer Unkenntnis der wirklichen, perfiden Pläne der Feinde basiert. Vor kurzem blieb der Komödie "Feiertag" der Einzug in russische Kinos versperrt, nach zuvor heftiger Kritik in den Medien. In der Satire feiert eine privilegierte Familie in der langsam verhungernden Stadt ein üppiges Neujahrsfest – hinter dicht verschlossenen Türen. Seit Januar ist der Film nur im Internet zu sehen. Und zum 75. Jahrestag der Befreiung der Stadt am 27. Januar dieses Jahres wurde in Petersburg über die Frage diskutiert, ob die geplante Militärparade eine angemessene Form des Gedenkens ist. Eine Online-Petition gegen die Parade sammelte immerhin fast 5.000 Unterschriften.

In diese offene Wunde bohrte sich dann kürzlich ein anmaßender Kommentar in der Süddeutschen Zeitung. Titel: "Moskau missbraucht das Gedenken an Leningrad". Die Autorin Silke Bigalke warf darin den heutigen "Machthabern in Moskau" Manipulation und unnötige "Militarisierung" des Gedenkens vor. Und schlug dabei "großzügig" einen Bogen von der Stalin-Zeit bis in die Gegenwart. Offenbar in peinlicher Unkenntnis der historischen Fakten, wie etwa der zahlreichen erbitterten Versuche des sowjetischen Oberkommandos, diese Blockade zu durchbrechen und der enormen logistischen Anstrengungen, die Versorgung und Evakuierung der belagerten Stadt doch noch teilweise zu organisieren, schrieb sie:

Die Stadtbehörden hätten sich sonst wohl viel früher fragen lassen müssen, warum sie damals so wenig für die Bürger taten. Und russische Historiker hätten vielleicht schon viel früher darüber gestritten, ob die Katastrophe hätte verhindert werden können. Ob Stalin diese Menschenleben fast ebenso leichtfertig zu opfern bereit war, wie es seine Gegner waren. Eine Frage, die selten gestellt wird, auch weil es in Russland immer noch Menschen gibt, die Stalin verehren. Und die Regierung ihnen ungern widerspricht.

Leningrader Blockade: Wie ein Artikel in der "Süddeutschen" fast eine diplomatische Krise auslöste
Eine Museumsrekonstruktion vom "Weg des Lebens" in Sankt-Petersburg. Über eine Million Menschen wurden über den gefrorenen Ladoga-See unter Beschussgefahr aus der belagerten Stadt evakuiert.

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Spätestens an dieser Stelle des Artikels muß man sich ungläubig die Augen reiben: Die Nazis seien lediglich etwas "leichtfertig" bereit gewesen, die Stadtbewohner "zu opfern"? Wollten sie sie nicht doch kalt berechnend einfach vernichten, wie die Autorin selbst an einer anderen Stelle schreibt? Gleichzeitig will sie in Form einer rhetorischen Frage auch Stalin und mit ihm die ganze Sowjetführung zu Mittätern stilisieren. Bei einer Verurteilung Stalins kann man als westlicher Journalist ja gar nichts falsch machen, das weiß die SZ-Autorin. Diesem langjährigen sowjetischen Diktator kann getrost alles unterstellt werden. Selbst wenn es faktisch falsch wäre, steht man dann mindestens moralisch auf der "richtigen Seite" der Geschichte. Und sogleich wird auch noch der suggestive Bogen von Stalin zu Putin geschlagen. Denn ein SZ-Leser muss nicht wissen, dass auch Putin selbst Stalin als "Diktator und Tyrann" bezeichnet.

Es habe, der SZ-Autorin zufolge, bis zu einigen "Enthüllungsberichten" der 1990er Jahre im gesamten Land Unwissenheit über das wahre Grauen geherrscht: "Dass sich die Menschen vor Hunger kaum auf den Beinen halten konnten (…) wurde größtenteils erst in den Neunzigerjahren bekannt." Nicht erst das 1977 erschienene, berühmte "Blockade-Buch" von Daniil Granin und Ales Adamowitsch straft solche dreisten Behauptungen als Lügen. Auch wenn nicht alles in der ersten Ausgabe die sowjetische Zensur passieren konnte, rekonstruierten sie in zahlreichen persönlichen Erzählungen der Überlebenden eine Chronik des unvorstellbaren Leidens. Heute steht das ganze, ungekürzte Blockadebuch in der Bücherliste für russische Schüler als Pflichtlektüre. 

Daniil Granin im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2016

Die Reaktion in Russland auf diesen Kommentar ließ nicht lange auf sich warten. "Den deutschen Medien steht es nicht zu, uns dafür zu kritisieren, wie genau wir den 75. Jahrestag des Durchbrechens der Leningrad-Blockade feiern", twitterte der einflussreiche Senator Alexei Puschkow. "Sie sollten darüber lieber nicht urteilen."

Eine solche Kritik ist sowohl unangebracht als auch unmoralisch. Sie haben komplett das Augenmaß verloren", so Puschkow.

Der Abgeordnete Sergei Bojarski, Sohn der St. Petersburger Schauspiel- und Musik-Legende Michail Bojarski, empfahl den deutschen Journalisten, sich aus den sensiblen inneren Angelegenheiten Russlands herauszuhalten. "Deren Meinung sollte uns am wenigsten interessieren, wenn es um unsere Gedenktage geht", so Bojarski. Der Duma-Abgeordnete und Verteidigungsexperte Viktor Sawarsin sagte dem TV-Sender 360°, dass das russische Parlament eine offizielle deutsche Stellungnahme dazu erwartet.

Ich glaube, dass die deutsche Kanzlerin, die Regierung und das Außenministerium auf diese Entgleisung reagieren sollten. In diesem Fall bin ich mir sicher, dass die ganze Staatsduma das verurteilt", so Sawarsin im Interview.

Am 27. Januar fand auf dem Petersburger Palastplatz die Militärparade statt. Mit einer Schweigeminute, unter den Fahnen jener Verbände der Roten Armee, die die Stadt befreiten, und mit historischer Militärtechnik aus der Zeit des Großen Vaterländischen Krieges. Danach rollten auch moderne Waffensysteme über den Platz. Allerdings war die Parade nur eine von insgesamt 140 öffentlichen Veranstaltungen in der Stadt an diesen Tagen.

Der russische Präsident Wladimir Putin, selbst gebürtiger Leningrader, war bei der Parade nicht dabei. Er kam direkt zur Kranzniederlegung am Peskarjowski-Friedhof, der Ruhestätte für eine halbe Million Blockade-Toter. Putins älterer Bruder starb als Kleinkind während der Blockade, und sein Vater kämpfte als Frontsoldat vor Leningrad. SZ-Autorin Bigalke schrieb auch darüber. Diesmal titelte sie: "Der Präsident bringt rote Rosen". Von einem "Machthaber" war diesmal nicht die Rede, auch nicht von einem "Missbrauch des Gedenkens". Und die Kritik an der Parade wurde in lediglich einem Absatz und mit dem korrekten Hinweis auf die Urheber der Online-Petition und die Anzahl der Kritiker thematisiert. Nur in einer These glich ihr neuer Artikel dem vorherigen: Das Bild von einem heldenhaften Widerstand, das die Russen nach der Blockade pflegten, kam nach Bigalke auch der deutschen Seite entgegen, weil es das große Kriegsverbrechen der Wehrmacht verwischte.

Der freie Autor Ulrich Heyden am 14. Juni im Gespräch mit RT Deutsch.

Ob die wütende Reaktion in Russland auf den früheren Artikel in der SZ-Redaktion wahrgenommen wurde, ist unklar, eine Anfrage von RT Deutsch an die Süddeutsche Zeitung blieb unbeantwortet.

Jedenfalls ist es gelungen, diplomatischen Verwerfungen zu vermeiden. Der russische Botschafter in Berlin, Sergei J. Netschajew, sagte dazu bei einer Gedenkveranstaltung gegenüber RT Deutsch, es stünde ihm nicht zu, sich mit "Gasetchiki" – russisch für "Zeitungsleute" – anzulegen. Viel wichtiger sei es, dass die beiden Außenminister Sergei Lawrow und Heiko Maas am 27. Januar in einer gemeinsamen Erklärung die Entscheidung der Bundesregierung begrüßt haben, "den Überlebenden der 872 Tage langen Blockade zwölf Millionen Euro bereitzustellen". Dies basiere "auf der Anerkennung der Verantwortung für das Unrecht, das damals im Namen des deutschen Volkes verübt worden ist", heißt es in der Erklärung.

Über diese Geste der Bundesregierung hat Heiko Maas die Öffentlichkeit zum ersten Mal bei seinem Besuch in Moskau am 18. Januar informiert. Außer der verharmlosenden Bezeichnung dieser Verbrechen als "Unrecht" ist an ihr nichts auszusetzen. Auch wenn das ungefähr nur 14 Cent je Überlebenden pro Blockade-Tag ergibt.

Politischen und moralischen Schaden hatte der erwähnte Artikel trotzdem angerichtet. Da die Medien in Russland die Story von einem "unsäglichen deutschen Artikel" mindestens zwei Tage lang ausgiebig thematisiert haben, steht er nun stellvertretend für die gesamte deutsche Presse. Und das ausgerechnet bei einem Thema, bei dem die Berichterstattung sonst überwiegend durchaus von Taktgefühl und Sensibilität geprägt ist. Die Berichterstattung in deutschen Medien zum Thema der Leningrader Blockade in diesen Tagen legte ihr Augenmerk meistens auf die Notwendigkeit der Aufklärung über auch dieses lange Zeit verschwiegene Verbrechen der deutschen Wehrmacht. Und nicht darauf, wie die Russen damit umgehen.

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