Sinnbild des Versagens: Die Geschichte des Haager Tribunals endet mit Selbstmord

Sinnbild des Versagens: Die Geschichte des Haager Tribunals endet mit Selbstmord
Konnte man unmittelbar nach dem Ende des Bürgerkriegs im früheren Jugoslawien die Schaffung des UN-Kriegsverbrechertribunals noch als gut gemeint einordnen, bleibt das Geschehen um das letzte Urteil vor seiner Auflösung exemplarsich für dessen Versagen.

von Marinko Učur, Banja Luka

"Eine unvorstellbare Schande für das Haager Tribunal", "Der von den USA kontrollierte politische Gerichtshof wurde bloßgestellt", "Das Haager Tribunal ist ein Mittäter des öffentlich begangenen Selbstmordes" - das sind nur einige der Titel auf dem Balkan erscheinender elektronischer und Printmedien, die auf diese Weise die 24-jährige Arbeit und die Auswirkungen des UN-Tribunals vor dessen endgültiger Schließung gegen Ende dieses Jahres bewertet haben.

Ein finaler und möglicherweise entscheidender Schlag gegen die Glaubwürdigkeit des ICTY war das Geschehen am Mittwoch. Während der Verkündung eines 111-Jahre-Urteiles über mehrere bosnische Kroaten wegen angeblicher "gemeinsamer krimineller Unternehmungen" nach dem Gerichtsstatut kam es zu einem öffentlichen Selbstmord. Die richterliche Qualifikation des angeklagten Sachverhalts sorgte in jenen Gebieten Bosniens, wo Kroaten leben, aber auch in Kroatien selbst, wo diese Nachricht wie eine Bombe einschlug, zudem für ziemliche Aufregung.

Das Urteil kommt einer Feststellung gleich, wonach das offizielle Kroatien dem Nachbarstaat de facto als Aggressorstaat erscheint. Für vermeintliche oder tatsächliche Verbrechen, die Kroaten gegen Muslime verübt haben sollen, verhängte der Gerichtshof gegen sechs kroatische Zivil- und Militärbeamte insgesamt 111 Jahre Haft.

Kroaten sehen Selbstmord des Generals als ultimative Schande für das Tribunal

Die Frage aller Fragen bezüglich des letzten Verfahrens vor dem ICTY lautet nun: Wie konnte es passieren, dass der Angeklagte des Tribunals strenge Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen überwinden und illegal Gift in den Gerichtssaal schmuggeln konnte, um öffentlichen Selbstmord zu begehen? Der Selbstmord, den General Slobodan Praljak vor den Augen der ganzen Welt begangen hat, wird in Zagreb als ein hoher moralischer Akt und als Ablehnung seiner Verurteilung zu einer 20-jährigen Freiheitsstrafe empfunden.

Dieser General, der nebenbei Film- und Theaterregisseur war, spielte offensichtlich die letzte Rolle in seinem Leben. Zweifelsohne wird er vom kroatischen Volk als Held gepriesen, obwohl die Anklage gegen ihn lautete, schlimmste Kriegsverbrechen gegen die muslimische Bevölkerung in der Stadt Mostar in der Herzegowina begangen zu haben. Der Gerichtshof sieht ihn als Hauptschuldigen an der Zerstörung der weltberühmten alten Brücke - des 500 Jahre alten Symbols dieser Stadt.

In Zagreb analysiert die politische Führung nun die Konsequenzen hinsichtlich des, wie das Gericht es nannte, "gemeinsamen kriminellen Unternehmens" und was dies unter dem Gesichtspunkt des Völkerrechts und der internationalen Praxis bedeuten könnte. Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt wäre in diesem Zusammenhang, dass Kroatien nun zum Ziel nachträglicher Ansprüche auf Entschädigung für Kriegsschäden werden könnte. Dies würde die Lage im ehemaligen jugoslawischen Post-Konflikt-Gebiet zusätzlich verkomplizieren.

Gerichtshof hinterlässt giftiges Erbe

Es scheint jedoch in Kroatien der Unmut vor allem darüber besonders groß zu sein, dass der Gerichtshof nach dem jüngsten Verfahren gegen General Mladić und auch schon bei den früheren Urteilsverkündungen gegen serbische zivile und militärische Führer Serbien nicht als Aggressor gegen seinen Nachbarstaat erwähnt hat. Im Gegensatz zur nunmehrigen Nennung Kroatiens.

Diese Urteile haben definitiv nur weiteres Öl ins Feuer gegossen. Das Zusammenleben verschiedener Nationen und Kulturen auf den Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens wird dadurch mehr und mehr unterminiert. Dies ist jedenfalls die Überzeugung der Kroaten, über die General Praljak einst das Kommando hatte. Vor seiner freiwilligen Abreise nach Den Haag hatte General Slobodan Praljak auf unangenehme Fragen der Journalisten geantwortet, unter anderem auf die, ob er die Zerstörung der Brücke in Mostar angeordnet habe.

An jenem 2. September 2003 sagte er in seinem letzten ausführlichen Interview, bevor er sich freiwillig nach Den Haag begab:

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.