Stellen Sie sich vor, die USA hätten den Führer des IS angeblich getötet - und nicht Russland

Stellen Sie sich vor, die USA hätten den Führer des IS angeblich getötet - und nicht Russland
Wie hätten die westlichen Medien wohl reagiert, hätten Berichte nahe gelegt, es sei "sehr wahrscheinlich", dass US-Luftangriffe den Kopf der Terrororganisation IS getötet hätten? Die Journalisten hätten uns vermutlich erzählt, dies beweise, dass die USA die "großartigste Nation der Erde" seien.

von Neil Clark

Man würde uns auch daran erinnern, wie dankbar wir sein sollten, dass die Vereinigten Staaten, also der berufene Weltpolizist, immer "die bösen Jungs" verfolgt und diese auch kriegt. Es würde zweifellos auch die "Wir kamen, wir sahen, er starb"- Kommentare von führenden US-Politikern geben. Donald Trump würde sich für den Rest seines Lebens der Tötung des IS-Führers rühmen.

Al-Baghdadi oder Osama bin Laden - erkenne den Unterschied

Aber Abu Bakr al-Baghdadi, der Chef der Terrormiliz Islamischer Staat, starb angeblich durch russische und nicht US-amerikanische Luftangriffe, daher gab es auch keinen großen Wirbel um die Sache. In der Tat machten sich viele der führenden Experten und Kommentatoren nicht einmal die Mühe, einen Tweet dazu zu schreiben.

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Es ist aufschlussreich, die schwache Berichterstattung zur Al-Baghdadi-Geschichte mit den lautstarken Fanfarenstößen zu vergleichen, die mit der Nachricht verbunden waren, US Navy SEALs hätten im Pakistan des Jahres 2011 angeblich Osama bin Laden getötet. Damals versammelten sich große Massen am Times Square und in anderen US-Städten, um zu feiern, und hissten dabei die US-amerikanische Flagge. Der ehemalige US-Präsident George W. Bush begrüßte fröhlich eine "bedeutsame Leistung". Der NATO-Sekretär Rasmussen lobte einen "bedeutenden Erfolg".

Die Medien waren genauso euphorisch. "Wir haben ihn! Endlich Rache: USA nagelt den Bastard fest", titelte die New York Post. "Die Gerechtigkeit wurde wiederhergestellt: "US-Streitkräfte töten Bin Laden", verkündete die Washington Post an. "Verrotte in der Hölle! Osama bin Laden bei geheimem Angriff von US-Streitkräften getötet", hieß es bei der Toronto Sun.

Die Schlagzeilen um die Tötung des IS-Oberhauptes sind dagegen eher gedämpft - und skeptisch. "Russland behauptet, IS-Führer getötet zu haben", sagt Newsweek. "Wenig Beweise, um Behauptungen zu bestätigen, Al-Baghdadi wäre durch einen russischen Luftangriff getötet worden", erklärte der Toronto Sun. "Weißes Haus zweifelt an Russlands Behauptung, dass es den IS-Führer getötet hat", berichtete Politico in einem Artikel, der - Überraschung, Überraschung - es direkt auf al-Baghdadis Wikipedia-Seite schaffte.

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Obwohl es stimmt, dass wir noch keinen physischen Beweis dafür haben, dass der IS-Führer bei einem russischen Angriff getötet wurde, ist es sinnvoll, darauf hinzuweisen, dass wir auch niemals den Tod von Osama bin Laden als solchen gesehen haben.

Aber es war die US-Regierung, die behauptete, ihn getötet zu haben, also tauchte keine Skepsis in den Schlagzeilen der Zeitungen auf. In der Tat hätte jeder Zweifel am offiziellen Narrativ im Jahr 2011 dazu geführt, dass man Sie als einen verrückten Verschwörungstheoretiker abstempelt. Wenn Uncle Sam sagt, dass etwas wahr ist, dann wird erwartet, dass Sie es glauben.

Die Sache sieht ganz anders, wenn jemand anderes behauptet, den "bösen Kerl" getötet zu haben, besonders wenn das betreffende Land ein "offizieller Feind" ist. Russland, das den Kopf des IS tötet, passt nicht in den Freundschaftsnarrativ des US-Außenministeriums. Also lassen Sie uns die Tatsache entweder runtermachen oder ignorieren.

Keine Notwendigkeit, Theresa, zu hetzen - wir sind auf Ihrer Seite!

Stellen Sie sich nur vor, die Labour Party wäre bei den Wahlen am 8. Juni zur größten Partei im Unterhaus geworden, ihr hätten aber neun Sitze zu einer Mehrheit gefehlt. Stellen Sie sich nun weiter vor, der Labour-Chef Jeremy Corbyn würde anschließend mehr als zwei Wochen damit verbringen, mit der irischen republikanischen Partei Sinn Fein, die traditionell ihre Sitze in Westminster nicht einnimmt, zu verhandeln versucht, um ihm eine Regierung zu ermöglichen.

Wir können sicher sein, dass der Druck des Establishments auf Corbyn, beiseite zu treten, um der Chefin der Conservative Party Theresa May die Möglichkeit zu geben, eine Regierung zu bilden, unerbittlich gewesen wäre. Die führenden Experten würden uns im Fernsehen rund um die Uhr erzählen, dass Corbyn versucht, eine "Koalition des Chaos" zu bilden, die die britische Demokratie gefährdet.

Aber es ist Theresa May, die über zwei Wochen verzweifelt versuchte, eine Vereinbarung mit der ehemals auch militanten Loyalisten nahestehenden Protestantenpartei Democratic Unionist Party (DUP) zustande zu bekommen - und es gibt keinen großen Druck auf sie, sich zu beeilen. Es ist eher ein Fall von "Nehmen Sie sich Ihre Zeit, Theresa, bis wann auch immer Sie bereit sind". Das Establishment ist nicht immer so nachsichtig mit Premierministern, die versuchen, nach einem Verlust von Sitzen bei der Unterhauswahl weiter an der Macht zu bleiben.

Als der ehemalige Premierminister der Labour Party, Gordon Brown, seine Mehrheit bei den Parlamentswahlen 2010 verlor, legte ihm die veröffentlichte Meinung in unmissverständlicher Weise mitgeteilt, er müsse mit sofortiger Wirkung "für das Wohl des Landes" zurücktreten.

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Im Laufe von fünf turbulenten Tagen bewegte sich Großbritannien von der Demokratie, wie wir sie kennen, an den Rand einer Diktatur", erklärte ein Redakteur in der Zeitung Sun, als der "Hausbesetzer" Gordon Brown an der Macht blieb. Andere Kommentatoren beschuldigten Brown, dass er versuchte, einen "Putsch" durchzuführen.

Auch wenn es stimmt, dass Brown einen deutlich niedrigeren Stimmenanteil bei der Wahl erreicht hatte als May (29 Prozent gegen 42,3 Prozent), sind das zwei Ministerpräsidenten, die beide nach der Wahl zwar ihre Mehrheit verloren, aber dennoch die Möglichkeit erhielten, zu bleiben, da es ihnen gelang, sich mit anderen Parteien zu einigen. Aber ihr Handeln fuhr jeweils ganz unterschiedliche Reaktionen. Ähnlich wäre es, oder wird es, Corbyn ergehen, wenn er sich an Mays Platz befinden würde.

"Zielstaaten machen sich selbst zur Zielscheibe des Terrorismus"

Stellen Sie sich nun auch vor, es hätte tödliche IS-Angriffe auf den Capitol Hill und das Lincoln-Memorial in Washington gegeben und der iranische Präsident hätte eine Erklärung abgegeben, in der es hieße "Wir unterstreichen, dass Staaten, die den Terrorismus sponsern, es riskieren, dem Bösen, das sie fördern selbst, zum Opfer zu fallen."

Die führenden Zeitungen würden, ich bin mir sicher, voll von "empörten" Meinungen und Kommentaren sein, die auf die "moralische Verderbtheit des iranischen Regimes" hinwiesen. Es war aber US-Präsident Trump, der diese Kommentare nach den IS-Angriffen auf das Teheraner Parlament und das Grabmal von Ajatollah Chomeini veröffentlichte - und niemand bei der Mainstream-Presse schien darob besonders empört zu sein, nicht einmal die professionellen Trump-Basher.

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Was seine Kommentare noch schockierender machte, ist, dass der Iran den IS-Terrorismus in Syrien bekämpft. Aber natürlich können wir nicht wirklich groß darüber berichten, denn es ist gegen den Iran-Narrativ der Neokonservativen, denn ihnen zufolge ist das Land "der weltweit einzige Sponsor des Terrorismus".

"Zielstaaten" wie der Iran können deshalb auch niemals zu unschuldigen, unverdienten Opfer von Terroranschlägen werden, auch dann nicht, wenn sie es eindeutig sind. Es ist auch daran zu erinnern, dass, als die Angriffe am 11. September des Jahres 2001 die USA getroffen hatten, die iranische Führung diese Tat des Terrorismus in scharfer Weise verurteilte. Es fanden Kerzenlicht-Wachen für die Opfer im ganzen Iran statt. Es gab zumindest damals, vor der Ära Ahmadinedschad, keine Rede darüber, dass die USA dem "Bösen" zum Opfer fielen, das sie "gefördert" hätten.

Abschuss DEINER Flugzeuge in DEINEM eigenen Land durch die USA ist Selbstverteidigung!

Stellen Sie sich nun auch vor, was los wäre, wenn die syrische Regierung und deren Verbündete in den letzten sechs Jahren in den USA radikale islamistische Anti-Regierungs-"Rebellen" finanziert und unterstützt hätten. Die syrische Luftwaffe dann damit begonnen hätte, die USA zu bombardieren und einseitig ihre eigenen "konfliktberuhigten Zonen" auf US-amerikanischem Territorium zu erklären, um ihre "Vermögenswerte" vor Ort zu schützen. Danach wäre ein US-Kampfjet, der Milizen angreift, die von der US-Regierung als "Terroristen" in Texas bezeichnet werden, von den syrischen Streitkräften abgeschossen worden. Würde man diese Aktion auch "Selbstverteidigung" nennen?

Und wenn die USA und ihre Verbündeten dann mitteilen würden, dass sie syrische Düsenjäger, die die USA bombardieren, als potentielle Ziele behandeln würden, würden sie dann als die Angreifer erkennt werden, wäre von "Drohungen" die Rede? Ich denke nicht. Aber wenn wir die Positionen der beiden Länder umkehren, ist es genau das, was die USA in Syrien machen. Sie bombardieren illegal einen souveränen Staat und sagen dann aber, sie handeln in "Selbstverteidigung", wenn das Militär des bombardierten Landes auf seinem eigenen Territorium tätig wird. Die imperiale Arroganz übertrifft jeden Maßstab, aber wir wollen das nicht bemerken.

Erwähne nicht, wer die Kriegsparteien mit Waffen beliefert hat! (Wenn die "guten Jungs" verantwortlich sind)

Stellen Sie sich nun auch vor, der "schlimmste Cholera-Ausbruch der Welt" fände in einem Land statt, das von einem engen russischen Verbündeten innerhalb von zwei Jahren in die Steinzeit zurückgebombt worden wäre... Und der enge russische Verbündete wäre von Russland bewaffnet, geschult und logistisch unterstützt worden: Glauben Sie, dass die Kreml-Beteiligung in diesem Bericht erwähnt worden wäre?

Der Jemen wird aber seit 2015 von einer saudi-geführten Koalition angegriffen, die jede Art von Unterstützung durch Großbritannien und die USA erhielt.

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Und weil "wir", der Westen, immer "die guten Jungs" sind, darf unsere Verantwortung für die menschliche Katastrophe im Jemen nicht erwähnt werden, genauso wie die britisch-US-amerikanische Rolle bei der Umwandlung Libyens in einen gescheiterten Staat mit Freiräumen für Terroristen auch tabu ist.

Merkwürdige Stille der Anti-Zensur-Brigade

Stellen Sie sich vor, wenn Russland oder der Iran dem kleinen Land Katar ein zehntägiges Ultimatum stellen würde, um 13 Forderungen durchzudrücken, worunter auch die Abschaltung des internationalen katarischen Senders Al Jazeera und die Änderung der Außenpolitik Katars fallen. Und das würde passieren, nachdem Russland oder der Iran ein diplomatisches und Handelsembargo gegen Katar verhängt und andere Staaten dazu bewegt haben, sich der Blockade anzuschließen.

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Wir können sicher sein, dass dieses widerspenstige Mobbing-Verhalten Schlagzeilen auf der ganzen Welt machen würde, zu einer weitverbreiteten Verurteilung führte und sogar militärische Aktionen gegen Moskau oder Teheran gefordert würden.

Aber es ist der sehr nahe westliche Verbündete Saudi-Arabien, der Katar das Ultimatum stellte, also herrscht Stille. Lasst uns also über die "Bedrohungen der Medienfreiheit" schweigen und unsere Angriffe auf RT weiterführen, nicht wahr?

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

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