William Perry: "Gefahr, dass wir in einen Nuklearkrieg hineinstolpern"

William Perry: "Gefahr, dass wir in einen Nuklearkrieg hineinstolpern"
Der ehemalige US-Verteidigungsminister William J. Perry (R) zusammen mit dem ehemaligen US-Außenminister James Baker (M) und dem ehemaligen US-Senator Alan K. Simpson (L).
In einer spektakulären Rede warnt der ehemalige US-Verteidigungsminister William J. Perry in der National Cathedral in Washington vor dem Nuklearkrieg gegen Russland. Nur leider berichtet kaum jemand darüber.

von Nikolaus Marggraf

Die Kassandra-Rufe des neunzigjährigen Stanford-Mathematikers und ehemaligen Verteidigungsministers unter Bill Clinton, William J. Perry, verhallen ungehört, denn die Konzernmedien berichten darüber nicht. William J. Perry hatte am 28. November 2017 in der National Cathedral in Washington einen spektakulären Auftritt. Hunderte von Kirchenbesuchern hörten sich an einem Dienstagabend in der zentralen Kirche ihrer Hauptstadt an, wie William J. Perry vor einer so noch nie dagewesenen Kriegsgefahr warnte.

Perry trat als erster Redner im Rahmen des "Nancy and Paul Ignatius Program" auf, ihm folgte eine höchst illustre Runde von Diskussionsteilnehmern: der ehemalige US-Außenminister unter Obama, John Kerry, die Enkelin des früheren US-Präsidenten Eisenhower, Susan Eisenhower, der einflussreiche Stephen Hadley, ehemaliges Mitglied des "National Security Council" und Berater von Donald Rumsfeld, und der Sohn der Veranstalter, David Ignatius, ein Journalist der Washington Post.

Perry, der als Berater von Präsident John F. Kennedy während der Kuba-Krise 1962 hautnah mitbekam, wie nur um Haaresbreite ein nuklearer Krieg verhindert werden konnte, war in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre Staatssekretär im Verteidigungsministerium unter Präsident Carter. Er gilt als führender Experte für alle Sachfragen zur nuklearen Hochrüstung. Zu Beginn seiner Rede nahm Perry Bezug auf eine Parabel des deutschen Philosophen Günther Anders (1902-1992), der mehrere Jahre mit Hannah Arendt verheiratet war.

Dass ein ehemaliger US-amerikanischer Verteidigungsminister einen der politischen Linken zugehörigen Philosophen zitiert, der in vergangenen Jahrzehnten gegen die nukleare Hochrüstung, die Wiederbewaffnung und den Vietnamkrieg protestierte und dessen früher Aufsatz "Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit" eine fundamental-kritische und hochbedeutsame philosophische Reflexion über die Atombombe darstellt, hat großen Seltenheitswert und macht die Dringlichkeit seines Anliegens deutlich. Desweiteren wies Perry darauf hin, dass die Beziehungen zwischen den nuklearen Supermächten USA und Russland in dem zurückliegenden Vierteljahrhundert noch nie so angespannt waren wie zur Zeit.

Zahlreiche Fehlalarme, so Perry, brachten die Welt während des ersten kalten Kriegs mehrfach an den nuklearen Abgrund. Er selbst sei im Oktober 1979 um drei Uhr nachts als damaliger Staatssekretär von einem Offizier des "North American Aerospace Defense Command" aus dem Bett geholt worden – mit der Falschmeldung, dass sich zweihundert sowjetische Interkontinentalraketen im Anflug auf Nordamerika befänden (mit dem Manöver "Able Archer" war im November 1983 der nukleare Abgrund noch näher gerückt).

Die aktuelle hochgefährliche Situation beschrieb William J. Perry in drastischen Sätzen:

Heute erschaffen wir aufs Neue die geopolitische Feindschaft des kalten Krieges. Wir tun das ohne eine öffentliche Diskussion, ohne irgendein Verständnis unseres Handelns – wir bewegen uns schlafwandelnd in einen neuen kalten Krieg und es besteht die sehr reale Gefahr, dass wir in einen Nuklearkrieg hineinstolpern.

Darüberhinaus wandte sich William J. Perry nachdrücklich gegen die Russland-Sanktionen und betonte, dass der Westen sich damit selbst bestrafe und es einer Katastrophe gleichkomme, die Russen gegen den Westen aufzubringen. Erstaunlicherweise wies Perry gegen Schluss seiner Ansprache auch noch auf die Möglichkeit eines baldigen globalen Zusammenbruchs des Weltklimas hin, der ebenfalls nukleare Vernichtungskriege zur Folge haben könnte.

US-Präsident Donald Trump spricht mit den Medien auf dem South Lawn des Weißen Hauses in Washington, bevor er am 16. Dezember 2017 nach Camp David aufbricht.

Die vollständige Rede des ehemaligen Verteidigungsministers kann hier eingesehen werden. In den Vereinigten Staaten hat "The Nation" über die Veranstaltung in der National Cathedral berichtet.  William J. Perrys Auftritt verdient größte Beachtung: Unmissverständlich hat er darauf aufmerksam gemacht, dass die westlichen Bevölkerungen gegenwärtig in keinster Weise begreift, wie groß die reale Gefahr eines Nuklearkriegs ist. Perry besitzt präzises Detailwissen über den sinistren rüstungsindustriellen Komplex (Lockheed Martin) und dessen eindimensionalem Profitstreben: Vor diesem Hintergrund kommt seinem Auftritt größte Bedeutung zu. 

Gleichlautendes gilt auch für die Wahl der National Cathedral,  Washingtons wichtigstem Sakralbau, als Veranstaltungsort. Dass so einflussreiche und bedeutende Persönlichkeiten wie der ehemalige US-Außenminister John Kerry und das ehemalige Mitglied des "National Security Council" Stephen Hadley, der sich u.a. für die NATO-Osterweiterung einsetzte, die an Perrys Auftritt anschließende Diskussion mitgestaltet haben, macht mehr als deutlich, wie sich Teile der US-Oligarchie vor einem drohenden Nuklear-Krieg fürchten, während andere Teile der US-Oligarchie bemüht sind, ihn herbeizuführen.

Darauf weist der Journalist Ernst Wolff in seinem aktuellen Buch "Finanz-Tsunami" (2017) hin: Ein großer Krieg, so Ernst Wolff, "würde riesige Summen in die Hände der Rüstungs- und Finanz-Industrie spülen, die lahmende Industrie beleben, Arbeitsplätze schaffen und die Aufmerksamkeit des Volkes auf äußere Feinde lenken" und damit – ganz im Sinne der westlichen Finanz-Oligarchie – einen erneuten Zusammenbruch des höchst labilen westlichen Finanzsystem verhindern oder zumindest verzögern. Vor diesem Hintergrund erscheinen auch die permanenten Manöver vor Nordkorea in Verbindung mit den beispiellos brutalen UN-Sanktionen in einem neuen Licht.

Das Schweigen der großen westlichen Zeitungen und der westlichen Fernsehanstalten über die Veranstaltung in der National Cathedral hätte der deutsche Philosoph Günther Anders als "eschatologische Windstille" bezeichnet.

Am Schluss des Artikels möchte ich noch auf zwei weiterführende Artikel zur aktuellen nuklearen Kriegsgefahr hinweisen. Einer von RT Deutsch und einer der Nachdenkseiten.

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