In Syrien und am Golf: US-Militär im Zangengriff der Anti-Terror-Achsenmächte

In Syrien und am Golf: US-Militär im Zangengriff der Anti-Terror-Achsenmächte
Proteste vor dem UN-Gebäude in Damaskus gegen amerikanische Luftangriffe, Syrien, 8. April 2017.
Die USA beginnen zu begreifen, dass sie ihr Ziel eines Regimewechsels in Syrien nicht erreichen. Allerdings wollen sie den Einfluss der Achse gegen den Terror noch so weit wie möglich beschränken - vor allem, was den Iran betrifft. Dieser aber ist gewarnt.

von Jürgen Cain Külbel

Die Spannungen zwischen den USA und Russland sind nach dem Abschuss eines syrischen Jagdbombers vom Typ Suchoi Su-22 am 18. Juni 2017 und einer iranischen Drohne vom Typ Shaheed-129 UAV am 20. Juni 2017 auf einem vorläufigen Höhepunkt angelangt. Analysten wollen eine direkte militärische Konfrontation zwischen Moskau und Washington nicht mehr ausschließen.

Jedoch könnten sich mehrere militärtaktische Maßnahmen der Anti-Terror-Achsenmächte Iran und Russland, die auf syrischem Boden auf Einladung der legitimen Regierung den "Islamischen Staat" (IS) bekämpfen, als strategischer Kunstgriff erweisen. Die damit verbundene militärische Finesse hat das Zeug dazu, die zweifelhaften Aktivitäten der USA, der westlichen Wertegemeinschaft und des mutmaßlichen Terrorfinanzierers Saudi-Arabien in der Region einzudämmen.

Militärtaktische Maßnahme 1: Erfolgreicher Einsatz iranischer Boden-Boden-Raketen in Syrien

Dem US-Verteidigungsminister James Mattis, ein Protegé des manifest russophoben republikanischen Senators John McCain, muss das Blut in den Adern gefroren sein, als Irans Revolutionsgarden (Sepah) am Sonntag, dem 18. Juni 2017, sechs Mittelstreckenraketen des Typs Zolfaghar punktgenau auf Stellungen des "Islamischen Staates" im syrischen Deir ez-Zor abgefeuert hatten.

Stolz hieß es anschließend aus der Garde:

Das Kommandozentrum der Takfiri-Terroristen (IS) sowie Konzentrationspunkte und Logistik-Zentren, die für die Montage von Autos für Selbstmordattentate in der Region Deir ez-Zor im Osten Syriens genutzt wurden, hat die Islamische Revolutionsgarde [...] angegriffen, um die Terroristen für den Doppelanschlag vom 7. Juni 2017 auf das iranische Parlament und den heiligen Schrein des verstorbenen Gründers der Islamischen Republik, Imam Chomeini, zu bestrafen.

Der PR-Offizier der Sepah ergänzte:

Eine Reihe von Mittelstrecken-Boden-Boden-Raketen, die von den Luftwaffenbasen in den Provinzen Kermanshah und Kurdistan Provinzen abgefeuert wurden, hatte in dieser Operation die Takfiri-Terroristen zum Ziel und zerschlugen diese mit tödlichen und vernichtenden Schlägen. Eine große Anzahl von Takfiri-Terroristen wurde getötet und deren Ausrüstung, Systeme und Waffen während der Operation zerstört.

Iran feuerte die Raketen als Vergeltung für die jüngsten IS-Terroranschläge in Teheran mit 18 Toten und 52 Verletzten ab. "Wir werden jeden Tropfen Blutes der unschuldigen Opfer von derart barbarischen Anschlägen rächen", heißt es vonseiten der Sepah weiter. Unter den Getöteten sollen sich sechs Terroristen aus Libyen, mehrere Anführer der Terrormiliz IS, unter ihnen Abu Asem al-Liby und Abdolghader al-Ferani, sowie ein Schwiegersohn des möglicherweise bereits verstorbenen IS-Anführers Abu Bakr al-Baghdadi befinden.

Die Syrisch Demokratischen Kräfte (SDF) werden von kurdischen Gruppen dominiert. Die USA wollen die an die SDF gelieferten Waffen nach dem Sieg über den

Mattis, ein Semi-Neocon in der Tradition jener Kriegsideologen, die unter den Präsidenten Bush jr. und Obama eine zerstörerische Außenpolitik des Weißen Hauses im Nahen und Mittleren Osten institutionalisiert hatten, dürfte augenblicklich kopfgerechnet haben: Die vom Territorium des Iran abgeschossenen Zolfaghar legten bis zum Ort des Einschlags eine Entfernung von 600 Kilometern zurück.

Dem "verrückten Hund" Mattis, wie er unter seinesgleichen betitelt wird, muss auf der Stelle klargeworden sein, dass die größte militärische Kommando-Leitstelle außerhalb der USA, nämlich die in Katar, sowie die US-amerikanischen Militärbasen in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Kuwait und die 5. Flotte der US-Navy in Bahrain sich nunmehr auf dem Präsentierteller für iranische Boden-Boden-Raketen befinden.

Grob geschätzt liegen Katar, Bahrain und die VAE in etwa 300 km Luftlinie vom iranischen Festland entfernt.

Die Boden-Boden-Rakete vom Typ Zolfaghar ist längst nicht alles, was das iranische Militär zu bieten hat: Shahab-1 und Fateh-110 fliegen 300 km weit, Fateh-313 und Shahab-2 verfügen über eine Reichweite von 500 Kilometern, während Shahab-3, Emad, Ghadr und Sejjil sogar 2000 bis 2500 Kilometer überbrücken können. Und Soumar, eine Cruise Missile, fliegt sogar bis zu 3000 Kilometer weit. Mattis ist nun auch im Bilde, dass sich sein völkerrechtswidrig und ohne Konsultationen mit der Regierung in Damaskus errichteter US-Luftwaffenstützpunkt im syrischen Sabit nahe der Stadt Kobane, den das Pentagon zur Vorbereitung der Angriffe auf die IS-Hochburg Rakka ausgebaut hat, sowie sein militärischer Außenposten nahe der jordanischen Grenze, 70 Kilometer von Al-Tanf entfernt, in Reichweite iranischer Raketen befinden.

Reichweiten iranischer Raketen:

Ein iranisches Kampfgeschoss könnte allerdings auch im 700 Kilometer entfernten Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens, einschlagen. Nicht ohne Grund erklärte General Ramazan Scharif, der Chef der Revolutionsgarde, nach dem erfolgreichen Raketenangriff im staatlichen iranischen Fernsehen, dass

die Saudis und die Amerikaner die speziellen Empfänger dieser Botschaft sind. Offensichtlich und klar hatten einige reaktionäre Länder der Region, vor allem Saudi-Arabien, angekündigt, dass sie versuchen werden, Unsicherheit in den Iran zu bringen.

Im Gegensatz zu den US-Militärbasen am Golf und in Syrien ist der Iran vor Luftangriffen bestens geschützt: Erst im März 2017 hatte Teheran von Russland sein S-300-Boden-Luft-Raketenabwehrsystem, eines der modernsten Raketenabwehrsysteme der Welt, gekauft und dieses bereits erfolgreich getestet. Die heimische iranische Version des S-300-Systems, Bavar 373, steht dem russischen in der Abwehr feindlicher Kampfflugzeuge und Marschflugkörper in nichts nach. "Die S-300 ist ein System, das tödlich für unsere Feinde ist und unseren Himmel sicherer macht", betonte der General der Luftverteidigung, Farzad Esmaili.

Am Überfall auf Syrien beteiligte US-Basen im Persischen Golf in Reichweite iranischer Boden-Boden-Raketen

Folgende US-Basen könnten im Fall einer Eskalation ins Visier der iranischen Boden-Boden-Raketen geraten:

Al Udeid Air Base in Katar

Die Al Udeid Air Base, ein Militärflugplatz 35 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Doha, der 10.000 US-Militärs beherbergt, ist die größte US-Basis im Nahen und Mittleren Osten - und mittlerweile auch der wichtigste Stützpunkt für die Operationen der US-amerikanischen Luftwaffe gegen den Islamischen Staat im Irak und in Syrien. Genutzt wird der Stützpunkt auch von der britischen Royal Air Force und der Royal Australian Air Force. Katar investierte über eine Milliarde Dollar in den Bau der Anlage, die mit 3.750 Metern über die längste Start- und Landebahn in der Golfregion verfügt und bis zu 120 Flugzeuge unterzubringen vermag; unter anderem seit 2016 auch B-52 Bomber, die in Syrien zum Einsatz kommen.

Auf der Al Udeid Air Base befindet sich eine vorgeschobene Kommandobasis des United States Central Command (CENTCOM), des Zentralkommandos der Vereinigten Staaten, das den Einsatz und die Koordination des US-Militärs und der US-geführten Koalitionstruppen in ihren Kriegen in Syrien, Irak und Afghanistan regelt. Al Udeid soll in den kommenden Wochen für die amerikanischen Interessen im Mittleren Osten noch wichtiger werden, da von dort aus die Offensive gegen die ISIS-Hochburg Rakka fortgesetzt werden soll.

RT-Deutsch sprach mit dem Politikwissenschaftler Nicholas Heras, der für das einflussreiche US-Zentrum für Neue Amerikanische Sicherheit (CNAS) und die Jamestown Foundation tätig ist.

Naval Support Activity Bahrain

Im kleinen Emirat Bahrain befindet sich eine der für die USA wichtigsten Marine-Basen auf der Welt. Dort ist die 5. Flotte der US Navy mit rund 6.000 Soldaten präsent. Der Stützpunkt dient den USA als militärische Drehscheibe vom Persischen Golf über das Rote Meer bis hin nach Zentralasien. In ihrer Globalstrategie ist die Basis ein Schlüssel zur Wahrung der so genannten vitalen Interessen der USA, sprich: der Erdölzufuhr, aber auch zur selbstgewählten Rolle als Gegenpart zur Regionalmacht Iran. Vor Anker liegen derzeit dort 30 Kriegsschiffe, darunter Flugzeugträger mit Kampfflugzeugen.

Etwa 30.000 Marineinfanteristen und andere Truppenteile sollen zudem die Tanker-Routen schützen. Der Stützpunkt Bahrain gilt als militärisch unverzichtbar für die Kriegsführung in Syrien, Irak und Afghanistan. Deutliche Worte hatte der Iran bereits am 6. Februar 2017 in Richtung Bahrain gerichtet. So erklärte Mojtaba Zonour, Mitglied der Kommissionen für Nationale Sicherheit und Außenpolitik des iranischen Parlaments:

Die Fünfte Flotte der US-Armee hat einen Teil von Bahrain besetzt, und die am weitesten entfernteste Militärbasis des Feindes liegt im Indischen Ozean, aber diese Punkte liegen alle im Bereich der iranischen Raketensysteme, und sie werden dem Erdboden gleichgemacht, wenn der Feind einen Fehler machen sollte.

Militärtaktische Maßnahme 2: Russische Flugverbotszone westlich des Euphrat

Am 18. Juni 2017 berichtete die Damaszener Nachrichtenagentur SANA, das US-Militär habe einen syrischen Kampfjet vom Typ Suchoi Su-22 abgeschossen - eine "schamlose Aggression", der Jet habe einen Kampfeinsatz gegen IS-Stellungen geflogen.

Moskau verurteilte den Abschuss ebenfalls als "Akt der Aggression"; die USA verletzten damit zum wiederholten Male in Syrien das Völkerrecht, sagte Vizeaußenminister Sergej Rjabkow der Agentur Interfax. Die USA sollten von einseitigen Aktionen absehen und die territoriale Unversehrtheit Syriens respektieren, mahnte Außenminister Sergej Lawrow Washington. Die Amerikaner widersprachen. Das Flugzeug habe Bomben auf eng verbündete Truppen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) abgeworfen, sei daraufhin von einer F/A-18E "Super Hornet" abgeschossen worden.

Der Vorfall ereignete sich südlich von Tabka, nahe der IS-Hochburg Rakka. Die Erklärung des US-Außenministeriums liest sich sehr vertraut und dabei doch wenig vertrauenswürdig:

Das Bündnis strebt keine Kämpfe gegen das syrische Regime oder mit ihm verbündete russische und regimetreue Kräfte an. Es würde aber auch nicht zögern, wenn Kräfte der Koalition oder ihrer Verbündeten bedroht würden.

Wer's glaubt, wird selig: Zehn Tage zuvor schossen die USA im Süden Syriens eine bewaffnete Drohne des syrischen Militärs ab, im Mai 2017 bombardierten sie nahe des südsyrischen Dorfes Al-Tanf einen Konvoi schiitischer Milizen, die mit Damaskus verbündet sind. Vergessen auch der Angriff mit 59 Tomahawk-Raketen und insgesamt 30 Tonnen Sprengstoff auf die syrische Luftwaffenbasis Al-Schairat im April 2017?

Einen Tag nach dem Abschuss der Suchoi Su-22 kündigte Moskau folgerichtig das Syrien-Memorandum mit den USA zur Verhinderung von Zwischenfällen im syrischen Luftraum auf:

Das Verteidigungsministerium der Russischen Föderation setzt ab dem 19. Juni die Kooperation mit der amerikanischen Seite im Rahmen des Memorandums über die Vorbeugung von Vorfällen und die Gewährleistung der Flugsicherheit im Laufe der Operationen in Syrien aus und fordert eine gründliche Ermittlung durch die amerikanische Führung.

Das Ministerium begründet sein Vorgehen als defensive Maßnahme. Die USA hätten die vereinbarten Kanäle vor ihrer Aktion nicht genutzt; es habe kein Signal von der US-Luftwaffenbasis Al Udeid in Katar an die russische Basis in Latakia gegeben. Überdies seien russische Flugzeuge ebenfalls in der Gegend im Einsatz gewesen. Moskau kündigte an, dass künftig

in jenen Gebieten, in denen die russische Fliegertruppe Kampfmissionen im syrischen Luftraum ausführt, alle Flugobjekte, darunter Jets und Drohnen der internationalen Koalition, westlich vom Fluss Euphrat lokalisiert und deren Flugbahnen von den russischen Luft- und Boden-Abwehrsystemen als potenzielle Ziele in der Luft verfolgt werden.

Im November 2015 stationierte das russische Militär Flugabwehrraketen des Typs S-400 auf seiner Luftwaffenbasis Hmeimim in Syrien. Das mobile, allwetterfähige Langstrecken-Boden-Luft-Raketen-System eignet sich zur Bekämpfung von Kampfflugzeugen, Marschflugkörpern in allen Flughöhen sowie zum Abfangen von Kurz- und Mittelstreckenraketen sowie Tarnkappenflugzeugen.

Militärtaktische Maßnahme 3: Erfolgreicher Abschuss russischer Marschflugkörper aus dem östlichen Mittelmeer auf IS-Stellungen in Syrien

Am Freitag, dem 23. Juni 2017, folgte die nächste Demonstration der militärischen Vormachtstellung Russlands auf dem Schlachtfeld Syrien. „Vom östlichen Teil des Mittelmeeres feuerten die Fregatten ‚Admiral Essen’ und ‚Admiral Grigorowitsch‘ zusammen mit dem U-Boot ‚Krasnodar‘ der russischen Marine sechs Marschflugkörper Kalibr auf Objekte der Terrormiliz IS in Syrien ab“, verlautete es aus dem Verteidigungsministerium in Moskau. „Das U-Boot ‚Krasnodar‘ feuerte Marschflugkörper aus der Tauchstellung heraus ab“. Die massiven Raketenschläge zerstörten Befehlsstellen sowie größere Waffen- und Munitionsdepots des Islamischen Staates nahe der Stadt Akerbat, Provinz Hama. Direkt nach den Kalibr-Einschlägen erledigten Kampfjets den Rest: „Die übrigen IS-Kämpfer und deren Objekte wurden durch Luftschläge von Bombern der russischen Luftstreitkräfte vernichtet“, so die kurze Mitteilung aus dem russischen Verteidigungsministerium.

Frieden schaffende Strategie – gemeinsam gegen den IS?

Es ist wie beim Schach. Der Spieler sollte bis zum Ende der Partie zusehen, so viele starke Figuren als möglich zu sichern und vorher keine leichtfertig als Kanonenfutter zu vertändeln. Als starke Figuren in der undurchsichtigen militärischen Gemengelage auf dem geopolitischen Schlachtfeld Syrien erweisen sich momentan die galant und konzertiert ins Spiel gebrachten russischen S-400-Systeme, die im östlichen Mittelmeer stationierten Kalibr-Marschflugkörper, Irans S-300-Systeme sowie deren punktgenaue Vernichtungsschläge exekutierenden Boden-Boden-Raketen.

Diese militärischen Joker drängen gegenwärtig die amerikanischen Interventionstruppen samt ihrer Koalition auf syrischem Boden nicht nur in eine Haltung der militärischen Passivität, sie sind zugleich auch eine Bedrohung für deren wichtigste Militärbasen im Golf, von denen aus die Koalition Angriffe gegen Syrien organisiert, vorbereitet und fliegt.

Im Wissen darum, derzeit so richtig in der Bredouille zu stecken, signalisierte das Pentagon bereits einen Tag nach dem Abschuss des syrischen Kampfjets, dass es sich rasch um Deeskalation bemühen wolle. Pentagon-Sprecher US-Major Adrian Rankine-Galloway erklärte gegenüber Interfax:

Im Ergebnis der jüngsten Zusammenstöße mit pro-syrischen und russischen Truppen haben wir Vorkehrungen getroffen, um die Disposition der Flugzeuge in Syrien zu ändern, um weiterhin den Islamischen Staat bekämpfen zu können und gleichzeitig die Sicherheit unserer Piloten zu wahren - unter Berücksichtigung der bekannten Bedrohungen auf dem Schlachtfeld.

Joe Dunford, Generalstabschef der US-Streitkräfte, beeilte sich zu sagen, der Kommunikationskanal mit dem russischen Militär habe "in den vergangenen acht Monaten sehr gut funktioniert“. Deshalb wolle man in den kommenden Stunden auf diplomatischer und militärischer Ebene darauf hinwirken, diesen Kanal wieder zu eröffnen. Am 21. Juni 2017, der "Kanal" ist zum Glück noch immer nicht geöffnet, knickte das Pentagon weiter ein: Es sehe "keine Handlungen des russischen Militärs in Syrien, die Befürchtungen auslösen könnten".

Zwischenzeitlich bröckelte auch noch kurzzeitig die völkerrechtswidrig in Syrien handelnde Anti-IS-Koalition; bekannt wurde, dass die belgischen Kampfflieger sich zieren, in syrischen Luftraum einzudringen. Zudem lies Australien seit dem 20. Juni 2017 seine Kampfjets zwei Tage lang am Boden und flog keine Luftangriffe mehr in Syrien. Als „Vorsichtsmaßnahme“ seien die „vorübergehend eingestellt worden“, hieß es aus Canberra. Laut eines Sprechers des australischen Verteidigungsministeriums am Donnerstag, den 22. Juni 2017, wurde der „der Stopp aufgehoben". Vielleicht hatte sich für die Krieger vom anderen Ende der Welt das Fenster zur Realität einen winzigen Augenblick lang geöffnet: Erstens wird den völkerrechtswidrig agieren Kriegern des Westens die Bewegungsfreiheit im syrischen Luftraum auf ein Mindestmaß reduziert. Zweitens rückt die syrische Armee, unterstützt von der russischen und iranischen Luftwaffe, der libanesischen Hisbollah und den Brigaden Fatemiyoun, Zeynabiyoun und Asaib Ahl al-Hakk auf drei parallelen Achsen von Damaskus bis an die Grenzen Jordaniens und des Iraks vor und gewinnt strategisch wichtiges Gelände. Arabische Analysten gehen davon aus, wenn der Kampf weiterhin in dem Tempo geführt wird, sei die Niederlage des IS nur noch eine Angelegenheit von Monaten. Allerdings stellt sich Washington in diesem Kampf quer, schlägt derzeit wild um sich, will es doch auf Teufel komm raus seine strategischen Ziele im Irak und in Syrien durchsetzen: erstens, die Konsolidierung der US-Hegemonie über den ölreichen Nahen Osten und Persischen Golf, zweitens die Vorbereitung auf eine mögliche Konfrontation mit dem Iran und Russland, den zwei wichtigsten Hindernissen, die ihrem hegemonialen Streben in der Levante entgegenstehen.

Momentan versuchen die USA, so viel als möglich Land im Osten Syriens zu besetzen, den Staat zu partitionieren. Doch das wird keinen Bestand haben: Damaskus, Teheran, Moskau, die Hisbollah kämpfen derzeit darum, die Kontrolle über das Land bis hin zur östlichen Grenze zum Irak wiederherzustellen; irakische Freiwillige auf der anderen Seite tun das übrige. In der östlichen Wüste gibt es daher keinen Platz mehr für die USA und ihre Proxies; egal wie viel Mühe sie aufwenden, ihnen wird es nicht gelingen, sich in Ostsyrien zu behaupten. Sie werden die Grenze zum Irak nicht kontrollieren, geschweige denn die Landstrecke zwischen Bagdad und Teheran dauerhaft blockieren können. Kurzum, die USA haben nicht genügend militärisches Material, Soldaten vor Ort; nach dem mehr als sechs Jahre langen, mittlerweile kläglich gescheiterten Versuch des Regime-Change in Syrien, ist ihnen klar geworden, dass sie auf syrischem Boden keinen Blumentopf mehr gewinnen können: Weder Syrien noch Russland und Iran werden jemals einem Abkommen zustimmen, dass ein partitioniertes Nachkriegs-Syrien mit illegalen US-Militärbasen im Osten zulässt. Washington, das den Regime-Wechsel in Syrien und die Beseitigung des Präsidenten Baschar al-Assad trotz allem noch immer nicht offiziell aufgegeben hat und sich heftig gegen jeden aufkeimenden Friedensprozess wehrt, sollte sich fortan jeden Angriff auf die syrische Armee fünf oder lieber hundertmal überlegen: Wladimir Issajew, Nahost-Spezialist der Moskauer Lomonossow-Universität, sieht die USA vor einem „ernsthaften Problem“, so der Berliner Tagesspiegel: „Entweder nehme das Pentagon das Risiko in Kauf, von russischer Luftabwehr unter Feuer genommen zu werden. Oder man halte sich an die 2015 geschlossene Vereinbarung über die Sicherheitskooperation.“ Nicht zu vergessen die iranischen und russischen Marschflugkörper, die den Amerikanern den Hintern in Syrien versohlen könnten.

„Jetzt müssen wohl die Präsidenten reden“, meint Issajew. Ja doch, nachdem Russland und Iran seine starken Figuren ins Spiel gebracht haben, ist Washington am Zug: Eine gemeinsame Strategie zur Auslöschung des "Islamischen Staates" unter Einbeziehung der dritten Anti-Terror-Achsenmacht Syrien sollte es endlich akzeptieren.