Friedensforscher Jan Oberg zu RT: NATO-Türkei-Konflikt zeigt Risse in westlicher Militär-Allianz

Friedensforscher Jan Oberg zu RT: NATO-Türkei-Konflikt zeigt Risse in westlicher Militär-Allianz
Etwas Düsteres braut sich innerhalb der NATO zwischen Brüssel und Ankara zusammen. Besorgniserregend ist es, weil die Türkei die zweitgrößte militärische Macht dieser Allianz ist. Sie ist nicht Montenegro, so der Friedensforscher Jan Oberg im Gespräch mit RT.

Ankara hat den deutschen Bundestagsabgeordneten nun auch den Zugang zu Truppen verweigert, die auf der Luftbasis Konya in der südwestlichen Türkei stationiert sind.

Konya ist sowohl eine militärische Luftwaffenbasis als auch ein öffentlicher Flughafen. Es ist zudem ein wichtiges Trainingszentrum für die türkische Luftwaffe. Truppen mehrerer NATO-Mitgliedsländer, darunter auch Deutschlands, befinden sich dort. Deutschen Politikern war bereits zuvor der Zugang zur Basis Incirlik verweigert worden. Im Moment werden die deutschen Truppen von dort abgezogen.

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RT sprach mit Jan Oberg, dem Direktor der transnationalen Stiftung für Frieden und Zukunftsforschung.

Herr Oberg, wie bedeutend ist es, dass die NATO nun versucht, in dem Streit zu vermitteln? Wird die Situation dadurch nicht noch mehr eskalieren?

Wenn man die ganze Konfliktbildung zwischen der NATO und der Türkei betrachtet, sind wir in einer Situation, in der die Türkei im Zentrum einer Reihe von Konflikten steht. Erst einmal soll die NATO ja die Demokratie verteidigen. Die Türkei verlässt hingegen die Demokratie. Man hat ja die Rede von Präsident Erdogan zum Jubiläum des Putschversuchs gehört.

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Türkische Soldaten stehen am Mausoleum des Staatsgründers Kemal Ataturk bei einer Zeremonie zu seinem 65. Todestag im November 2003.

Zweitens gibt es einen riesigen Konflikt in Syrien. Die Türkei zum Beispiel trat in den Konflikt ein, um Katar zu unterstützen, welches die einzige Partei in diesem Konflikt mit Saudi-Arabien war, die die USA ablehnten. Wenn man diese ernste Sache aus einer NATO-Sicht betrachtet, arbeitet die Türkei jetzt mit Russland besonders in der Syrienkrise zusammen. Betrachtet man nun wiederum Syrien, so sieht man, dass der Westen die Kurden unterstützt, die ein Hassobjekt von Erdogan und der Türkei sind. Und so geht es weiter. Wenn ich Jens Stoltenberg wäre, wäre ich in der Tat sehr, sehr besorgt. Er drängt nicht nur dazu, dass Deutschland und die Türkei einander treffen. Ich glaube, er muss heute am Telefon alle zusammengerufen haben, denn etwas sehr, sehr Ernstes geschieht in der Allianz. Die Türkei besitzt die zweitgrößte Armee in diesem Bündnis. Sie ist nicht Montenegro.

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Welche Optionen hat die NATO? Haben sie Angst davor, dass die Türkei aus der Allianz austreten könnte? Was denken Sie, dass sie der Türkei sagen werden?

Es gibt in jeder Organisation eine Grenze, wie weit ein Land oder ein Mitglied einer Organisation - sei es eine politische Partei, eine Vereinigung oder was auch immer - direkt gegen die offizielle Politik, die offizielle Rhetorik oder die Formulierung der Ziele dieser Organisation gehen kann. Warum sollten wir für selbstverständlich halten, dass die NATO etwas ist, das für immer existieren wird? Jeder dachte, der Warschauer Pakt würde für immer bestehen. Es dauerte ein paar Tage, ein paar Wochen, ein paar Monate, und dann war es vorbei. Ich sage nicht, dass es genauso schnell passieren wird. Aber wenn ich in der NATO wäre und diese heftigen Konflikte zwischen den USA und den europäischen Verbündeten beobachten würde, die sich um die Frage drehen, wie viel und an wen gezahlt werden muss. Dazu kommt dann die Behauptung des US-Präsidenten Trump, dass Europa den USA eine Menge Geld schulde. Wenn Sie dies alles zusammennehmen, wird klar, dass dies eine ernste Krise in einer Allianz ist, deren Politik es sein soll, zusammenarbeiten, wenn es wirklich nötig ist. Also: Ich wäre sehr besorgt.

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Was kann die NATO tun, um zu versuchen, die Türkei in dieser Situation zu besänftigen?

Ich denke nicht, dass es viel gibt, was getan werden kann. Die Türkei geht im Moment ihren eigenen Weg und macht Dinge, die beispiellos sind. Wenn jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, dass ein führendes Mitglied der Allianz das tun würde, was die Türkei in den letzten Jahren getan hat, hätten die Leute gelacht und gesagt: "Nein, nein, nein, das wäre nicht möglich innerhalb der Allianz..."

Sie können zum Dialog aufrufen. Sie können an gutes Verhalten und Manieren appellieren. Sie können hier und da ein wenig protestieren, aber das Bündnis hat nun Risse bekommen, die zu reparieren definitiv eine lange Zeit in Anspruch nehmen wird, falls das überhaupt möglich ist. Jetzt haben Sie andere Länder und andere Möglichkeiten. Wir haben auch einen tiefen Konflikt darüber, was mit dem Iran passieren soll. Die USA mit all den Iranophoben in Washington um Trump steuern eine Richtung an, bei der sie offensichtlich planen, den Iran früher oder später anzugreifen. Dann haben wir ein Europa, das sagt: "Lasst uns nicht auf den Atomdeal verzichten. Lasst uns das nicht tun. Lasst uns zusammenarbeiten und den Iran dazu einladen, ihn umzusetzen, was wir auch versprochen haben, anstatt unsere Versprechen zu brechen, wie es Washington tat." Das sind ernsthafte politische Fragen auf hohem Niveau.

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