Macron und Merkel verteilen Balsam auf geschundene Eurokraten-Seelen

Macron und Merkel verteilen Balsam auf geschundene Eurokraten-Seelen
Trinken für Europa: In Bayern ist dies gute Tradition, hier mit Horst Seehofer und Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Truderinger Festwoche in München, 28. Mai 2017.
Europas Eliten zeigen langsam manisch-depressive Züge. Nach dem Katzenjammer von Brexit und Trump-Wahl entwickeln sie neuen und umso stärkeren Tatendrang. An den Grundproblemen der EU ändern diese Stimmungsschwankungen jedoch wenig.

von Pierre Lévy

Die bayerischen Christsozialen haben sich in einem großen Bierzelt versammelt. Angela Merkel lässt verlauten: "Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen." Die Kanzlerin hatte gerade an einem NATO-Gipfel und anschließend noch an einem G7-Treffen teilgenommen, wo Donald Trump gegen so ziemlich alles in Stellung gegangen war, was der Wertegemeinschaft™ noch heilig ist – eine Konfrontation, die Merkel so zusammenfasste:

Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei.

Um das Ausmaß einer solchen Erklärung zu verstehen, muss man etwas weiter ausholen. Die auf den Zweiten Weltkrieg folgenden Jahrzehnte sind von einer klar festgelegten Rollenteilung gekennzeichnet: Die Bundesrepublik Deutschland erlebt eine spektakuläre wirtschaftliche Entwicklung, und im Gegenzug akzeptierten ihre Verantwortlichen die politische Vorherrschaft der Amerikaner.

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Mit der deutschen "Wiedervereinigung" - im Grunde genommen der feindlichen Übernahme der DDR - beginnt eine große Wende. Die politische und wirtschaftliche Elite Deutschlands hat wieder globale Ambitionen. Für sie ist die Europäische Union, auf die Berlin einen wegweisenden Einfluss ausübt, der natürliche Träger dieser Ambitionen.

In dieser Situation kommen nach und nach Rivalitäten zwischen Washington und Berlin auf, die sich unterschwellig in der Ukraine-Krise ausdrücken, und die erst jüngst in der Auseinandersetzung über die Erdgas-Pipeline Nordstream 2 wieder aufflammten. Aber Deutschlands verantwortliche Politiker respektieren weiterhin den globalen Führungsanspruch von Onkel Sam.

Trumps Ketzerei mit Glaubensstärke bekämpfen

Durch die Wahl des atypischen Milliardärs in das Weiße Haus haben die US-Wähler jedoch die Karten plötzlich schneller neu gemischt. Trump hat nacheinander die NATO infrage gestellt, die EU heruntergemacht, den freien Handel stigmatisiert, den Brexit unterstützt und - vielleicht noch schlimmer für die westlichen Eliten und die Chefs multinationaler Unternehmen - klargemacht, dass er sich um das Klimaabkommen von Paris einfach nicht schert. Und das hinterlässt Eindruck, auch wenn Donald Trump - außer zum letztgenannten Thema - bisher nicht mit Kehrtwenden oder widersprüchlichen Erklärungen gegeizt hat.

Jeremy Corbyn, Chef der britischen Labour Party, bei einer Wahlkampfveranstaltung in Birmingham, 6. Juni 2017.

Seine Unvorhersehbarkeit bei Themen, die die liberale westliche Hegemonie ausmachen, ist für die globalisierten Eliten unerträglich. Das ist der Kontext, in dem die Erklärungen von Angela Merkel zu verstehen sind. Bereits bei der europäischen Abschiedsreise von Barack Obama im Februar hatte ein Teil der europäischen Presse den Besuch Obamas so interpretiert, oder gar mit Begeisterung gepriesen, als habe dieser die Kanzlerin in den Ritterstand aufgenommen und zur neuen Chefin der "freien Welt" erklärt. Deshalb treiben die neuesten Eskapaden von Präsident Trump die führenden europäischen Politiker dazu, für eine dringende "Belebung" der Integration der Gemeinschaft zu plädieren – insbesondere eine militärische.

Im vergangenen Jahr waren diese noch am Rande eines Nervenzusammenbruchs, ganz erledigt von der zunehmenden Ablehnung der EU in der Bevölkerung, die mit den Folgen der wirtschaftlichen und sozialen Krise der Eurozone zusammenhängt, mit den Flüchtlingsströmen und den Unstimmigkeiten zu diesem Thema, vor allem aber auch mit der britischen Entscheidung, das Schiff zu verlassen.

BlackRock erinnert Macron an seine Hausaufgaben

Diejenigen, die gestern noch Kassandra schrien, mischen nun jedoch mittlerweile wieder selbsterfüllende Prophezeiung mit schamloser Propaganda und glauben nun, es zeichne sich ein strahlender Sonnenaufgang ab: Präsidentenwahl in Österreich, Parlamentswahlen in den Niederlanden, Sieg des proeuropäischen Macron in Frankreich und die Schwierigkeiten von Theresa May. [...] Das alles wird begleitet von einer sich ankündigenden aufstrebenden Wirtschaftskonjunktur, natürlich unter der Bedingung, dass die "notwendigen Reformen" stattfinden - daran hat der Chef der größten globalen Fondsgesellschaft, BlackRock, seinen jetzt im Élysée-Palast weilenden ehemaligen Kollegen aus der Finanzwelt erst jüngst freundlich erinnert.

Emmanuel Macron (Zweiter von links), Gründer der Bewegung

Doch die EU ist heute genau so wenig über den Berg, wie sie vor sechs Monaten kurz vor ihrem Ende war. Keiner der genannten Sprengkörper ist entschärft. Auch Frankreichs Präsident sollte nicht glauben, ihm stünden als Europaverfechter Türen und Tore offen. Denn wenn die Wähler mit den größten Vorbehalten gegen die europäische Integration – Arbeiter oder Arbeitslose, Bewohner der Vorstädte und Landbevölkerung, Anhänger von Jean-Luc Mélenchon, von Marine Le Pen oder andere – sich so zahlreich ihrer Stimme enthalten haben, dann sicherlich nicht, weil sie vielleicht plötzlich entdeckt hätten, dass Brüssel ja doch ganz charmant ist.

Ganz im Gegenteil, die "Woge" der Macron-Abgeordneten zeigt ein ganz besonderes Gesicht der "Erneuerung": Die "Neulinge" im Parlament haben zum größten Teil Unternehmerprofil, sind Geschäftsführer von Start-ups, Unternehmensberater oder leiten die "Human Ressources". Sie sind alle von Natur aus Euro-begeistert. Aber dieses verkehrte Abbild der französischen Durchschnittsbevölkerung ist zugleich eine der Zeitbomben, die eines Tages mitten unter den neuen Machtinhabern explodieren könnte.

Bleibt nur die Frage, wann.

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