Neue Desinformationskampagne der USA: "Russland der EU militärisch weit überlegen"

Neue Desinformationskampagne der USA: "Russland der EU militärisch weit überlegen"
Russischer Soldat schläft auf einem gepanzerten Fahrzeug, Grosny, Tschetschenien, Februar 2000.
Von der "russischen Aggression“ reden Interessenvertreter, um eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben zu erreichen. So warnte jüngst das US-Außenamt vor der "militärischen Überlegenheit" Russlands gegenüber der EU. Ein klassischer Fall von Desinformation.

von Bryan MacDonald

"Die Bedrohung der kollektiven Sicherheit [des Westens] durch Russland ist offensichtlich und wir auf beiden Seiten des Atlantiks können sie nicht ignorieren", erklärte jüngst Brian Hook, leitender Berater von US-Außenminister Rex Tillerson, vor dem Transatlantic Forum des Center for Strategic & International Studies in Washington D.C.

Er führte weiter aus: „Wie in der Vergangenheit verläuft die Bedrohung durch Moskau von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer“, um dann mit der Warnung zu schließen, Russland stelle in einem militärischen Vergleich die Streitkräfte der EU in den Schatten.

Diese Aussage ist absoluter Quatsch; aus Gründen, die ich in Folge umreißen werde:

Unterschiedliche Landmasse und Reichweite

Zunächst einmal ist die Landfläche der Russischen Föderation fast viermal größer als die der Europäischen Union. Die EU hat aber mehr als 511 Millionen Einwohner und Russland nur 146 Millionen.

Deutsche Leopard 2-Panzer der Bundeswehr - Künftig soll es mehr Geld für Mann und Material geben.

Aufgrund der enormen Größe und der geografischen Lage teilt Russland nach eigener Definition Landgrenzen mit 16 Ländern und Seegrenzen mit zwei weiteren ein. Und diese Koexistenz reicht vom entspannten Finnland und Aserbaidschan über das freundlich gesinnte China und Weißrussland bis zum potenziell instabilen Nordkorea und Georgien sowie bis zu explizit feindseligen Ländern wie die Ukraine und die USA.

Deshalb braucht Moskau eine große Armee, die sich über seine riesige Landmasse erstreckt, um als rein defensives Abschreckungsmittel zu fungieren, bevor es überhaupt an Angriffe denken kann. Vor diesem Hintergrund erscheint das 831.000 aktive Personal der russischen Streitkräfte nicht übertrieben. Vor allem, wenn man bedenkt, wie geografisch kleinere Länder wie China (2,1 Millionen Soldaten) und die USA (1,4 Millionen aktive Soldaten) über deutlich größere Streitkräfte verfügen.

Aber hier geht es um Europa und selbst wenn Russland all seine Truppen (vorausgesetzt, die asiatischen Grenzen würden sich selbst überwachen) in einen Konflikt mit den EU-Staaten konzentrieren könnte, wie würden die Zahlenverhältnisse ausfallen?

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Nun, Frankreich hat 202.000 Vollzeit-Soldaten, Deutschland 176.000, Italien 174.000, Großbritannien 152.000 und Griechenland 142.000. Ich habe nur die Streitkräfte von fünf EU-Länder aufgezählt und die Mannstärke Russlands wurde bereits übertroffen. Zu den weiteren 23 EU-Mitgliedern gehören Spanien (123.000) und Polen (99.000). Ganz zu schweigen davon, dass sich die Ukraine (204.000) zweifellos mit den westlichen Ländern verbünden würde, die derzeit Kiews angeschlagene Wirtschaft finanzieren.

Wie Sie sehen können, ist die EU rein zahlenmäßig Russland weit überlegen. Trotz der Tatsache, dass Wladimir Putin letzte Woche ein Dekret erlassen hat, welches perspektivisch die gewünschte Zahl an aktiven russischen Truppen auf etwas mehr als eine Million erhöhen will.

Finanzielle Ressourcen

Jetzt lassen Sie uns das Narrativ von der russischen Überlegenheit anhand der finanziellen Ressourcen überprüfen:

Im Jahr 2016 stellte Russland 69 Milliarden US-Dollar für die Verteidigung bereit, was weniger als der Hälfte der Gesamtausgaben von drei EU-Ländern entsprach: Frankreich (55 Milliarden Dollar), Großbritannien (48 Milliarden Dollar) und Deutschland (41 Milliarden Dollar). Hinzu kommt, dass viele andere EU-Länder ebenfalls große Ausgaben in diesem Bereich tätigen: Italien gab 27 Milliarden Dollar, Spanien 14 Milliarden Dollar und Polen fast 10 Milliarden Dollar aus. Selbstverständlich verblassen alle diese Zahlen vor dem Militärhaushalt der USA, der allein 2016 über 611 Milliarden US-Dollar verfügte.

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Außerdem kündigte die russische Regierung Anfang des Jahres massive Einschnitte im Verteidigungshaushalt an. So ist eine 25-prozentige Kürzung des Militärbudgets vorgesehen, um so vor den anstehenden russischen Präsidentschaftswahlen 2018 mehr Geld in Sozialausgaben investieren zu können.

Schließlich ist auch die gesamtwirtschaftliche Schlagkraft zu erwähnen. Und hier werde ich freundlich zu Hook sein, indem ich  das jeweilige BIP verwenden, welches durch Kaufkraftparität gemessen wird. Denn angesichts des aktuell schwachen Rubel-Wechselkurses gegenüber dem US-Dollar ist das nominale russische BIP viel niedriger, wenn die Preise in US-Währung gerechnet werden.

Drastische Einsparungen im Militäretat der Russischen Föderation. 

© Sputnik/Witali Ankow

Russlands Wirtschaft wird auf fast genau vier Billionen US-Dollar geschätzt. Damit ist sie kleiner als Deutschland (4,1 Billionen Dollar), aber deutlich größer als Großbritannien (2,8 Billionen Dollar), Frankreich (ebenfalls 2,8 Billionen Dollar), Italien (2,3 Billionen Dollar) und Spanien (1,7 Billionen Dollar). Doch die Gesamtwirtschaft der Europäischen Union wird bei 20,8 Billionen Dollar gehandelt, dies entspricht mehr als dem Fünffachen der Gesamtwirtschaft Russlands. 

So verfügt Russland im Wesentlichen über die Höhe des Verteidigungsbudgets von Saudi-Arabien (63 Milliarden Dollar), eine Truppenstärke, die zwischen der Pakistans (653.000) und der Nordkoreas (1.190.000) liegt, und einer Wirtschafskraft, die in etwa der Deutschlands entspricht.

Die Russische Föderation ist also in keinem Bereich, weder militärisch noch wirtschaftlich, stärker als die Europäische Union. Brian Hook und das US-Außenministerium verbreiten folglich klare Desinformation. Diese Fake News dienen zudem einer Agenda, die rein gar nichts mit der Sicherheit Europas zu tun hat.