Status quo ante im Irak: Kirkuk-Offensive restauriert Lage vor IS-Angriff 2014 und schwächte Kurden

Status quo ante im Irak: Kirkuk-Offensive restauriert Lage vor IS-Angriff 2014 und schwächte Kurden
"Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen": Nicht wenige nordirakische Kurden werden sich ob der Kirkuk-Offensive an das Schiller-Zitat erinnert fühlen. Die Peschmerga hatten bei der Eindämmung des IS geholfen, nun aber braucht man sie nicht mehr.

von Tallha Abdulrazaq

Die Kurdische Autonomieregion im Nordirak hat seit Montag in nur wenigen Stunden große und strategisch wichtige Regionen, die die Entstehung eines unabhängigen Kurdistan begünstigen würden, in Konfrontationen mit der irakischen Armee verloren. Besonders in und um Kirkuk standen sich nur wenige Wochen nach der Vertreibung der Terrormiliz aus ihren 2014 eingenommenen Territorien zwei US-Verbündete gegenüber. Streit unter den politischen Führern der Kurden und wahrscheinlich auch eine klammheimliche Unterstützung durch die USA dürften das Durchsetzungsvermögen Bagdads befeuert haben.

In den frühen Morgenstunden des Montags begannen zwei reguläre irakische Divisionen, unterstützt von tausenden Angehörigen von Einheiten der föderalen Polizei sowie Anti-Terroreinheiten, eine Offensive von zwei Punkten aus gegen die von Peschmerga gehaltene Stadt Kirkuk. Sie nahmen die umstrittene Stadt nach mehr als drei Jahren wieder ein.

Zuvor waren irakische Sicherheitskräfte angesichts eines Angriffs des "Islamischen Staates" aus der Region geflohen. Nur etwas mehr als 12 Stunden nach Beginn der nunmehrigen Offensive gelang es der irakischen Armee, ihre Kontrolle über die ölreiche Stadt wieder herzustellen, was die kurdischen Unabhängigkeitspläne ernsthaft erschüttert.

Von irakischen Truppen verbrannte kurdische Flagge in Kirkuk, 16 Oktober 2017

Sehr früh konnte das irakische Militär verkünden, den Militärstützpunkt K-1 und die nahe gelegene Luftwaffenbasis Kirkuk westlich der Stadt eingenommen zu haben. Dies wurde von den kurdischen Behörden bestritten, die stattdessen zusammen mit dem Sicherheitsrat der Region Kurdistan ein Kommuniqué veröffentlichten, in dem sie tweeteten, die Peschmerga hätten "mindestens fünf US-Humvees" zerstört. Diese hätten angeblich pro-iranische Schiiten-Milizen der "Volksmobilmachung" genutzt.

Doch bereits am späten Nachmittag machten irakische Soldaten im Büro des ehemaligen Gouverneurs im Zentrum von Kirkuk Fotos von sich selbst, und die irakische Nationalflagge löste die kurdische über der Skyline der Stadt ab.

Kurdische Spaltung untergräbt Unabhängigkeitsbestrebungen

Der Vormarsch des irakischen Militärs wurde offenbar durch die interne Spaltung in den Reihen der Peschmerga erleichtert. Diese hatten den gesamten Distrikt Taza Hurmatu südöstlich von Kirkuk aufgegeben, nachdem sich Peschmerga-Einheiten aus ihrem Verantwortungsbereich zurückgezogen hatten. Die Einheiten sollen dem mit der Führung in Erbil rivalisierenden Talabani-Clan angehört haben, der sich über die PUK-Partei organisiert und mit dem Barzani-Clan seit Jahrzehnten um Macht und Einfluss im Nordirak ringt. Die parteiloyalen Einheiten zogen sich auch drei Tage vor Beginn der Offensive aus ihrem Hauptquartier in Qasbat al-Bashir, 20 Kilometer südlich von Kirkuk, zurück, ohne dass ein einziger Schuss abgefeuert worden wäre.

PUK-Beamte räumten inzwischen ein, dass sie die Militärbasen aufgegenen hätten, da es ein Abkommen gab, sie Bagdad zu übergeben. Der Barzani-Clan, der sich über politisch über die KDP organisiert, sieht die PUK-Entscheidung als Verrat an der kurdischen Sache an. Auf diese Weise übergab die PUK praktisch "dem Feind die Schlüssel zum Stadttor". Hemin Hawrami, leitender Assistent von Barzani, twitterte, dass die PUK "Kurdistan und [die Peshmerga] verraten hat, indem sie wichtige Fronten aufgab". Er unterstellte, dass die PUK Teil einer irakischen Offensive war, die angeblich von Irans islamischen Revolutionsgarden angeführt wird.

Zusätzlich komplizierte die Lage für Barzani die Präsenz der Untergrundorganisation PKK, die von den USA, der EU und der Türkei - für den Konflikt die wichtigste Partei - als Terrororganisation gelistet wird. Die Türkei ist wegen des Unahängigkeitsreferendums über ihren jahrelangen Verbündeten Barzani verärgert. Die von Bagdad auch medial ausgeschlachtete Anwesenheit von PKK-Kämpfern in Kirkuk bot schließlich auch der irakischen Regierung eine Chance, von einer "Kriegserklärung" zu sprechen.

Obwohl Erbil die entsprechenden Anschuldigungen am Sonntag schnell dementierte, versprach das türkische Außenministerium am Montag, mit Bagdad zusammenarbeiten zu werden, um PKK-Elemente in Kirkuk zu zerstören.

Peschmerga-Kämpfer verlassen nordirakische Stadt Sindschar

Die Vermutung liegt nahe, dass Bagdads Fokus auf eine PKK-Präsenz in Kirkuk in erster Linie den Zweck erfüllte, die türkische Öffentlichkeit für die eigene Seite zu gewinnen. Noch vor kurzem hatte die irakische Regierung die Schließung der türkischen Militärbasis in Baschika gefordert, die nur wenige Kilometer von der Provinzhauptstadt Mossul entfernt liegt.

Außerdem tolerierte Bagdad selbst lange Zeit mit der PKK verbündete Jesiden-Milizen unter der Formation YBS an der Grenze zu Syrien im Sindschar-Gebirge. Das plötzliche Agieren in Richtung PKK ist deshalb als Signal zur Beruhigung der Emotionen an Ankara zu bewerten, das sich als Schutzmacht der irakischen Turkmenen betrachtet. Außerdem berichten irakische Medien parallel zur Steigerung von Bagdads Anstrengungen gegen die Peschmerga über Verbindungen Barzanis zur PKK. Die türkische Gesellschaft ist nach wie vor gespalten und in sich uneins, ob der ehemalige Verbündete Barzani nun schützenswert ist oder nicht.

USA könnten wieder auf eine Prä-ISIS-Allianz mit dem Irak setzen

Ein wichtiger Grund, warum die Kurdische Autonomieregion versucht, die Offensive auf Kirkuk als vom Iran geführt darzustellen, ist die gegenwärtige grundsätzliche anti-iranische Haltung in Washington bzw. die Ankündigung von Präsident Donald Trump am Samstag, den iranischen Atomvertrag nicht zu bestätigen. Darüber hinaus setzte die US-Regierung die iranischen Revolutionsgarden auf die Terrorliste. Dennoch fehlte es den USA an der Bereitschaft, in Kirkuk zu Gunsten von Erbil zu intervenieren. Die Kurdische Autonomieregion dürfte sich mit Blick auf ihre enge Kooperation mit den USA im Kampf gegen den "Islamischen Staat" betrogen fühlen.

Bisher hat das Pentagon jedoch nur erklärt, dass es den "Dialog" zwischen den kriegführenden Parteien fördern möchte und die Parteien dazu auffordert, "destabilisierende Aktionen" zu unterlassen, die "vom Kampf gegen den IS ablenken". Aussagen dieser Art waren sicherlich nicht das, was Erbil sich erhoffte. Zudem pochen die USA weiterhin darauf, dass sie "einen vereinigten Irak unterstützen" und das Unabhängigkeitsreferendum als "unglückseligen" und "einseitigen" Schritt betrachten.

Da Washington nicht willens war, einzugreifen, besteht auch die reale Möglichkeit, dass US-amerikanische Strategen entschieden haben, das irakische Militär in Kirkuk zu unterstützen. Allerdings ist es äußerst unwahrscheinlich, dass die USA Bagdad erlauben werden, seine Kontrolle über die Autonome Kurdenregion als Ganzes wiederzuerlangen. Sobald die Grenzen von vor 2014 erreicht sind, werden die USA mit großer Wahrscheinlichkeit Druck auf beide Seiten ausüben, die Kämpfe zu beenden.

Für die USA dürfte eine Unterstützung für Premierminister Haider al-Abadi auch deshalb von Bedeutung gewesen sein, um konservativere Flügel in der Regierungspartei Dawa unter Führung des ehemaligen Premierminister Nuri al-Maliki vor einem "weiteren Abdriften" in Richtung Iran zu bewahren. 

Die Peschmerga sind unterdessen immer noch größtenteils mit US-Waffen ausgestattet. Doch auch das irakische Militär rückte mit Panzern vom US-Typ Abrams M1 und schwerer Artillerie gegen die Kurden vor. Fakt ist: Ohne US-Unterstützung, was wiederum Hilfe für die andere Konfliktseite impliziert, wäre es ein Leichtes, die Peschmerga zu bezwingen und an den Verhandlungstisch zu zwingen, um die kurdischen Unabhängigkeitsabsichten zu stoppen. Auf irakischer Seite ist es ohne US-amerikanische Versorgung und unter dem Damoklesschwert möglicher Sanktionen, besonders in Betracht der iranischen Beteiligung an der Operation, wiederum unwahrscheinlich, dass die Armee weit über Kirkuk, Baschika oder Sindschar hinausgehen wird.

Angesichts der Tatsache, dass regionale und internationale Akteure mehrheitlich gegen Barzanis Streben nach einem unabhängigen Kurdistan sind und sich nicht aktiv gegen den für die Kurdenregion erdrückenden Verlust der ölreichen Kirkuk-Provinz aufgebäumt hatten, scheint es, als müsse der kurdische Teil den Frieden suchen. Das bedeutet für diejenigen, die beim Unabhängigkeitsreferendum im vergangenen Monat mit "Ja" gestimmt haben, dass ihr Traum zumindest vorerst weiter ein Traum bleiben muss.

Tallha Abdulrazaq ist Forscher am Institut für Strategie und Sicherheit an der Universität von Exeter und Gewinner des Jungforscher-Awards von Al Jazeera 2015.

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