Libanons Premier in der Bredouille: "Die gesamte Familie Hariri ist Eigentum der Saudis"

Libanons Premier in der Bredouille: "Die gesamte Familie Hariri ist Eigentum der Saudis"
Beirut, 22. November 2017: Nach seiner Rückkehr in den Libanon spricht Saad Hariri zu seinen Anhängern.
Der rätselhafte Rücktritt vom noch rätselhafteren Rücktritt des libanesischen Premiers Saad Hariri bewegt weiter die Gemüter. Die Konfrontation zwischen Riad und Teheran droht sich nach Bürgerkriegen in Syrien und im Jemen auch in den Libanon fortzupflanzen.

von Jürgen Cain Külbel

"Wenn Hariri sprach, so sprach König Fahd."

Elie Salem, Außenminister des Libanon von 1982-84

Müde und sichtlich abgeschlafft warf Saad Hariri, der verflossene und wiedergekehrte Ministerpräsident des Libanon, am vergangenen Mittwoch in Beirut Tausenden seiner jubelnden Anhänger Kusshände zu. Der blasse 47-jährige Sunnit mit dem libanesischen und saudischen Pass, der nach einer rätselhaften Odyssee von Saudi-Arabien über Frankreich, Ägypten und Zypern am Dienstagabend um 23.25 Uhr mit seiner Boeing 737-7AN BBJ in Beirut gelandet war, klatschte sich selbst immer wieder Mut zu, ehe er in die libanesische Nationalhymne einstimmte: "Wir alle! Für das Vaterland, den Ruhm und die Flagge! […] Unsere Berge und unsere Täler bringen unerschütterliche Männer hervor."

An jenem Mittwoch feierte der Libanon seinen Unabhängigkeitstag und Saad Hariri seinen Rücktritt. Exakter: Er feierte seinen Rücktritt vom Rücktritt. Präsident Michel Aoun, so erklärte er, hätte ihn gebeten, seine Demission, die er am 4. November 2017 von Saudi-Arabien aus bekanntgegeben hatte - offenbar hatte der 32-jährige saudische Kronprinz Mohammed bin Salman die entscheidenden Regie-Anweisungen dafür gegeben - vorläufig auszusetzen. Kurz danach traf er sich mit Präsident Aoun und Parlamentspräsident Nabih Berri im Babdaa-Palast; die Teilnehmer tauschten Freundlichkeiten aus, man flüsterte und drückte Hände. Militärs und Botschafter traten zur Ehrenbezeugung an, darunter auch Irans Botschafter Mohammed Fathali. Ein lächelnder Hariri schüttelte Fathali herzlich die Hand, zog sie mit beiden Handflächen warmherzig an seinen Körper heran. Wenige Tage zuvor hatte er noch behauptet, Iran und die schiitische Hisbollah wollen ihn töten, er werde "Irans Hände abtrennen", die Politik des Irans und der Hisbollah im Libanon und in der Region sei zum Scheitern verurteilt.  

Was ist los mit dem levantinischen Staatsmann Saad Hariri? Richard Stone (Name geändert, der Redaktion bekannt), ein Ex-Bodyguard der Hariri-Familie, der sich für RT Deutsch in Beirut umhörte, sagte: "Die Situation ist sehr unklar. Keiner kann etwas Konkretes sagen. Aber Saad steht klar unter der Fuchtel Saudi-Arabiens." Adnan Bilal (Name geändert, der Redaktion bekannt), Ex-Angestellter von Saudi Oger, des wichtigsten Unternehmens der Hariri-Familie, will wissen, dass "gerade eine Menge schmutziger Dinge passieren". Näher erläutern wollte er das nicht, wies aber in Richtung Saudi-Arabien. Nicholas Keith (Name geändert, der Redaktion bekannt), ebenfalls Ex-Bodyguard der Familie, ein Brite, zeigt sich indes gegenüber RT Deutsch völlig unbeeindruckt von Saad Hariris "Sinneswandel":

Ich kenne seinen Vater. Die ganze Familie ist doch Eigentum des Hauses Al Saud.

Bereits Rafik Hariri war Riads Mann in Beirut

Die in der Levante über Rafik Hariri, den 2005 getöteten Vater des libanesischen Premiers Saad Hariri, gerne kolportierte Story "Vom Tellerwäscher zum Milliardär" ist und bleibt ein Märchen aus 1.001 Nacht; hier die Kurzform: Der 1944 im libanesischen Sidon unter ärmlichen Verhältnissen geborene Sohn eines sunnitischen Bauern emigrierte 18-jährig nach Saudi-Arabien, gründete dort eine Baufirma und gewann das Vertrauen des Königshauses, für das er prunkvolle Paläste errichtete. Sonderverträge mit saudischen Prinzen und Geldgebern, die ihn bis zu seinem gewaltsamen Tod im Februar 2005 unterstützten, machten Rafik Hariri über Nacht zum Multimilliardär und en passant zum saudischen Staatsbürger.

Die Erinnerungen von Oberst a. D. Patrick W. Lang, zu Beginn der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Verteidigungsattaché an der US-Botschaft im saudi-arabischen Riad, werfen ein anderes Licht auf die Vorgänge. Während eines Gedankenaustausches mit dem Autor schrieb er, als ein "seit Jahrzehnten enger Beobachter der libanesischen und regionalen Regierungen und der Wirtschaftsszene" könne er sagen, dass

Rafik Hariri ein Geschöpf des saudischen Regimes war, besonders des sudairischen Zweiges der königlichen Familie, mit dem er schon immer eine intime Verbindung pflegte. Die Beziehung bestand über lange Jahre hinweg und führte zu dem Reichtum seiner Baufirma, die stark von Verträgen für den Bau königlicher Gästehäuser usw. profitiert hatte.

Um die Gruppe seiner Geldgeber "zu erfreuen", schloss sich Hariri seinerzeit deren Lehre des saudisch-sunnitischen Wahhabismus an, eines zutiefst intoleranten, sektiererischen, extremistischen und antiwestlichen Islam. Dieser war der geistige Nährboden, auf dem auch der Terrorismus des Islamischen Staates (IS) gediehen ist. Die extremistischen Fraktionen in Saudi-Arabien, so Lang, übergaben Hariri nun im Rahmen von "Amigo-Geschäften" hunderte Millionen Dollar, damit er "als saudischer Agent in den Libanon zurückkehren" könne. Mit seiner Firma SCONEAST "legitimierte" (sprich: wusch) er die entsprechenden Einkünfte.

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman nimmt an einer Kabinettssitzung in Riad teil; Saudi-Arabien, am 28. November 2017.

Im Libanon hatte 1975 ein 15-jähriger Bürgerkrieg begonnen, der 100.000 Menschenleben kostete; 1982 besetzten schließlich israelische Truppen das Land. "Im Zuge einer Lösung für den langen libanesischen Bürgerkrieg", schrieb Lang dem Autor, "schlugen die Saudis den Vereinigten Staaten den Geschäftsmann Hariri, damals bereits saudischer Staatsbürger, als Vermittler und als ihren Vertreter vor". Um exakt zu bleiben: Es war kein Geringerer als König Fahd, der Hariri zu seinem Gesandten in Libanon ernannt hatte.

Hariri reiste dann monatelang mit Philip Habib, damals US-Sondergesandter für den Mittleren Osten, und Richard Murphy, einst US-Botschafter in Saudi-Arabien, durch die Länder der Levante, um Waffenstillstandsabkommen zu verhandeln. Auch Syriens damaliger Vizepräsident Abdul Halim Khaddam, ein enger Vertrauter von Präsident Hafez al-Assad, sowie der US-Gesandte Robert McFarlane, später nationaler Sicherheitsberater des US-Präsidenten, waren mit von der Partie. Der leitende saudische Vermittler war allerdings Prinz Bandar bin Sultan, der für die nächsten zweiundzwanzig Jahre saudischer Botschafter in den Vereinigten Staaten sein sollte.

Schnell baute Hariri "Beziehungen zu libanesischen und syrischen Führern im konfessionellen und politischen Spektrum auf", berichtete Assad-Biograf Patrick Seale im Jahre 1988: Während dieser Zeit entwickelte er einen

modus operandi, der ihm während seiner (späteren) politischen Karriere gute Dienste leisten sollte. Hariri nutzte seine saudische Unterstützung und sein persönliches Vermögen, um starke Arbeitsbeziehungen mit den Krieg führenden Milizen-Führern aufzubauen und wertvolle Bündnisse mit Schlüsselfiguren im syrischen Regime zu pflegen. […] Diese Freundschaften waren jedoch nicht billig. […] [Er] musste sich in die obere Ebene der libanesischen Macht einkaufen, musste Berri, Jumblatt, die libanesischen Streitkräfte, alle, bezahlen. Hariri konnte nicht in den Libanon kommen, ohne alle zu bezahlen.

Teile seines Vermögens und die Gelder des saudischen Königs nutzte er, um die Milizen-Führer an den Verhandlungstisch zu bringen. Auch rang er um Unterstützung durch Hafez al-Assad; so baute er ihm nolens volens einen neuen Palast. Zur "Absicherung" seines Wirkens errichtete und bezahlte er ein großes Netzwerk von Informanten – den "Hariri-Geheimdienst". Anzumerken bleibt, dass "Hariri den Milizen-Führern wiederholt finanzielle Anreize dafür gab, Vereinbarungen zu treffen, die im Allgemeinen innerhalb von Wochen zusammenbrachen", schrieb Seale. Da die Abkommen dann nicht mehr relevant waren, konnten die Milizen das Geld, das Hariri ihnen gegeben hatte, zur Fortsetzung ihrer militärischen Aktionen verwenden. Später wurde Hariri deswegen beschuldigt, er habe rivalisierende Milizen zum eigenen finanziellen Vorteil finanziert. Man sagte ihm nach, sein Motto habe gelautet: "Je mehr Zerstörung, desto mehr Wiederaufbau, desto mehr Gewinn" - schließlich hatte er seit Jahren ein maßstabsgetreues Modell für den Wiederaufbau des völlig zerstörten Zentrums von Beirut in der Tasche.

Armut und Korruption prägten die Ära Rafik Hariris

Im Jahre 1989 lud Rafik Hariri schließlich die Konfliktparteien nach Taif in Saudi-Arabien ein. Er konnte sie zu einem Friedensabkommen mobilisieren, das ein Ende des libanesischen Bürgerkrieges einläutete. "Im Anschluss an diese Vereinbarung", so erklärte Patrick W. Lang dem Autor, "stimmten die Saudis, die USA und Syrien der Idee zu, Rafik Hariri als Premierminister eines wiedervereinigten Libanon einzusetzen, obwohl dieser kein Mitglied des libanesischen Parlaments war und seine libanesische Staatsangehörigkeit erst wiederhergestellt werden musste, um für ihn eine Aura der Legalität zu kreieren". Als er im Amt war, wurde er zum Instrument einer gemeinsamen US-saudischen Politik in der Levante mit der nicht beneidenswerten Aufgabe, auch den syrischen Präsidenten Hafiz al-Assad zu besänftigen. Sowohl die CIA als auch der US-Botschafter in Beirut hatten Order, sich mit Hariri während seiner Amtszeiten als Premierminister zu befassen. Allerdings war Hariri immer Riads Mann und verantwortlich für die Arbeit an dem langfristigen Projekt des Staates Saudi-Arabien, die sunnitisch-politische Herrschaft über den Libanon und Syrien zu festigen. Zu dem Zweck verfügte Hariri über große Mittel aus Saudi-Arabien, die er breit, aber selektiv, in der Levante verteilte.

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Ende 1992 war es dann soweit, Präsidenten Hrawi ernannte den Saudi-Libanesen Hariri zum Ministerpräsidenten. Erst kam das Zuckerbrot - den Opfern des Bürgerkrieges spendete er sofort 12 Millionen Dollar – dann die Peitsche: Im Frühjahr 1993 hievte er seinen Freund Riad Salameh in den Chefsessel der Zentralbank, um die Staatsfinanzen zu kontrollieren; prompt startete er mit seiner privaten Baufirma "Solidere" den Wiederaufbau Beiruts. Hariri, bis 1998 und von 2000 bis 2004 Ministerpräsident, baute anschließend seine Dominanz in Politik und Ökonomie des Landes kontinuierlich aus.

Wenn ein Teil der Libanesen ihn ihm einen Patrioten oder Mäzen sieht, den Architekten eines neuen Libanon, den Retter der maroden Ökonomie, werfen ihm andere vor, ein Verschwender gewesen zu sein, korrupt, jemand, der sich maßlos persönlich bereicherte, Mancher bezichtigte ihn, für den wirtschaftlichen Niedergang des Landes, die Beschleunigung der Staatsverschuldung, die exorbitante Steuerpolitik verantwortlich gewesen zu sein. Tatsache ist: Rafik Hariri führte den Libanon wie ein Privatunternehmen; er kaufte Banken, Immobilien, Grundstücke, machte in Öl, Industrie, in Telekommunikation, kontrollierte als Eigner TV-Sender, Radiostationen, Tages- und Wochenzeitungen.

Im Jahr 1989 warf ihm der Rechnungshof Bestechung und Untreue vor. Staatspräsident Lahoud kritisierte, er ignoriere die Armen, verordne aber gleichzeitig seiner Baufirma, die das Monopol über den Wiederaufbau Beiruts hatte, eine zehnjährige Steuerbefreiung. Hariri warf pikiert das Handtuch, trat aber nach den Wahlen im Jahr 2000 sein altes Amt unter Erzfeind Lahoud wieder an. Im September 2004 intervenierte der UN-Sicherheitsrat per Resolution 1559: Syrien und Libanon, Letzteres seit 1991 infolge des Kooperations- und Freundschaftsvertrages mit Syrien praktisch syrisches Protektorat, wurde zum Abzug der im Libanon stationierten syrischen Truppen und zu freien Präsidentschaftswahlen aufgefordert.

Die Resolution stemmte sich gegen Syriens Unterfangen, den pro-syrischen Lahoud entgegen der Verfassung für weitere drei Jahre als Staatspräsidenten zu nominieren. Beirut mauerte, Damaskus boxte Lahoud durch. Hariri trat im Oktober 2004 aus Protest zurück. Am 14. Februar 2005 töteten Unbekannte den Krösus, saudischen Günstling und Statthalter in Zentralbeirut mittels einer ausgetüftelten und wuchtigen Sprengvorrichtung.

Saad Hariri – Bauchlandung für den Statthalter in zweiter Generation

Ein vom Westen gesteuertes Sondertribunal für den Libanon müht sich seit Jahren unter Zuhilfenahme sich stets verändernder, verschwörungstheoretischer Skripte, die regelmäßig bar harter Beweise sind, Verantwortliche in der syrischen und libanesischen Regierung, zuletzt Mitglieder der schiitischen Hisbollah, der Mordtat an Rafik Hariri zu überführen. Wie tönte noch Saad Hariris Botschaft am 4. November 2017 aus dem saudi-arabischen Riad, mit der er seinen Rücktritt begründete?

Wir leben in einer ähnlichen Atmosphäre wie jener, die vor der Ermordung des Märtyrers Rafik Hariri herrschte. Ich habe verdeckte Verschwörungen gegen mein Leben gespürt.

Offenbar war die fürchterliche Angst um sein Leben am 22. November 2017, kurz nach seiner Wiedereinkehr in den Libanon, aber wie vom Winde verweht: Wie Jesus von Nazareth stand er am Tag der libanesischen Unabhängigkeitsfeier vor seiner Gefolgschaft - mit weit ausgebreiteten Armen, dem Sinnbild für Hingabe, Offenheit, der Bereitschaft, das Leben anzunehmen, mit all seinen Facetten, den schönen, den weniger schönen. Für jeden guten Scharfschützen eigentlich ein lohnenswertes 3D-Ziel.

Vergessen auch die Lüge, die der TV-Sender Al-Arabiya am 4. November 2017 verbreitet hatte: Es habe von außen "technischen Eingriffe" in die Sicherheitstechnik von Saad Hariris Fahrzeugkonvoi in Beirut gegeben; und zwar "mit iranischer Ausrüstung". Die Verschwörer, so der saudische Sender, hätten die Sensoren [der Störsender zur Verhinderung der Fernzündung von Bomben] während der Bewegungen von Hariris Konvoi außer Gefecht gesetzt. Das Beiruter Armeekommando, Sicherheitsbehörden und Polizei distanzierten sich prompt von den aus Saudi-Arabien gestreuten Medienberichten: sie kannten weder Pläne zur Ermordung Saad Hariris noch lagen Angaben vor, wonach ein Anschlagsversuch gegen den Premier verhindert worden sei.

Laut dem libanesischen Außenminister Gebran Bassil wird sein Land eingeschüchtert, um ein gemeinsames Gasprojekt mit Russland zu verhindern.

Es grenzt an groben Unfug, zu behaupten, man könne feststellen, dass Unbekannte von außen elektronische Angriffe "mit iranischer Ausrüstung" exekutiert hätten. Tatsächlich hätte es Saad Hariri besser wissen müssen; Eckdaten über die Sicherheitstechnik seiner Fahrzeuge sind längst in aller Munde - Israelis, Briten, Saudis kennen sie. Am frühen Morgen des 15. Dezember 2010 plauderte beispielsweise Israel Radio entspannt in den Äther, Sicherheitsdienste, die den Ministerpräsidenten Saad Hariri beschützen, benutzten "modernstes israelisches Equipment, das feindliche Kräfte aus mehreren Kilometern Entfernung entdeckt". Der Sender wusste, eine französische Firma, die das Equipment von seinem israelischen Hersteller gekauft habe, hätte es an die libanesische Regierung geschickt.

Deutsche Justiz auf der Basis erkaufter Zeugenaussagen tätig

Der Bericht bemühte sogar die israelische Polizei, die klarmachte, dass die "Wellenfunktionen des Gerätes nur schwer zu verfolgen und zu blockieren" seien. Bei genannten Sicherheitsdiensten handelte es sich auch um Briten, großenteils Ex-Angehörige der Special Air Forces (SAS), einer Elite-Einheit der britischen Armee. Die über Jahrzehnte gepflegte Zusammenarbeit zwischen Briten und Hariri-Familie begann 1988 auf Anraten von Johnny Abdo, Ex-Chef des Militärnachrichtendienstes, später Botschafter des Libanon in den USA. Dieser empfahl Rafik Hariri seinerzeit, eine bekannte britische Söldnerfirma zu rekrutieren, da diese erfolgreich "Prominente" aus dem saudischen Königshaus bewache. Zwischen Saad Hariri und einem dieser britischen Bodyguards entwickelte sich später eine langjährige Freundschaft. Der Brite versorgte die Familie über die Jahre hinweg mit Sicherheitstechnik aus einer Hamburger Firma.

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An jenem 15. Dezember 2010 verdrängte Saad Hariri offenbar die Angst um sein Leben, auch der Rücktritt blieb aus - obwohl sich damals der Verdacht aufdrängte, dass die morgendliche Depesche von Israel Radio Eindruck, wenn nicht gar Druck auf ihn ausüben sollte. An jenem Tag sollte das Beiruter Kabinett nach Wochen unfruchtbarer Rangelei über die seinerzeit in Beirut gefürchtete Angelegenheit der so genannten falschen Zeugenaussagen im Mordfall an seinem Vater Rafik Hariri abzustimmen. Die Opposition trug vor, vorsätzliche Falschaussagen, die unter Federführung von Hariri und dessen Vertrauten zustande gekommen seien, hätten die Ermittlungen zum Mord am ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri in die Irre geführt.

Das Kabinett wollte das als ersten Tagesordnungspunkt im Präsidentenpalast in Baabda behandeln. Die Nachricht von Israel Radio war noch nicht verhallt, als kurz danach eine unbekannte Person im Justizpalast in Baabda anrief und warnte, im Gebäude wäre eine Bombe deponiert. Der Palast wurde evakuiert, Sprengstoff-Experten, Spürhunde der Polizei konnten aber nicht die geringste Spur einer Bombe finden. "Die Evakuierung verursachte Panik unter den Menschen und Justizbeamten, die im Inneren des Gebäudes waren", sagte ein Polizist am Tatort. Eine Abstimmung darüber, wie der Fall der "falschen Zeugen" weiter behandelt werden sollte, kam nie wieder zustande.

Am 15. Januar 2010 hatte der Beiruter Fernsehsender New TV jedoch bereits die Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen Ministerpräsident Saad Hariri, dem angeblichen falschen Zeugen Zouheir al-Siddiq, einem ehemaligen syrischen Geheimagenten, dem deutschen BKA-Hauptkommissar Gerhard Lehmann und dem libanesischen Geheimdienstchef Wissam el-Hassan ausgestrahlt, das 2005 in Marbella, Spanien, stattfand. Siddiq, von Saad Hariris Vertrauten el-Hassan in der Runde "geführt" gab an, die "ganze Wahrheit" über die Hintergründe des Attentats auf Rafik Hariri vom Februar 2005 zu kennen. Er sagte, der zukünftige Ermittlungsbericht der UN-Untersucher müsse die Namen von neun Syrern und vier Libanesen enthalten, denn der Befehl zur Ermordung von Hariri sei von Syriens Staatschef Baschar al-Assad und dem libanesischen Präsidenten Emile Lahoud gekommen.

In der Runde wurden auch Entlohnung und Schutz des Zeugen besprochen. Auf der Basis dieses vermeintlichen Kronzeugen ließ der Berliner Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis, der seinerzeit die Morduntersuchung im Auftrag der UNO leitete, gleich vier Chefs libanesischer Geheimdienste für nahezu vier Jahre hinter Gitter bringen. Schnell wurde jedoch bekannt, dass sein angebliches Belastungsmaterial, die so genannten Zeugenaussagen, mit Petrodollar-Millionen erkauft wurden und juristisch keinen Cent wert waren. Nach dem Libanonkrieg 2006 war Syrien immerhin wieder aus der Schusslinie; die Ermittler wechselten schnell die Angriffsrichtung und nahmen ab 2009 die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah ins Fadenkreuz.

Die Ankläger beim Sondertribunal für den Libanon, die über kein einziges klassisches kriminalistisches Beweismittel verfügen, zeigten sich diensteifrig dabei, die radikale Schiitenmiliz mittels Indizien an den juristischen und weltpolitischen Marterpfahl nageln zu können; schließlich wollten der Westen und Saudi-Arabien den wichtigsten Verbündeten Irans im Libanon irgendwie vernichten. 

Ziel der jüngsten Scharade: Aufruhr im Libanon organisieren

Das Ziel hinter der Krise, die durch den Rücktritt des libanesischen Premierministers Saad Hariri am 4. November 2017 im saudi-arabischen Riad ausgelöst wurde, war die "Sabotage des Libanon und das Anheizen von Aufruhr" im Lande, erklärte der Beiruter Parlamentsabgeordnete Hassan Fadlallah, ein Schiit, am 26. November 2017. "Die große Mehrheit hat den Verschwörern gesagt, dass sie keinen Platz im Libanon und auch keinen verlängerten Arm hier haben, um dieses Land erneut zu ruinieren. Die Ära, in der der israelische Feind, einige arabische Staaten oder einige Weltmächte den Libanon manipulieren würden, ist beendet", so der Abgeordnete, denn "der politische und diplomatische Widerstand - angeführt von Seiner Exzellenz Präsident Michel Aoun und unterstützt vom Parlamentssprecher Nabih Berri sowie einer nationalen Front, die aus wichtigen politischen Kräften besteht - hat es geschafft, den politischen Willen und die politische Entscheidung im Libanon zu befreien".

Saad Hariri wolle im Auftrag seines politischen Zuchtmeisters in Riad, des 32-Jährigen saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman (MBS), nun einen "effektiven Weg finden, den Libanon von regionalen Konflikten zu distanzieren und die Beteiligung der schiitischen Hisbollah an Kriegen in Nachbarländern zu beenden". Ein Treffen mit Vertretern der Hisbollah zu diesem Zweck schließt der Premierminister nicht aus, berichtete die panarabische Zeitung al-Hayat am Samstag, den 25. November 2017.

Doch was bleibt? Kronprinz MBS, der Anfang November 2017 massiv Druck auf den saudisch-libanesischen Doppelstaatler Hariri sowie die in Riad und Jeddah lebende Familie ausgeübt hatte mit dem Ziel, dessen wichtigsten Koalitionspartner in Beirut, die schiitische Hisbollah, in die Knie zu zwingen, scheint vorerst in seiner geopolitischen Cholerik in Richtung Libanon eingedämmt. Aber krachend gescheitert ist vor allem Saad Hariri, der nie den Grad der hochmeisterlichen Steuerbarkeit durch Bestechung mit Dollarmillionen zur Erzielung politischer Ziele erreichen konnte, wie sein Vater ihn erfolgreich exekutierte und sich so einen Hofstaat an Speichel leckenden und Ja sagenden Politikern, Militärs, Geschäftsleuten schuf.

Ein Großteil der Libanesen betrachtet Saad Hariri nach diesem traurigen Rücktrittskandal als politisch tot, als saudische Marionette, als Verräter des Libanon. Inakzeptabel für viele vor allem seine völlig unkritische Haltung gegenüber der verbrecherischen Kriegsführung Riads im Jemen, in Bahrain und in Syrien. Sie trauen ihm momentan nicht mehr richtig, hat er doch begonnen, den Libanon, sein Land, im Auftrag Saudi-Arabiens zu spalten. Das territoriale Ende des Islamischen Staates, ein Geschöpf der Saudis, Kataris, der Amerikaner und anderer, hebt den schwelenden saudisch-iranischen geopolitischen Konflikt um die hegemoniale Vormachtstellung in der Region auf ein neues Niveau.

Iran hat im Verbund mit Syrien, Russland, der Hisbollah den IS geschlagen; Teheran versucht nun, sich in den vom IS befreiten Gebieten festzusetzen; sogar von permanenten Militärbasen in Syrien ist die Rede. Saudi-Arabien möchte das mit aller Macht verhindern, trägt den ausufernden Konflikt mit dem Iran um die regionale Vormachtstellung nun rücksichtslos in Drittländer - darunter eben auch den Libanon. Unter den Libanesen geht schon die Angst vor einem Déjà-vu um: Saad Hariri, der den politischen Vorstellungen Riads nicht Genüge leisten konnte und momentan politisch völlig nutzlos erscheint, könnte zum Bauernopfer werden: Sein gewaltsamer Tod, so wie ihn sein Vater 2005 erlitt, wäre Katalysator für einen neuen Bürgerkrieg im Libanon, in dem wohl die Player Saudi-Arabien und das von Iran und der Hisbollah bedrohte Israel auf der einen, sowie die Player Iran, Syrien und Hisbollah auf der anderen Seite direkt oder vermittels Stellvertreter den nächsten kriegerischen Brandherd im Mittleren Osten ausfechten würden.

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