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RT Deutsch, der liebe Freund, der liebste Feind: 10 Episoden aus dem Leben eines Redakteurs (Teil 2)

RT Deutsch, der liebe Freund, der liebste Feind: 10 Episoden aus dem Leben eines Redakteurs (Teil 2)
"Merkel ist aus der Mode gekommen", stand in einer RT-Kolumne in Februar 2017. War das eine Prophezeiung, die auf einen finsteren Plan hindeutet?
Wer sind die Menschen, die RT Deutsch ihre Stimme geben? Bei wem und warum sind wir verhasst? Ein Redakteur blickt auf zwei Jahre Erfahrung zurück. Er erinnert auch an seinen Versuch, die deutsche Regierung an ihrem Fundament - in der Person der Kanzlerin - zu erschüttern.

von Wladislaw Sankin 

Fortsetzung von Teil 1

Episode 6: Antifa und Husain Mahmoud

Während des AfD-Parteitages Anfang Juli 2018 in Augsburg musste sich unser Team entscheiden: eher in der Stadt über Anti-AfD-Proteste berichten oder doch besser auf dem Messegelände bleiben, wo der Parteitag stattfand? Die Erfahrung des ersten Tages zeigte, dass uns die mehrfachen Personenkontrollen und gesperrten Straßen um das Gelände herum einen Strich durch die Rechnung machen könnten. Es war Samstag, in der halben Stadt war der Verkehr lahmgelegt, und wir entschieden uns für die Innenstadt. Die größte Demo war ein Marsch von verschiedenen Antifa-Gruppen und Jugendvereinigungen Deutschlands etablierter politischer Parteien. Der Menschenstrom mündete auf dem Rathausplatz, wo es eine Kundgebung gab.

RT Deutsch Redakteur Wladislaw Sankin auf der Konferenz der Friedrich-Naumann-Stiftung

Noch ehe ich dort unser Mikro auspacken konnte, um die O-Töne einzufangen, hatte schon eine Gruppe Jugendlicher, kaum älter als 18 Jahre, angefangen, uns anzupöbeln. Wohlgemerkt in völligem Bewusstsein ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit. Einer aß dabei seinen Snack. Mit vollgestopftem Mund bat er mich denn auch, "einen Gruß an den Genossen Putin zu senden", wollte von mir aber dennoch nicht sein Gesicht filmen lassen. Unsere Erfahrung mit solch ungewöhnlichen Grüßen bestätigt: Dieses Verhalten RT gegenüber haben mittlerweile auch alle "neu-linken" Bewegungen gemeinsam.

Augenscheinlich einfache Passanten in Augsburg stellten das Gegenteil dar. Ohne große Schwierigkeiten konnten wir unseren Beitrag drehen. Manchmal kamen unbekannte Menschen auf uns zu und wünschten RT "viel Erfolg" und sagten "Weiter so". Bei den Ereignissen dieses Tages ging es vor allem um die Meinungsverschiedenheiten zur Migrationspolitik. Der einzige unserer Gesprächspartner, der über die Notwendigkeit sprach, die Spaltung durch "Zuhören" zu überwinden, war Husain Mahmoud, ein Syrer.

Egal wer, hört auf mit dieser Spaltung", rief er in die Kamera.

Mit einem kleinen Stand vertrat er dort den Augsburger Ausländerbeirat. Am Ende des Gespräches bekannte sich Husain dazu, überzeugter RT-Konsument zu sein.

Episode 7: Wie ich Merkel beseitigen wollte

Es gibt viele Konferenzen, Besprechungen, Podiumsdiskussionen mit "Russlandkritik" als Thema, solche werden gern auch von den deutschen partei- und regierungsnahen Stiftungen veranstaltet. Oder sollte man besser auf Neudeutsch sagen – mit "Russlandbashing"? Denn solche "Kritik" bedarf in der Regel keiner Gegenargumente, Widerspruch tut man im Voraus gleich als Propaganda ab. Dementsprechend erfolgt auch die Vorauswahl von Experten – mit wenigen Ausnahmen (als Feigenblatt) gehören sie als loyale Stichwortgeber ins eigene Lager. Sich aus dem Publikum in der Fragerunde als RT-Redakteur zu outen, käme bei solchen Events der Selbstentlarvung als "Troll" gleich. Alle Anwesenden drehten sich dann um, um einen solchen RT-Mann zu sehen, und warteten auf den nun beginnenden Zirkus. Das ist schon oft genug genau so passiert. Aber es gab eine Diskussion, bei der ich mich überwand und versuchte, undercover zu bleiben, obwohl das vorgetragene Impuls-Referat auf einem meiner Artikel fußte.

Jene Expertin in Sachen "russischer Propaganda", Dr. Susanna Spann, erläuterte am Beispiel RT und Sputnik bei der Friedrich-Naumann-Stiftung, dass bei russischen Auslandsmedien keinerlei unabhängiger Journalismus möglich sei, sondern selbstverständlich alles nur "Propaganda im Sinne der russischen Regierung" sei. Als das aussagekräftigste Beispiel führte sie einen Meinungskommentar eines bekannten russischen regierungsnahen Fernsehmoderators an, der auf unserer Seite von RT Deutsch – wohlgemerkt – zitiert worden war. In seinem Kommentar "Merkel ist aus der Mode gekommen" kritisierte er in seiner wöchentlichen Sendung vom 29. Januar 2017 Angela Merkel scharf. Es ging um ihre offene Unterstützung des Maidan-Putsches in der Ukraine. Da ich dieses Thema ähnlich kritisch sehe, übersetzte ich seinen – zugegeben, teilweise sehr überspitzten – Fernsehkommentar im Wortlaut. Meinen Artikel als Medienreflexion bei RT zu platzieren, war einzig unserem eigentlichen Anlass geschuldet, weil sich nämlich die Bild am Tag zuvor so sehr über diesen Kommentar von Dmitri Kisseljow aufgeregt hatte! Ich wollte das Original als ihren Anlass unseren Lesern nicht vorenthalten, damit sich unsere Leser ihre Meinung darüber selbst bilden könnten. Susanne Spann baute auf diesem RT-Artikel (der zur Meinungsbildung die Übersetzung eines ganz anderen, ausländischen Autors darstellte) ihre ganze "Theorie" auf, wie alles Tun von RT Deutsch im Sinne der sicherlich finsteren (!) Absichten der russischen Regierung gesteuert sei.

Nun, da Angela Merkel schrittweise ihren allmählichen Rücktritt aus der Politik verkündet, erscheint die ganze Story um den Artikel wohl noch einmal in einem anderen Licht, oh weh …

RT Deutsch hat Geburtstag: Leider ist nicht allen zum Feiern zumute.

Episode 8: Kein Krawall mit Deutschen

Aber zurück zu den "finsteren" russischen Plänen. Oft musste ich auch mit russischen Experten und Regierungs- sowie Parlamentsvertretern sprechen. Langsam stellte sich eine Tendenz ein: Immer, wenn ich Fragen kritisch und scharf formuliert habe, auch in Bezug auf die deutsche Russlandpolitik, war die Antwort ausgewogen oder sogar beschwichtigend. Die hochrangigen Russen sind offenbar nicht auf Krawall gebürstet. Propaganda mit Schaum vor dem Mund nennen sie "Meinungsverschiedenheiten". Und die Aufgabe der Medien sehen sie eher darin, nicht die Unterschiede zu betonen und sozusagen noch "Salz in die Wunden zu streuen", sondern im Gegenteil – als Brückenbauer, die den Menschen in unseren Ländern helfen sollten, sich nicht weiter voneinander zu entfremden. Weder dem russischen Botschafter noch dem Vize-Duma-Vorsitzenden oder irgendeinem maßgeblichen russischen Deutschland-Experten konnte ich je ein markiges und kritisches Wort entlocken.

Episode 9: Zorn – Das Schweigen des Kriegsgräbers

Im September drehte unser für Südrussland zuständiger Kameramann Andrej Selin eine Reportage über die erste gemeinsame Grabungsaktion des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Wolgograder Stiftung "Erbe". Ich hatte meine Fragen an den Projektleiter des Volksbundes Matthias Gurski geschickt, der mit dabei sein sollte. Der Kameramann meldete: "Er will nicht mit uns sprechen. Mit anderen schon, nur mit uns nicht. Wir seien kein unabhängiges Medium, sagt er." Empörung ist nicht das Wort, das meine Reaktion zutreffend beschreiben könnte. Matthias Gurski arbeitet seit Anfang der 1990er-Jahre in Russland – wie er anderen Medien gegenüber erklärt, "aus christlichen Gründen" – und spricht mittlerweile fließend Russisch. Ich hatte während der Dreharbeiten im April für eine andere Großreportage schon einmal mit ihm telefoniert. Auch damals sagte er ein Gespräch für unseren Bericht ab.

Ich bat den Kulturbeauftragten der Wolgograder Duma Alexander Osipow, den Protagonisten unserer damaligen Reportage, die Sache doch möglichst zu klären. Für meine russischen Kollegen und mich waren die Ressentiments von Matthias Gurski angesichts seiner gesellschaftlich bedeutenden Arbeit in der blutgetränkten südrussischen Steppe nicht nachvollziehbar. Osipow war am nächsten Tag vor Ort und schickte mir dann auch Fotos von der gemeinsamen Grabung. Er schrieb:

Wir haben mit Matthias gesprochen. Wir haben uns nicht einigen können. Warum er nicht will, kann ich nicht verstehen. Vom Volksbund gab es dann einen anderen Gesprächspartner. Aber unsere Stimmung hat Gurski doch ein wenig getrübt.

Episode 10:"Nicht an die Wand gestellt"

Es gibt zwei Arten der alten DDR-Intellektuellen. Die erste Kategorie sind diejenigen, die im vereinigten Deutschland die "neue" BRD-Ideologie akzeptiert und weitergetragen haben. In der Regel war das auch für ihre weiteren Karrieren eher förderlich. Sie haben Jobs in den Medien, in Wissenschaft oder Politik erhalten und genießen uneingeschränkte mediale Aufmerksamkeit. Und es gibt die anderen "Unbelehrbaren" – sie haben ihr Bewusstsein, ihre Vorlieben und oft sogar ihre Überzeugungen nicht abgeschüttelt. Sie verfügen über ihr eigenes soziales Netzwerk und haben in der Regel auch die alten Kontakte in die osteuropäischen Nachbarstaaten nicht verloren. Ihr Leben mag sie dabei sogar erfüllen. Aber – sie bleiben unter sich, und das ist wenig verwunderlich. Für die Medien ist diese Kategorie Intellektuelle nicht existent – zumindest, solange ihnen nicht irgendetwas mit Stasi-Skandalen nachgesagt werden kann. Besonders deutlich wird diese mediale Abseitsstellung, wenn man beispielsweise das Potsdamer Institut und seinen Wissenschaftsverlag WeltTrends mit dem vor kurzem gegründeten Thinktank mit "grünen" Wurzeln, dem "Zentrum liberale Moderne", vergleicht.

Prof. Dr. Raimund Krämer (Vorstandsmitglied der RLS Brandenburg, Chefredakteur der Zeitschrift WeltTrends) eröffnet die Konferenz. Neben ihm: Arne Seifert, Peter Steglich (beide  Botschafter a.D.), Hans Misselwitz (Staatssekretär a.D.), Prof. Lutz Kleinwächter, Wladimir Fomenko (RLS-Büro Moskau)

Das Potsdamer Institut und der Wissenschaftsverlag WeltTrends gehören zu diesen  "unsichtbaren", medial ignorierten ostdeutschen Netzwerken. Eine der Aktivitäten ist der jährliche Potsdamer Außenpolitische Dialog, der zusammen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiert wird. Dieses Jahr konnte ich vor Ort sein und berichtete über diese Veranstaltung. Als Medienvertreter war ich der einzige dort, obwohl die Besetzung der Konferenz und der Podien hochkarätig, ebenso die Themenauswahl hochaktuell waren. Klar, warum auch – die "Narrative", die auf solchen Konferenzen zur Sprache kommen, entsprechen nicht der "Generallinie" des deutschen Auswärtigen Amtes. Aber diese Sichtweisen – oft genug gut begründet – gibt es, ebenso wie die Menschen, die sie vertreten.

WeltTrends bot auf der Konferenz seine Bücher zum Kauf an, und ich sprach kurz mit dem Geschäftsführer des Verlages, Klaus Schmidt. "Ja, wie Sie sehen," – er zeigte auf die Bücher – "es ist Wissenschaft da, wir rufen nicht zur Weltrevolution auf." Und er versteckte ein mild-trauriges Lächeln im dichten Vollbart. "Wir können das machen. Man hat uns nicht an die Wand gestellt."

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