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Die Toten von Dessau - viele Zufälle und nie widerlegte Hinweise auf Vertuschung

Die Toten von Dessau - viele Zufälle und nie widerlegte Hinweise auf Vertuschung
Schon seit langem gibt es Indizien und Beweismitteln, die allesamt dafürsprechen, dass Oury Jalloh offenbar von Polizeibeamten verbrannt wurde. Es geht um ein Feuerzeug, dass nur tatortfremde Spuren enthält und laut Gutachtern mit größter Wahrscheinlichkeit nie in der Zelle war.
Fall Jalloh: Seit zwölf Jahren hält die Justiz an der Verschwörungstheorie vom Selbstmord fest – obwohl es bereits zuvor zwei weitere ungeklärte, mysteriöse Todesfälle im Polizeirevier der Stadt in Sachsen-Anhalt gegeben hatte.

von Susan Bonath

Der Fall des 2005 im Dessauer Polizeigewahrsam bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Flüchtlings Oury Jalloh zieht aktuell weite Kreise. Von einer möglichen Vertuschungstat ist die Rede. Nun geraten auch die beiden anderen, 15 und 20 Jahre zurückliegenden ungeklärten Todesfälle im Dessauer Revier in den Fokus. Spekulationen über politische Einflussnahme machen die Runde. Doch all das ist nicht neu. Seit Jahren berichte ich in der Tageszeitung junge Welt über die heute auf dem Tisch liegenden Zusammenhänge - gerne belächelt und ohne Konsequenzen. Nun hat es aber auch ein Oberstaatsanwalt erkannt: Die größte Verschwörungstheorie in all den Jahren war der angebliche Selbstmord des eng an eine feuerfest umhüllte Matratze geketteten Inhaftierten.

Nach zwölf Jahren erstmals ergebnisoffen untersucht

Geht es aber nun wirklich um eine "Wende" im Fall Jalloh? Mitnichten. Einzig neu ist, dass Dessaus Oberstaatsanwalt Folker Bittmann zum ersten Mal einen ergebnisoffenen Brandversuch durchführen ließ, der sich nicht zwingend an einem Selbstmord orientierte. Neu ist, dass Bittmann Expertengutachten verschiedener Fachrichtungen zusammen würdigte, ihre Analysen ernst nahm und seit langem naheliegende Schlüsse daraus zog. Wie kam es dazu?

Darüber lässt sich nur spekulieren. Der Dessauer Oberstaatsanwalt Folker Bittmann äußert sich nicht zu dem Fall. Er ist auch nicht mehr zuständig. Im Juni hatte ihm Sachsen-Anhalts Generalstaatsanwalt Jürgen Konrad die Ermittlungen entzogen - keine zwei Monate, nachdem Bittmann in einem Schreiben an den Generalbundesanwalt vom 4. April akribisch seinen Tatverdacht gegen namentlich benannte Polizisten begründet hatte, der sogar einen möglichen Mordtatbestand umfasste. Die dann zuständige Staatsanwaltschaft Halle stellte das Verfahren ad hoc ein. In nur elf Wochen will sie tausende Seiten Ermittlungsakten studiert haben, bis Staatsanwalt Hendrik Weber am 30. August die Begründung für die Einstellung am 12. Oktober zu den Akten gab.

Eine Nachstellung zur Aufklärung der Todesumstände Oury Jallohs

Bittmann mag geahnt haben, was geschehen könnte, hörte er am Ende darauf, was viele Experten nicht erst seit dem neuerlichen Brandversuch bekräftigen. Wer die Akten kennt, weiß seit langem, dass die bislang präsentierte Version von Polizei, Justiz und Politik weder aus medizinischem noch brandtechnischem und kriminalistischem Blickwinkel stimmen kann. Ohne Frage konnte man absehen, welch ein politischer Skandal sich anbahne, würde klar, dass jahrelang bis in höchste Ebenen möglicherweise sogar Mörder in Uniform gedeckt wurden.

Natürlich wissen Bittmann und sein Kollege Olaf Braun, der zuletzt für das Verfahren zuständig war, dass auch Strafvereitlung im Amt eine Straftat ist. Ihnen war auch klar, dass die Unterstützer der in Guinea lebenden Hinterbliebenen keine Ruhe geben würden. Sie mussten befürchten, dass bald Einzelheiten der verschlampten Ermittlungen bekannt würden. Vielleicht wollten Bittmann, der bald in Rente geht, und Staatsanwalt Braun am Ende nicht mitschuldig sein, wenn die Angelegenheit aus dem Ruder läuft.

Eingestellt trotz Verdacht auf Tötungsdelikt und Brandstiftung

Die Einstellungsbegründung aus Halle geht allerdings an allen sachverständigen Einschätzungen vorbei. Diese seien zu unterschiedlich, ließen keine konkreten Schlüsse zu, behauptet Halles Oberstaatsanwältin Heike Geyer. Zwar gebe es Hinweise auf ein mögliches Tötungsdelikt, sogar von Mord war die Rede, allerdings lasse sich auch ein Selbstmord nicht ausschließen. Das ist schlicht unwahr, bedenkt man, dass Experten verschiedener Fachrichtungen nur in ihrem jeweiligen Metier kompetent sind. Wie Bittmann es schon 2005 hätte tun können, fügte er erstmals die Einschätzungen der Brandsachverständigen, Chemiker, Kriminaltechniker und Rechtsmediziner zusammen. Sein Fazit fasste er in seinem Schreiben vom 4. April (liegt der Autorin vor) an den Generalbundesanwalt zusammen:

Jedenfalls gilt auf der Basis des neuen Brandgutachtens und dessen nachfolgendem Erörtern mit Medizinern: Oury Jalloh kann den Ausbruch des Feuers höchstens um wenige Atemzüge überlebt haben. Unter Annahme einer angesichts dessen großzügig bemessenen Überlebensdauer von einer Minute nach Beginn das Brandes kann Jalloh nicht mehr über eine Handlungsfähigkeit verfügt haben, die es ihm erlaubt hätte, das Feuer selbst zu entzünden. Das im Urin festgestellte Verhältnis zwischen Adrenalin und Noradrenalin schließt ein Erschrecken und Todesangst aus.

Zwingend sei Brandbeschleuniger eingesetzt worden, so Bittmann. Laut Expertisen hätte das Feuer sonst nicht in kurzer Zeit das vorgefundene Ausmaß an Zerstörung bewirken können. Auch hätte es nicht in kurzer Zeit Temperaturen erzielt, die zur medizinisch angenommen Todesursache des inhalativen Hitzeschocks führen hätten können. Nur minimale Rußspuren in den Atemwegen und fehlendes Kohlenmonoxid im Blut schlössen ein längeres Überleben aus. Alternativ komme nur ein toxischer Herztod oder ein Versterben an schweren Misshandlungen in Betracht. Doch solchem geht laut Medizinern zwangsläufig eine längere Phase der Agonie voraus. Fehlende Stresshormone ließen dabei keinen anderen Schluss zu, als dass Jalloh bei der Brandlegung handlungsunfähig gewesen sein müsse.

Bittmann erklärt dazu:

Da Oury Jalloh über keinen Brandbeschleuniger verfügte und zudem in der letzten Minute seines Lebens physisch gar nicht mehr in der Lage gewesen wäre, das Feuer selbst zu entfachen, setzen beide denkbaren Todesalternativen das Verursachen des Brandes von dritter Hand voraus.

Der Oberstaatsanwalt erhob auf dieser Grundlage den Verdacht versuchter oder vollzogener Tötung, anschließender schwerer Brandstiftung und damit möglicherweise sogar des Mordes. Erstmals legte er auch ein mögliches Motiv dar. Bis dahin war ein angeblich fehlendes Motiv die primäre Begründung dafür gewesen, dass die Ermittler und zwei Gerichte stets nur einen Selbstmord erwogen hatten. Eine andere Ermittlungsrichtung hatte es bis 2016 nie gegeben.

Dummy mit Sensoren, Schweinehaut und Fett versehen im Einsatz für das letzte Brandgutachten 2016 zur Causa Oury Jalloh

Laut Bittmann erlaubten "die objektiven Gegebenheiten die plausible Annahme eines gedanklichen Zusammenhangs mit den beiden weiteren Todesfällen" in den Jahren 1997 und 2002 im Dessauer Revier:

Beide Todesfälle hatten zu Untersuchungen gegen Polizeibeamte geführt. Bei einer Zellenkontrolle am 7. Januar 2005 könnten Polizeibeamte auf die Ohnmacht Jallohs aufmerksam und sich daraufhin bewusstgeworden sein, dass schwere Verletzungen oder gar das Versterben eines weiteren Häftlings neuerliche Untersuchungen auslösen würden, diesmal naheliegender Weise noch intensivere, und ggf. zum Aufgreifen der früheren Todesfälle führen könnten. Diese Sorge mag zu dem Entschluss geführt haben, mit der Brandlegung alle Spuren zu verwischen, die den Vorwurf unterlassener Hilfeleistung gegen die diensthabenden Polizisten begründen könnten.

Die Fälle Rose und Bichtemann

Was war damals passiert? Ende 1997 nahm die Polizei den Dessauer Hans-Jürgen Rose wegen Trunkenheit im Straßenverkehr mit aufs Revier und sperrte ihn ein. Als er am 8. Dezember das Revier verließ, brach er nach wenigen Metern Fußweg zusammen. Er starb im Krankenhaus an den Folgen schwerster innerer Verletzungen. Die Ermittlungen ergaben massive Hinweise auf Misshandlung. Möglicherweise hätten Polizisten den Gefangenen an eine Säule gefesselt und geschlagen, hieß es. An dieser Säule wurden auch zahlreiche Spuren des Opfers gefunden. Dem ging die gegen sich selbst ermittelnde Polizei aber nicht weiter nach. Die Todesursache des zuvor als unverletzt Eingelieferten ist bis heute ungeklärt.

Am späten Abend des 29. Oktober 2002 wiederum erreichte ein Notruf das Polizeirevier Dessau. Passanten hatten eine "hilflose Person" auf dem Fußweg liegend gefunden. Die Polizei nahm den 36-jährigen Mario Bichtemann mit. Er habe nach Alkohol gerochen, sei aber ansprechbar gewesen. Man steckte ihn in die Ausnüchterungszelle. Brisant: Derselbe Revierarzt wie bei Oury Jalloh, Andreas B., erklärte Bichtemann für gewahrsamstauglich. Unter demselben Dienstgruppenleiter Andreas S. kam er in Zelle Nummer fünf, in der gut zwei Jahre später Oury Jalloh verbrannte.

Gegen 14 Uhr am darauffolgenden Tag fanden Beamte Bichtemann allerdings tot auf. Die Leichenstarre war bereits voll ausgeprägt, was frühestens einige Stunden nach Todeseintritt der Fall ist. S.s damalige Stellvertreterin Beate H. aber beteuerte, sie habe Bichtemann noch wenige Minuten vor dessen Auffinden "schnarchen gehört". Dieser Hergang ist medizinisch aber ausgeschlossen. Allerdings ging man dem nie nach. Auch im Fall Oury Jalloh hatte Beate H. behauptet, das Opfer habe noch etwa sieben Minuten nach Brandausbruch geschrien. Das entpuppte sich ebenso als eine Lüge, blieb aber gleichfalls bis heute folgenlos.

Eine Attrappe zur Analyse der tatsächlichen Todesumstände

Der Arzt vermerkte später auf dem Totenschein von Mario Bichtemann einen Schädelbasisbruch als Todesursache. Zudem stellte er weitere schwere Verletzungen fest, darunter vier Rippenbrüche, massive Hämatome und Einblutungen. Dies alles könne nur, so der Arzt, durch stumpfe Gewalt bewirkt worden sein. Entweder hatte der Revierarzt das alles übersehen. Oder aber die Verletzungen wurden Bichtemann in der Polizeistation zugefügt. Geklärt hat das in weiterer Folge niemand. Die Staatsanwaltschaft Dessau stellte ihre Ermittlungen am 1. Juni 2004 ergebnislos ein. Ein internes Verfahren bei der Polizei endete mit dem Tod von Oury Jalloh. Im Gerichtsprozess in Magdeburg fiel 2012 einmal eine Begründung dafür: Man habe den damaligen Dienstgruppenleiter S., der gerade auf der Anklagebank saß, nicht doppelt belasten wollen.

Tatverdächtige und ihre Helfershelfer

Die Vertuschung mutmaßlich unterlassener Hilfe oder gar von schweren Misshandlungen unter Einfluss der zurückliegenden Fälle ist ein mögliches und plausibles Motiv. Dass es mehr als zwölf Jahre dauern musste, dies überhaupt in Erwägung zu ziehen, dürfte durchaus politische Gründe haben. Es liegt nahe, dass man den Fall Jalloh schnell unter den Teppich kehren wollte, um nur kein Aufsehen hinsichtlich der Missstände zu erregen.

Man wollte offenbar gar nicht so genau wissen, was im Dessauer Polizeirevier 2005, 2002 und 1997 abging, sei es, um das Ansehen der Polizei, das des Landes Sachsen-Anhalt oder am Ende der ganzen Bundesrepublik zu wahren. Und mit den Jahren kommen immer neue Helfershelfer hinzu - die Furcht, als Beteiligter an der Vertuschung eines grausamen Verbrechens enttarnt zu werden, dürfte zusammenschmieden. Es geht nicht um ein Dekret, um schriftliche Anweisungen, sondern um vorauseilenden Gehorsam, um die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes, des Postens, der Karriere. Erst im Jahr 2016 geriet die Polizei in Dessau wieder in die Schlagzeilen, als sich der Hauptverdächtige des Sexualmordes an einer chinesischen Studentin als Stiefsohn eines ranghohen Beamten und Sohn einer weiteren Dessauer Polizeibeamtin erwies. Medienberichten zufolge könnten diese unter anderem diesem beim Ausräumen der mutmaßlichen Tatwohnung geholfen habe. Allerdings erhärtete sich in weiterer Folge kein relevanter Verdacht gegen die Beamten im Zusammenhang mit dem Verbrechen.

Da Bittmann demnächst in Rente geht, muss er keine Einschnitte in seine Karriere mehr befürchten. Er ist aus dem Schneider, anders als es die im Anschluss an den Feuertod von Jalloh gemobbten Polizisten und Hinweisgeber es waren. Es gibt Geschichten über "Nestbeschmutzer", die versetzt, degradiert oder mit Dienstaufsichtsbeschwerden überzogen wurden, um ihre Vorwürfe zurückzunehmen. Es gibt Geschichten über Unterstützer der Familie, die von Polizeibeamten bewusstlos geschlagen oder wegen an den Haaren herbeigezogener Nichtigkeiten wie der angeblichen Beleidigung von Polizeibeamten angeklagt wurden, Aktivisten, die monatelang vor Gericht saßen. Es gibt die Story von seitenlangen Dossiers, welche die Dessauer Polizei über Demonstranten, die sich für Aufklärung einsetzten, anfertigte. Es gibt Berichte von Drohanrufen und Drohbriefen.

Mitglieder der Initiative

Die Aktenordner sind seit langem übervoll mit Indizien und Beweismitteln, die allesamt dafürsprechen, dass Oury Jalloh von Polizeibeamten verbrannt wurde. Die meisten davon lagen schon 2012 vor. Es geht um ein Feuerzeug, dass nur tatortfremde Spuren enthält und laut Gutachtern mit größter Wahrscheinlichkeit nie in der Zelle war. Es geht um Beamte, denen man gezielte Lügen nachweisen konnte, die nie verfolgt wurden. Es geht um medizinische, toxikologische und brandsachverständige Befunde, die eindeutig für ein Tötungsdelikt sprechen.

All das ist - neben den Fakten über reihenweise vom Tatort verschwundene Beweismittel - lange bekannt. Doch es ist schwer, Nichtaufklärungswillige, die Beweise nicht anerkennen wollen, mit immer neuen Fakten zum Ermitteln zu bringen. Sowohl für involvierte Polizisten als auch Justiz- und politische Beamte steht die Karriere auf dem Spiel. Es tut sich die Frage auf: Wer war beteiligt, wer weiß was, wer hat wie vertuscht? Der ganze politische und juristische Apparat könnte ins Wanken geraten. Und wer will das schon?

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