Prorussisches "Horrorszenario" eines polnischen Journalisten geht bei Lesern nach hinten los

Prorussisches "Horrorszenario" eines polnischen Journalisten geht bei Lesern nach hinten los
Der polnische Journalist Jacek Żakowski, 2013
Seine Polemik entstand in tiefem Frust über die polnische Regierung. Anderen Absichten des Autors zum Trotz scheinen einige Vorschläge manchen Polen gar nicht so verkehrt. Das Stück heißt: "PiS befreit uns von der EU - Warten auf die Putin-Visite in Warschau".

von Alexander Palucki

Der meinungsbildende Beitrag hat bemerkenswerter Weise sehr gute, vom Autor Jacek Żakowski allerdings lediglich ironisch gemeinte Näherungsansatze zwischen Polen und Russland zum Thema.

Auf der ausnahmslos russlandkritischen Internetplattform wp.pl erschien der stark ironisierende Artikel des polnischen Journalisten, der außerdem regelmäßig für die ausgesprochen pro-westliche, sozialliberale Wochenzeitung Polityka schreibt.

Żakowski bemängelte die EU-kritische Regierungsweise der regierenden konservativ-katholischen Prawo i Sprawiedliwość (PiS), zu Deutsch: Recht und Gerechtigkeit. Seine These fußt auf der Annahme, dass es der polnischen Regierung gezielt darum geht, sich "von der Notwendigkeit der Achtung westlicher Standards zu befreien".

Das erfordere jedoch das Herausführen Polens aus der Europäischen Union und den Neuanschluss an den europäischen Osten, setzte Żakowski bissig fort. Von einem hypothetischen "Drehbuch" schreibend, spinnt er den Gedanken weiter und lamentiert:

Unter dem Vorwand der Rückgewinnung von Souveränität, Achtung, Unabhängigkeit, dem Recht auf Selbstbestimmung, der Verteidigung der Sicherheit aller Polen usw. usf., soll Polen stufenweise die westliche Gemeinschaft und ihre Institutionen (EU) verlassen.

Eine polarisierende Rhetorik, die der Autor bewusst wählte und in der seine Motive klar definiert zu sein scheinen: Die Absicht scheint zu sein, polnische Bürger, die die jetzige Regierung noch unterstützen, mit der Androhung eines nahenden EU-Austritts einzuschüchtern und sie dadurch wieder einer moderateren, westlicheren, stärker gleichgeschalteten Regierungsweise zuzuführen. Eine solche hatte zuvor alternativlos die jetzige Oppositionspartei Platforma Obywatelska (PO), zu Deutsch: Bürgerplattform vertreten.

Der bekannteste Politiker dieser Partei ist der ehemalige Ministerpräsident Donald Tusk, der seit 2014 das Amt des Präsidenten des Europäischen Rates innehat. Der Autor des Artikels legt in seinem Einschüchterungsversuch noch weiter nach, als er festhielt:

Wenn der Konflikt mit dem Westen uns dann in die Klemme bringt, wird uns das putinische Russland die helfende Hand reichen.

Seinem empfindlichen, journalistischen Spürsinn nach sollte diese Androhung vielen Polen ausreichen, um soziotechnologisch beeinflusst und skeptischer gegenüber den regierenden Politikern zu werden. Da anscheinend Russland in jedem Falle, egal, welche der beiden Volksparteien Polen regiert, der deklarierte Volksfeind bleiben müsse, rechnet er damit, dass diese Bogeyman-Taktik aufgeht.

Żakowski scheint allerdings die speziell aus der PiS-Fraktion kommende, russophobe Diplomatie willentlich zu übersehen, um sein Gedankenexperiment halbwegs plausibel aussehen zu lassen. Denn die jetzige polnische Regierung ließ, trotz vermehrter diplomatischer Irritationen zwischen Warschau und der EU-Führung, bisher nicht verlauten, dass die Russische Föderation deshalb als alternativer Partner im Osten in Frage käme.

Außerdem müsste geopolitisch die innere Situation der Ukraine seit 2013 in Żakowskis Gleichung Platz nehmen und dies würde die Glaubwürdigkeit seiner Hypothese enorm erschweren. In Żakowskis plumper Konstruktion zeigt sich ein weiterer Schwachpunkt: Eine Einwilligung der polnischen Führung zur Aufnahme Russlands in das internationale Komitee zur Gestaltung der Gedenkstätte Sobibor wäre ein erstes, wichtiges Zeichen in einer solchen Richtung gewesen. Dazu kam es jedoch nicht.

Verrostetes Schild an der Peripherie des deutschen Vernichtungslagers in Sobibor, im September 2014

Der polnische Journalist ergänzte lästernd:

Die Pointe wird sicherlich ein Warschau-Besuch Putins sein, aber schon in der nächsten Regierungsperiode, der Geschenke mitbringt in Form lukrativer Verträge sowie Währungsunterstützung für den polnischen Złoty, der kollabieren wird wie das britische Pfund, wenn der POLEXIT erstmal Form annimmt.

Żakowski fügt ironisch hinzu: "Es gibt ja gar keinen Grund, anzunehmen, dass PiS von Idioten geführt wird." Hier versucht er, einen riesigen Unterschied zwischen den Politikern von PiS und PO darzustellen, was allerdings eher einem Strohmann-Argument nahekäme. Żakowskis Text kann immerhin aber als eines von vielen anschaulichen Beispielen gelten, das die Strategie der kollektiven Meinungsbildung innerhalb Polens zur Schau stellt.

Die Schlüsse zieht jeder für sich allein

Wie unwahrscheinlich das von Żakowski gezeichnete Szenario mittlerweile ist, zeigt allein die derzeitige diplomatische Landschaft Polens.

Die einfachen Menschen sind jedoch anderer Ansicht. Es gibt viele Bürger, meist in den polnischen Internet-Foren zu finden, die sich nach einer Versöhnung mit dem russischen Volk sehnen. Obwohl politisch zurzeit nicht möglich, wäre die von Żakowski als furchteinflössende Karikatur gemeinte Vision vielen unsichtbaren und unterrepräsentierten Menschen in Polen sicher nicht zuwider.

Die Präsidentschaftswahlen im Jahre 2015 zeigten dies deutlich: Paweł Kukiz war der Überraschungskandidat, der 20,8 Prozent der Wählerstimmen für sich gewinnen konnte. Von einer Erschütterung darüber innerhalb der etablierten, politischen Elite zu sprechen, wäre untertrieben. Kukiz repräsentierte die von den etablierten Volksparteien enttäuschten und desillusionierten Menschen.

Er warb für eine Russland gegenüber, gemäßigte und wohlwollende Diplomatie. Außerdem übte er ernsthafte Kritik an der EU und kritisierte deutlich die rechtsextreme Entwicklung der Ukraine seit dem verfassungswidrigen Staatsstreich im Jahr 2014. In den letzten zwei Jahren wurde ein innerpolnischer Meinungskrieg geführt, der das polnische Volk in zwei Lager pferchte, fast unwiderruflich polarisierte und weitestgehend die Illusion einer bloßen Wahl zwischen zwei Übeln übrig ließ.

Ein polnischer Bürger kommt doch zu Wort

Ein polnischer Nutzer schrieb unter dem Artikel Żakowskis:

Dieses putinische Russland ist ja so schlimm für seine Bürger: Es hat alle Auslandsschulden abgezahlt; hat den Bürgerkrieg im Kaukasus auf eine Weise gelöst, von der die Amis im Irak und Afghanistan nicht einmal träumen können. Heute habe ich mir angeschaut, welchen neuen Motor Russland gerade für ein Zivilflugzeug prüft: gänzlich in Russland entworfen und produziert, zudem 17 große Fabriken erbaut. Eine wunderschöne Brücke für die Krim entworfen und gebaut. Die einheimische Produktion in den Läden haben sie um 70 bis 80 Prozent gesteigert, bei manchen sogar um 90. Die Werften sind aktiv. Zinssätze für Hypotheken sind gesunken. Für Polen wird das Glas stets halbleer sein. So eine Staatsräson haben sie sich selber festgelegt. Aber das heißt nicht, dass man hier solch einen Unsinn schreiben und die eigenen Leute belügen soll.

Kommentar eines Lesers, unter dem Żakowski-Artikel auf opinie.wp.pl, 31.08.2017