Der Kampf um die Geschichte - Was kommt nach Siegerjustiz, Siegerökonomie und Siegergeschichte?

Der Kampf um die Geschichte - Was kommt nach Siegerjustiz, Siegerökonomie und Siegergeschichte?
Die Freiheitsstatue in New York steht sinnbildlich für die europäisch-amerikanische Kooperation und die vielbeschworenen "westlichen Wert".
Im angelsächsischen Gebälk knirscht es zusehends. Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien ist seit der Amtsübernahme von US-Präsident Donald Trump zerrüttet. Und in Syrien stehen die transatlantischen Partner vor einer Niederlage.

von Willy Wimmer, Staatssekretär a. D.

Bei der heutigen politischen Lage ist die verkündete Eheschließung von Briten-Prinz Harry im kommenden Mai so etwas wie ein letztes publizistisches Aufgebot von Mainstream-Presse und staatlich finanzierten Medien nach Art der BBC. Man wünscht dem kommenden Ehepaar alles Glück dieser Erde. Fraglich ist bei der Kostümfreude von Prinz Harry wohl nur, in welcher Uniform oder welchem Aufzug er in Windsor Castle auftreten wird. Er ist auf diesem Feld in der Tat polyglott und historisch feinfühlig.

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Der deutsche Sender NDR, der weitestgehend ein verlängerter Medienarm von Britishness auf deutschem Staatsgebiet zu sein scheint, wird dann wie gewohnt in den nächsten Monaten über die Royals besser sprechen und berichten als in einhundert Jahren über Deutschland. Wer den Brexit vor Augen hat wie die britischen Vettern, dem sei das gegönnt. Wir alle aber haben etwas von Prinz Harry und das bezieht sich nicht auf die deutsche, sondern die tonangebende angelsächsische Medienwelt. In den kommenden Monaten dürfte jeder Winkel im Leben des jungen Paares ausgeleuchtet werden. Und was auch dabei immer ans Tageslicht gezerrt wird, es beschlagnahmt „breaking news“-Sendezeit.

Bei aller Fairness, die man als enger Verbündeter der drei angelsächsischen Nationen ohnehin an den Tag zu legen gewohnt ist, haben die „breaking news“ in der Regel einen merkwürdigen Signalcharakter erhalten. Soweit außen- und sicherheitspolitische Katastrophenmeldungen über BBC und CNN verkündet werden, kann man von einer Gewissheit ausgehen: Der jeweilige Konflikt, auf den die Katastrophe zurückzuführen ist, wurde in der Regel von den Regierungen verursacht, denen diese Sender besonders nahe stehen. Sei es, weil sie mächtige Gesellschafts-und Finanzgruppen der jeweiligen Länder repräsentieren oder ohnehin vom jeweiligen Staat finanziert werden, wie die BBC. Es ist geradezu ekelerregend, wie über die Kombination von Konfliktursache und menschlichem Elend die Meinungsführung der angelsächsischen Medien-Panzerkreuzer im globalen Maßstab hergestellt werden kann.

Trump in London nicht wohlgelitten

Auffallend ist jedoch, dass komplett unerwartete Nuancen in diesen Monaten dazugekommen sind. Dank dem Twitter-Präsidenten in den USA muss man seit vergangener Woche den Eindruck haben, dass zwischen London und Washington der Ausbruch von gravierenden Feindseligkeiten bevorsteht. Vermutlich werden bestimmte Kräfte in London im Falle eines Staatsbesuches von US-Präsident Donald Trump in Great Britain eine Landung seiner Flugzeugflotte zu verhindern wissen. Hart dürfte es schon werden. Herr Trump war noch nicht im Amt, seine Präsidentschaft schien sogar in den Sternen zu stehen, als aus England aus allen Dreckschleudern auf ihn geschossen wurde.

Es waren nicht irgendwelche Gruppen, die ihn aufs Korn nahmen. Wenn es sich um die Türkei gehandelt hätte, müsste und würde man von „deep state“ sprechen, die transatlantisch zusammenarbeitete. Präsident Trump soll fertiggemacht werden. Hat man in London eine manifeste Gewissheit davon, dass man bei diesem Präsidenten den liebgewordenen Bevormundungsstatus gegenüber Washington verlieren dürfte? Weil andere Staaten dem Präsidenten Trump näher stehen und im Falle Israels und Palästinas auch noch starke Einflussformationen in London unterhalten? Die Ereignisse in Zusammenhang mit einer jüngst unfein aus dem Amt geschiedenen Kabinettsmitglied in London lassen interessante Rückschlüsse in diesem Kontext zu.

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Niederlage im Syrien-Krieg verlangt Neujustierung

Es ist aber nicht die Frage danach, wer sich welche Parlamente gewogen gemacht hat. In London scheint man ein gutes Gespür dafür zu haben, dass sich gewaltige Dinge ändern und die Zeiten vorbei sind, als ordenbehängte Briten im amerikanischen Schatten ihre postkolonialen Gewohnheiten global ausleben konnten. Es hatte schon jemand vor Damaskus sein besonderes Erlebnis. Das liegt zwar schon etliche Jahrhunderte zurück. Dennoch muss man den Eindruck haben, dass sich etwas global wiederholt, was mit dieser Stadt in Syrien verbunden war.

Während die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich in gewohnter Weise die Landkarte verschieben wollten, hatten sie diesmal die Rechnung offen gelassen. Seit den Taliban in Afghanistan haben die Vereinigten Staaten den Nahen und Mittleren Osten in einen ewigen Manöverschauplatz für ihre Armeen verwandelt. Dauerkrieg ist angesagt und Frieden nicht in Sicht, weil nicht gewollt. Das dürfte sich nach dem Einsatz der russischen Armee auf der Seite der legitimen syrischen Regierung ändern.

Gelingt es Damaskus, Moskau und Teheran, die mörderischen Kämpfe in Syrien zu beenden, ist etwas möglich, aus dem Frieden entstehen könnte. Moskau macht dann Zusammenleben dort möglich, wo Mord und Totschlag durch unsere Verbündeten und uns angesagt war. Die Welt wird anders werden, auch wenn die Vereinigten Staaten es im Fall Pyöngyangs nicht wahrhaben wollen. Es spricht vieles dafür, dass sich dann die angelsächsische Trias aus Siegerjustiz, Siegerökonomie und Siegergeschichte neu justieren muss. 

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