Chomsky im RT-Gespräch: Kritik an Politik ist anti-amerikanisch - so was passiert nur in Diktaturen

Chomsky im RT-Gespräch: Kritik an Politik ist anti-amerikanisch - so was passiert nur in Diktaturen
Der bekannte Intellektuelle und Aktivist Noam Chomsky sprach mit RT über den "neoliberalen Wechsel", den Markt als König und darüber, wie die USA ihre Kritiker ruhigstellen. Dies tat er in einem zweiteiligen Interview mit Chris Hedges in dessen Sendung "On Contact".

RT: Es gibt zehn Prinzipien der Konzentration des Wohlstands und der Macht, die Sie in dem Buch "Requiem für den amerikanischen Traum" dargelegt haben, welches seinerseits auf einer Dokumentation basiert, die sie produziert haben. Das erste Prinzip dabei laute: "Demokratie reduzieren". Was meinen Sie damit?

Noam Chomsky: Ich sollte zuerst sagen, dass die Aufstellung der zehn Prinzipien in Wahrheit der Beitrag der Redakteure ist. Es ist deren recht effektive Zusammenstellung aus Stunden um Stunden an Interviews und Diskussionen, welche sie in dieser Form organisiert hatten. "Demokratie reduzieren" bedeutet die graduelle Marginalisierung der Bevölkerung; die Reduzierung des Einflusses der Öffentlichkeit auf die Entscheidungsfindung im öffentlichen Raum, welche eine erwart- und vorhersagbare Konsequenz der Initialisierung des neoliberalen Wechsels ab den 1970er Jahren darstellt.

In den 1960er Jahren begann Chomsky, sich in der Öffentlichkeit stärker politisch zu artikulieren. Auslöser war unter anderem auch der Vietnamkrieg.

Es gibt grundsätzlich zwei allgemeine Phasen der sozioökonomischen Geschichte der USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Die erste Phase nennt man manchmal regulierten Kapitalismus, den eingerahmten Liberalismus der Fünfziger- und Sechzigerjahre, eine Periode großen Wachstums, gleichmäßigen Wachstum. Und es gab einige Bewegung in Richtung sozialer Gerechtigkeit in den Sechzigern; substanzielle Zunahme und demokratische Partizipation – die Menschen engagierten sich wirklich im öffentlichen Raum. All dies hatte verschiedene Auswirkungen. Ein Effekt war die Reduktion, die fallende Profitrate, welche entscheidend ist. Der zweite Effekt war, dass die Menschen zu engagiert in den öffentlichen Angelegenheiten wurden.

Mehr lesen: Requiem für den amerikanischen Traum: Neues Buch von Noam Chomsky

RT: Das ist es, was Samuel Huntington einen "Überfluss an Demokratie" nannte, oder?

NC: "Überfluss an Demokratie." Und in der Tat erschienen zwei sehr wichtige Publikationen in den frühen Siebzigerjahren – beide auf diese Theorie ausgerichtet. Interessant, denn beide standen auf dem jeweils anderen Ende des politischen Spektrums, aber sie kamen beide zu dem gleichen Schluss mit ein wenig unterschiedlicher Rhetorik. Das eine war das Powell-Memorandum, welches ein Wirtschaftsanwalt verfasste, der für Tabakunternehmen arbeitete und später Richter am Supreme Court unter Nixon wurde. Die Rhetorik ist recht faszinierend: Er vertritt die Ansicht, welche nicht ungewöhnlich ist unter denen, die wirklich die Welt besitzen, nämlich dass ihre Kontrolle ein sehr kleines bisschen verringert wurde. Und auf die Art eines Dreijährigen, der keine Süßigkeiten bekommt, bedeutet das, dass die Welt endet. Also muss man sich wirklich die Rhetorik anschauen, um das einordnen zu können.

Der Linguistik- und Philosophie-Professor Noam Chomsky,während eines Besuchs in Havanna. Kuba, 2003

RT: Das ist ein Angriff auf das amerikanische freie Unternehmenssystem, oder?

NC: Die Wirtschaft sieht sich angegriffen von Ralph Nader und Herbert Marcuse. Wir überleben sie kaum, diese Attacken auf alles Wichtige im amerikanischen Lebensstil. Dann sagt er: "Nun, wir Businessleute besitzen im Grunde alles. Wir sind diejenigen, die die Universitäten am Laufen halten. Wir dürfen den Kindern nicht erlauben, wild zu werden. Wir können letztendlich die Medien im Zaum halten; wir haben die Macht." Es ruft zu einer Mobilisierung der Wirtschaft auf, um sich selbst zu verteidigen…

Das hatte einen großen Einfluss auf das Wachstum von rechten Thinktanks – sehr ideologie-intensiven, weit rechten. Also das ist das rechte Ende des Spektrums. Dann geht man zum anderen Ende des Spektrums – im Grunde genommen ist dort der Liberalismus der Carter-Regierung. Eigentlich die Mitarbeiter der Carter-Regierung, die Trilaterale Kommission – ihre industriellen Demokratien: Europa, Japan, die USA, im Grunde genommen liberale Internationalisten. Sie brachten eine Publikation hervor, die heißt "Die Krise der Demokratie", und die Krise der Demokratie besteht darin, dass es zuviel Demokratie gebe. In der Sechzigerjahren haben zu viele Menschen, die vorher passiv und apathisch waren, so wie sie es sein sollten, angefangen, sich in den politischen Prozess einzubringen, Forderungen zu stellen, manchmal wurden sie als "Special Interests" betitelt – das bedeutete junge Leute, alte Leute, Farmer, Arbeiter, mit anderen Worten jeder. Außer dem Wirtschaftssektor, welcher nicht erwähnt wird – dieser ist "National Interest". Aber diese "Special Interests" üben zu viel Druck auf den Staat aus. Also brauchen wir mehr Moderation in der Demokratie. Die Menschen sollen wieder passiv und apathisch werden... Samuel Huntington erinnert mit einiger Nostalgie an eine Periode, in der, wie er es beschreibt, Truman in der Lage war, das Land in Kooperation mit ein paar Wall-Street-Anwälten und Chefs zu führen. Und damals gab es keine Krise der Demokratie.

RT: Lassen sie uns über Ihren nächsten Punkt sprechen, das "Formen der Ideologie". Sie sprechen vom Unterschied zwischen Madison und Aristoteles. Beide verstanden, dass, wenn es Ungleichheit gibt, es Spannungen zwischen den Reichen und den Armen geben wird. Madison rief die Regierung dazu auf, die Demokratie zu reduzieren. Aristoteles sagt, die Lösung, welche Sie offensichtlich unterstützen, sei es, die Ungleichheit zu reduzieren. Ihr zweiter Punkt – das Formen der Ideologie. Wir erwähnten das Powell-Memo, wir erwähnten die Trilaterale Kommission, aber insbesondere nahmen diese Leute gewisse Ziele der Gesellschaft ins Ziel. Sie sprechen davon, wie sie architektonische Pläne für Colleges hatten, so dass große Demonstrationen nicht möglich würden, die Verwendung von Studienkrediten, um Studenten kleinzuhalten. Die Zerstörung staatlicher Institutionen. Erzählen Sie uns von dem Prozess, die Ideologie im Neoliberalismus zu rekonfigurieren.

NC: Ich will nicht behaupten, dass die Trilaterale Kommission diese Entwicklungen geführt hat. Es war mehr oder weniger ein Ausdruck der Einmütigkeit liberaler Eliten in dieser Sache. Aus diesem Grund ist es wirklich interessant: Die Indoktrination der Jungen ist eigentlich ihre Domäne – mittels der Phrase vom Konsens. Die Institutionen, die für die Indoktrination der Jungen verantwortlich sind, verfehlen ihre Pflicht.

RT: Das ist eine interessante Art, Bildungsinstitute zu beschreiben.

NC: Es ist wie der nostalgische Kommentar zu Truman, der fähig gewesen sei, das Land mit ein paar Wirtschaftsanwälten zu lenken, und so weiter. Aber das ist ungefähr das Ideal. Es sollte Indoktrinierung geben. Studenten sollten nicht frei denken. Sie drücken es nicht so aus, aber was es bedeutet, ist, dass sie nicht frei sein sollen, zu hinterfragen, zu denken, herauszufordern – einfach diese Art von Dingen, zu welchen man in einem ordentlichen Bildungssystem Jugendliche auffordern würde, sie in Schulen und Universitäten zu tun. Aber es ist gefährlich, weil sie zu viele ewige Wahrheiten anzweifeln, inklusive jener, dass es eine Elite geben muss, die herrscht und kontrolliert. Dies zeigt sich überall in der Geschichte.

RT: Wie erfolgreich, denken Sie, waren diese Kräfte?

NC: Sie haben den Konsens skizziert, der zu vielen Entwicklungen geführt hat. Das war relativ erfolgreich. Zum Beispiel begann eine Art von Businessmodell in Colleges und Universitäten Platz zu greifen. Es gab ein riesiges Wachstum an Bürokratie, welche die Balance von der wissenschaftlichen Kontrolle zur bürokratischen umschwenkte. Es gab einen steilen Anstieg an Studiengebühren, welche einen starken disziplinarischen Effekt haben. In den 1960ern konnte ein junger Mensch sagen: "Okay, ich werde mir ein Jahr frei nehmen und mich in einer Antikriegsbewegung oder einer feministischen Bewegung engagieren, oder irgendetwas, danach komme ich zurück und setze mein Leben fort." Das kann man nicht mehr tun, wenn man die Bürde von Schulden trägt. Wenn man von einer juristischen Fakultät kommt und denkt: "Ich würde gerne Anwalt für Bürgerbelange werden, aber ich habe 200.000 US-Dollar Schulden", muss man einfach zu einer Wirtschaftskanzlei gehen und sich in diese Kultur begeben. Und auf vielen verschiedenen Wegen werden diese disziplinarischen Effekte erzielt…

RT: Sie erwähnen auch, wie plötzlich Kritiker der USA oder des amerikanischen Kapitalismus als anti-amerikanisch bezeichnet werden.

NC: Anti-Amerikanismus ist ein sehr interessantes Konzept. Es ist ein Konzept, dass nur in totalitären Staaten existiert. Zum Beispiel, als jemand in Italien, sagen wir, die Berlusconi-Regierung kritisierte – wurden die Betreffenden nicht beschuldigt, anti-italienisch zu sein. In der alten Sowjetunion konnte man für Anti-Sowjetimus verurteilt werden, in der brasilianischen Militärdiktatur konnte man anti-brasilianisch sein. Aber außerhalb der USA kenne ich kein anderes nicht totalitäres, nicht autoritäres Land, wo dieses Konzept überhaupt existiert. Das ist ein sehr auffälliges Konzept. Wenn Sie die Politik kritisieren - dann sind Sie anti-amerikanisch. Eigentlich hat dies eine sehr interessante biblische Herkunft. Die erste Verwendung dieses Konzeptes findet sich bei König Ahab, der der König des ultimativ Bösen in der Bibel war. Er rief den Propheten Elia zu sich und fragte ihn, ob dieser Israel hasse, und meinte damit ob er die Handlungen des bösen Königs verurteile. Das grundsätzliche Konzept: Wenn Sie die Autoritäten in Frage stellen, werden Sie der Gesellschaft, der Kultur und der Gemeinschaft gegenüberstehen.