Die Maus, die brüllte: Wie Saudi-Arabien Katar unterschätzte

Die Maus, die brüllte: Wie Saudi-Arabien Katar unterschätzte
Der jetzige saudische König, damals noch als Kronprinz, bei seiner Ankunft in Tokyo, 18. Februar 2014.
Es gibt eine gewisse Ironie in der Krise, die den Golf-Kooperationsrat (GCC) plagt, nachdem Saudi-Arabien Katar zum Paria gestempelt hat. Die entstandene Pattsituation hat das Potenzial, die Region in eine völlig neue geopolitische Einheit umzuwandeln.

von Catherine Shakdam

Wie schnell die Verbündeten von gestern zu den Feinden von heute werden können und die, die wir lange für Feinde hielten, uns als zuverlässige Partner in einer Zeit der Krise beistehen können... Ich glaube nicht, dass viele politische Analytiker von sich behaupten können, vorhergesagt zu haben, dass Saudi-Arabien in den Niedergang schlittern würde. Doch alle hätten die Zeichen an der Wand sehen können. Grob, pragmatisch und so unvermeidlich wie die Gier eines Mannes, den der Lockruf der Macht erreicht.

Ich fürchte, diese Entwicklung wird sowohl als unbedeutend als auch schwer fassbar erscheinen. Vielleicht hofft man mancherorts sogar, dass Katar eben die Maus in Saudi-Arabiens Fabel sein wird, quasi die unerwartete Variable, welche das Königreich, das seinen Einfluss erweitern wollte, verfallen sehen wird.

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Eigentlich geht es aber um mehr als das. Saudi-Arabien geht aus seiner arroganten politischen Kurzsichtigkeit und einem selbstgerechten geopolitischen Anspruchsdenken heraus in die Vollen. Die al-Saud-Monarchie stellte sich vor, dass sie die Region nach ihrem eigenen Gutdünken verändern könnte, weil sie nicht erkannt hat, dass auf jede große Unterdrückung ein Widerstand folgt.

Lassen Sie uns erst einmal die Behauptungen ausklammern, wonach Katar tatsächlich die Architektur des Terrors durch die Reihen der Muslimbruderschaft unterstützt hat. Ich denke nicht, dass jemand die Berechtigung der Kritik an Katar und vor allem an dessen Rolle bei der Förderung des Terrorismus zur Ausweitung politischer Gestaltungsmacht bezweifelt.

Natürlich trägt Katar schwere Schuld. Natürlich sollte es für die vielen schweren Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden, die seine Politik bewirkt hat. Immerhin führten diese zum Massenmord im Großen Nahen Osten, bei dem man sogar über den Begriff Völkermord streiten könnte.

Terrorvorwurf folgt "Haltet den Dieb"-Prinzip

Doch bevor wir Katar selektiv beschuldigen, erinnern wir uns daran, dass es nicht alleine handelte. Mehr noch: Trotz seiner bekannten Verbindungen zur Muslimbruderschaft profitierte es von vielen politischen Freundschaften, an deren Spitze die Vereinigten Staaten standen. Nun dazusitzen und den Empörten zu spielen, ist ein wenig zu bequem. Sollen wir glauben, dass die Vereinigten Staaten, bevor sie ihre militärischen Vorposten auf fremdem Land errichten, keine sorgfältige Prüfung durchführen? Haben wir vergessen, welche Anzahl an Lobpreisungen es auf Katar niederregnete, als es die USA vermeintlich bei ihren Bemühungen gegen den Terrorismus unterstützte?

Ein BBC-Bericht spricht das Offensichtliche an, wenn er anmerkt:

Katar wird von einem Dreigespann arabischer Golfstaaten - Saudi-Arabien, VAE und Bahrain -, die von Ägypten und anderen gedeckt werden, angeklagt, Terrorismus und Extremismus zu unterstützen.

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Nochmal: Es gibt gar keine Diskussion darüber, ob Katar tatsächlich eine Schuld trifft. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist aber: Warum jetzt? Warum hat man Katar gerade zu diesem Zeitpunkt aussortiert und wie verträgt sich das mit den Plänen Saudi-Arabiens für die Region?

Vorgehen gegen Katar war Flucht nach vorne

Denn wenn es eine Sache gibt, bezüglich derer man sich sicher sein kann, dann ist es, dass Saudi-Arabien seine Motive dafür hat. Die Monarchie mag ein Tollhaus radikaler Schrecken sein, das von einem Kronprinzen geführt wird, dessen Erfahrung sich auf null beläuft. Riad ist jedoch nicht so irrational, um zu denken, lediglich aus dieser neuen Fehde unter den Nachbarn etwas erreichen zu können.

Katar war als Opferlamm gedacht. Damit wollte man die Schuld vernebeln und abschieben in einer Zeit, in der Wahhabismus/Salafismus/Deobandismus auf dem Scheiterhaufen der öffentlichen Meinung verbrannt würden. Darüber hinaus wurde Katar mit dem Ziel in den Fokus gerückt, eine neue Kriegsplattform gegen das eigentliche Ziel Saudi-Arabiens, den Iran, einrichten zu können.

Auch wenn wir uns damit dem Risiko aussetzen, diesem infantilen binären Narrativ in die Hände zu spielen, den man uns bis zum Überdruss verkauft hat, um damit die Gegebenheiten in der Region zu erklären, muss ich zugeben, dass Riad wahrlich von Teheran besessen ist. Tatsächlich ist es noch viel mehr als das, denn die Notwendigkeit, den Iran zu zerstören, ist für Riad die einzige Existenzberechtigung und der einzige Anker, um eine eigene Identität zu begründen.

Das Königreich lebt keinen Pluralismus - nicht in der Politik, nicht im Glauben, nirgends. Saudi-Arabien kennt nur Absolutismus und Zwang.

Hier liegt auch der Haken vergraben: Saudi-Arabien hat es nie vorausgesehen, dass Katar sich von seinem ehemaligen Herrn lösen könnte, um sich selbst eine souveräne Zukunft zu schaffen. Aber andererseits hat Katar die Möglichkeiten für einen solchen Ehrgeiz, dessen Ziel die Unabhängigkeit ist.

Neuer Block wird entstehen und Riad seine Bedeutung verlieren lassen

Vergessen wir mal für einen Augenblick die Muslimbruderschaft und schauen uns das hier an: Katars neue Annäherung an den Iran, geboren aus einer geopolitischen Notwendigkeit heraus, macht es möglich, dass ein dritter Block in der Groß-Nahost-Region geschmiedet werden könnte, der Saudi-Arabiens Irrelevanz nur weiter nähren wird.

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Je beharrlicher Saudi-Arabien Druck ausübt, desto schneller wird sich Katar in seine eigene Achse des Widerstandes integrieren und die Idee des Golf-Kooperationsrates (GCC) verblassen lassen. Wird dann aber noch etwas von Riads Einfluss übrigbleiben? Die Agentur Reuters fasste die Situation perfekt zusammen, als sie schrieb: "Arabische Sanktionen rühren Trotz und Patriotismus im reichen Katar."

Und dann haben wir natürlich diesen Akteur, der Türkei genannt wird. Auch sie besitzt ein unschätzbares geopolitisches Kapital. Was Katar an Größe und politischer Landmasse fehlt, macht es durch Reichtum und Zugriffsmöglichkeiten wett.

Mit anderen Worten: Katar ist mehr als das, was Saudi-Arabien jemals schlucken könnte - militärisch oder anders gesprochen.

Was wir beobachten, ist die reine politische Selbstdarstellung und Prahlerei vonseiten eines sterbenden Reiches. Saudi-Arabien verkalkulierte sich, als es annahm, dass es Katar jeden Augenblick in Schutt und Asche legen kann.

Souveräne Nationen schwanken nicht so leicht, vor allem nicht, wenn sie so über viel Kapital verfügen. Durch die Entwicklung einer Krise in der politischen Echokammer des GCC hat Saudi-Arabien den Widerstand nicht nur ermöglicht, sondern diesen zur existenziellen Notwendigkeit gemacht.

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Lassen Sie mich mit diesem Gedanken schließen: Wenn es Saudi-Arabien nicht einmal gelingt, die ärmste und instabilste Nation der Arabischen Halbinsel, den Jemen, zu unterjochen, obwohl eine Armada von militärischen Supermächten und ein Blankoscheck aus der internationalen Gemeinschaft Riad dabei unterstützt, wie soll es ihm dann gelingen, seinen Willen gegen Katar, das Milliarden von US-Dollars zur Verfügung hat, durchzudrücken? Oder sollten wir erwarten, dass die Kleinen die Mächtigen überwinden?

Die Region befindet sich aufgrund dieser Krise inmitten tiefgreifender Veränderungen und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie dorthin zurückkehren wird, wo sie vorher war. Saudi-Arabiens Kerze ist erloschen, alles, was wir jetzt brauchen, ist, dass die Monarchie dies auch erkennt.

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