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Oliver Stone im Exklusiv-Interview für RT: "Wladimir Putin ist der ultimative Verhandlungsführer"

Oliver Stone im Exklusiv-Interview für RT: "Wladimir Putin ist der ultimative Verhandlungsführer"
Oliver Stone im Exklusiv-Interview für RT: "Wladimir Putin ist der ultimative Verhandlungsführer"
Der oscargekrönte US-Filmemacher Oliver Stone war zu Gast in der RT-Sendung "SophieCo". Dort sprach er von seinen Treffen mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin und dem aktuellen amerikanisch-russischen Verhältnis. RT Deutsch veröffentlicht das Interview in voller Länge.

Im Folgenden das Transkript des Gesprächs

Sophie Schewardnadse: Guten Tag. Schön, Sie heute hier zu haben! Ich hoffe, Ihre Moskau-Reise macht Ihnen Spaß.

Oliver Stone:  Ja, ich bin gerade angekommen.

Sophie Schewardnadse: Ihr Buch mit den zahlreichen Putin-Interviews wurde vom Alpina-Verlag veröffentlicht. Sie bezeichnen es als „ein viertägiger, waghalsiger Höhepunkt meines seltsamen Lebens als amerikanischer Filmemacher“. Warum als „Höhepunkt“  – ist es das Beste, was Sie je gemacht haben?

Oliver Stone: Wissen Sie, ich muss immer in Erwägung ziehen, dass es der letzte Film sein könnte. Man weiß ja nie. Die Zeit wird mit dem Alter immer wertvoller. Das Filmemachen ist ein sehr junger Beruf, vor allem in Amerika. Die Zeit läuft schnell. Man bekommt nicht oft eine zweite Chance. Ich betrachtete das als Höhepunkt. Es ist kein Spielfilm. Sagen wir es so: Heutzutage ist das die furchteinflößendste Figur in den US-Medien und in Westeuropa. Das war ein beängstigender Sprung in eine andere Welt und ich bin froh, das erreicht zu haben. Ich machte Filme mit Fidel Castro, mit Hugo Chávez, mit Jassir Arafat. Auch mit Benjamin Netanjahu – als er nicht im Amt war, denn heute scheint es, als würde er die Macht für immer besitzen. Alle diese Figuren brachten mich schließlich zum Putin-Interview. Ich habe es genossen, ihn zu treffen.

Für den Dreh seines Films musste Oliver Stone mehrmals mit seinem Team nach Russland fliegen. Auf dem Bild: Oliver Stone auf dem Roten Platz während der Feierlichkeiten anlässlich des Tag des Sieges am 9. Mai 2016.

Zum ersten Mal habe ich ihn während einer meiner vielen Reisen nach Moskau getroffen: Ich war dort, um Snowden zu interviewen. Wir haben mit Edward viel recherchiert. Viele Szenen im Snowden-Film basieren auf Edwards Ansichten. Es hat eine Weile gedauert, um diese Informationen zu sammeln. Wir kamen immer wieder, um so präzise wie möglich zu sein. Die letzte Filmszene spielt übrigens in Moskau. Ich traf Putin erstmals im Hinterzimmer eines Theaters. Da gab es eine alte Theateraufführung aus den 60er Jahren, der er beiwohnte, um die volkstümliche Kultur zu unterstützen. Wir trafen uns im Hinterzimmer, ich befragte ihn zu Snowden und er präsentierte mir die russische Version, seine Version des Geschehens. Das war faszinierend! Ganz anders als das, was öffentlich berichtet wurde – also in den Zeitungen und so weiter.

Langer Rede kurzer Sinn: Wir reisten mit Edward für ein Wochenende nach Moskau, um das Filmende zu drehen. Wir drehten mit Putin drei Tage lang im Kreml. Damals wussten wir nicht, wie lange das dauern würde – wir nahmen es so, wie es kam. Genauso wie Sie es gerade tun. Wir haben einfach improvisiert, alles war total spontan. Ich gab ihm eine Liste mit kurzen Fragen zu meinen Themen. Aber die war nicht beschränkt und er hat auch nichts geändert.

Sophie Schewardnadse:  Alles war total spontan? Gab es überhaupt keine Einschränkungen, was man fragen darf?  

Oliver Stone: Ich habe mich die ganze Zeit wohl gefühlt. Wie Sie sehen können, sehe ich jeden Tag anders aus. Er sah immer gleich aus, sehr beherrscht. Ich hatte manchmal Jetlag, der Wind blies durch meine Haare. Anders gesagt bin ich das Gegenteil von einem amerikanischen Moderator. Ich sehe nicht wie Megyn Kelly aus, ich sehe nicht einmal wie Sie aus. 

Sophie Schewardnadse: Ich hoffe, das ist ein Kompliment. Ich weiß, wie stark man sich bemühen muss, um so einen Zugang zu Putin zu erlangen. Das ist wirklich nicht einfach. Viele Journalisten, sogar Top-Journalisten aus Russland bekommen ihn nicht. Ich weiß, wie Sie sich bemüht haben, damit das gelingt. Und zu dem Zeitpunkt, als der Film herausgekommen ist, wurde er in Russland viel diskutiert. Und selbstverständlich auch in der amerikanischen Presse, die auf Sie losging und behauptete, sie wären zu schmeichelhaft zu Putin, Sie seien ein schlechter Interviewer. Hat Sie das verletzt, nehmen Sie das ernst? Es geht um eine Menge Arbeit, die Sie geleistet haben.

Oliver Stone: Es war eine Menge Arbeit, aber ich habe mich nie als Journalist vorgestellt und habe es nie vorgespielt. Ich bin ein Filmemacher. Man kennt mich durch Filme und vielleicht durch die letzten Interviews mit berühmten Personen. Ich täusche nicht vor, jemand anderer zu sein.

Sophie Schewardnadse:  Sie antworteten damals, dass Sie keine Meinung dazu haben, dass Sie neutral sind.

Oliver Stone: Die Ansichten haben sich geändert, weil …

Sophie Schewardnadse: Nein, nein. Ich spreche vom Putin-Film. Ich habe diese Serie angeschaut, da sagen Sie wirklich viele schmeichelhafte Dinge über Putin. Denken Sie, Sie haben es geschafft, objektiv und neutral zu berichten?

Oliver Stone: Ich erzähle keinen Mist. (Wenn Sie die Filme gesehen haben, dann wissen Sie, dass ich es schaffte.) Ich versuche bei dem zu bleiben, was ich für wahr halte. Ich habe kein einziges falsches Wort zu Herrn Putin gesagt. Was ich etwas gemeint habe, habe ich es auch so gesagt. Ich sagte zu ihm – ich glaube, das war ganz am Anfang – dass mir auffällt, dass er der Sohn Russlands ist. Er kam an die Macht, als das Land am Boden war, es war 1999  oder 2000, das Land war das reinste Chaos. Und er hat die ganze Sache umgedreht, und niemand kann ihm das wegnehmen. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum er noch immer so beliebt ist.

Er hat ein Gespür für das eigene Land mitgebracht, für das Schicksal, für den Gedanken: „Wir sind Russen und können auf vieles stolz sein. Wir haben eine Geschichte.“ Er bekräftigte das Konzept eines souveränen Staates, das war entscheidend. Denn 1991 bis 2000 war Russland kein souveräner Staat. Es war dabei, die Souveränität komplett zu verlieren. Die USA und andere Menschen kamen einfach her und machten, was sie wollten. Sie waren überall in der Atomindustrie. Aber schauen Sie: Der Punkt ist, dass Putin Russland etwas gab, was in dieser Welt sehr wichtig ist. Wohin wir wieder kommen können, denn darum geht’s. Wir brauchen einen Anker, einen Widerstand gegen die … nennen Sie es die „Herrschaft der USA“.

Sophie Schewardnadse: Ich weiß, dass Sie nicht über Politik sprechen wollen, aber das ist eine sehr hypothetische Frage. Sie oft Partei für Menschen ergriffen, über die Sie Filme gedreht haben - Castro, Chávez, Putin. Das sind starke Persönlichkeiten. Starke Persönlichkeiten ziehen Sie offensichtlich an. Glauben Sie, das ist die politische Zukunft? Wird die Zukunft von solchen starken, kompromisslosen, oft sehr umstrittenen Herrschern gelenkt? Oder sollte es in der Politik eher um Dialog und politische Korrektheit gehen?

Oliver Stone: Aber da geht es auch um den Dialog. Alle diese Männer waren immer offen für den Dialog. Man kann streiten, wer was zu wem sagte. Doch der Punkt ist, dass Castro  sehr lange versuchte, mit den USA zu verhandeln. Doch er wurde zurückgewiesen. Nicht nur zurückgewiesen, sondern sogar beleidigt. Man versuchte mehrmals, ihn zu ermorden. Was ist also der Dialog? Dialog ist wichtig, und Chávez hatte bestimmt auch diese Ansicht. Er schüttelte Obamas Hand und hoffte, dass es einen neuen Annäherungsversuch seitens der USA geben würde. Dem war nicht so. Es geht um den Dialog, um Kompromisse.

Wenn ich Ihnen meine allgemeine Meinung zu Herrn Putin sagen darf: Er ist der ultimative Verhandlungsführer. Er strengt sich sehr an. Er glaubt wirklich, dass man alles besprechen könnte. Klar hat jedes Land bestimmte Nationalinteressen, und Russland hat sie auch. Er steht offen, alles außer diese Interessen zu besprechen. Wenn man zu weit geht, lässt er einen das wissen. Ich habe ihn sehr gedrängt – egal, was die Leute jetzt sagen  – ich habe ihn sehr gedrängt und merkte, wie verärgert er war, vor allem bei Fragen zur Demokratie, bei der Frage zu seinem Nachfolger und was nächstes Jahr bevorsteht. Manchmal reizte ich ihn, öfters sogar. Aber der Grund, warum ich diese Serie machte, ist meine Besorgnis über die eigene Beziehung zu Russland. Wo sind die amerikanisch-russischen Beziehungen, die im Jahr 2000 existierten?

Sophie Schewardnadse: Denken Sie, dass Ihr Film die Sichtweise der Amerikaner auf Putin ändern wird? Er wurde auch ein Gangster genannt…

Oliver Stone: Zu einem bestimmten Grad hat es das schon, ja. Mehrere Millionen Menschen haben den Film gesehen. Und zwar im Kabelfernsehen, keinem staatlichen Fernsehsender wie in Russland. Es gibt da ein begrenztes Zielpublikum. Und er wurde auch in vielen europäischen Ländern gesehen. Wir hatten eine tolle Debatte in Frankreich darüber, beim staatlichen Sender France 3.

Hubert Védrine, der ehemalige Auslandsminister zur Amtszeit von François Mitterrand verteidigte den Film meiner Meinung nach sehr schön gegen die Andersdenkenden. Diese Debatte war sehr französisch. In Europa – in Deutschland, Frankreich, Italien – spielt das eine große Rolle. Ob sich die Dinge ändern werden, ist schwer zu sagen, denn wie Sie wissen, hat vor kurzem der US-Kongress – was mich bestürzt – fast einstimmig die Sanktionen gegen Russland ausgeweitet. Das ist vor kurzem passiert. Es scheint, als ob das eine Reaktion auf Trump wäre, also innenpolitisch...

Sophie Schewardnadse: Glauben Sie, dass Trump solche Führungskräfte wie Putin in einer bestimmten Art nachahmen möchte?

Oliver Stone: Ich bin mir da nicht sicher, ich kann nicht sagen, was in Trumps Kopf vorgeht und wahrscheinlich kann das niemand. Ich denke nicht, dass er dumm ist. Er ist ein cleverer Mann  und er respektiert vieles. Aber vielleicht versteht er Herrn Putin falsch, dass kann natürlich auch sein. Ich weiß es nicht. Er hielt allerdings nicht ein, was er vielen Menschen während seiner Wahlkampagne versprochen hat: Er war gegen jede Einmischung im Ausland und er dachte, die Ressourcen und das Vermögen der USA würden in den Kriegen verschwendet. Es gab den Gedanken, dass sich etwas ändern würde, doch es ist nichts passiert. Nicht wegen der fehlenden Willensstärke, sondern weil er in der US-Administration kein Sagen hat. Er ist von Anfang an weggedrängt worden, weil die Oppositionskräfte sehr stark sind.

Sophie Schewardnadse: Auch wegen Russland, oder?

Oliver Stone: Nein, das war die Ausrede. Er wurde tiefgehend für Russland attackiert. Es gibt keinen Beweis und niemand hat es gesehen, dass Russland mit Donald Trump irgendeine Absprache hat. Er ist kein  Manchurian Kandidat und das war eine überraschend dumme Geschichte und es besorgt mich, wie attraktiv sie für viele Amerikaner ist. Es zeigt, wie dumm der amerikanische Wähler sein kann. Wenn man das glaubt. Ich denke nicht, dass alle es glauben. Die Meinungsumfragen werden nicht bestätigt. Es macht also keinen Sinn.

Sophie Schewardnadse: Aber wenn Sie sagen, dass niemand, der gewählt wird, das System ändern kann: Ist es dann überhaupt wichtig, wen man in Amerika wählt?

Oliver Stone: Naja, das ist es, was Herr Putin am Ende des Interviews sagt. Er sagt, er habe vier US-Präsidenten erlebt, und ich fragte ihn, welche Änderungen er sah. Er sagte: grundsätzlich keine. Er deutet darauf hin, dass die resistente Bürokratie daran schuld ist. In den USA nennt man es „tiefer Staat“. Die Strategien gegenüber Russland waren seit 1917 für die Mehrheit der USA höchst negativ. Seit der Revolution, als Präsident Wilson amerikanische Truppen nach Sibirien schickte, um dem Britisches Expeditionskorps beizutreten.

Sophie Schewardnadse: Ist der zweite Kalte Krieg nur eine Redensart oder steckt da mehr dahinter?

Oliver Stone: Das ist eine Redensart, klar. Kalter Krieg ist sehr gefährlich. Man könnte sogar meinen, dass der ursprüngliche Kalte Krieg gar kein kalter Krieg war, sondern dass es mehrere Stellvertreterkriege gegeben hat und man im Namen des Kommunismus gekämpft hatte, in Vietnam und unter anderen in Korea… Man fragt sich, wie viele Menschen im Namen dieses Kalten Kriegs gestorben sind. Millionen von Menschen aus der Dritten Welt wurden verletzt. Auf dem gesamten Gebiet Afrikas fanden Kämpfe statt. Wir sahen das jetzt im Mittleren Osten, diese enormen Verluste.

Das Schreckgespenst des Kommunismus funktioniert nicht mehr. Die USA waren unfähig, ihn auszunutzen. Aber es gibt diesen angeborene Übertragung. Und ich bin mir sicher, dass das noch immer in den Köpfen jener Kongressabgeordneten steckt, die für die Ausweitung der russischen Sanktionen gestimmt haben. Sie glauben, das ist so eine Form des alten Russland.

Mit diesem Bild illustrierte Oliver Stone seinen Facebookeintrag zu Donald Trump und Syrien.

Sophie Schewardnadse: Diese Denkart verschwand in den 80er und 90er Jahren. Wieso ist es so stark zurückgekehrt? Was muss geschehen, damit dieses Paradigma aus dem amerikanischen Verstand verschwindet? Ganze Generationen?

Oliver Stone: Das hat mich sehr überrascht. Ich war wirklich schockiert. Mit Herrn Gorbatschow zu sprechen war einer der schönsten Momente meines Lebens. 1989 fühlte sich wie Frühling in meinem Leben an, ein Frühling der Hoffnung. Ein neues Gefühl, dass alles sich ändern könnte. Die Berliner Mauer fiel. Alle osteuropäischen Staaten äußerten sich … Es war eine unblutige Revolution. Eine wirklich ohne Blut. Und auch Russland. Verhältnismäßig. In Amerika sahen wir Herrn Gorbatschow als einen Löwen, als Helden.

In diesem Land wurde er selbstverständlich als ein Schwächling gesehen, der die Kontrolle über sein Reich verloren hatte. Eine ganz andere Sichtweise also. Ich sah ihn auch später, habe seine Kritik gegenüber Putin mitbekommen. Und ich muss sagen, das letzte Mal als ich ihn sah, sagte er, dass Herr Putin der richtige Mann für das Hier und Heute ist, egal, was die anderen meinen. Weil die USA ihr Abkommen von 1989 gebrochen hat, in dem es darum geht, dass die NATO keinen Schritt ostwärts gehen würde, wenn die Deutschen wiedervereint sein würden. Er ließ das zu.

Die NATO hat Gas gegeben unter Clinton, Bush und Obama. Und Herr Gorbatschow wies auch darauf hin, was Herr Putin sagt: dass Russland sich auf die Abschaffung des ABM-Vertrags mit Bush 2001 einigte, war ein schwerwiegender Fehler. Es schwächt das Kräfteverhältnis, das zwischen den beiden Ländern besteht. Darüber hinaus gibt es, wie Putin sagte, die amerikanische Unterstützung von Terroristen im Kaukasus. Und oben drauf haben sie deutlich gegensätzlich Ansichten über die Ukraine. Und Putin stellt in diesem Buch klar seinen Standpunkt dazu dar, was die Amerikaner nicht hören. Und noch einmal oben drauf gibt es Syrien. Was für mich erstaunlich ist, wie lückenhaft dieser Krieg dokumentiert ist. RT hat es abgedeckt.

Sophie Schewardnadse: Und wie steht es mit Jemen? Sind Sie nicht überrascht, wie lückenhaft dieser Krieg dokumentiert ist?

Oliver Stone: Da kann ich weitererzählen. Ich habe eine lange Liste, aber es ist klar...

Sophie Schewardnadse: Ich wollte über den Kontext sprechen, in dem das Buch erschien. Als der Kalte Krieg stattgefunden hat, war alles sehr deutlich. Es kämpften zwei Seiten gegeneinander. Jetzt scheint es mir viel gefährlicher zu sein. Die Welt ist multipolar und es ist viel Chaos da. Jeder versucht, seinen Vorteil daraus zu ziehen. Alle diese Konflikte, die Sie gerade erwähnt haben, und noch viele andere, die wir nicht erwähnten, werden genau deswegen geführt. Und wir wissen nicht, wie sie enden und ob sie enden…

Oliver Stone: Es ist immer chaotisch. Sie sind jung, Sie müssen so um die 30 sein. Wissen Sie, der ursprüngliche Kalte Krieg war für mich sehr verwirrend und nicht so eindeutig, ich hatte kein „wir gegen sie“ im Kopf. Ich ging als junger Mann nach Vietnam und glaubte, dass wir den Kommunismus bekämpfen. Anders gesagt, gab es viele schleierhafte Angelegenheiten. Und wenn man auf die Geschichte von damals zurückblickt - wie wir es im Film „The Untold History of the United States“ versucht haben - muss ich Ihnen sagen, dass es eine sehr deutliche Farce war. Dass die USA die ganze Welt hinters Licht führte und die Sowjetunion zum Sündenbock machte.

Nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg machten sie die UdSSR auch zum Sündenbock für den Zweiten Weltkrieg, verglichen Hitler mit Stalin und alles ging weiter. Und das kommt aus dem Missverständnis, was der erste Kalte Krieg war. Amerika hat ein Vermögen ausgegeben, um in diesem Krieg zu kämpfen. Es hat seine eigenen Bürger – uns, die amerikanischen Menschen - beraubt. Der besseren Bildung beraubt, des besseren Systems, mehr Sicherheit, Gesundheit, Sozialwesen ... Alles, was jetzt zu Problemen führt. Das soziale Netz verschwindet – das hätte daraus entstehen können, anstatt Geld für den Kalten Krieg auszugeben. Wir haben einen hohen Preis dafür bezahlt. Und es lässt nicht nach.

1989 hat es Gespräche über eine "Friedensdividende" gegeben. Sie haben davon gesprochen. Was ist damit geschehen? Ein paar Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer ging Herr Bush in den Irak und schickte 500.000 Soldaten in den Nahen Osten. Es war eine große Sache. Denn als wir 500.000 Soldaten nach Vietnam schickten, war es unter Lyndon Johnson eine ganz große Sache. Und die Presse hat das groß aufgezogen. „Nicht seit dem Zweiten Weltkrieg...“ Wir wussten, dass diese Zahlen zu groß waren. Wir haben mit zu vielen Menschen gekämpft. Es konnte nicht funktionieren, das war einfach zu viel.

Und was war dann? Wir haben es vergessen! Herr Reagan tat mit seiner Kampagne sehr viel, um den Vietnamkrieg zu vergessen. Und wir schickten eine halbe Million Männer wieder ins Ausland, um im Nahen Osten zu kämpfen. Wir sind nie aus dem Nahen Osten ausgestiegen! Ich machte den Film „W.“ darüber, wo Dick Cheney fragt, was unsere Austrittspolitik ist und sagt: „Es gibt keinen Austritt.“ Und die Wahrheit ist: es gibt keinen. Es gibt keinen Austritt aus dem Irak. Wir sind dort. Diese 500.000 Männer haben auf die eine oder andere Weise den Nahen Osten nie  verlassen. Das ist herzzerreißend, wenn man ein Gespür für Geschichte hat. Ich wusste, dass das ein Fehler war. Der erste Irakkrieg war ein großer Fehler, ich dachte, es gäbe viel Platz zum Verhandeln!

Sophie Schewardnadse: Wenn solche Filme wie zum Beispiel „W.“ oder die „The Untold History of the United States“ entstehen, wie werden sie in Amerika aufgenommen, wenn man so viele Fakten der US-Geschichte bloßstellt?

Oliver Stone: Ich kann nicht sagen, dass es einfach ist. Aber ich denke, das sind einige der wichtigsten Werke, die ich in meinem Leben gemacht habe. Ich bin sehr stolz auf diese beiden Filme. Ich habe dafür einen hohen Preis bezahlt. Manche Leute berücksichtigen mich nicht in dieser Debatte, aber sie berücksichtigen auch Leute wie Noam Chomsky nicht. Es gibt keine Mitte im politischen US-Diskurs, alles ist Mitte-Rechts. Seitdem die Clinton-Leute an die Macht gekommen sind, ist die Mitte das Rechts geworden. In meinem Land gibt es keine Friedenspartei. Ich sehe keinen Beweis dafür. Außer dieser dritten Partei, der Grünen Partei, die von anderen so stark kritisiert wird.

Sophie Schewardnadse: Die Menschen machen sich lustig darüber.

Oliver Stone: Ja, aber warum? Als ich aufwuchs, hatte ich immer das Gefühl, dass die Demokraten über den Frieden wenigstens besorgt wären. Es scheint, als würden sie jetzt sehr leichtfertig damit umgehen, das Gefühl ist verschwunden. Ich sehe keine Übereinstimmung. Der Einzige, der etwas versuchte, war Bernie Sanders, und wenn Sie sich richtig erinnern, erwähnte er die Außenpolitik nur sehr selten. Er hielt sich davon fern, weil er wusste, dass es um eine politisch gefährliche Frage geht.

Sophie Schewardnadse: Und er war zu sozialistisch für Amerika, um irgendwas zu reißen.

Oliver Stone: Das weiß ich nicht so genau. Vielleicht muss Amerika sozialistischer werden, um zu überleben. Wenn Dinge auseinanderfallen und wir eine Krise nach der anderen haben, Börsenkräche, Zusammenbrüche und so weiter…

Sophie Schewardnadse: Genau jetzt wurde das ganze Programm mit Trump durchgezogen, um etwas zu ändern.

Oliver Stone: Ja, aber erinnern Sie sich als Obama etwa 750 Milliarden Dollar in die Wirtschaft versenkte – ich würde das als eine sozialistische Geste bezeichnen. Wo die USA hingehen, ist sehr interessant. Ich werde es versuchen, dabei zu bleiben und anzusehen. Das ist eine großartige Sache. Einfach abwarten, was passiert. Es könnte wirklich schrecklich werden und viele Verluste mit sich bringen.

Es macht mir Angst in dem Sinne, dass die USA ihre Selbstbeherrschung verlieren könnten und aus dem Gefühl der Panik und Angst angreifen... Dieses Konzept, dass Russland für alles verantwortlich ist, es ist verrückt. Es ist sehr einfach in den Primitivismus der frühen 1950-er Jahre zu verfallen, so wie Joe McCarthy. Als ich ein kleiner Junge war, wurde mir gesagt: "Die Sowjets sind in unseren Schulen, sie sind an unseren Colleges und schleichen sich in unser System ein. Die Sowjets werden uns ohne Krieg übernehmen“. Ich hörte das von soliden Menschen. Man muss akzeptieren, dass es so eine Mentalität gibt.

Wenn man in der Nähe eines Bürgerwehr-Mobs ist, der die Leute aufhängt, ist das beängstigend. Der gesunde Menschenverstand geht den Bach hinunter, das ist das Erste. Danach gehen Anstand und Menschlichkeit den Bach hinunter. Es macht mir Angst, diese Mentalität. Und sie ist weit verbreitet.

Sophie Schewardnadse: Sie kennen sich gut in der Politik, mit den Politikern aus. Und sie wissen einiges über Drehbücher. Geben Sie mir ein Szenario, wie das alles enden soll. Ein realistisches Szenario.

Oliver Stone: Sie fragen mich jetzt nach einem Film! Meiner Ansicht nach wird es für die amerikanische Seite nicht anders kommen. Und das ist unheimlich. Ich denke nicht, dass Russland in dieser Frage die Initiative übernehmen kann. Außer aufzugeben, mit den gesamten Atomwaffen, dann kommt es zu einer Regimeänderung, Herr Putin tritt ab. Das ist verrückt. Das wird nicht eintreffen, weil die Russen ihn unterstützen.

Jetzt gerade sehe ich keinen Ausweg. Aber es gibt dritte Parteien und sie kommen ins Spiel. Die Gaullismus-Anhänger kommen ins Spiel. Charles de Gaulle… man hofft auf eine französische oder europäische Führungskraft. Ich war von Merkel während dieses gesamten Prozesses sehr enttäuscht. Weil sie die wahre Geschichte der Ukraine kennt. Sie fällt nicht drauf ein, weil ihr Außenminister involviert war, sie wussten, was vorgeht, ein Putsch hat in der Ukraine stattgefunden. Aber es muss eine Art einer europäischen Führungskraft geben… 

Oliver Stone bei einem Photocall zur Präsentation seines Films

Sophie Schewardnadse: Der „Nein“ sagt zu Amerika?

Oliver Stone: So kann man es auch formulieren. Ich war dabei, als Herr de Gaulle ein „Nein“ zu Amerika sagte. Das war ziemlich gut. Ich bin halb französisch. De Gaulle war wirklich ein stolzer Mann. Stolz auf Frankreich. Ich hoffe darauf. Aber es gibt andere Wege, wie die Blocks aufgebrochen werden könnten. Da ist natürlich China. Das ist eine große Nummer. Aber die USA bleiben hart gegen China. Sie sprechen nicht so von China, wie sie von Russland sprechen. Aber der Grund, dass wir Korea in so einem Ausmaß bewaffnen, und Japan, geht gegen die Chinesen, um sie einzukreisen.

Aber ich mache mir Sorgen um Korea, weil wir schon wieder so viele Waffen in Japan und Korea gesteckt haben. Alles kann in einer Sekunde explodieren, das ist wie ein Pulverfass. Es sieht nicht gut aus. In Ihrem Alter würde ich den Rest des Lebens einfach leben wollen. Was machen Sie?  Sie machen auf diese Dinge aufmerksam. Das ist das Beste, was man momentan tun kann.

Sophie Schewardnadse: Meiner Meinung nach sollten Sie einen Film darüber drehen. Und Sie sollten Ihre Karriere sicher nicht beenden.

Oliver Stone: Dafür sind Dokumentationen da. Deshalb habe ist das Buch geschrieben. Weil ich mir Sorgen machte. Der Frieden verdient eine Chance. Und jedes Mal, als ich in diesen 30 Stunden mit Putin sprach, hatte ich bei ihm nie einen anderen Wunsch gespürt als nach einem Mächtegleichgewicht, nach Respekt für die Souveränität des anderen und nach einem Gefühl des Weltfriedens. Und das ist es, was die Menschen von Putin nicht akzeptieren. Sie können nicht glauben, dass dieser Mann, den sie für einen Bösewicht halten, ein Verehrer des Friedens ist.

Sophie Schewardnadse: Oliver Stone, vielen Dank für dieses wunderbare Interview. Viel Glück mit allem!

Oliver Stone: Danke, Sophie.

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