Über die Deeskalation in den Köpfen: „Zankt Euch weiter! – Wir lieben uns weiter!“

Über die Deeskalation in den Köpfen: „Zankt Euch weiter! – Wir lieben uns weiter!“
Mit verschiedensten Kombinationen wird versucht dort Zwietracht zu sähen, wo Eintracht angebracht wäre.
Der neue Ost-West-Konflikt beschränkt sich schon lange nicht mehr nur auf wechselseitige Politikerpolemik, militärisches Säbelrasseln und Wirtschaftssanktionen – er ist auf allen Seiten längst in den Köpfen verankert. Kaum mehr vorstellbar, dass noch vor vier Jahren ausgerechnet wir Deutschen bei den Russen das zweitbeliebteste Volk waren!

von Leo Ensel

Die Situation hat sich gründlich verändert, die Eskalation in den Köpfen ist in vollem Gange. Alle hätscheln ihre jeweiligen nationalen Narrative, die – wie immer – voluntaristisch konstruiert sind: Schuld haben stets die Anderen! In Deutschland polarisiert sich die Stimmung zwischen „Russlandkritikern“ und „Putinverstehern“, und in der russischen Bevölkerung ist nach der Euphorie der neunziger Jahre die Entfremdung vom Westen größer als zu Zeiten des Kalten Krieges. Polen und Balten sehen sich in ihren seit Jahrhunderten tiefverwurzelten nationalen Ängsten bestätigt, und die Ukraine droht zwischen „Bandera-Faschisten“ im Westen und „prorussischen Terroristen“ im Osten zu zerreißen.

In der "ideologischen" Auseinandersetzung zwischen Ost und West herrscht mittlerweile ein mentales Patt: Das Vertrauen ist auf den Nullpunkt gesunken, die konträren Geschichtserzählungen sind heillos ineinander verhakt und drohen, die Kontakte zu vergiften, die Gesellschaften werden immer autistischer.

Was tun?

Es ist ein alter sozialpsychologischer Hut: Freundschaften wie Feindschaften, Sympathie wie Antipathie kann man zum großen Teil machen! Man mag diese Tatsache bedauern – wer will, kann aus ihr aber auch Hoffnung schöpfen: Dieselben Menschen, die sich unter bestimmten Bedingungen die Schädel einschlagen, würden sich unter anderen Umständen vielleicht durchaus sympathisch finden.

Die Hauptbedingung für einen anderen Umgang miteinander – und damit auch mittelfristig für eine Deeskalation in den Köpfen – scheint mir in der Bereitschaft zu liegen, die liebgewordenen nationalen Narrative einmal schlicht auszuklammern und sich in der transnationalen Begegnung "Urlaub vom Konflikt" zu gönnen. Dann könnte nämlich erfahrbar werden, dass Russen, Deutsche, Ukrainer, Polen und Balten durchaus auch noch anderes zusammen machen können, als sich über die Frage zu zanken, wer Schuld am neuen Ost-West-Konflikt ist!

Die Logik der Eskalation könnte unterlaufen werden, indem ihr eine attraktive Alternative gegenübergestellt wird, sprich: wenn in länderübergreifenden Kontakten und Projekten wieder allseitig erfahrbar würde, dass gelebte Kooperation attraktiver ist als Konfrontation!Jeder, der sich schon mal z. B. in einer russisch-deutschen Städte- oder Schulpartnerschaft engagiert hat, weiß wovon ich spreche. (Auf einem der letzten Petersburger Dialoge verstanden sich eine exponierte deutsche Russlandkritikerin und ein Vertreter der russischen Regierungspolitik, die sich zuvor noch auf dem Podium einen heftigen Schlagabtausch geliefert hatten, beim abendlichen Get-together plötzlich blendend, als sie zusammen tanzten!)

Für die allerseits eingeklagte Rekonstruktion des Vertrauens würde dies bedeuten: Vertrauen kann weder befohlen noch als reiner Willensakt im Senkrechtstart wiederhergestellt werden. Vertrauen gedeiht am besten dann, wenn man dies gar nicht bewusst anstrebt! Überall dort, wo Menschen unterschiedlicher bzw. ‚verfeindeter‘ Nationen, in welchen Projekten auch immer, erfolgreich kooperieren, kann – quasi als ‚Sahnehäubchen‘ – step-by-step auch das Vertrauen wieder wachsen.

Die offizielle Politik hätte hier – wenn sie es denn wollte – zahlreiche Möglichkeiten, vertrauensfördernde Rahmenbedingungen zu schaffen, z. B. durch Förderung aller bi- und multinationalen Kontakte, die die vergangenen dreieinhalb Jahre überlebt haben: in den Wirtschaftskooperationen, Städtepartnerschaften, im Sport, im Jugendaustausch und in den interkonfessionellen Dialogen.

Aber es geht zur Not auch ohne staatliche Förderung. Kommt von dort keine Hilfestellung, dann müssen die Staatsbürger ihre Angelegenheiten eben selbst in die Hand nehmen und unter den oben genannten Bedingungen länderübergreifende Projekte in Eigeninitiative ins Leben rufen. Das trotzig-saloppe Motto könnte hier lauten: „Zankt Euch weiter! – Wir lieben uns weiter!“

Deeskalation wird eben nicht nur von ‚oben‘ dekretiert – Deeskalation kann und muss auch von "unten" wachsen.

Und nun das Ganze nochmals etwas unakademischer

Die mittlerweile grauhaarigen Älteren werden sich erinnern: Früher, zu längst verflossenen „Love & Peace“-Zeiten gab es einen vielzitierten Spruch, der eine ganze Generation geprägt hat und der heute wieder nützlich sein könnte: „Make Love, Not War!“ Oder auf gut Ballinerisch: „Wo die Liebe naht – da hilft kein Stacheldraht!“

Liebe Deutsche, Russen, Ukrainer (West und Ost), Polen, Balten etc., ein Vorschlag zur Güte: Trefft Euch, lernt Euch kennen, verfolgt gemeinsame Projekte! Die Welt ist so groß, sie hat außer Kriegen und Krisen noch so viel Anderes (und Angenehmeres) zu bieten. Musiziert zusammen in klassischen Orchestern, organisiert Rockfestivals, rettet das Klima, stellt gemeinsame Kunstprojekte auf die Beine, liebt Euch, heiratet oder macht von mir aus Gruppensex – es gibt nur ein einziges Tabu: Gespräche über Politik sind strengstens verboten! 

Aber Vorsicht: Es könnte passieren, dass Ihr Euch nachher gar nicht mehr so unsympathisch seid.