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Eingeknickt im Arbeitskampf: IG Metall will Aufsehen erregenden Streik in Leipzig aufgeben

Eingeknickt im Arbeitskampf: IG Metall will Aufsehen erregenden Streik in Leipzig aufgeben
Sollte die Schlichtung erfolgreich sein, könnte bereits ab Montag wieder bei der Neue Halberg Guss gearbeitet werden.
Seit sechs Wochen wird der Automobilzulieferer Neue Halberg Guss in Leipzig und Saarbrücken bestreikt. Per Gericht versuchten die Chefs vergeblich, den Arbeitskampf zu stoppen. Die Automobilbranche zitterte. Nun scheint die Gewerkschaft einzuknicken.

von Susan Bonath

„Setzen Sie dem Wahnsinn ein Ende“, lautete der Hilferuf von 22 Unternehmenschefs vor einigen Tagen. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) hatten sie eine großformatige Anzeige geschaltet, um die Arbeiter der Motorblockgießerei Neue Halberg Guss (NHG) zum Aussetzen des seit 14. Juni andauernden Streiks zu bewegen. In deren Werken in Leipzig und Saarbrücken stehen seit sechs Wochen alle Räder still. Den Abnehmern, darunter neben Volkswagen und Opel beispielsweie der Landmaschinen-Konzern AGCA, das Maschinenbauunternehmen BOMAG und der Motorenhersteller Deutz, droht ein Produktionsausfall.

Immer wieder kommt es in Frankreich zu heftigen Arbeitskämpfen (Symbolbild, 2015)

Nach außen gab sich die Gewerkschaft davon bislang genauso unbeeindruckt, wie von vergeblichen Versuchen des Unternehmens, den Streik per Gericht verbieten zu lassen. Auch Sabotage-Vorwürfe und ausgesetzte Prämien für Denunzianten und Streikbrecher in Höhe von 2.500 Euro hielt die Arbeiter nicht von ihrem Kampf ab. Noch nach der letzten Verhandlung am 24. Juli erklärte Olivier Höbel, IG-Metall-Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen, das Angebot des Unternehmens liege noch immer weit hinter den Forderungen der Gewerkschaft.

Doch nun ist die IG-Metall doch eingeknickt. Am Mittwochnachmittag ließ sie die Katze aus dem Sack: Schon am kommenden Montag könnte der Dauerstreik, der überregionales Aufsehen erregte, vorerst zu Ende sein. Sollte die NHG einer Schlichtung zustimmen, sollen in der kommenden Woche die Bänder in Leipzig und Saarbrücken wieder laufen. Als Schlichter schlug die Gewerkschaft den früheren Arbeitsrichter Lothar Jordan aus Mannheim vor. Das gab der Vorsitzende des IG-Metall-Bezirks Mitte, Jörg Köhlinger bekannt. „Wir fordern eine Fortsetzung der Verhandlungen mit einem Schlichter“, sagte er.

Aufkaufen, Maximalprofite kassieren und platt machen

Der seit sechs Wochen ununterbrochene Arbeitskampf bei der NHG ist einer der längsten und ungewöhnlichsten in der bundesdeutschen Geschichte. Geschlossen sind die rund 2.000 Beschäftigten im Ausstand. Die Produktion steht still, Streikbrecher sind unerwünscht. Mehrere Verhandlungen mit dem Eigentümer, der Prevent-Gruppe, hatten Beschäftigte und Gewerkschaft für gescheitert erklärt.

Die Streikenden fordern eine Transfergesellschaft und einen Sozialtarifvertrag. Denn Prevent will das Leipziger Werk Ende 2019 komplett schließen. Die 630 Festangestellten würden dort ihre Arbeitsplätze verlieren. In Saarbrücken will der Konzern 300 Jobs abbauen. Und dies „ganz ohne Not“, wie die IG Metall findet. Sie verlangt Abfindungen für die  Arbeiter in Höhe von 3,5 Monatsgehältern pro Beschäftigungsjahr. Finanzieren soll Prevent die Summen aus ihren Gewinnen. Bislang lag das Angebot des Unternehmens liegt mit 0,4 Monatsgehältern weit darunter, die Gewerkschaft hielt es für „völlig indiskutabel“.

Grund für den im April verkündeten Plan, das Werk in Leipzig zu schließen und in Saarbrücken Hunderte Jobs abzubauen, war ein harter Wirtschaftskampf zwischen dem Halberg-Eigentümer und dessen Hauptabnehmer Volkswagen. Prevent hatte die NHG erst im Januar aufgekauft. Wenig später trieb die Unternehmensgruppe die Preise für die Motorblöcke drastisch in die Höhe. Volkswagen weigerte sich zunächst zu zahlen. Doch Prevent verklagte den Autokonzern wegen Vertragsbruchs, und der verlor. Langfristig will VW keine weiteren Geschäfte mit der Investorengruppe, die sich bereits weitere Zuliefererbetriebe einverleibt hat, eingehen. Aber zahlen muss muss VW erst einmal.

Quelle: GdL

„Prevent tut, was deren Geschäftsmodell ist“, kritisierte Bernd Kruppa von der IG Metall Leipzig, als er Anfang Juli bei einer Streikversammlung vor dem Werkstor in der Sachsen-Metropole redete. Er erntete zustimmende Rufe und viel Applaus. Was er meinte? „Die kaufen Firmen auf, kassieren Maximalprofite und machen sie dann platt“, sagte Kruppa auf Nachfrage. Das dürfe man sich nicht gefallen lassen.

Gegen „die Ausbeuter“, für Enteignung

Die Arbeiter sahen das genauso. „Die machen sich auf unsere Kosten die Taschen voll und glauben, wir lassen uns das gefallen“, befand Maik, der seit über 30 Jahren in der Gießerei schuftet, den Ausverkauf des einstigen Volkseigenen DDR-Betriebes durch die Treuhand und zahlreiche Eigentümerwechsel miterlebt hat. Maik bestand wie alle anderen auf das Du. Das sei unter Arbeitern üblich, erklärte er. Und die präsentierten sich geschlossen. „Wir lassen uns nicht spalten, wir sind solidarisch“, das war überall zu hören.

Maik befand auch unter zustimmendem Nicken Umstehender, dass der saarländische Linke-Politiker Oskar Lafontaine „schon recht hatte, als er letztens die Enteignung von Halberg verlangt hat“. „Denn wir waren es, die den Betrieb in den 90er Jahren nach oben gebracht haben“, erklärte er. Die Werksschließung und Massenentlassung habe Prevent mit Absicht forciert, „um alles rauszuziehen, bevor man uns rauswirft“.

Mit „die“ meinten die Streikenden die drei Geschäftsführer Alexander Gerstung, Barbaros Arslan und Rogerio Goncalves. Jeder sprach von „den Ausbeutern“, denen „das Fell über die Ohren gezogen“ gehöre. Die Arbeiter präsentierten Geschlossenheit, wenn es darum ging, Kollegen zu schützen oder wenn die Geschäftsführung mal wieder Ost und West zu spalten versuchte. So hieß es immer wieder, dass die Streikenden selbst schuld seien, wenn auch das Werk in Saarbrücken dicht gemacht werden müsse, und das vielleicht gar sofort. „Damit kommen die nicht durch“, beteuerten die Arbeiter. Zum Sabotage-Vorwurf meinten sie nur: „Wenn die zu blöd sind, einen Gabelstapler zu bedienen, ist das nicht unser Problem“.

Solidaritätsbesuche und Streikbeistand

In Leipzig und Saarbrücken drehten sich die Gespräche besonders oft um die Solidarität. Die erlebten die Streikenden täglich. Immer wieder kreuzen Delegationen von anderen Firmen auf: Kollegen von Siemens, Porsche, Schnellecke, Volkswagen und andere. „Es sind doch nur unsere Ausbeuter, die Krieg gegeneinander führen, nicht wir“, resümierte Frank, der seit mehr als 30 Jahren für Halberg schuftet.

Auch selbst streikende Amazon-Mitarbeiter statteten kürzlich einen Besuch bei den Halbergern in Leipzig ab. In Saarbrücken übernahmen während einer Verhandlungsrunde Beschäftigte aus anderen Betrieben die Streikposten. Anwohner brachten Essen vorbei oder steckten ein paar Euro in die Streikkasse. Banner mit Solidaritätsbekundungen hängen bis heute am Werkszaun. An einer Wandzeitung sammeln die Aufständigen Zeitungsartikel über ihren Streik und Grußbotschaften.

Im Mercedes-Werk Sindelfingen

Mit Demos, Autokorsos und Flashmobs machten die Arbeiter immer wieder auf ihren Arbeitskampf aufmerksam. Vorbeifahrende Autos hupten, Menschen winkten. Und „Itze aus Halberg“ sollte für Kollegen und Besucher immer wieder sein Lied über „die wahnsinnigen Halberger“ zum Besten geben. „Das habe ich nachts am Lagerfeuer gedichtet, als wir Streikwache geschoben haben“, beschrieb er die Entstehungsgeschichte des Streiksongs. Kürzlich, erinnerte sich Bernd Kruppa, „waren sogar Geschäftsleute aus Italien hier, weil die nicht glauben konnten, dass wir hier in Deutschland, gerade auch im Osten, seit Wochen streiken.“

Kämpfen lernen beim Kampf

Erwartet hatten die Abnehmerkonzerne wohl auch keinen sechswöchigen Dauerstreik. Nach einem Erguss über „Zusammenrücken in einer globalen Weltgemeinschaft der Wirtschaft“, was „Verantwortungsübernahme jedes Einzelnen“ erfordere, schlugen sie in ihrer Zeitungsanzeige verbal auf die Streikenden ein und klagten: Während diese und ihre Gegenspieler „in Unbeweglichkeit verharren“, müssten die Halberg-Kunden „aufgrund von streikbedingten Lieferengpässen mit einem zwangsweisen Produktionsausfall rechnen“.

Wohl können VW, Opel Deutz und Co., die wegen des Streiks schon die Betriebsferien vorgezogen hatten, nun aufatmen. Nachgegeben hat dabei wieder einmal nicht die Unternehmerseite, sondern die Gewerkschaft, die die Arbeiter vertreten soll. Die Prevent-Manager sollen nun entscheiden, ob sie die Schlichtung annehmen. Das Ergebnis soll am Freitag feststehen. Bejahen sie den Vorschlag, stehen die geschassten Arbeiter ab Montag wieder in der Werkshalle.

Der grundsätzliche Interessenwiderspruch zwischen Kapitaleigentümern und Lohnabhängigen bleibt derweil bestehen. Von einem „politischen Streik“ will Gewerkschafter Kruppa auch nichts wissen. „Wir haben hier doch Mitbestimmungsrechte, die durchgesetzt werden können“, sagte er auf Nachfrage der Autorin. Man könnte ergänzen: Könnten, aber meist nicht werden, weil die Gewerkschaften die Unternehmer in der Regel am längeren Hebel sitzen lassen. Immerhin ist er überzeugt: „Kämpfen lernt man nur beim Kampf.“ Und sei es für das nächste Mal.

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