Castorfs Abschiedsparty an der Volksbühne Berlin: Auftritt der Ich-Maschinen

Castorfs Abschiedsparty an der Volksbühne Berlin: Auftritt der Ich-Maschinen
Die Reden waren zwar mau, aber dafür war die Party gut.
Selbst der Himmel weinte, als am Samstag die große Volksbühnen-Abschieds-Sause stieg. So schien es zumindest. Doch im Gegensatz zu den Abschiedsworten Kultursenator Klaus Lederers und des scheidenden Intendanten Frank Castorf war der Regen wenigstens ehrlich.

von Timo Kirez

Wenn ein Politiker einen Dichter zitiert, dann ist das meist kein gutes Zeichen. Man kann nur hoffen, dass es der Dichter nicht mehr mitbekommt. Der Dramatiker und Dichter Heiner Müller ist leider schon 1995 mit 66 Jahren gestorben. Er charakterisierte sein Werk einmal als "Texte, die auf Geschichte warten". Gleichzeitig sprach er auch oft von der "Missbräuchlichkeit der Verse".

Berlins amtierender Kultursenator Klaus Lederer bot am Samstag ein gutes Beispiel dafür. Er begann seine Rede bei der Verabschiedung Frank Castorfs mit einem Zitat von Heiner Müller:

Theater, denen es nicht mehr gelingt, die Frage 'Was soll das?' zu provozieren, werden mit Recht geschlossen.

Das Zitat stammt aus einer Grußbotschaft Müllers zum 80-jährigen Bestehen der Volksbühne in seinem Todesjahr 1995. Der Sinn und Zweck von Lederers zu lang geratener Rede wurde allen Anwesenden schnell klar: Ich, Lederer, war schon immer gegen Chris Dercon. Der umstrittene 59-jährige Belgier übernimmt die Nachfolge Castorfs als Intendant der Volksbühne. Um diese Haltung weiter zu untermauern, mussten auch noch weitere Heiner-Müller-Zitate und klassenkämpferische Parolen herhalten.

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Das Problem ist nur, dass in Zeiten, in denen auch an den größten deutschen Bühnen schon länger prekäre Arbeitsverhältnisse herrschen, Parolen wie die von Lederer selbst wie schlechtes Theater wirken. Lederer, wenn er denn wirklich Kultursenator sein will, sollte wissen, dass politischer Widerstand schon lange nicht mehr Sache der großen Spielhäuser in Deutschland ist. Wenn überhaupt, findet sich dieser Widerstand an den Rändern, in kleinen Theatergruppen, die finanziell ums Überleben kämpfen müssen.

Theater hat seine soziale Funktion nicht mehr

Deswegen hätte Lederer nicht Müller zitieren sollen, sondern lieber Jean-Luc Goddard. Der sprach einmal davon,

keine politischen Filme zu machen, sondern Filme politisch zu machen.

Alles andere ist politischer Folklorismus. Oder er hätte ehrlich sein und ein anderes Müller-Zitat wählen sollen:

Im Westen hat das Theater keine soziale Funktion mehr, oder kann sie jedenfalls im Moment nicht finden. Es beschränkt sich darauf, die Gegenwart zu reproduzieren. Es gibt keine Zukunft da, es sei denn als Katastrophe. Es gibt keine Vergangenheit, keine Erinnerung, keine Erwartung; nur Gegenwart. In dieser Situation ist kein Platz für Kunst.

Denn, so Müller weiter in einem seiner unzähligen Interviews:

Die Theater sind eben da, wie ein leeres Loch, das gefüllt werden muss. Man hat Angst, dass das Loch sichtbar wird. Nur aus diesem horror vacui laufen die Spielpläne weiter, läuft der ganze Betrieb weiter.

Das wäre mal eine revolutionäre kulturpolitische Haltung, aber natürlich kann man damit keine Wahlen gewinnen. Nachdem Lederer genug Eigenwerbung betrieben hatte und sich auch im Publikum schon erste Unmutsäußerungen bemerkbar machten, war die Reihe an der zweiten Ichmaschine des Abends: dem scheidenden Intendanten Frank Castorf. Castorf sprach zunächst über - Castorf. Über den Unterschied zwischen Zorn und Wut. Über seine manchmal verletzende Art, die auch Lederer zu spüren bekommen habe. Doch sei Lederer immerhin einer, der nach der Wahl dasselbe sage wie davor.

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Dann wurde es etwas lauter. Castorf redete sich ein wenig in Rage und äußerte seine Hoffnung, das dieses Land, die Bundesrepublik, nicht "macronisiert" werde. Dann spielte er auf das "Räuberrad" an, eine Skulptur vor der Volksbühne, die letzte Woche entfernt wurde. Dieses "Räuberrad" habe dafür gestanden, dass in der Volksbühne "Gefahr lauere". Viele Betrachter empfanden die Demontage des Räuberrads als wehmütigsten Akt im langen Abgang von Frank Castorf. Vor allem auch die Mitarbeiter, die zum Teil über die Demontage nicht informiert waren. Es flossen Tränen.

Castorf und die Problematik des Happy Ends

Ganz in der Tradition des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV., der einmal gesagt haben soll "Der Staat bin ich", wurde während der Rede Castorfs jedem klar: Die Volksbühne, das ist Castorf. So sieht er es jedenfalls, deswegen muss das Räuberrad auch weg. Über Chris Dercon kein Wort, doch jeder wusste, was gemeint war, als Castorf davon sprach, dass die Volksbühne immer ein Ort der Solidarität mit Asozialen und politisch Aussätzigen gewesen sei. Konsens habe man nie gesucht, so Castorf.

Doch auch bei Castorf wirkten die kämpferische Posen, die alten Kampfbegriffe, wie entkernt. Denn längst ist auch die Volksbühne in den letzten Jahren in der so genannten Spaßgesellschaft, oder wie es der französische Künstler und Philosoph Guy Debord ausdrückte, der "Gesellschaft des Spektakels" angekommen.

Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Ansammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen", schreibt Debord schon 1967.

In dieser Welt des Spektakels hat jeder seine ihm zugewiesene Rolle. Auch der vermeintliche Rebell und Revolutionär. Opposition wird nur simuliert, Geschichte und Zeit wirken wie "gefroren".

Ihre vulgarisierten Pseudofeste, Parodien des Dialogs und der Gabe, regen zwar zu einer wirtschaftlichen Mehrausgabe an, bringen aber nur die stets durch das Versprechen einer neuen Enttäuschung kompensierte Enttäuschung wieder", so Debord.

Nun ist es also soweit: Castorf geht, Dercon kommt. Ob Dercon das Versprechen einer neuen Enttäuschung ist oder ob es noch zu einem Happy End kommt, bleibt abzuwarten. Doch auch zum Thema Happy End hatte Heiner Müller einen Schwank parat:

Der Ehemann sitzt vor dem Fernseher und sieht Fußball. Die Frau kommt immer mal wieder rein aus der Küche und sagt: 'Wennste jetzt nicht mir redest, schneid ick mir off.' Und er guckt weiter Fußball. Nach einiger Zeit hört er Sirenen draußen und die Feuerwehr fährt vor. Das Haus wurde gerade renoviert, es war im fünften Stock. Er geht in die Küche, sieht eine Blutlache und ein Messer, guckt raus und sieht, dass seine Frau am Baugerüst hängt, und zwar an den Därmen. Und die Feuerwehr arbeitet verzweifelt daran, sie da abzupflücken vom Baugerüst. Sie schafften es auch nach einiger Zeit. Sie wurde operiert von einem der besten Chirurgen der DDR. Und jetzt sitzen sie beide vor dem Fernseher. Das ist einfach die Problematik des Happy Ends.

Hier die beiden Reden von Klaus Lederer und Frank Castorf im Original: