Ideologisierung der Geopolitik: "Homophob sind nur die Russen!"

Ideologisierung der Geopolitik: "Homophob sind nur die Russen!"
Christopher Street-Parade (CSD) in Berlin, 22. Juni 2013
Für bloße Geopolitik stirbt niemand gerne. Deshalb liegt es nahe, den geopolitischen Konflikt zwischen dem Westen und der Russischen Föderation, wie er mit der Ukrainekrise eskalierte, ideologisch durch den Appell an "hehre Werte" aufzuladen. Ein Irrweg.

von Leo Ensel

Im Jahre 1972 fanden die Olympischen Sommerspiele in einem Land statt, das die Menschenrechte eklatant verletzte - und keiner merkte es! Das Land hieß Bundesrepublik Deutschland und verletzte die Rechte von Schwulen. Der Paragraph 175 StGB, der einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen (männlichen) Homosexuellen unter Strafe stellte, wurde erst vor zwei Jahrzehnten im Zuge der deutschen Wiedervereinigung ersatzlos gestrichen.

Damals protestierte niemand gegen diese Menschenrechtsverletzungen. Auch nicht diejenigen, die sich heute so gerne in bester Stellvertreterbetroffenheits-Manier politisch-kokett das Elend der gesamten Welt ungefragt auf ihre schmalen Schultern laden. Weder von Claudia Roth, Marieluise Beck noch von anderen Kolleg*innen aus dem fortschrittlichen Lager, die sich bei eingeschalteter Kamera stets mit dem Zeigefinger auf Russland deutend in ihrer gefühlten moralischen Überlegenheit sonnen, war auch nur ein Mucks zu hören! Ebenso schwieg die gesamte liberale westdeutsche Presse von der "Zeit" bis zur "Frankfurter Rundschau". Und die progressiven Lehrer der Odenwaldschule widmeten sich stattdessen lieber intensiv ihren abhängigen minderjährigen Zöglingen.                                            

Wie sich die Zeiten geändert haben! Keine Woche vergeht, ohne dass eine neue diskriminierte Minderheit aus dem Zylinder gezaubert wird – inklusive Heerscharen von PolitikerInnen, Journalist_innen und Sozialpädagog*Innen, die selbstlos für deren Rechte kämpfen. Ging es anfangs noch nur um die Rechte von Lesben und Schwulen, so wurden einige Zeit später daraus die LGBT-Menschen, die ihrerseits über LGBTI- bereits zu LSBTTI*-Menschen mutiert sind, die Objektophilen und Asexuellen nicht zu vergessen. Parallel dazu belehrt man uns darüber, dass es nicht nur zwei, sondern mindestens fünf (oder sind es schon sechs?) Geschlechter gibt. Und wer nicht sofort für genderneutrale Toiletten - oder vielleicht doch besser für getrennte Toiletten für alle fünf oder sechs Geschlechter? - plädiert, ist ein Sexist, Rassist, im harmlosesten Falle ein Reaktionär!

Keine Frage, unsere Gesellschaft wird täglich menschlicher, gerechter, vielfältiger und toleranter!

Schade nur, dass die ganze Welt noch nicht so denkt und handelt wie wir! Besonders die Russen.

Womit wir beim Thema wären: dem neuen Ost-West-Konflikt.

Gender als Weltkommunismus des Westens

Kein kriegerischer Konflikt kann längere Zeit ohne ideologische Aufladung am Köcheln gehalten werden. Jeder geopolitische Konflikt bedarf auf Dauer der Ideologisierung, langfristig stirbt man nur für höhere Werte gerne! Die selbstverständlich die eigene Seite repräsentiert. So auch heute wieder.

Demonstration am 8. April 2017 in Berlin gegen die angebliche Deportation und Folter

West und Ost tun gegenwärtig eine Menge dafür, ihren mit dem Ukraine-Konflikt offen zutage getretenen neu-alten Machtkampf um Einflusssphären nachträglich doch noch ideologisch zu einem neuen "Kampf der Kulturen" aufzublasen. Ging es im (ersten?) Kalten Krieg um "Freiheit versus Totalitarismus" bzw. "Sozialismus contra Kapitalismus", so ist nun das Gebiet der Gender-Identitäten zum beiderseitig bevorzugten ideologischen Schlachtfeld avanciert. Wobei es diesmal der Westen ist, der ideologisch die Nase vorn hat.

Mit dem Marxismus verfügte damals im Kalten Krieg die Sowjetunion über eine welt­um­span­nende Ideologie. Heute führt mit ähnlich universellem Anspruch der Westen die Gender-Theorie ins Feld. Mit anderen Worten: Die Gender-Theorie ist der Weltkommunismus des Westens! Russland dagegen befördert eine Renaissance konservativer – angeblich ur-russischer – Werte, wobei radikale Rechte wie Dugin bereits offen von einem russisch-konservativ dominierten Europa von Wladiwostok bis Lissabon träumen. Die neuen ideologischen Schlachtrufe lauten entsprechend aus westlicher Perspektive: "Aufgeklärt-toleranter, vielfältiger Westen contra reaktionäres Russland!" und aus russischer Sicht: "Heiliges Russland versus faulender (schwuler) Westen!"

Warum findet der CSD so selten in der Woiwodschaft Podlachien statt?

Wobei die Fronten, die hier von beiden Seiten konstruiert werden, sich bei genauerer Betrachtung als reichlich schräg erweisen. Auf wundersame Weise, wie durch göttliche Fügung bestimmt, scheint die Spaltung zwischen Homophobie und sexueller Vielfalt exakt entlang der Grenze zwischen osterweiterter EU und wiedererstarktem Russland zu verlaufen. Homophob sind demnach nur die Russen. Während in Westeuropa das Paradies der Vielfalt bereits Realität geworden ist.

Entgegen ARD-Propaganda: Freie Fahrt für Transgender auf russischen Straßen

Natürlich ist diese - von beiden Seiten konstruierte, lediglich konträr gewertete - Polarisierung falsch. Denn sie verläuft in Wirklichkeit nicht zwischen Russland und "dem Westen", sondern in unterschiedlicher Schärfe quer durch sämtliche Gesellschaften in West und Ost. Auch in Russland gibt es Initiativen von Schwulen, die sich - fraglos unter erheblich schwierigeren Bedingungen - für ihre Rechte einsetzen, umgekehrt sollte man einen Christopher-Street-Day besser nicht in der ostpolnischen Provinz durchführen. Und was die EU lauthals Russland vorwirft, das duldet sie, siehe Ungarn und neuerdings auch Polen, locker in den eigenen Reihen.

Ein erster Schritt zur ideologischen Deeskalation im Neuen Ost-West-Konflikt könnte daher darin bestehen, diese falschen ideologischen Fronten zu entlarven und stattdessen auf dem geopolitischen Charakter des Konfliktes zu bestehen.

Am westlichen Wesen wird nicht die Welt genesen

Und was die Situation von sexuellen Minderheiten in Russland angeht, so wäre es nicht schlecht, wenn die linksalternativen deutschen Missionare mal etwas kürzertreten und Abschied von der Idee nehmen würden, dass die Welt stets am jeweils aktuellen zivilisatorischen Entwicklungsstand des Westens genesen soll. Vielleicht sollten wir der russischen Gesellschaft, die nicht erst während der 70 Jahre kommunistischer Herrschaft keine Möglichkeit hatte, eine öffentliche Debatte über "sexuelle Vielfalt" zu führen, einfach die Zeit lassen, die sie wie jede andere Gesellschaft braucht, ihren Weg ohne - bestenfalls gut gemeinte - Einmischung von außen selbst zu finden.

Und uns daran erinnern: 1972 fanden die Olympischen Sommerspiele in einem Land statt, das die Menschenrechte verletzte. Das Land hieß Bundesrepublik Deutschland und niemand merkte damals etwas.

Dr. Leo Ensel ("Look at the other side!") ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt "Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa". Zudem ist er Autor einer Reihe von Studien über die wechselseitige Wahrnehmung von Russen und Deutschen. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in der Erkundung und Bewusstmachung von Bildern, die Menschen sich einerseits von sich selbst und ihrem Land und andererseits von anderen und fremden Ländern machen - und wie diese Bilder ihr Handeln bestimmen. Im neuen Ost-West-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens.

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