Erinnern statt leben: Anne Will gedenkt des Holocaust mit jüdischen Gästen

Erinnern statt leben: Anne Will gedenkt des Holocaust mit jüdischen Gästen
Demonstration gegen Antisemitismus am Brandenburger Tor, Berlin, Deutschland, 14. September 2014.
Esther Bejarano ist Holocaust-Überlebende und widmet sich der wichtigen Aufgabe zu erinnern. Sie und andere Gäste diskutierten gestern bei Anne Will anlässlich des Holocaust-Gedenkens über Antisemitismus. Die Moderatorin übte sich im Umgang mit den Gästen. Judentum als Ausstellungsobjekt.

von Olga Banach

Anne Wills ARD-Sendung vom Sonntag lief unter dem Titel "Holocaust-Gedenken - wie antisemitisch ist Deutschland heute?". Die Moderatorin übte sich im vorsichtigen Umgang mit echten Juden, darunter eine Holocaust-Überlebende. Auch eine Muslima, die KZ-Besuche zur Pflicht machen will, wurde eingeladen. Eine Sendung fern des berühmten jüdischen Humors. Das Problem beginnt mit deutscher Betroffenheit und verpufft mit dem Besuch von Gedenkstätten in einer "kollektiven Bewusstseinskrankheit" ohne Ursachenforschung. Einmal mehr wurde das Judentum in Deutschland zur Geschichte erklärt. 

Die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano will die Jugend über die Gräueltaten des Nationalsozialismus aufklären. Von dem Vorschlag der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli, die ebenfalls an der Talk-Runde von Anne Will teilnahm, hält sie nichts. Diese will es zur Pflicht jeden Bürgers machen, eine KZ-Gedenkstätte zu besuchen. Ebenfalls Teil der Talk-Runde zum Gedenken: Monika Gründers (Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien), der deutsche Historiker und Direktor des Moses Mendelsohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien, Julius Schoeps, und der Direktor von Human Rights Watch, Wenzel Michalski. 

Esther Bejarano zu Beginn der Sendung: 

Ich sage immer den Jugendlichen, ihr habt keine Schuld daran, was damals geschah. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese damalige Geschichte wissen wollt.

Bejarano erzählt ihre Geschichte. Von ihrem optimistischen Vater, der daran glaubte, dass Hitler nicht lange währt, der Mutter, die weg wollte, und wie sie durch die Musik überlebte. Danach fragt Anne Will: 

Ist Deutschland noch mal antisemitischer geworden - inzwischen?" 

Bejarano: 

Ich weiß nicht, ob es noch antisemitischer geworden ist, ich bin der Meinung, dass es immer antisemitisch war. Dass sich da nicht viel geändert hat. Es ist der große Fehler begangen worden, dass es keine Entnazifizierung gab.

Die einstigen Nazis genossen auch nach dem Ende der Ära Hitlers wieder ihre Freiheit in Deutschland und bekleideten die gleichen Posten wie zuvor, klagt Bejarano an. Dies wird nicht weiter diskutiert. Anne Will wendet sich Frau Grütters zu. Diese hält zunächst die Hand der Holocaust-Überlebenden und bedankt sich für deren Erinnerungsarbeit. Fünfeinhalb Millionen Euro gehen jährlich in die Gedenkstätten, aber es kann nie genug sein, so die CDU-Politikerin Grütters: 

Die Unionspolitiker beziehen sich vor allem auf die Demonstrationen gegen den Beschluss der US-Regierung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen.

Der Staat kann keine Gesinnungsprüfung vornehmen, aber er kann Angebote schaffen, um aus der Geschichte zu lernen. 

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Wenzel Michalski wähnt sich wieder am Anfang der Notwendigkeit des Erinnerns, Bejarano widerspricht ihm: "Wir sind nicht am Anfang, wir sind mittendrin." Ein Gang in die Konzentrationslager für Kinder und Jugendliche "verpufft, wenn dieser nicht begleitet wird durch andere pädagogische Maßnahmen. Der Judenhass ist im Alltag wieder angekommen," so Michalski. 

Er berichtet von seinem Freund, dem Chef der Anne-Frank-Stiftung. Dieser bekäme Anrufe von Schulleitern, die nicht wissen, wie sie dem Antisemitismus in Schulen begegnen können, wenn auch die Besuche in Gedenkstätten keine Besserung bringen. Michalski meint, man müsse sehr schnell reagieren, wenn jemand etwas antisemitisches sagt. 

Antisemitismus als Konstante

Clips von Beispielen des Antisemitismus in Deutschland werden eingeblendet. Ein Bericht der Bundesregierung brachte hervor: Rund ein Drittel der Deutschen zeige antisemitische Tendenzen. Mehr als zehn Prozent der Bürger sind der Ansicht, dass der Einfluss der Juden auch heute noch zu groß sei. Julius Schoeps stimmt Bejarano zu, dass der Antisemitismus immer da war: 

Ich halte den Antisemitismus für eine kollektive Bewusstseinskrankheit."

Frau Chebli, muslimische Politikerin von der SPD, kommt zuletzt zu Wort und spricht von einem "Kampf gegen den Antisemitismus": 

Proteste gegen Trumps Botschaftsumzug, Berlin, Deutschland, 8. Dezember 2017.

Unter dem Deckmantel der Israelkritik werden antisemitische Äußerungen vollzogen. Antisemitismus darf hier keinen Platz haben. Ich würde mir wünschen, dass wir alle den Kampf gegen den Antisemitismus, ob Deutsche, Nicht-Deutsche, was auch immer, diesen Kampf gegen Antisemitismus auch als unseren eigenen Kampf ansehen.

Ihren Vorschlag, dass alle einen Besuch im KZ absolvieren sollen, relativiert sie. Dieser brauche Vor- und Nachbereitung, denn allein ein Besuch im KZ immunisiere nicht gegen antisemitische Einstellungen. 

Eine Frage der Moderatorin an Bejarano stach irritierend heraus. Will wollte wissen, ob es in Auschwitz auch menschliche Wärterinnen gegeben hätte. Was sie mit der Frage bezweckte, bleibt unklar. Will sprach auch den "zugewanderten Antisemitismus" durch Geflüchtete an, die nach Deutschland kommen.

Bejarano versuchte, einen Brückenschlag vom Antisemitismus zum allgemeinen Rassismus zu schlagen, der auch Flüchtlinge beträfe, die so viel Schlimmes erlebt haben. Anne Will aber leitet gleich wieder zum Thema KZ-Besuche über. Als Pflichtveranstaltung könne man dies nicht machen, so Bejarano. Die Jugendlichen müssen von sich aus bereit sein. 

Résumé der Sendung: Judentum wird in Deutschland nicht gelebt, sondern in Gedenkstätten bewahrt, und es wird daran erinnert, was es einmal gegeben hat. Das jüdische Leben erscheint wie ein verstaubtes Relikt der Vergangenheit gepaart mit dem Holocaust, welches seinen Platz nur noch im Museum findet. Bejarano ist eine der letzten Zeitzeuginnen für das, was es einmal gegeben hat, abseits des Horrors, aus einer Zeit der gelebten jüdischen Kultur in Deutschland vor dem Beginn der Ära Hitlers. Zu einer Zeit, als sich ihr Vater als deutscher Patriot verstand und in der es keinen Widerspruch darin gab. Der Fokus der Sendung aber lag allein darin, Antisemitismus mit Geschichtsstunden zu begegnen. 

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