Expertin: "Medienverbot während der Mossul-Kampagne half, volles Ausmaß der Zerstörung zu verbergen"

Expertin: "Medienverbot während der Mossul-Kampagne half, volles Ausmaß der Zerstörung zu verbergen"
Zerstörte Gebäude nach Zusammenstößen während der Kampfhandlungen zwischen irakischen Streitkräften und Kämpfern des IS in der Altstadt von Mossul im Irak.
Familien aus den schwer beschädigten Nachbarschaften des westlichen Teils der Stadt Mossul werden wahrscheinlich monatelang nicht nach Hause zurückzukehren können. RT sprach mit der hochrangigen UN-Funktionsträgerin Lise Grande und weiteren Experten.

Nachdem die irakische Regierung am Montag den Sieg über die Terrormiliz IS in der Region erklärt hat, beginnen die Menschen, in die irakische Stadt Mossul zurückzukehren.

Die UN schätzt jedoch, dass es Milliarden US-Dollar kosten und Jahren dauern wird, um die Stadt wieder aufzubauen, da ein erheblicher Teil Mossuls in den neun Monaten des Kampfes nahezu vollständig verwüstet worden ist.

Die NGO Human Rights Watch macht im Zusammenhang mit der Befreiung der Stadt auch den Regierungskräften Vorwürfe. So habe die Koalition eine Reihe von Waffen verwendet, die ungenau sind und "in rechtswidriger Weise wahllos [töten können], wenn sie in stark bevölkerten Gebieten verwendet werden".

Darüber hinaus ist derzeit noch eine weitere Befreiungskampagne im Gange. US-unterstützte Rebellen bereiten sich auf die Einnahme der syrischen IS-Festung von Rakka vor. Die UNO gibt an, dass zwischen 30.000 und 50.000 Menschen derzeit in der Stadt gefangen sind. Fast 200.000 ist es bislang gelungen, zu fliehen.

RT sprach mit Lise Grande, der stellvertretenden Sonderbeauftragten der Unterstützungsmission der Vereinten Nationen für den Irak.

RT: Amnesty International und andere Organisationen erklärten kürzlich, die Taktiken von irakischen Streitkräften und ihren US-geführten Koalitionsverbündeten bei der Befreiung von Mossul könnten sogar Kriegsverbrechen gleichkommen. Was sagen Sie dazu?

Lise Grande: Ich übe derzeit die Funktion des humanitären Koordinators für den Irak aus. Ich denke, es ist wichtig, daran zu erinnern, dass sich die irakischen Sicherheitskräfte zu Beginn der Schlacht um Mossul im Oktober letzten Jahres zu einem humanitären Konzept im Rahmen der Operationen verpflichtet, dass sie den Schutz von Zivilisten in den Mittelpunkt ihres Kampfplans gestellt hatten. Sie hatten sich verpflichtet, alles Mögliche zu tun, um sicherzustellen, dass Zivilisten während des Kampfes geschützt wurden. Sie blieben diesem humanitären Operationskonzept während des neunmonatigen Kampfes um die Wiedereinnahme Mossuls verpflichtet. Ich denke, das war eine sehr wichtige und bedeutsame Anstrengung. Die UNO war nicht vor Ort auf dem Schlachtfeld. Also ist es uns in diesem Stadium nicht möglich, zu bestätigen oder nicht zu bestätigen, was Amnesty International berichtet.

RT: Zuerst ging die Koalition davon aus, dass die Mossul-Offensive sehr schnell zum Abschluss gebracht werden könne, aber das war bei weitem nicht der Fall. Warum glauben Sie, dass die Operation sich so in die Länge zog?

LG: Es ist offenkundig, dass die Kämpfe die heftigsten der gesamten Militärkampagne waren. Es gibt immer noch Ecken in der Altstadt, wo gekämpft wird. Wir wissen es nicht sicher, aber wir schätzen, dass es wahrscheinlich Hunderte von Zivilisten gibt, die noch in diesen Nischen gefangen sind. Ihre Umstände sind alarmierend. Wir sind uns bewusst, dass unter den Menschen, die gefangen sind, ältere, behinderte und kleine Kinder sind, die voneinander getrennt wurden - es ist herzzerreißend. Es gibt viele dieser Menschen, die nicht einmal in Sicherheit über die Frontlinie gehen könnten. Sie sind so schwach, dass ihnen geholfen werden muss. Wir wissen, dass sie kein Essen hatten. Viele von ihnen sind verzweifelt, da sie kein Wasser haben. Wir sind sehr besorgt um all diese Personen.

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen hat eine vorläufige Schadens- und Verlustbeurteilung für das westliche Mossul abgeschlossen. Es gibt demnach 54 Wohnviertel im westlichen Teil der Stadt und 15 von ihnen wurden schwer beschädigt oder zerstört; 23 von ihnen wurden mäßig zerstört; 16 leicht zerstört. Ich denke, wir müssen uns ehrlich darüber im Klaren sein, dass es für die Familien, die in den schwer beschädigten Nachbarschaften gelebt hatten, unwahrscheinlich ist, in den nächsten Monaten, wenn nicht sogar über einen längeren Zeitraum, in ihre Häuser zurückzukehren. Für Familien, die aus den mäßig und leicht zerstörten Gebieten kommen, werden die Regierungsstellen und wir selbst alles tun, um die öffentliche Infrastruktur - Elektrizität, Wasser, Abwassersysteme - zu reparieren und Gefahren explosiver Art zu beseitigen, damit die Familien zurückkehren und ihr Leben wieder aufbauen können.

"Medien-Blackout"

Ebenfalls zur Situation im befreiten Mossul und zu den möglichen Konsequenzen für die Operation in Rakka sprach die politische Kommentatorin Marwa Osman mit RT.

RT: Wird der Preis für die Befreiung von Rakka in Bezug auf ziviles Leid so hoch wie in Mossul sein?

Marwa Osman: Nein, definitiv nicht. Eine Niederlage des IS darf nicht auf Kosten der Zivilbevölkerung geschehen, vor allem auf Kosten der Zivilisten in den belagerten Gebieten, wie es in Mossul passiert ist, oder wie es gerade in Rakka geschieht. Ich denke, wir haben gesehen, dass sich die USA im vergangenen Jahr, also von Januar bis jetzt in Mossul sehr schnell bewegt haben. Für die Medien gilt auch ein Berichterstattungsverbot, seitdem die Offensive gegen den IS innerhalb von Mossul begann. Sie erlaubten es niemandem, Fotos zu machen oder in Form von Berichten darüber zu erzählen, was los ist, wegen der gigantischen ZahlaLuftangriffen, die sie durchgeführt hatten – sowohl auf zivile als auch auf vom IS gehaltene Gebiete.

Also herrscht nun Angst vor der Erwartung, dass die gesamte Provinz Rakka und nicht nur die Stadt ins Visier genommen wird ist oder sie dies als erste Phase in einer Kampagne zur Befreiung von Rakka vorbereiten. Aber die Tatsache, dass es dort eine hohe Anzahl an Zivilisten gibt, macht es, ähnlich wie in Mossul, sehr riskant für die US-geführte Koalition, eine solche Luftoffensive zu starten.

Es sind beispielsweise bereits 160.000 Menschen, hauptsächlich Zivilisten, aus dem Gebiet geflohen. Es befinden sich jedoch noch mehr als 150.000 in der gesamten Provinz Rakka, die noch von den Terroristen belagert wird und die das Territorium nicht verlassen dürfen.

Deshalb wird jede Art von Kampagne gegen dieses Gebiet mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die zivilen Opferzahlen deutlich erhöhen. Um ehrlich zu sein, haben die USA keine Art von Bereitschaft zur Verteidigung oder zum Schutz von Zivilisten an den Tag gelegt. Sie haben einen Plan, und treiben diesen Plan voran und sie machen sich angesichts der Tatsache, dass es dort Zivilisten geben könnte, keine Sorgen oder ähnliches. Wir haben gesehen, dass es in der kurzen Spanne von vier Monaten zwischen Januar und März mehr als 500 Todesfälle, zivile Todesfälle, in Mossul gab. In keiner Weise könnte das auch in Rakka geschehen.

"Verzweifelter Hilfsbedarf"

Auch Farhan Haq, stellvertretender Sprecher des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, zieht gegenüber RT Bilanz über die Befreiung von Mossul.

RT: Die Stadt liegt in Trümmern, 6.000 Einwohner sind vertrieben worden. Wann glauben Sie, dass die Leute anfangen können, zu ihrem Leben zurückzukehren und alles wieder aufzubauen?

Farhan Haq: Wir müssen sehen. Natürlich hängt einer der Schlüsselaspekte davon ab, wie viel humanitären Zugang wir bekommen und wie effizient wir Hilfe in die Stadt bekommen können. Die Bevölkerung braucht dringend Hilfe. Das UN-System hat humanitäre Hilfe für Menschen bereitgestellt, die aus der Stadt geflohen sind. Was wir nun versuchen, ist abzuschätzen, ob man die Technik für die Menschen in den Städten wiederherstellen kann, damit sie Zugang zu Nahrung, Wasser und regelmäßiger Hygiene bekommen. Letztlich hoffen wir jetzt, dass die Stadt außerhalb der Kontrolle des IS ist, damit man das alles erreichen kann.

RT: Wie sehr hat sich die Befreiung von Mossul beispielsweise von der Befreiung von Aleppo in Syrien unterschieden?

FH: Das sind unterschiedliche Fälle. Aber in allen Fällen ist letztlich der Schlüsselaspekt der, dass der IS eine Kraft ist, die durch ihre Handlungen, durch das Abzielen auf Minderheiten, durch ihre Tötungen und ihre Vergewaltigungen ihre Feindseligkeit gegenüber allen Kräften in der Außenwelt deutlich gemacht hat, die das Gesetz repräsentieren. Also ist es wichtig, ihnen die Kontrolle über die Städte zu nehmen. Jetzt, wo sie aus den großen bevölkerungsreichen Bereichen herausgedrängt worden sind, gibt es Zehntausende von Menschen, die freier leben können und das ist ein sehr wichtiger Aspekt.