Welche Werte müssen wir eigentlich verteidigen?

Welche Werte müssen wir eigentlich verteidigen?
Ein Soldat der Bundeswehr im Hubschrauber CH-53 auf dem Weg von Mazar-i-Sharif nach Kundus, Afghanistan, 27. März 2017.
Wie ein Mantra wird vom Westen stets wiederholt, dass im Umgang mit Russland und China unsere Werte verteidigt werden müssten. Aber was hat es eigentlich wirklich damit auf sich? Riskieren wir tatsächlich internationale Krisen wegen irgendwelcher Werte?

von Zlatko Percinic

Sie kennen das bestimmt. Sobald es irgendwo in der Beziehung zwischen West und Ost knarzt, melden sich unsere Politiker und Medien zu Wort und fordern, dass wir unsere Werte verteidigen müssten. US-Präsident Trump trifft sich mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin? Wir müssen unsere Werte verteidigen! Berechtigte Kritik an der NATO? Unsere Werte müssen verteidigt werden! Die USA intervenieren irgendwo auf der Welt? Sie haben es erraten: natürlich nur, um unsere Werte und Demokratie zu verteidigen.

Was das aber für Werte sein sollen und wieso genau es sich lohne, diese bis in den Tod hinein zu verteidigen, dass erklärt niemand von ihnen. Vielmehr erscheint diese neue Doktrin die Fortsetzung der mittlerweile diskreditierten Doktrin der "Responsibility to Protect" (R2P) zu sein, mit der einzelne Staaten Kriege begründeten und rechtfertigten.

Es gibt in der Geschichte der Menschheit keinen einzigen Fall, in dem ein Herrscher oder Präsident seine Soldaten in den Krieg entsandte, um tatsächlich nur für metaphysische Ziele wie "Werte" zu kämpfen. Zumal selbst die Werte nicht für jeden Staat oder jeden Menschen gleich sind. Dass was ich als gut und wichtig empfinde, kann mein Nachbar schon wieder ganz anders sehen. Ginge es also nach den Köpfen dieser Politiker und Medien, wäre der Konflikt eigentlich schon vorprogrammiert, obwohl wir überhaupt kein Problem miteinander haben außer einem anderen Verständnis von "Werten".

Es muss also einen anderen, einen tieferen Grund für diese ständige Wiederholung geben. Zumal es auffällig ist, dass lediglich der deswegen mit dem Beinamen versehene "Wertewesten" auf diese Art und Weise argumentiert. Stehen nicht vielleicht andere, handfestere Motive im Vordergrund, deren Artikulation aber von der Wählerschaft nicht so einfach hingenommen würde, wie wenn man "Verteidigung der Werte" sagt?

Etwas ehrlicher in diesem Zusammenhang zeigte sich die Armee von Neuseeland. Zusammen mit Australien versuchen diese angelsächsischen Länder, einen Sicherheitspakt mit anderen Ländern des Südpazifiks zu schließen, der sich explizit gegen China richtet. Selbstverständlich ist auch hier die Sorge der Auslöser, Peking bedrohe "die Werte, die von den traditionellen Führungsmächten verteidigt werden". Worum es aber in Wirklichkeit geht, erläuterte die Armeeführung Neuseelands in ihrer "Strategic Defence Policy Statement" für das Jahr 2018:

Neuseelands nationale Sicherheit bleibt unmittelbar mit der Stabilität des Pazifiks verbunden. Während sich die Beziehungen zwischen Ländern des Pazifiks und nicht-traditionellen Partnern weiterentwickeln, werden traditionelle Partner wie Neuseeland und Australien durch deren Einfluss herausgefordert.

Man kann von diesem Standpunkt halten, was man möchte. Man kann darüber selbstverständlich gerne leidenschaftlich diskutieren. Aber es ist wenigstens ehrlich und versteckt sich nicht hinter philosophischen Phrasen, wie es selbst bei dieser Art von Dokumenten der Fall ist. Es wird deutlich hervorgehoben, dass Canberra und Wellington ihre Stellung im Südpazifik durch China bedroht sehen, weil sich "die Beziehungen zwischen Ländern des Pazifiks mit nicht-traditionellen Partnern weiterentwickeln".

FBI-Direktor Christopher Wray

Genau darum geht es nicht nur im Pazifik, sondern eben auch im Atlantik beziehungsweise in der transatlantischen Beziehung. Wie Australien und Neuseeland, fürchten auch die Vereinigten Staaten von Amerika im Verbund mit Großbritannien, ihre "traditionelle" Rolle im globalen Kampf um Einfluss zu verlieren. Wie die pazifischen Ableger der angelsächsischen Welt, fürchten auch sie die vollkommen normale Entwicklung von Beziehungen zwischen Ländern, die sich zuvor hauptsächlich im Orbit der USA befanden, mit Ländern außerhalb dieses "traditionellen Einflussbereiches".

Nur ist man ganz offensichtlich in den transatlantischen Beziehungen nicht ganz so offen und ehrlich wie die Länder des Pazifiks, das auch so offen zuzugeben. Stattdessen wird immer und immer wiederdie leere Phrase der "Verteidigung unserer Werte" wiederholt.

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