Wolgas mit verdunkelten Fenstern und das KGB: Eine moderne russische Spionagegeschichte

Wolgas mit verdunkelten Fenstern und das KGB: Eine moderne russische Spionagegeschichte
Heutzutage spricht vieles dafür, jedes Jahr einen Preis an den paranoidesten westlichen Journalisten zu verleihen, der aus Moskau berichtet. Ein geeigneter Titel wäre der "Luke Harding Award". Es gibt auch schon den ersten Kandidaten für diese Auszeichnung.

von Bryan MacDonald

Im Jahr 2011 veröffentlichte der Schmierfink von The Guardian Luke Harding ein gleichermaßen hochgelobtes sowie lächerlich gemachtes Buch. Darin beschreibt er eine angebliche Einschüchterung durch Moskaus Sicherheitsdienste. Da ich zu dem Zeitpunkt erst ein Jahr in Russland gelebt hatte und noch naiv genug war, der westlichen Medienberichterstattung über das Land zu vertrauen, las ich es.

Von Anfang an schien Hardings Geschichte unplausibel zu sein. Zum Beispiel ist seine verlustbringende Zeitung nicht besonders einflussreich und verkauft nur etwa ein Zehntel der Auflage der rivalisierenden Daily Mail. Warum sollte der FSB überhaupt ihn speziell und nicht die Korrespondenten der Washington Post, New York Times, Times of London, oder gar der beliebten TV-Netzwerke von BBC bis CNN ansprechen? Sie alle haben eine größere Bedeutung für ihre jeweiligen Establishments.

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Aussagekräftig ist auch, dass die Zeitung den professionellen Russland-Kritiker Edward Lucas auswählte, um das Buch zu rezensieren. Dieser stellt eine Figur dar, die unter normalen Umständen nicht mal in Rufweite des Guardian ist. Wahrscheinlich kam es dazu, weil sie niemanden finden konnten, der glaubwürdig genug war, um einen Lobgesang auf Hardings irres Gerede zu verfassen.

Eine neue Heldin

Jedenfalls möchte ich hier nicht wieder über Hardings Unsinn herziehen, sondern stattdessen eine mögliche Nachfolgerin auf dessen Thron begrüßen. Bühne frei für Mary Louise Kelly vom US-amerikanischen National Public Radio (NPR). Dies ist ein staatlich geförderter Sender, der so langweilig ist, dass ich nicht sicher bin, ob wenigstens der medienbesessene Donald Trump ihn anhört.

Jedenfalls war Frau Kelly, die einen sehr wichtigtuerischen Wikipedia-Eintrag über sich besitzt, vor kurzem in Moskau und hat Luke Harding sogar noch übertroffen. Bevor sie die volle Bandbreite des gesunden Menschenverstandes von A bis B auffuhr, fing sie so an:

Sie werden dich von dem Moment an verfolgen, an dem du landest", warnten mich meine CIA-Quellen in Washington, als ich mich für eine Berichterstattung aus Russland vorbereitete. "Melde dich, um Gottes Willen, nicht bei deinen regulären E-Mail-Konten an."

Und beachten Sie die "CIA-Quellen", denn Kelly will, dass Sie wissen, dass sie einen direkten Draht zur CIA-Zentrale in Langley hat.

Der Nächste bitte. "Eines Abends, während ich im Moskauer Büro des NPRs einen Text schrieb, begann der Cursor von allein zu springen. Worte wurden verschoben. Ich nahm meine Hände von der Tastatur und beobachtete verwundert, wie der Bildschirm schwarz wurde." Jetzt könnte eine vernünftige Person denken, dass ihr Laptop einen kleinen Schaden hat. Vor allem, wenn "nach dem Einstecken in eine andere Stromquelle, mein Computer wieder normal lief. Alles schien gut zu sein."

Diesem Geschwafel folgte ein Interview, das Kelly im Monat zuvor gegeben hatte, bevor sie Russland besuchte. Ein Gespräch, das ihre Hoffnung verrät, sich durch ihren Moskau-Aufenthalt einen Namen zu machen.

Hier ist eine Kostprobe:

Als Reporter ist es allen Journalisten bewusst, dass sie von der Sekunde an, in der sie das Flugzeug verlassen, von russischen Geheimdiensten überwacht werden. Besonders wenn man von so einem Schlag ist, wie ich.

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Nun, ich kenne buchstäblich Dutzende ausländische Journalisten in Russland. Mit vielen bin ich persönlich befreundet. Keiner von ihnen scheint von diesen Bedenken übermäßig belastet zu sein. Mit einer Ausnahme, der für ein sehr prominentes Medium arbeitet und in der Provinz, also nicht in Moskau, Schikanen erlebt hat, als er über lokale Geschichten berichtete.

Vielleicht weil die FSB Agenten im hinterletzten Winkel ein bisschen mehr Zeit haben. Aber im super beschäftigten Moskau, auch wenn sie es wollten, gibt es einfach nicht genug Agenten, um ausländische Journalisten bei ihren Abenteuern von noblen Hotels zu Hipster Bars und dergleichen zu verfolgen.

Gespenstische Szenen

Im nächsten Teil warnt Frau Kelly, dass "es ein paar Dinge gibt, die die US-Geheimdienste Russland nachsagen - eins davon ist hacken - Russland versucht, in Computer-Datenbanken zu kommen und unsere Informationen dann durch WikiLeaks oder andere Plattformen zu veröffentlichen. Die andere Sache ist die Frage der Fake-News. Es gibt ganze Armeen von Menschen, die diese Falschmeldungen verbreiten und die sozialen Medien damit fluten."

Also scheinen ihre Aussagen von Anfang Mai ein Versuch dessen zu sein, das zu beschreiben, was sie in Moskau erlebt zu haben schien. Es wird erwähnt, dass sich jemand in Datenbanken einmischt und man genau beobachtet wird. So scheint es, dass Kelly ein Nostradamus ist. Sie ist in der Lage, Wochen vor ihrer Reise nach Russland Dinge zu beschreiben, die sie erleben könnte. Das ist eine ganz besondere Fähigkeit. Eine, die sogar Luke Harding gefehlt hat.

Trotzdem kommt das Sahnehäubchen erst am Ende des Blogeintrags nach dem Besuch. Kelly schrieb an RT und bat um ein Interview mit der Chefredakteurin Margarita Simonyan. Dieses wurde ihrem Kollegen, David Greene, zur gleichen Zeit gewährt.

Und das Pressebüro des Mediums antwortete wie folgt:

Danke für Ihre Anfrage. Wir sind - über unser direktes rotes Telefon zum Kreml - von den Offizieren, die Sie beschattet haben, seitdem Sie gelandet sind, bereits informiert worden, dass diese ahnen, dass Sie sich zu diesem Thema bereits festgelegt haben. Daher wäre ein Treffen, um die unbegründeten Anschuldigungen gegen RT zu diskutieren, vergeblich. Für weitere Erklärungen verweisen wir Sie höflich auf den Mann im Wolga mit den verdunkelten Fensterscheiben, der vor Ihrem Hotel parkt.

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Für jeden vernünftigen Leser ist es an dieser Stelle möglicherweise fair zu sagen, dass die Antwort ein kleiner Spaß gewesen ist. Vor allem vor dem Hintergrund von Kellys Mai-Kommentaren, bei denen sie ihre Vorurteile gegen Russland äußerte.

Aber unsere Heldin nimmt es vielleicht ein bisschen zu ernst. "War die Notiz nur ein Witz, eine Drohung oder etwas dazwischen? Eine kleine Andeutung von Unfug und Bedrohung. Nur um einen daran zu erinnern, dass jemand aufpassen könnte?", fragt sie und fährt fort: "Sagen Sie es mir. Oder Sie könnten den Kerl, der draußen parkt, fragen. Sie wissen schon, der in dem Wolga mit den verdunkelten Fensterscheiben sitzt."

Das ganze Angelegenheit liest sich wie ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Russland ist seit langem mit Verschwörungstheorien verbunden. Von den Protokollen der Weisen von Zion im 19. Jahrhundert bis zum Sinowjew-Brief der 1920er Jahre und dem "Trump-Putin"-Schwachsinn von heute. Natürlich haben skrupellose Journalisten immer versucht, eingebettete anti-russische Stereotypen zu verwenden, um ihre eigenen Profile zu verschönern. Mittlerweile hat der FSB in der realen Welt wohl bessere Dinge zu tun, als sich kleinere schlechte Journalisten aus relativ belanglosen westlichen Nachrichtenportalen vorzuknüpfen.

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