Der Fall Skripal und die Dämonisierung Russlands - Teil 1

Der Fall Skripal und die Dämonisierung Russlands - Teil 1
Russlands Präsident Wladimir Putin zu Besuch im Geschichtsmuseum "Russia - my history" in Moskau. Zur Geschichte Russlands gehören immer wieder auch westliche Dämonisierungskampagnen.
Gegen Russland gerichtete Anfeindungen seitens der Länder der "Anglosphäre" haben eine lange Tradition. In Großbritannien wurden diese lange Zeit rassistisch unterfüttert. Auch heute steht das Land - gemeinsam mit den USA - an der Spitze der antirussischen Front.

von Zlatko Percinic

Gerade die deutsche Geschichte (in allen ihren vor-republikanischen Facetten und Konstrukten) ist eng mit der russischen verwoben (im Guten wie im Bösen, möchte man fast anmerken). Deutschland war das Machtzentrum des kontinentalen Zentraleuropas, mal zu stark und dominant und mal schwach und eher verletzlich. Aber unabhängig davon, in welchem Zustand sich Deutschland gerade befand, die Entwicklung der Nachbarländer beeinflusste es jedes Mal. Dagegen stand ab dem 16. Jahrhundert ein russisches Zarenreich als Machtzentrum im äußersten Osten Europas, welches dieselben Feinde wie Deutschland hatte.

Es kam zu einem regen wirtschaftlichen Austausch zwischen dem Zarenreich und den verschiedenen deutschen politischen Entitäten, stellenweise war es sogar der größte und wichtigste Absatzmarkt für deutsche Produkte. Selbst eine der berühmtesten Persönlichkeiten der russischen Zarengeschichte war eine Deutsche: Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst, die späterals Zarin Katharina die Große in die Geschichte eingehen sollte.

Einer der mächtigsten und größten Feinde der beiden kontinentaleuropäischen Länder war die Supermacht Großbritannien. Von der britischen Insel bis nach Neuseeland übte das britische Königreich seine Macht aus und unterhielt zahlreiche Kolonien. Die deutsch-russischen Ambitionen kamen der britischen Krone immer wieder in die Quere und sorgten für Spannungen. Egal, ob das in der Nordsee war, im Rennen um den afrikanischen Kontinent oder um die Ausdehnung britischer Herrschaft von Indien nach Zentralasien, überall und immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen entweder mit den Deutschen, den Russen oder beiden gleichzeitig.

Auch wenn heute die Auseinandersetzung zwischen den USA und Russland als "The Great Game" bezeichnet wird, so waren es ursprünglich Großbritannien und Russland, die sich unter dieser Bezeichnung über hundert Jahre lang einen unsichtbaren Kampf um die Vorherrschaft in Zentralasien lieferten. Die Amerikaner können höchstens als Nachfolger der Briten diesen Mantel übergezogen haben, und zwar nicht im Kampf um territoriale Besitztümer, sondern um den Ausbau treu ergebener Vasallenregime als Absatzmärkte und Rohstofflieferanten.

Diese mehr als hundert Jahre währende Auseinandersetzung zwischen Großbritannien und Russland hat natürlich Spuren hinterlassen. Das gilt insbesondere für die Briten, deren elitäre Denkweise im 18. und 19. Jahrhundert die verschiedenen Völker in Rassenstufen unterteilte. Auf oberster Stufe rangierten natürlich die Briten, zusammen mit den angelsächsischen Amerikanern, Franzosen und den Deutschen. Juden teilte man je nach Bedarf in die oberste oder zweite Stufe ein. Die Russen aber teilten sich die dritte Stufe zusammen mit den "zurückgebliebenen, despotischen und barbarischen Asiaten", was viel über die Sichtweise verrät, in der das russische Reich betrachtet wurde. Noch unter den „barbarischen“ Asiaten und Russen fungierten die "wilden, kriegerischen und grausamen Araber und Türken", während auf der untersten Skala dieser Rasseneinteilung die Stämme Afrikas und Indiens landeten. Eine gewisse Ähnlichkeit zum indischen Kastensystem, in dem die untersten Schichten von der obersten Schicht, den Brahmanen, völlig vernachlässigt und nicht als ebenbürtige Menschen angesehen werden, kann also nicht geleugnet werden.

Obwohl man aus britischer Sicht zwar Franzosen, Deutsche und teilweise die Juden aus diesen genannten Ländern aus rassischer Betrachtungsweise als am weitesten entwickelt und exklusiv dazu befähigt ansah, die Menschheit voranzubringen, so galten Ende des 18. Jahrhunderts die angelsächsischen Amerikaner und Briten als die Spitze dieser Rassenpyramide.

Briten und Amerikaner kamen aus dem gleichen Kulturkreis, mit dem Unterschied, dass die amerikanischen Kolonisten nur die ihrer Meinung nach positiven Strukturen und Traditionen aus dem britischen Mutterland mitnahmen, das Feudalsystem jedoch als Hindernis für ihre idealen Vision eines neuen Staates zurückließen.

Entstehung der angelsächsischen "Anglosphäre"

Im Laufe der Zeit entwickelten sich daraus naturgemäß zwei unterschiedliche Länder mit jeweils eigenen Interessen. Während das britische Reich an seinen Besitztümern in Übersee – und an der entsprechenden Selbstwahrnehmung als das einzigartige Reich – bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges festhielt, versuchten sich die Vereinigten Staaten von Amerika ebenfalls am Kolonisierungsprojekt ihres ehemaligen Mutterlandes. Man besetzte fremdes Land, schlachtete die Ureinwohner Amerikas zu Zehntausenden ab, führte Kriege gegen Nachbarn (Mexiko) und Truppen von weiter entfernt liegenden Herrschern um "ihr" Land auf dem amerikanischen Kontinent und ging zurEroberung außerhalb des nordamerikanischen Kontinents über (Hawaii, Kuba, Philippinen).

Als sich die globale politische Landkarte nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg veränderte und ehemalige Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen wurden, ließ sich trotz aller Unterschiede zwischen diesen Ländern, insbesondere bei den angelsächsischen Ländern, eine Gemeinsamkeit erkennen. Was die Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada und Großbritannien (und zu einem geringeren Teil auch in Australien und Neuseeland) hervorbrachten, war eine neue Kultur. Und glaubt man der Meinung des US-Autors James C. Bennett, sogar eine neue Zivilisation.

Diese neue angelsächsische Zivilisation braucht laut Bennett weder geografischen Grenzen noch irgendeine Herrschaftsform. Was sie verbinde, sei diese neue Kultur und Weltanschauung, deren Werte und Interpretation sie in ihren Schulsystemen (USA und Großbritannien) erlernten. Da sie keine physischen Grenzen benötigten, werde der Raum, den sie aber dennoch allein durch ihre physische Präsenz einnehmen, als "Anglosphäre" genannt.

In dieser Anglosphäre fanden sämtliche Errungenschaften der einzelnen Nationen Eingang, die man für die Verbreitung der Zivilisation nach ihren Maßstäben für förderlich hielt und nach wie vor hält. Der britische Rassismus fand daher genauso seinen Weg in die Anglosphäre wie der amerikanisch inspirierte Kapitalismus oder der kanadische Liberalismus. Das beliebteste Mittel zur Verbreitung dieser "idealen" Zivilisationsform war und ist der Weg des Geldes, nicht die Demokratie. Demokratie ist zwar förderlich, aber in erster Linie ist es das Geld, mit welchem man den wohlklingenden "American Way of Life" exportiert. In Ländern, in denen die Demokratie entweder abgelehnt, oder aus anderen Gründen nicht angenommen wird (oder angenommen wird, aber nicht die gewünschten Personen oder Parteien dadurch an die Macht kommen), hat die Anglosphäre nicht die geringsten moralischen Probleme, auch mit den schlimmsten Despoten der Welt anzubandeln, solange eben das Geld stimmt.

Erst im vergangenen Jahrzehnt ist man vom Export der Demokratie abgekommen, nachdem man durch Lügen und Betrügereien zu dem schlimmsten Verbrecher der Gegenwart verkommen ist. Seitdem hat man nur die Worte "Demokratie" mit der Begründung "R2P" (Responsibiliy to Protect = die selbstauferlegte Verantwortung, militärisch einzugreifen, um ein in Bedrängnis geratenes Volk zu beschützen) ersetzt, um dieselben Ziele zu erreichen.

Betrachtet man nur die Interventionen der immer im Tandem agierenden USA und Großbritanniens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, wird man feststellen können, dass diese Interventionen immer demselben Muster folgen. Der ausgemachte Feind, den es zu beseitigen gilt, ist immer jemand der a) der erdrückenden Übermacht der USA und Großbritanniens militärisch nichts entgegensetzen kann, b) der aber trotzdem regional eine Einflusssphäre besitzt, und c) dessen Einflusssphäre den Plänen der Anglosphäre diametral entgegensteht.

Ob das der Irak 1990/91 war, Jugoslawien 1999, Afghanistan 2001, erneut der Irak 2003, Pakistan 2004, der Jemen 2009, Libyen 2011 oder auch indirekt der Libanon 2006, Syrien 2011 und Mali 2013: Sie allen waren den diversen amerikanischen bzw. britischen Streitkräften nicht im Geringsten ein wirklicher Gegner, und sie alle standen den Plänen der Anglosphäre im Weg. Begründet wurden mit Ausnahme Afghanistans 2001 sämtliche Interventionen mit den Begriffen Demokratie und R2P, dienten jedoch gänzlich anderen Zwecken als den angegebenen.

Es ist nicht Gegenstand dieses Artikels, die genauen Zwecke dieser verschiedenen Interventionen seit 1990 zu benennen, sondern es soll verdeutlicht werden, dass die Anglosphäre sich auf der Suche nach einem neuen Feindbild befand, das es zu bekämpfen galt. Die internen Zwistigkeiten insbesondere in den USA bezüglich der Frage, ob sich die Vereinigen Staaten von Amerika überhaupt an solchen Interventionen beteiligen sollen oder nicht, wurden bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht wirklich gelöst. Nicht wirklich deshalb, weil die herrschende Elite in Washington – die ausschließlich aus sogenannten WASP's (White Anglo Saxon Protestant = Weißer angelsächsischer Protestant), Neocons und Zionisten besteht, die allesamt in der Ivy League geschult wurden – es geschafft hat, den Großteil der amerikanischen Bevölkerung mit der Illusion der "unersetzlichen Nation" zu besänftigen und dazu zu bringen, zu akzeptieren, dass dieser Logik entsprechend auch die Welt nach amerikanischen Werten und Idealen zu formen ist. Konsequenterweise bedeutet das, dass, wenn sich die amerikanische Nation für unersetzlich hält, andere Nationen durchaus ersetzbar sind. Und was ist das anderes als Rassismus?

Bei uns wird dieses Gerede von einer "unersetzlichen Nation" als politische Rhetorik abgetan und nicht wirklich ernst genommen. Das Unheimliche daran ist aber, dass diese für die US-Bevölkerung geschaffene Illusion es auch in die Anglosphäre geschafft hat. Zwar kann es darin nicht mehr in den engen Grenzen einer Nation betrachtet werden, nichtsdestotrotz fühlt sich aber die Anglosphäre aufgrund der "unersetzlichen Nation" als Teil des Ganzen, den anderen gegenüber überlegen. James C. Bennett beschreibt es als ein "organisches Konstrukt, das aber nicht genetischen, sondern memetischen Ursprungs ist".

Die Länder der Anglosphäre (Großbritannien, USA, Kanada) müssen natürlich zuallererst im Interesse ihrer eigenen Nationen handeln, was unweigerlich zu Spannungen innerhalb dieser Sphäre führt. Aber sobald es um supranationale Angelegenheiten geht, wie zum Beispiel Krisen, dann werden die einzelnen nationalen Unterschiede ohne Probleme fallen gelassen, und es übernimmt sozusagen die Anglosphäre das Kommando. Der moderne Begriff der "Koalition der Willigen" besteht immer in allererster Linie aus den USA und Großbritannien, und in letzter Zeit gesellt sich auch Kanada immer mehr dazu. Der Grund, weshalb Kanada erst in jüngerer Zeit dazu gestoßen ist, liegt unter anderem in der Besonderheit der französischsprachigen Provinz Québec, die ihren Ursprung nicht in der angelsächsischen Kultur hat und somit auch nicht wirklich etwas mit der Anglosphäre anzufangen weiß. Seit der Regierungszeit von Stephen Harper ist Kanada aber sehr schnell von der liberalen Richtung abgekommen und hat sich den USA und Großbritannien in vielen Fragen angepasst.

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