„Judenhass“ ist eine zu einfache Erklärung (Teil I)

„Judenhass“ ist eine zu einfache Erklärung (Teil I)
Demonstranten protestieren vor dem Kanzleramt in Berlin gegen die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Haiptstadt Israels anzuerkennen.
Die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen und somit auch die US-Botschaft aus der Mittelmeermetropole Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, führte in Berlin zu Ausschreitungen. Seitdem beherrscht eine Scheindebatte den Diskurs.

vonZlatko Percinic

Die Medien fanden in Vorfällen wie die Verbrennung von selbstgezeichneten Fahnen und verbalen Attacken gegen Israel und Trump ein gefundenes Fressen. Doch von differenzierter Berichterstattung über die hässlichen Vorkommnisse keine Spur. Regierungssprecher Steffen Seibert ließ im Namen der Bundeskanzlerin die Menschen wissen, dass "man sich schämen muss, wenn auf den Straßen deutscher Städte so offen Judenhass zur Schau gestellt wird".

Cicero titelte zwar korrekt, "Nichts gelernt", doch am Ende verpuffte die Botschaft im Rassismus gegen Muslime, wo Alexander Kissler alle muslimischen "Schutzsuchende", die nach Deutschland kommen, pauschal über einen Kamm schert und sie als Antisemiten verunglimpft. Michael Hanfeld, verantwortlicher Redakteur des Feuilletons der FAZ, sieht ebenfalls reinsten Judenhass als Grund für die Ausschreitungen. Es wird nirgendwo die Frage nach dem Warum gestellt. Manche, wie beispielsweise Jonas Hermann in der Neuen Zürcher Zeitung, machen es ganz einfach und nennen es den "importierte Judenhass", wobei der Titel im Nachhinein noch mal etwas verändert wurde.


Auch Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, macht es sich mit Ihrer Aussage ziemlich einfach. Laut ihrer Darstellung,

verbrennt ein wildgewordener Mob Davidsterne und israelische Flaggen, ruft zum Dschihad auf und zeigt die Symbole von Terrororganisationen wie der Hamas oder der Muslimbruderschaft, unter deren Einfluss sie stehen.

Ob Deutsche, Türken, Algerier, Saudis, Syrer, Iraner oder Palästinenser: Sie alle stehen laut Frau Knobloch "unter dem Einfluss" von Terrororganisationen und somit unter Generalverdacht. Dass die Muslimbruderschaft weder von der Europäischen Union noch von Israel als Terrororganisation eingestuft ist, sei nur am Rande erwähnt. Ebenso wie die auffallende Stille der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden, zum größten Anstifter von religiösem Extremismus im Islam: dem saudi-arabischen Wahhabismus.

Es soll selbstverständlich keine Entschuldigung für die Darstellung von blankem Hass sein, wie er sich teilweise in den vergangenen Tagen in diversen deutschen und europäischen Städten entlud. Dabei vergisst man heute sehr schnell, dass levantinische Araber und Mizrachim (und ursprünglich auch die Sephardim), also Juden aus dem Mittleren Osten, der gleichen semitischen Familie angehören. Deshalb ist es ein Witz, wenn mit dem Begriff "Antisemitismus" lediglich der eine Teil dieser semitischen Familie angesprochen wird. Übrigens eine Sichtweise, die auch von Bernard Lewis geteilt wird, der absoluten Ikone unter den Historikern auf diesem Gebiet.

Schon allein der Begriff "Antisemitismus" ist eigentlich nach heutigem Verständnis antisemitisch, weil er dem deutschen Journalisten Wilhelm Marr (1819 – 1904) zugeordnet wird, der Juden als eine rassisch unterlegene Volksgruppe betrachtete und sie deshalb als Antisemiten bezeichnete. Die deutsche Regierung hat diesen Begriff vollkommen aus den historischen Angeln gehoben und daraus etwas gemacht, was den Forderungen von zionistischen Gruppierungen geschuldet ist.

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Zwar versteckt sich die Regierung von Angela Merkel hinter der "International Holocaust Remembrance Alliance", doch diese wiederum lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass es die "fundamentale Rolle" des deutschen OSZE-Vorsitzes war, welchem die neue Begriffsdefinition zu verdanken ist. Demnach ist

Antisemitismus eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.

Dabei hat man die Grenze zum Antisemitismus bereits überschritten, wenn "der demokratische jüdische Staat als rassistisches Regime dämonisiert wird". Genau die gleiche Begründung, wie sie der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholt: "klassische Antisemiten im modernen Umhang". Damit kann jeder als Antisemit beschimpft werden, der darauf hinweist, dass Israel in der Tat eine "institutionelle und gesellschaftliche Diskriminierung" gegenüber der palästinensischen Bevölkerung Israels betreibt, wie es im Menschenrechtsindex des US-Außenministeriums nachzulesen ist. Von den Verbrechen als Besatzungsmacht im Westjordanland gar nicht erst zu sprechen. Der Israeli Roy Isacowitz hatte 2014 einen wirklich erfrischenden Artikel zu diesem Thema geschrieben, mit dem Titel "Bibi hat mich in einen Antisemiten verwandelt".

Zudem nimmt Deutschland mit dieser Begriffserklärung den Kampf von Netanjahu vorweg, der seit Jahren versucht, eine Anerkennung Israels als jüdischen Staat international durchzudrücken. In einem jüdischen Staat hätten logischerweise alle Nichtjuden das Nachsehen, genau die Position des zionistischen Projektes. Für Deutschland, das Israel mit massiven Rüstungsexporten - teilweise auf Kosten der Steuerzahler - übersät und wo nach eigenen Angaben fast alles geliefert wurde, "was es haben wollte", ist es eine extrem heuchlerische Position.

Berlin unternimmt alles, um Israel als etwas darzustellen, was es nicht ist. Es kann kein demokratischer Staat sein, wenn es gleichzeitig nur ein Staat für Juden sein soll. Gleichzeitig wird harte und gerechtfertigte Kritik am Vorgehen gegen die Palästinenser, Libanesen und Syrer kriminalisiert, weil dadurch angeblich "doppelter Standard" bei Israels "Maßnahmen zur Selbstverteidigung" angewendet wird.

Die nun geführte Debatte über die "Prädisposition" von Muslimen im Allgemeinen und Arabern im Besonderen zum Antisemitismus ist eine bequeme Art und Weise, um vom eigenen Problem im Umgang mit Juden und Muslimen abzulenken. Sehr gut erkennbar ist das beispielsweise in einem Artikel von Justus Bender in der FAZ:

Bundesjustizminister Maas will Holocaust Prüfungsthema in Integrationskursen werden

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge befragte 779 Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Eritrea und Afghanistan. Wohlklingende Zahlen waren darunter: 97 Prozent der Flüchtlinge lehnten religiös motivierte Gewalt ab. Jedoch stimmten auch 52 Prozent der Syrer und 54 Prozent der Iraker der Aussage zu: 'Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss'. Auch Deutsche sind von solchen Überzeugungen keineswegs frei. Allerdings ist die Zustimmung zu der Aussage hierzulande seit Jahren mit 15 bis 25 Prozent weit geringer.


Obwohl also laut Bender jeder vierte Deutsche der Meinung ist (laut Statistik der Bundesregierung liegt die Zahl aktuell bei fünf Prozent), dass "Juden zu viel Einfluss auf der Welt" haben, wird das mit den Zahlen von Syrern und Irakern relativiert, da ja "die Zustimmung weit geringer" ist. Lässt man mal die ganzen Umfragen und Analysen von nicht objektiven Organisationen wie "American Jewish Committee" außer acht, da die Fragen so gestellt wurden, um die bereits bestehenden Vorurteile und Vermutungen zu untermauern, wie AJC selbst zugibt, dann bleiben jene Studien übrig, die man eher nicht so gerne hört und liest.

Solche Studien wie von der Universität Bielefeld, die über einen Zeitraum von vier Jahren (2006 - 2010) in acht Ländern der Europäischen Union Umfragen zum Thema "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" (GMF) durchführte. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Der Aussage "Juden haben zu viel Einfluss in ihrem Land" stimmten in Deutschland 19,6 Prozent zu (in Holland 5,6 Prozent, in Polen 49,9 Prozent und in Ungarn 69,2 Prozent), während die Zustimmungsrate bei der Aussage "Juden versuchen heute Vorteile daraus zu ziehen, dass sie während der Nazi-Zeit die Opfer gewesen sind" in Deutschland bei 48,9 Prozent lag (in Holland 17,3 Prozent, in Polen 72,2 Prozent und in Ungarn 68 Prozent). Zum Anlass des 70. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau hieß es in einer Presseerklärung der Universität Bielefeld nochmal deutlich:

70 Jahre nach Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz ist der Antisemitismus immer noch stark ausgeprägt und erscheint in Teilen der deutschen Bevölkerung fest verankert zu sein.

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Fragwürdige Versuche wie von Benjamin Weinthal, dem Auslandskorrespondenten in Berlin für die Jerusalem Post und einem äußerst gut vernetzten Israellobbyisten, wenn er für "israelbezogenen Antisemitismus" die Zahlen der Friedrich-Ebert-Stiftung einfach verdreht, um ein schlechtes Licht auf Deutschland zu werfen, dann hinterlässt das doch einen mehr als schalen Beigeschmack. Er behauptet nämlich, dass

fast 33 Millionen Deutsche, 40 Prozent der Bevölkerung, mit modernem Antisemitismus infiziert sind: Hass auf den jüdischen Staat.

Dabei kam die Studie (Seite 64) zu einem ganz anderen Schluss: 39 Prozent der Befragten stimmten der Aussage "Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat" überhaupt nicht zu. Die Zustimmung zu dieser Aussage lag bei 17 Prozent.

Es sind genau solche Versuche wie von Benjamin Weinthal und vielen weiteren hierzulande, mit der sogenannten Antisemitismuskeule den Druck auf Deutschland hochzuhalten, notfalls eben auch mit gefälschten oder verfälschten Berichten, um am Ende politisches Kapital herauszuziehen. Dass es dann aber genau solche Aktionen sind, die den Antisemitismus - nebst weiteren Gründen natürlich - noch weiter befeuern, wird lieber verschwiegen als diskutiert. Deshalb sei an dieser Stelle an die Worte von Generalmajor Yehoshafat Harkabi, dem ehemaligen Leiter der Spionageabwehr der israelischen Streitkräfte, erinnert:

Symbolbild

Israel ist das Kriterium, an welchem alle Juden bisweilen beurteilt werden. Israel als jüdischer Staat ist ein Beispiel des jüdischen Charakters, welcher freie und konzentrierte Ausdrücke darin findet. Antisemitismus hat tiefe und historische Wurzeln. Nichtsdestotrotz wird jeglicher Makel bei israelischem Vorgehen, welcher anfänglich als Anti-Israelismus bezeichnet wird, wahrscheinlich als empirischer Beweis der Gültigkeit von Antisemitismus umgewandelt werden. Es wäre eine tragische Ironie, wenn der jüdische Staat, der dafür gedacht war, das Problem des Antisemitismus zu lösen, ein Faktor in der Verbreitung von Antisemitismus werden würde. Die Israelis müssen sich darüber im Klaren sein, dass der Preis für ihr Fehlverhalten, nicht nur von ihnen bezahlt wird, sondern auch von Juden weltweit.

Höchst prophetische Worte des Generalmajors, die er in seinem Buch "Israels schicksalhafte Stunde" 1986 niederschrieb. Es ist derselbe Mann, der in einem Interview 1988 vor dem "Samson Komplex" der Israelis warnte.

Bei aller berechtigter Kritik über das Fehlverhalten einiger weniger Extremisten - im Verhältnis zur gesamten Gruppe mit "antisemitischer Haltung" - in Deutschland und anderen europäischen Städten dürfen wir nicht vergessen, dass es immer auch eine zweite Seite derselben Medaille gibt.

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