Nach der Abstimmung für Homo-Ehe: Deutschland ist nun progressives Land

Nach der Abstimmung für Homo-Ehe: Deutschland ist nun progressives Land
Die Abstimmung zur Homo-Ehe im Bundestag brachte keine Überraschung. Die Gesellschaft war auf diese Entscheidung gut vorbereitet. Dabei war das Land Martin Luthers eines der letzten Bollwerke in Mittel-Westeuropa, die sich gegen die Homo-Ehe sträubten.

von Wladislaw Sankin 

Willkommen im Klub! Deutschland ist jetzt das 20. Land, das eine von Staats wegen als solche anerkannte Ehe unter gleichgeschlechtlichen Partnern ermöglicht. Mittlerweile sind fast alle Staaten Nord- und Westeuropas Mitglied dieses Klubs. Die Entscheidung hat weitreichende juristische Folgen, darunter im Steuer-, Erb- und Adoptionsrecht, und das macht im Wesentlichen auch den Unterschied zur bisherigen Eingetragenen Lebenspartnerschaft aus. Aber das ist nicht das Entscheidende. Wichtig ist offenbar vor allem der Entladungseffekt, den die Abstimmung ausgelöst hat.

Fortschritt, endlich...

Erfüllt sind vor allem die Träume der liberalen Journalisten, die seit Jahrzehnten in Mainstreammedien den Ton angeben. Sie müssen sich nun nicht mehr vor Spaniern oder Niederländern rechtfertigen, warum ihr sonst so progressives Land in der Frage aller Fragen der Gegenwart hinterherhinkt. Sie können nun auch juristisch gestützt noch mehr von oben herab z. B. auf Russland schauen, wo sich in Putins scheinheiligem "KGB-Staat" die deutschen konservativen Gegner der Homo-Ehe - wie etwa "Putins nützliche Katholiken" - immer mehr zu Hause fühlen. Zumindest, wenn ihnen Österreich nicht genügen sollte, wo ebenfalls am heutigen Tag über die "Homo-Ehe" abgestimmt und der Antrag im Parlament abgeschmettert wurde.

Aber zurück in die einzig verbliebene Supermacht der Moral, nach Deutschland. Endlich dürften hier nun all diese ewiggestrigen Betonköpfe mit ihren Vorbehalten mit amtlichem Siegel endgültig in die Marginalität verabschiedet werden. Die Art und Weise, wie die einst so mächtige Erika Steinbach heute, obgleich nicht einmal eine Russland-Freundin, im Bundestag mit höhnischem Gelächter demontiert wurde, sollte ein eindeutiges Signal an alle potenziellen Nachahmer aussenden.  

Bei so viel Unterstützung vonseiten der Medien und lautstarken Grünen, bei so viel Präsenz im Straßenbild und in der Werbung für die Akzeptanz der Homo- und Transsexualität kommt das Ja zur Homo-Ehe allerdings fast etwas spät. Zumal mittlerweile nicht mehr als ein Viertel der Bevölkerung noch etwas dagegen haben soll. Glaubt man manchen Umfragen, befürwortet sogar unter den deutschen Muslimen bereits die Hälfte die Homo-Ehe.

Gay-Paraden gehören seit vielen Jahren zum Berliner Straßenbild.

Trotzdem: Auch mit so viel gesellschaftlicher Anerkennung dürfte heute in mehr als 63.000 gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und in vielen, die so eine werden wollen, gefeiert werden. Viele von ihnen hatten eine so schnelle Lösung selbst nicht erwartet.

Gewissensfrage zur rechten Zeit

Das ist nicht nur dem Einfluss zu verdanken, den die LGBT-Community trotz ihrer noch relativ überschaubaren Zahl inzwischen auf die Gesellschaft ausübt. Auch der Merkel-Faktor hat bei der "plötzlichen" Wende zur Gewissensentscheidung vor der Wahl wieder einmal seine Rolle gespielt.

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Mit ihrer Geste schlug sie dem gesamten links-zentristischen Spektrum wieder einmal rechtzeitig das Zepter aus der Hand und das kurz vor der Wahl. Noch vor wenigen Tagen schlugen sich die Grünen und Teile der SPD und FDP auf die Brust, die "Ehe für alle" zu einer Koalitionsbedingung zu machen. Nun ist dieses Wahlkampfthema gestorben, bevor es überhaupt das Licht der Welt erblicken konnte.

Mit ihrem eigenen "Nein" hat Merkel hingegen noch den nicht unerheblichen - wenn auch langsam aussterbenden oder zur AfD abwandernden - konservativen Flügel der Unionsparteien bedient. Im Hinblick auf die Umfragen ein kühler pragmatischer Schritt, denn verhindern konnte sie die Homo-Ehe nicht mehr. Im Trubel des Jubels um dieses vorzeitiges Geschenk werden ihre politischen Rivalen am Ende doch geschwächt. Und außerdem fiel in all dem Überschwang über die kraftvolle Manifestation gespreizter Fortschrittlichkeit nicht so stark auf, dass an anderen individuellen Freiheiten der Bürger durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz gleichzeitig empfindliche Abstriche gemacht wurden.

Ob aus taktischem Kalkül oder nicht, hat die heutige Entscheidung eine weitreichende, europaweite Dimension. Mit dem deutschen Beitritt kippt das Gleichgewicht in Europa zugunsten der Achse der schwulenfreundlichen Länder.

Aus den alten Industriestaaten hat neben Österreich nur noch Italien keine so genannte Ehe für alle, "nur" eine Lebenspartnerschaft - möglicherweise kein Zufall, denkt man nur an den nicht zitierfähigen Ausspruch von Ex-Minister Mirko Tremaglia zurück, den dieser angesichts der Nichtwahl des Kandidaten Rocco Buttiglione zum EU-Justizkommissar 2004 tätigte. Dabei ist es seit langem auch nicht mehr eine Besonderheit der nördlichen, protestantisch geprägten Länder wie Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland oder Niederlande, liberale Gesetze für Homosexuelle zu verabschieden.

Wo

Katholische Welt ist gespalten

Es sorgte in den Jahren 2005, 2013 und 2015 entsprechend in katholisch geprägten Ländern wie Spanien, Frankreich und Irland für großen Wirbel und sogar heftige Proteste, als dort die Homo-Ehe eingeführt wurde. Nun gilt Spanien als ein schwulenfreundliches Vorzeigeland. Wer hätte das gedacht, als noch in den 1980er Jahren der schwule Kult-Regisseur Pedro Almodowar damit begann, Homosexuelle und Transvestiten auf die Leinwand zu bringen, dass die skurille Realität seiner Filme die Gesellschaft derartig beeinflussen könnte?

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Die verbliebenen Gegner der Homo-Ehe befinden sich im Osten Europas, wobei die katholischen Polen oder die konfessionell inhomogenen Ungarn wissen, wie schnell die Stimmung kippen kann und deshalb auf der Hut sind. Sie versuchen ihr Verständnis der Ehe in ihren Grundgesetzen soweit es geht zu verfestigen. Auch russische Gesetze, die Propaganda für Homosexualität im öffentlichen Raum verbieten, sind Konsequenzen aus dieser Erkenntnis – spätestens in zehn Jahren nach der ersten Gay-Parade lockert sich zunächst die Kirche in ihrer Rhetorik, nach fünf weiteren ist die eingetragene homosexuelle Lebenspartnerschaft erlaubt und schwupps - stehen die schwulen Paare vor dem Altar.

Spanien gilt als Mekka für Schwulen und Lesben. Auf dem Bild: Tausende auf einer Pool-Party bei Barcelona, 2013.

Was konservativen Kräften noch mehr Sorgen bereitet: Auch das ist nicht der Endpunkt. Vielmehr gehen die progressiven Länder nach und nach dazu über, die so genannte sexuelle Vielfalt bereits zum Lehrstoff für Schulkinder zu machen oder hohe Geldstrafen für Dienstleister anzudrohen, die sich aus religiösen oder sonstigen Gründen weigern, ihre Dienste solchen Partnerschaften zur Verfügung zu stellen. Und das geht dann abseits aller Toleranz schon bald in Richtung Bekenntniszwang.

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40 Minuten und die neue Welt ist da

Apropos Russland: Ein russischer Senator erzählte dem Autor dieser Zeilen einmal eine Anekdote, als er seinen deutschen Kollegen beiläufig an das Schicksal zweier Städte in der Antike erinnerte, in denen einmal alles erlaubt war. Genüsslich beschrieb der russische Parlamentarier das Grauen, das die Gesichter der Deutschen erfasste.

Sie denken gar nicht in diesen Größenordnungen, obwohl sie gar nicht dumm sind", sagte er lächelnd.

Die Leichtigkeit, mit der heute die deutschen Abgeordneten grundlegende Daseinsfragen abfertigten und die Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft per Erlass aus der Welt schafften - "der Liebe wegen" -, lässt die Frage aufkommen: Wissen sie überhaupt, was sie tun?

Woher rührt dieser Zusammenhang, dass die bevölkerungsreichsten Länder in Afrika und Asien die Homosexualität geißeln und manche sogar unter Todesstrafe stellen - die Länder mit einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung hingegen noch weitere Schritte in die Individualisierung und Flexibilisierung der Lebensentwürfe machen, die dazu führen, dass Kinderkriegen einfach vergessen wird? Fakt ist: Sie tun das nicht nur konsequent, sie tun es noch dazu im Eiltempo.

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