Özil hat fertig: Ein Land ohne Eier

Özil hat fertig: Ein Land ohne Eier
Mag nicht mehr für Deutschland spielen: Mesut Özil
"Eier, wir brauchen Eier", raunte Titan Oliver Kahn 2003 ins Mikrofon eines Premiere-Reporters. Bayern hatte gerade 0:2 auf Schalke verloren. Auch in der sogenannten Affäre um den deutschen Nationalspieler Mesut Özil hätte es allseits Eier gebraucht.

von Timo Kirez

Postmodern, postfaktisch, postdemokratisch – die Liste der Begriffe, die den aktuellen Zeitgeist umschreiben sollen, ist lang. Dennoch fehlt der wichtigste Begriff: posteierig. Denn herumgeeiert wird und wurde vor allem in der unsäglichen Affäre um den deutschen Nationalspieler Mesut Özil. Dabei hätte es mit ein wenig mehr Eiern gar nicht erst so weit kommen müssen.

Rücktritt aus der Nationalelf: Unter Joachim Löw galt Mesut Özil bis zur WM 2018 als einer der Lieblingsspieler des Bundestrainers. Insgesamt bestritt Özil 92 A-Länderspiele und wurde mit dem Team 2014 in Brasilien Weltmeister. Fünf Jahre zuvor hatte er mit der deutschen U21 den EM-Titel gefeiert.

Mitte Mai dieses Jahres tauchten plötzlich Fotos auf, die die beiden deutschen Natioanlspieler Mesut Özil und İlkay Gündoğan zusammen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zeigten. Die Reaktionen in den Medien waren zum Teil verheerend. Der Spiegel fragte sich in einem Beitrag, ob es sich um eine Art "Landersverrat" handele, um dies schlussendlich zu verneinen. Fleißig wurde von verschiedensten Seiten auf die beiden Fußballer eingekloppt, so auf die Socken haben die beiden vermutlich noch nicht einmal auf dem Platz bekommen.

Auch der DFB, in Persona seines Präsidenten Reinhard Grindel, reagierte verschnupft. Die beiden hätten sich für Erdoğans "Wahlkampfmanöver missbrauchen" lassen. Gündoğan reagierte und erklärte via Instagram, dass die beiden Fußballer nicht die Absicht gehabt hätten, mit den Bildern ein "politisches Statement abzugeben". Özil schwieg weltmeisterlich. Und so schwelte der Konflikt auch während der WM-Endrunde in Russland – und war vermutlich einer der Gründe für das blamable Ausscheiden des ehemaligen Weltmeisters in der Vorrunde.

Nun holte Özil zu einem dreiteiligen Rundumschlag via Twitter aus. Am Ende seiner Erklärung kündigte er seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft an. Er kritisiert in seinem Twitter-Beitrag "Rassismus und fehlenden Respekt". Das kann man nachvollziehen – doch es ist leider nur die halbe Wahrheit. Und hier kommen wir zurück auf Oliver Kahn und die fehlenden Eier.

Der Titel eines satirischen Films von Alexander Kluge aus dem Jahr 1974 lautet: "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod". Der Spruch geht zurück auf ein Zitat des deutschen Barock-Dichters Friedrich von Logau. Er ist eine gute Umschreibung für das desolate Krisenmanagement auf beiden Seiten dieses Konflikts. Hätte der DFB Eier gehabt, hätte er sich entweder unmissverständlich und ohne Wenn und Aber hinter seine Spieler gestellt – oder er hätte die beiden schon vor dem Turnier in Russland aus dem Verkehr gezogen.

Aber die unterschwellige Kritik des DFB an den eigenen Spielern und dann die halbherzige Unterstützung ist so ziemlich die kläglichste aller Strategien gewesen. Auch der Versuch, die Diskussion wegzudrücken und den Konflikt so weiter lodern zu lassen, war denkbar unklug. Die Quittung dafür bekam die Mannschaft auf dem Spielfeld. Das Gesäusel der DFB-Verantwortlichen von "Werten" setzte dem Ganzen noch die Krone auf.

Welche Werte, ist man da geneigt zu fragen. Dubiose Geschäfte im Zusammenhang mit der Vergabe der Weltmeisterschaft 2006? Kritiklose Zusammenarbeit mit einem vom Dieselskandal gebeutelten Sponsor namens Mercedes-Benz? Das gescheiterte China-Projekt, bei dem junge Nachwuchskicker aus dem Reich der Mitte in Deutschland fit für den internationalen Wettbewerb gemacht werden sollten? Da kann man sich, um den ehemaligen Trainer von Borussia Dortmund Thomas Doll zu zitieren, nur "den Arsch ablachen".

Doch auch Özil ließ in dieser Geschichte Eier vermissen. Wer sich so weckduckt, tut weder sich noch seinen Mannschaftskameraden einen Gefallen. Özil, der sonst gerne und häufig Banalitäten aus dem Leben eines Superstars in den sozialen Medien postet, dribbelte schweigsam in seiner Ecke. Dabei wäre ein Befreiungsschlag dringend nötig gewesen. Wenn er denn zu diesem Foto steht, wie die Öffentlichkeit jetzt erfahren hat, warum erst jetzt? Es ist sein gutes Recht, die Bilder mit Erdoğan zu verteidigen – doch die Debatte ist schon längst auf einem anderen Level.

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Özil, der wie kaum ein anderer Fußballer auf diesem Planeten ein Timing für Pässe besitzt, hat den richtigen Zeitpunkt für eine Erklärung verpasst. Leidtragende sind die deutsche Nationalmannschaft und er selbst. Dass es vonseiten des DFB auch Konsequenzen geben muss, dürfte klar sein. Wer so einen heiklen Konflikt derart desaströs handhabt, muss zurücktreten. Das betrifft vor allem DFB-Präsident Reinhard Grindel und den Manager der deutschen Nationalmannschaft Oliver Bierhoff.

Gerade in einem Augenblick, als die von dem DFB so viel beschworene und beworbene "Integrationsarbeit" auf die Probe gestellt wurde, hat der Verband gnadenlos versagt. So bleiben nur platte Werbesprüche und leere Marketingfloskeln. Ein Sinnbild für das Deutschland des Jahres 2018.

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