9. Jahrestag des Georgien-Konflikts: Wie sich Saakaschwili in Süd-Ossetien verspekuliert hat

9. Jahrestag des Georgien-Konflikts: Wie sich Saakaschwili in Süd-Ossetien verspekuliert hat
Symobolbild - Georgische Soldaten nehmen an einem Filmdreh auf der Militärbase Vaziani teil. Filmregisseur Renny Harlin drehte dort einen Film, basierend auf den Ereignissen des russisch-georgischen Konflikts im August 2008, 12. November 2009
Noch heute verbreiten deutsche Politiker und Journalisten gerne den Mythos vom russischen Angriff auf das friedliche Georgien im August 2008. Vor diesem Hintergrund seien einige Fakten zum Jahrestag des russisch-georgischen Krieges in Erinnerung gerufen.

von Zlatko Percinic

Am 8. August jährt sich der Krieg zwischen Russland und Georgien zum neunten Mal. Es lohnt sich deshalb, einen Blick zurück auf jenen Sommer 2008 und diesen Konflikt zu werfen, dessen Gründe und Konsequenzen selbst heute noch einen langen Schatten auf eine brodelnde Region werfen. Unsere westlichen Medien und Regierungen tragen eine Mitschuld an dieser Situation, da sie - von einigen sehr wenigen Ausnahmen abgesehen - samt und sonders die offizielle Linie der damaligen georgischen Regierung unter Micheil Saakaschwili übernommen und gegenläufige Berichte, wie zum Beispiel von OSZE-Beobachtern, absichtlich ignoriert haben.

Der Weg zum Kriegsausbruch am 8. August 2008

Georgien wird sehr gerne als ein homogener Staat porträtiert: ein Land mit einer christlichen Bevölkerung im Kaukasus, eingebettet zwischen einer russischen Übermacht im Norden, dem Schwarzen Meer im Westen, dem Kaspischen Meer im Osten und einer türkisch-muslimischen Übermacht (sunnitische Türkei und schiitisches Aserbaidschan) im Süden. Diese stark vereinfachte Darstellung Georgiens soll die westlichen Gemüter und Ideologen der "Demokratisierung und Menschenrechte" ansprechen, die sich in erster Linie für weiße Christen einsetzen. Und wenn sich dieser "Einsatz" auch noch gegen Russland richtet und sich Moskau als angeblicher Aggressor darstellen lässt, umso besser.

Wie so oft ist die Realität aber eine andere. Georgien ist eben nicht dieses Land mit einer homogenen christlichen Bevölkerung kaukasischen Urtypus', sondern ein Land mit großen armenischen, abchasischen (muslimisch-sunnitisch), ossetischen (überwiegend christlich, aber iranischen Ursprungs), aserbaidschanischen (muslimisch-schiitisch), adscharischen (georgische Muslime) und weiteren kleineren Minderheiten. Der wohl berühmteste Georgier ist Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, besser bekannt als Josef Stalin, obwohl auch er gemischtes Blut in sich trug: Sein Vater war Ossete, die Mutter Georgierin.

Es ist vermutlich auf Stalins Herkunft zurückzuführen, dass dieser trotz der brutalen und völlig willkürlichen Grenzziehung in den zentralasiatischen und kaukasischen Republiken der Sowjetunion, ganz nach dem alten Motto "Teile und herrsche", gerade den großen Minderheiten in Georgien umfangreiche Autonomierechte zugestand. Das Volk der Osseten hatten die Bolschewiken aber bereits 1922 entzweit, als sie diese auf Nord-Ossetien - mit der Hauptstadt Wladikawkas, das der russischen Republik zugesprochen wurde - und Süd-Ossetien aufteilten, ein Gebiet mit der Hauptstadt Zchinwali, das sie der Republik Georgien zuteilten.

Die Autonomie vor allem der Süd-Osseten geriet mit dem Aufflammen der georgischen Unabhängigkeitsbewegung Ende der 1980er Jahre unter starken Druck. Diese setzte parallel zur Politik von Perestroika und Glasnost des Kremlchefs Michail Gorbatschow ein und sah sich durch die neue Linie begünstigt. Entsprechend rief die Autonome Republik Süd-Ossetien bereits am 20. September 1990 ihre Unabhängigkeit aus, ein gutes halbes Jahr vor der formellen Unabhängigkeitserklärung Georgiens von der Sowjetunion, die am 9. April 1991 erfolgte.

Einen Monat später wählte Georgien Swiad Gamsachurdia, den Sohn eines berühmten georgischen Dichters, zum ersten Präsidenten der unabhängigen Republik Georgien. Der Nationalist kandidierte auf einer Plattform namens "Georgien den Georgiern!". Weitere vier Monate später entsandte Gamsachuardia Milizen nach Zchinwali, die zusammen mit anderen radikalen georgischen Kräften die südossetische Bevölkerung angriffen und damit eine erste russische Gegenreaktion auslösten.

Die Osseten bezeichnete der georgische Präsident als "Abfall der Geschichte", den Russen unterstellte er, an "biologischen Defekten wie Trunkenheit und Kannibalismus" zu leiden. Diese rassistische Ausrichtung, die Anfang der 1990er Jahre große Ähnlichkeiten mit der antislawischen Doktrin der Nazis im Deutschland der 1930er Jahre aufwies, bezeichnete die OSZE in ihrem Bericht von 2011 über die "Ethnische Säuberung der Osseten von 1989 bis 1992" als "extremen Nationalismus".

Erst nachdem Präsident Gamsachurdia im Januar 1992 gestürzt worden war und auf ihn dann Eduard Schewardnadse folgte, der insbesondere in Deutschland äußerst populäre ehemalige KGB-General und frühere sowjetische Außenminister, kam auf massiven Druck Russlands ein Waffenstillstand zwischen Süd-Ossetien und Georgien zustande, den beide Parteien am 24. Juni 1992 unterzeichneten. Eine Friedenstruppe von 1.500 Mann, bestehend aus jeweils 500 Soldaten aus Russland, Süd-Ossetien und Georgien, sollte über diesen Frieden wachen. Außerdem bat Schewardnadse Russland um Hilfe, um sich gegen jene Milizen behaupten zu können, die weiterhin dessen Vorgänger Gamsachurdia treu ergeben waren. Aus diesem Grund beschlossen Georgien und Russland 1994 ein Abkommen, wonach bis zu 20.000 russische Soldaten, auf drei Standorte verteilt, den inneren Frieden garantieren sollten.

Ein weiterer Brennpunkt und Gegenstand nationaler Schmach war die Niederlage Schewardnadses 1992, die zum Verlust des abchasischen Gebietes führen sollte. Schewardnadse wollte das Territorium 1992 mit Waffengewalt unter die Kontrolle von Tiflis bringen, was selbst der SPIEGEL im Nachruf anlässlich des Todes des "Silberfuchses" zugab. Sogar der vertriebene und im Westen in Ungnade gefallene Swiad Gamsachurdia sprach aus seinem tschetschenischen Exil von einer "Strafexpedition" Schewardnadses gegen das Autonome Gebiet von Abchasien und von einem Versuch der Auslöschung des ganzen abchasischen Volkes. Er bemängelte auch in zutreffender Weise die Unterstützung vonseiten der USA unter Außenminister James Baker III., der sich in Tiflis mit den Putschisten traf und diesen somit internationale Legitimität verlieh. Ein Schelm, der jetzt an den Maidan-Putsch in Kiew und der Ukraine vom Februar 2014 denkt!

Soldaten der US-Army bei der Eröffnung des US-geführten Militärmanövers

Das Waffenstillstandsabkommen von 1992 zwischen Georgien und Süd-Ossetien wurde bis 2003 weitgehend eingehalten. Doch mit der so genannten Rosenrevolution, die den in den USA ausgebildeten Micheil Saakaschwili an die Macht brachte, begann in den darauffolgenden Jahren dieser Status Quo zu bröckeln. Im Februar 2004 erschossen beispielsweise georgische Spezialkräfte einen ranghohen Beamten des südossetischen "Verteidigungsministeriums", im Mai desselben Jahres marschierten georgische Truppen im Rahmen eines vorgeblichen Einsatzes gegen Schmuggelnetzwerke auf südossetisches Territorium ein. Im August beschossen sie die Hauptstadt Zchinwali mit Mörsergranaten, wobei vier Zivilisten ums Leben kamen.

Vor der UN-Vollversammlung im September 2004 legte Saakaschwili einen Drei-Stufen-Plan vor, wie er trotz Ablehnung vonseiten der Abchasen und Südosseten diese Gebiete innerhalb kürzester Zeit wieder unter georgische Hoheit bringen möchte. Die Feindseligkeiten des Sommers hätten ihn und insbesondere seine Unterstützer in Washington und Brüssel eines Besseren belehren sollen. Sie hätten sich den Bericht der International Crisis Group vom November 2004 zu Herzen nehmen sollen, der genau vor solchen Schritten gewarnt hatte.

Stattdessen versuchte Saakaschwili eine Politik der Faktenbildung zu erzwingen. Die politische Ausrichtung Georgiens stellte er vollkommen auf den Westen um, auf die Aufnahme seines Landes in die Europäische Union und die NATO. Artikel wie beispielsweise jener von Oliver Bilger in der WELT ("Georgien wirft Russland schleichende Annexion vor" vom 28.8.2015) zeigen in anschaulicher Weise auf, warum die Probleme in Georgien bei uns im Westen nicht verstanden werden. Bilger zeichnet ein Bild von einer "kleinen Kaukasusrepublik", die "gegen den übermächtigen Nachbarn hilflos" ist, die sich "gegen die russische Besatzung wehrt, aber machtlos ist gegen den großen Nachbarn im Norden" und sich deshalb versucht, "durch eine enge Anbindung an Europa zu schützen". Das ist das Bild, das sowohl die georgische Regierung als auch westliche Medien und Regierungen in völliger Ausblendung der Realität und Geschichte sowohl der Region als auch der Menschen dort zeichnen. Mit keiner Silbe geht Oliver Bilger auf die georgischen Verbrechen Anfang der 1990er Jahre in Süd-Ossetien und Abchasien ein, die erst zu diesem Problem geführt haben.

Solange diese Probleme nicht gelöst sind, würde Georgien der Weg in die EU und NATO versperrt bleiben. Dies machte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel 2008 dem nur 42 Tage vor Ausbruch des Krieges zu Besuch in Berlin weilenden Präsidenten Saakaschwili klar. Solange sich eine internationale UN-Mission (UNOMIG) im Land befinde, erklärte Merkel, könne es keine Gespräche über eine Aufnahme in die NATO geben. Für Saakaschwili bedeutete dies also, die aus georgischer Sicht abtrünnigen Gebiete von Süd-Ossetien und Abchasien so schnell wie möglich unter Kontrolle bringen zu müssen, damit die Verhandlungen ernsthaft beginnen können. Über das Wie würde sich in Washington und Brüssel sowieso niemand wirklich scheren, solange man Russland als Prügelknaben benutzen konnte.

Saakaschwili wollte Georgien als zweites Israel verkaufen

Dass Georgien schon seit längerer Zeit eine militärische Lösung für ein politisches Problem suchte, illustriert die im Zusammenhang mit dem Konflikt wenig bekannte Verbindung der Regierung in Tiflis zu Israel.

Saakaschwili wollte erreichen, dass Washington in Georgien einen ähnlich engen Verbündeten sieht wie in Israel. Gleichzeitig wollte er Israel dazu bewegen, wie in Dutzenden anderen Fällen - der bisher medial am meisten aufgebauschte Fall ist in diesem Zusammenhang der Iran-Contra Skandal – die Interessen der USA vor Ort wahrzunehmen, in diesem Fall in Georgien. Mithilfe georgisch-israelischer Doppelstaatsbürger, die Anfang der 2000er Jahre Israel verlassen haben - darunter auch Davit Keseraschwili und Temur Jakobaschwili - schaffte es Georgiens Regierungschef, den Kontakt zwischen israelischen Rüstungsunternehmen und dem georgischen Verteidigungsministerium herzustellen.

Saakaschwili ernannte Keseraschwili, der Israel aufgrund einer drohenden Anklage wegen Drogendealerei eher unfreiwillig verlassen hatte, im Jahr 2006 mit gerade mal 28 Jahren zum Verteidigungsminister. Jakobaschwili berief er zum Minister zur Reintegration von Süd-Ossetien, eine Orwellsche Bezeichnung für den Willen zur gewaltsamen Rückerlangung. In einer zweifelhaften Anspielung erklärte Saakaschwili in Tiflis anschließend, dass "beides, Krieg und Frieden, in Händen von israelischen Juden ist". Auch der damalige Parlamentspräsident David Bakradze ist Jude. Ungeachtet dieser ostentativ proklamierten und von kryptischen Andeutungen begleiteten Nähe zu Israel und zum Judentum im Allgemeinen - oder auch gerade deshalb - ist Antisemitismus nach wie vor ein Thema in Georgien. Schließlich tragen nach dieser Logik Juden ja auch die Verantwortung für Misserfolge auf dem Schlachtfeld.

Bildquelle: Verteidigungsministerium von Georgien

Jerusalem machte anfangs gute Miene zum bösen Spiel. So lieferte Israel zwischen 2001 und Ende 2007 Drohnen, Nachtsichtgeräte, 160-mm GRADLAR-Mehrfachraketenwerfer, Munition, Raketen, Granaten, Geräte zur elektronischen Kriegsführung und, wie man munkelt, aus US-amerikanischen Depots in Israel auch US-Bestände an Kriegsgerät in die transkaukasische Republik. Tiflis bezahlte die Rüstungsgüter mit US-Steuergeldern. Zudem half der im Libanonkrieg 2006 bedeutende israelische Brigadegeneral Gal Hirsch bei der Ausbildung von Eliteeinheiten - Deutschland und Frankreich übernahmen die Ausbildung der Infanterie und Artillerie. Hirsch wies diese auch in Methoden des israelischen Inlandgeheimdienstes Shin Bet ein. Israelische Ausbilder, die Georgien vier Monate vor Kriegsausbruch verlassen hatten, gaben an, dass es "eine Atmosphäre eines bevorstehenden Kriegsausbruchs" gab, dass aber die "Georgier wohl nicht mit den Kämpfen beginnen würden, solange israelische Kräfte dort sind".

Präsident Mikhail Saakaschwili träumte von einem Georgien als "Israel des Kaukasus", das in ähnlicher Weise wie der traditionelle US-Verbündete mit der Rückendeckung vonseiten der USA im Konfliktfall rechnen konnte. Und tatsächlich sah es bis Anfang August 2008 ganz danach aus, als ginge diese Rechnung auf. Noch im Juli machten es sich US-Truppen auf dem ehemaligen sowjetischen Stützpunkt in Vaziani bei Tiflis bequem. Zweitausend georgische Soldaten hatte Tiflis den USA für die Besetzung des Iraks zur Verfügung gestellt, was Saakaschwili als Zeichen einer zementierten Freundschaft zu John McCain, Dick Cheney und Präsident George W. Bush wertete.

Immerhin engagierte der georgische Regierungschef 2004 denselben außenpolitischen Berater, der schon einige Jahre zuvor für John McCain gearbeitet hatte und der anschließend im Rahmen von McCains Präsidentschaftswahlkampf 2008 wieder für den Senator aus Arizona tätig wurde. Randy Scheunemanns Unternehmen hingegen verlängerte auch während der Beratertätigkeit des Inhabers Scheunemann für John McCain den Vertrag mit der georgischen Regierung. Bei einem Zwei-Mann-Unternehmen dürften in diesem Zusammenhang zwar ernsthafte Interessenkonflikte entstanden sein, die alle Beteiligten natürlich bestritten.

Randy Scheunemann war zudem Direktor des berüchtigten neokonservativen Think Tanks Project for a New American Century (PNAC) und auch Berater des Exilirakers Achmed Tschalabi, der sich der US-amerikanischen Regierung bereits vor 2003 als Heilsbringer für den Irak präsentiert hatte und auf eine US-Invasion drang. Nach dem Sturz von Saddam Hussein wechselte er zum mächtigen American Enterprise Institute (AEI), wo er sich auch für einen US-Angriff auf den Iran stark machte.

Kurz vor dem georgischen Angriff

Das Kalkül von Scheunemann und Saakaschwili lief wohl darauf hinaus, dass unter einem Präsidenten John McCain der angestrebte Krieg gegen Russland die Amerikaner auf den Plan rufen und eine massive US-Intervention auf der Seite Georgiens nach sich ziehen würde. Bereits im April 2008 entsandte Saakaschwili deshalb seine Truppen in Richtung Abchasien, wurde aber im letzten Moment von EU-Diplomaten zurückgepfiffen, die sich vor den Konsequenzen fürchteten.

Performance

Im Juli standen die Sterne offensichtlich besser, als mit dem beruhigenden Wissen der Präsenz von US-Truppen im Land der georgische Präsident und dessen junger Verteidigungsminister Davit Keseraschwili Ende des Monats, unmittelbar nach Abschluss der NATO-Übung "Immediate Response 2008", der 2., 3. und 4. Infanteriebrigade, der Artilleriebrigade, dem separaten Panzerbataillon Gori sowie fünf weitere Panzerbataillonen, Truppen des Innenministeriums sowie Spezialeinheiten den Befehl zum Auszug aus den Kasernen erteilten. Insgesamt 16.000 Mann sowie deren schweres Kriegsgerät sollten in der von Georgien gehaltenen Enklave von Kurta in Süd-Ossetien bis zum 7. August stationiert werden. Mindestens 300 Artillerieeinheiten standen in Angriffsposition bereit, wie Leutnant Arsen Sukhischwili, der Stabschef der Artilleriebrigade, später zugeben sollte.

Bereits am 4. August beschwerte sich der russische Vize-Außenminister Grigory Karasin deshalb bei seinem US-Amtskollegen Daniel Fried über den georgischen Truppenaufmarsch in Süd-Ossetien. Zuvor war es am 1. August zu einem schweren Zwischenfall gekommen, als georgische Scharfschützen - siehe auch den Bericht der Washington Post – sechs ossetische Fischer getötet hatten, als wären diese Freiwild. Am späten Abend des 5. August begannen die georgischen Streitkräfte zudem, von dem nur drei Kilometer von der südossetischen Hauptstadt Zchinwali entfernten Dorf Nikozi aus die Stadt zu bombardieren.

Als Grund nannten sie die Bekämpfung angeblicher russischer Truppen in Zchinwali, die sich durch die einzige Verbindung zwischen Nord- zu Süd-Ossetien, den Roki-Tunnel durch den Kaukasus, zum Zwecke der Eroberung von Tiflis eingeschlichen hätten. Dieser lächerliche Vorwurf wurde auch von den in der Stadt befindlichen OSZE-Beobachtern kategorisch zurückgewiesen. Die einzigen russischen Truppen, die zu diesem Zeitpunkt in Zchinwali waren, waren Teil eines Regiments der 58. Armee, deren Hauptquartier sich in Nord-Ossetien befindet und die sich im Rahmen des 1992 geschlossenen Waffenstillstandsabkommens als Friedenstruppe dort befanden.

Das letzte Anzeichen dafür, dass eine georgische Offensive unmittelbar bevorsteht, war der plötzliche Abzug der georgischen Offiziere aus dem gemeinsamen Kommandostab der georgisch-südossetisch-russischen Friedenstruppe am 7. August um 14.45 Uhr. Nach russischen Angaben begann eine Stunde später erneut die Bombardierung von Zchinwali durch georgische Artillerie. In einer zynischen und für die westliche Propaganda gedachten Fernsehansprache erklärte der georgische Präsident Micheil Saakaschwili um 19 Uhr eine unilaterale Feuerpause. In einem Meinungsartikel vom 14. August 2008 in der Washington Post sagte er außerdem, dass

unsere wiederholten Versuche, die russische Führung zu erreichen, zurückgewiesen wurden. Russlands Außenministerium bestritt sogar, unsere Feuerpause-Erklärung erhalten zu haben, selbst Stunden nachdem diese offiziell und öffentlich ausgestrahlt wurde.

Die Darstellung war eine einzige Schutzbehauptung.

In einer weiteren Fernsehansprache am 7. August um 21.45 Uhr erklärte Saakaschwili seinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern nämlich:

Wir sind in konstantem Kontakt mit der Führung des russischen Außenministeriums, und das Ministerium sagt uns, dass Russland versucht, die Separatisten von bewaffneten Auseinandersetzungen abzuhalten, jedoch ohne Erfolg.

Diese kleine Episode verdeutlicht allzu deutlich, wie sehr es Saakaschwili darauf angelegt hatte, die westlichen Regierungen und Medien zu manipulieren, damit diese eine eindeutige pro-georgische Linie einnehmen - sofern es dazu überhaupt der Manipulation und der Lügen bedurft hätte.

Fakt ist jedenfalls, dass Georgien am 7. August um 22.30 Uhr das Bombardement von Zchinwali mit einer Barrage von 27 BM-21 Grad-Raketen wiederaufnahm. Zehn Minuten später informierte die georgische Regierung den Kreml in Moskau, dass man beabsichtige, Süd-Ossetien mit militärischer Gewalt unter die Souveränität Georgiens zu bringen. Und wie um dieser Ankündigung noch mehr Gewicht zu verleihen, schlug eine halbe Stunde später eine Granate in das Hauptquartier der russischen Friedenstruppe ein, tötete dabei zehn und verwundete weitere 30 russische Soldaten.

Entgegen sämtlichen Behauptungen der georgischen und amerikanischen Seite durchquerten die ersten russischen Truppen - Teile der 19. Infanterie-Division der 58. Armee - erst in der Nacht um 2.06 Uhr den Roki-Tunnel, um auf die südossetische Seite zu gelangen, sprich: über dreieinhalb Stunden nach der Attacke auf Zchinwali mit BM-21-Grad-Raketen. Nur sechs Stunden nach Verlassen der Kasernen in Nord-Ossetien erreichten die ersten fünf Einheiten der 19. Division die umkämpfte Stadt. Sie griffen zum ersten Mal am Morgen des 8. August um 7.30 Uhr in die Kämpfe mit ein.

Nachdem sich im Verlauf des Vormittags des 8. August eine Übernahme der Stadt durch georgische Truppen abzuzeichnen begann, deren modernisierte Luftwaffe zudem mit fünf Su-25-Bombern einen aus Nord-Ossetien kommenden humanitären Konvoi in der Nähe des Dorfes Tkverneti angriff, entschied die russische Regierung am Nachmittag, zusätzliche Truppen der 58. Armee nach Süd-Ossetien zu entsenden. Bis zum 9. August trafen somit weitere Regimenter der 19. Infanterie-Division ein, jeweils ein Regiment der 76. und 98. Fallschirmjäger-Division, 218 Elitesoldaten des 45. Aufklärungsregiments der Fallschirmjäger und die hochspezialisierte 22. Speznas-Brigade der russischen Armee, die es mit den georgischen Spezialeinheiten aufnahm und diese schnell aufrieb.

Bereits am 8. August gab Saakaschwili den Befehl zum sofortigen Abzug der 2.000 im Irak stationierten georgischen Truppen, die er in der Hoffnung auf einen raschen Sieg noch ins Kriegsgeschehen miteinbringen wollte. Die US Air Force flog die Soldaten auch alsbald von Bagdad nach Tiflis aus, doch es sollte bei einer überhasteten und sinnlosen Übung vonseiten des georgischen Präsidenten bleiben.

Schließlich erklärte der russische Präsident Dmitri Medwedew am 12. August 2008 die Kämpfe für beendet, da die russischen Streitkräfte ihre Ziele erreicht und die "georgischen Behörden zum Frieden gezwungen" hätten.

Gouverneur Micheil Saakaschwili empfängt den US-amerikanischen Senator John McCain; Odessa, 23. September 2015.

Die Schuldfrage und der Mythos vom "russischen Regime-Change-Versuch"

Noch heute, neun Jahre nach dem fünftägigen Krieg um die kleine Volksgruppe der (Süd-)Osseten im Kaukasus zwischen Russland und Georgien, hält sich in der westlichen Wahrnehmung hartnäckig die von Saakaschwili und der US-Botschaft in Tiflis vom ersten Tag an gesponnene Propaganda, Russland habe das kleine Georgien angegriffen.

Ganz nach der Vorstellung des georgischen Präsidenten vom "Israel des Kaukasus" sollte dieser Krieg vom August 2008 als ein Kampf zwischen David und Goliath porträtiert werden. Doch ganz im Gegensatz zur israelischen Armee nach den Angriffen vonseiten arabischer Nachbarstaaten zwischen 1948 und 1967 gab es in diesem Fall weder einen militärischen Sieg Georgiens noch eilte Washington zu Hilfe, wie es sich die Regierung in Tiflis wohl vorgestellt hatte. Außer einem "Wir sind alle Georgier!" des Präsidentschaftskandidaten John McCain - knappe sechs Jahre später hieß es "Wir sind alle Ukrainer!" - stand Saakaschwili mit ziemlich abgesägten Hosen da.

Ebenso wie die Schuldfrage verkauften Saakaschwili und Davit Keseraschwili auch das Gerücht eines versuchten Regimewechsels in Tiflis durch Russland, was westliche Politikern mit Begierde für bare Münze nahmen. Insbesondere deutsche Politiker und Diplomaten wie beispielsweise Rolf Nikel, der damalige stellvertretende Leiter der Abteilung Außen- und Sicherheitspolitik im Bundeskanzleramt und heutige Botschafter in Polen, ereiferte sich ob dieser georgischen Propaganda, der er bereitwillig Glauben schenkte. So ließ Nikel seinem Unmut bei einer der zahllosen Unterrichtungen in der US-Botschaft in Berlin freien Lauf, wo er sich bei dem zu politischen Gesprächen weilenden Kongressabgeordneten Dana Rohrabacher darüber ereiferte, dass der versuchte Regimewechsel gescheitert sei und dass Russlands "Aktionen entsprechend stark beantwortet" werden müssten.

Derselbe Rohrabacher erklärte aber später vor einer Anhörung im außenpolitischen Ausschuss des US-Kongresses, dass "die Russen Recht hatten, (und) wir falsch lagen" und dass "die Georgier den Krieg angefangen und die Russen ihn beendet haben".

Obwohl US-Medien den amerikanischen Kongressabgeordneten dafür umgehend als "Kremlapologet" brandmarkten und dieser sicherlich nicht auf viel Gegenliebe in Berlin stieß, kam auch eine vom Europäischen Rat, dem Gremium der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union, beauftragte Untersuchungskommission zum selben Schluss: Die Verantwortung für den Kriegsausbruch zwischen Russland und Georgien über das kleine kaukasische Territorium von Süd-Ossetien am 8. August 2008 liegt bei der georgischen Regierung unter Micheil Saakaschwili.

Interessanterweise erwähnte ein nicht genannter Diplomat der georgischen Botschaft in Berlin gegenüber der US-Mission, dass "ein Führungswechsel [in Georgien/Anm.] erstrebenswert sein könnte, wenn sich die Dinge etwas beruhigt haben", da seiner Meinung nach "Saakaschwili einen Teil der Schuld für den bewaffneten Konflikt" trage.

Für den deutschen Diplomaten Rolf Nikel war das alles jedenfalls ein Anathema: Deutschland sei zwar "kein 100-prozentiger Fan" des georgischen Präsidenten. Doch ein Machtwechsel in Tiflis käme für Berlin nicht in Frage, da dieser eine "ultimative Erreichung russischer Ziele repräsentieren" würde, weshalb Deutschland weiterhin Saakaschwili unterstützen werde.

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