Finanzelite trifft sich im US-Luxus-Ressort Jackson Hole: Die Zentralbanken sitzen in der Falle

Finanzelite trifft sich im US-Luxus-Ressort Jackson Hole: Die Zentralbanken sitzen in der Falle
Symbolbild: Gäste des Jackson Hole beim Lunch, Wyoming, 29. August 2015
Im Wintersportort Jackson Hole wollen Top-Ökonomen und Bankmanager, auch solche der Zentralbanken, über Wege zur Wiedergewinnung einer dynamischen Weltwirtschaft diskutieren. Dass am Ende nur leere Kilometer stehen dürften, ist jedoch abzusehen.

von Ernst Wolff

In diesen Tagen trifft sich die internationale Finanzelite im beliebten Wintertourismusort Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming zur alljährlichen geldpolitischen Konferenz der Federal Reserve Bank of Kansas. Unter dem Motto "Die Förderung einer dynamischen Weltwirtschaft" diskutieren führende Vertreter der internationalen Zentralbanken mit Ökonomen und Topmanagern aus aller Welt die aktuellen Probleme im Finanzsektor.

Anders als das Motto vermuten lässt, findet das Treffen vor dem Hintergrund einer Weltwirtschaft statt, die sich immer mühsamer dahinschleppt und trotz zehnjähriger intensiver Bemühungen nicht mehr in Gang kommt. Der Grund: Ein Finanzsektor saugt mittlerweile auch auf globaler Ebene die Realwirtschaft aus, dessen Manipulation inzwischen ein historisch nie dagewesenes Ausmaß angenommen hat: Diesen Sektor beherrschen mittlerweile vor allem Zentralbanken.

Motor der Entwicklung: Die Zentralbanken

Die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, mit nigerianischen Waisenkindern.

Seit der Krise von 2007 haben die großen Zentralbanken der Welt mehr als 18 Billionen Dollar in das System gepumpt - das Stichwort hieß "Liquidität schaffen" - und weltweit mehr als 670 Mal die Zinsen gesenkt – euphemistisch ausgedrückt: "für billiges Geld gesorgt". Zwar hieß es, das billige Geld werde zum Zwecke der Ankurbelung der Wirtschaft vergeben, doch tatsächlich ist der Löwenanteil auf direktem Weg in das globale Finanzcasino geflossen. Dort hat er Aktien, Anleihen- und Immobilienkurse in schwindelerregende Höhen getrieben, einen riesigen Schuldenberg erzeugt und das größte je gesehene Ungleichgewicht zwischen Realwirtschaft und Finanzsektor geschaffen.

Obwohl Politiker aller Schattierungen nach der Finanzkrise von 2007/2008 versprochen hatten, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen und der internationalen Spekulation Einhalt zu gebieten, ist das Gegenteil geschehen: Der Finanzsektor ist heute noch weniger reguliert, die eingesetzten Summen sind noch größer und die Risiken damit noch höher als vor dem Beinahe-Crash von 2007/2008.

Inzwischen treiben die Zentralbanken zudem diesen Prozess immer kräftiger voran. Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres haben sie neues Geld in Höhe von 1,5 Billionen Dollar geschöpft und in Umlauf gebracht. Dazu haben sie in riesigem Ausmaß Staats- und Unternehmensanleihen gekauft und sich als Großaktionäre betätigt.

Während die Europäische Zentralbank (EZB) zahlungsunfähige Staaten - und damit auch deren Regierungen - bereitwillig über Wasser hält, gehört die Bank of Japan (BoJ) inzwischen bei mehr als 800 an der Tokioter Börse notierten Unternehmen zu den zehn größten Aktionären. Die Schweizer Nationalbank (SNB) hält weltweit Beteiligungen an mehr als 6.500 Unternehmen, davon 20 Prozent in Aktien.

Die Konzerne wiederum nutzen das von den Zentralbanken erhaltene billige Geld, um die eigenen Aktien zurückzukaufen und deren Kurse - sowie die daran gekoppelten Boni der Manager - noch weiter in die Höhe zu treiben. Dies stellt einen Mechanismus dar, der vor allem bewirkt hat, dass der Aktienkurs eines Unternehmens und dessen wirtschaftlicher Erfolg nichts mehr miteinander zu tun haben müssen.

Zwei Optionen, die beide ins Verderben führen

Dass das globale Gelddrucken bisher nicht zu einer im Alltag spürbaren Inflation geführt hat, liegt zum einen daran, dass von dem Geld kaum etwas in die Realwirtschaft geflossen ist. Zum anderen schwindet weltweit die Kaufkraft der Mehrzahl der Konsumenten, weil die Löhne international stagnieren oder - wegen der Ausweitung des Niedriglohnsektors - sogar sinken. Die Industrie kann deshalb die Preise für Konsumgüter nicht erhöhen, ohne die Nachfrage und damit den eigenen Gewinn zu verringern.

Während also im Alltagsleben kaum etwas von einer Inflation zu spüren ist, sind an den Aktien-, Anleihen- und Immobilienmärkten, also dort, wo das Geld hingeflossen ist, riesige Blasen entstanden. Zudem hat das zur Kreditaufnahme verführende billige Geld gewaltige Schuldenberge erzeugt, die in vielen Fällen - wegen der stagnierenden Realwirtschaft - nicht mehr bedient werden können. Wieder sind wir mit einer Vielzahl so genannten fauler Kredite konfrontiert.

Krisenbank: Viele Sorgen um das Finanzinstitut

Beide Probleme - die Blasen an den Märkten und der historische Höchststand bei Schulden und faulen Krediten - stellen die Zentralbanker der Welt vor ein unlösbares Problem. Ihnen stehen im Grunde nur zwei Optionen offen: Um eine weitere Zunahme der Blasen zu verhindern oder gar den Versuch zu unternehmen, diese zu verkleinern, müssten das Gelddrucken eingeschränkt und die Zinsen wieder angehoben werden. Um die Rückzahlung von Krediten zu ermöglichen und das Entstehen weiterer fauler Kredite zu verhindern, müssten dagegen die Zinsen weiter gesenkt und der Geldmarkt mit zusätzlichem billigem Geld versorgt werden.

Der einzige Ausweg aus einer ausweglosen Lage

Egal, wie man es dreht und wendet: Das gegenwärtige Finanzsystem befindet sich in einer ausweglosen Lage. Entweder es kommt zum Platzen der Blasen oder zum Zusammenbruch des Schuldenbergs. Beide Varianten werden mit Sicherheit zu Massenarbeitslosigkeit, zum Bankrott einer riesigen Zahl mittelständischer Unternehmen und zu drastischen Einschnitten bei Sozialleistungen und Renten führen.

Das wiederum dürfte erhebliche politische Unruhen nach sich ziehen, die vor allem in Europa die lange genossene relative Ruhe beenden, aber so lange fruchtlos bleiben werden, bis eine Mehrheit der Menschen erkennt, dass es nur einen wirklichen Ausweg aus der gegenwärtigen Situation gibt: Den der Finanzelite ergebenen Politikern das Vertrauen zu entziehen, das internationale Finanzcasino trockenzulegen und den Spekulanten ein für alle Mal die Kontrolle über den Lauf der Welt zu entreißen.