Über die Kultur der öffentlichen Erregung in Deutschland

Über die Kultur der öffentlichen Erregung in Deutschland
Sorgte für Empörung: Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder bei der Amtseinführung des russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Grünalternative Politiker erregen sich, im Verbund mit den Qualitätsmedien, gerne öffentlich. Besonders wenn es um Russland geht. Lieblingsopfer des deutschen Moralexhibitionismus: Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder.

von Dr. Leo Ensel

Wenn sich in Deutschland Politiker und Journalisten – vorwiegend linksgrünalternativer Couleur – öffentlich erregen, dann hat das natürlich niemals etwas mit Erotik zu tun. So etwas wäre tief unter dem Niveau der öffentlich Erregten. Man erregt auch kein öffentliches Ärgernis, sondern man erregt sich öffentlich über von Anderen begangene Ärgernisse. Will sagen, die öffentliche Erregung ist in Deutschland, wie vieles Andere auch, eine hochmoralische Angelegenheit! Und Grundlage der öffentlichen Erregung ist stets die gefühlte moralische Überlegenheit des Erregten.

Weiße Rosen für Angela Merkel: Am Freitag begrüßte der russische Präsident Waldimir Putin die Bundeskanzlerin in Sotschi. Zeitgleich fanden die Potsdamer Begegnungen statt.

Deshalb bedarf es zur öffentlichen Erregung auch immer eines Bösewichtes.

Kürzlich traf es, mal wieder, Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Sein Verbrechen: Während der offiziellen Amtseinführung von Präsident Putin war er im Andreassaal des Kreml anwesend, wo er laut  Spiegel-Online  „nur wenige Meter von Putin entfernt in der ersten Reihe, eingerahmt von dem Patriarchen Kyrill, Vertreter der staatsnahen orthodoxen Kirche, und Premier Dmitrij Medwedew“ saß. Als wäre das nicht schon skandalös genug, ließ sich Schröder auch noch dazu herbei, als einer der Ersten, „noch vor Medwedew“, Putin die Hand zu schütteln!

Die Grünen brüsten sich

So etwas gehört natürlich gerügt und diesen Job übernahmen dankbar nahezu alle deutschen Qualitätsmedien sowie – wie immer, wenn es darum geht, sich moralisch zu brüsten – die Grünen. Deren Bundesvorsitzende Annalena Baerbock rügte postwendend den „Claqueur in der ersten Reihe“, der es versäumt habe, die „Mängel bei Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in Russland klar und deutlich anzusprechen“.

Wozu ja anlässlich Putins Amtseinführung im Andreassaal auch ausgiebigst Gelegenheit war. Zumindest hätte er seinem Duzfreund beim Handshake klandestin zuflüstern können: „Herzlichen Glückwunsch zur vierten Amtsperiode, Wolodja! Aber das mit den Verhaftungen von Nawalny & Co. wollen wir doch künftig lassen – oder?“ Aber vielleicht hat er es ja sogar gemacht und niemand hat‘s mitgekriegt?

Jedenfalls appellierten die Grünen sofort an die Bundesregierung, – wem? Schröder? Putin? der deutschen Öffentlichkeit? – „klarzumachen, was die europäischen Vorstellungen von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit seien. Man könne nicht einerseits Moskau wegen Putins Politik auf der Krim und in Syrien mit Sanktionen belegen und andererseits eine Prestige-Pipeline wie die Gasleitung Nord Stream 2 von Russland nach Deutschland politisch unterstützen.“

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Nein, natürlich nicht! Schon gar nicht, wenn die mit Flüssiggas beladenen US-amerikanischen Tanker bereits in den Startlöchern stehen.

Frank-Walter Steinmeier und Petro Poroschenko in Kiew, Ukraine, 29. Mai 2018.

Zurück zu unserem Ex-Bundeskanzler, dem wir es immerhin verdanken, dass Deutschland sich im Jahr 2003 der von den USA angeführten Koalition der Willenlosen im Krieg gegen den Irak verweigerte. Der von der erregten Qualitätsjournalistin Christina Hebel flott „Putins Hofstaat“ einverleibte Gerhard Schröder erträgt es gelassen, wenn er mal wieder zum Lieblingsopfer deutscher Moralexhibitionisten stilisiert wird. Und wirkt nebenbei noch in aller Stille bei der Freilassung von politischen Gefangenen wie Deniz Yücel, Peter Steudtner und anderen mit. Wer weiß, ob wir nicht nochmal froh sein werden, über ihn einen direkten Draht in den Kreml zu besitzen!

Aber darüber könnte man sich ja nicht erregen.

PS:

Seltsam nur, dass diesmal gar nichts von einer gewissen Europa-Dame aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg zu hören war! Aber vielleicht hatte die sich ja zuletzt bei ihrer Erregung über die Fußballweltmeisterschaft in Russland zu sehr verausgabt.

Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Autor einer Reihe von Studien über die wechselseitige Wahrnehmung von Russen und Deutschen. Im Neuen Ost-West-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens.

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