Andrej Babizki zum Krieg im Donbass: "Es ist schwer für dieses Verbrechen einen Namen zu finden"

Andrej  Babizki zum Krieg im Donbass: "Es ist schwer für dieses Verbrechen einen Namen zu finden"
Andrej Babizki im Film "Schillernde Menschen".
Der Krieg im Donbass, ist ein Krieg, um die eigene Kultur vor der Auslöschung zu bewahren, glaubt Journalist Andrej Babizki. Jahrelang arbeitete er beim US-Sender Radio Liberty. Als der Informationskrieg sich erneut entfachte, wechselte er die Seiten.

Wer in Russland noch den zweiten Tschetschenien-Krieg in Erinnerung hat, dürfte sich noch an den Kriegsreporter von Radio Liberty, Andrej Babizki, erinnern. Im Frühjahr 2000 geriet er an der Front in russische Gefangenschaft und wurde als "Kombattant" gegen zwei russische Soldaten ausgetauscht. Er hielt sich oft im Lager der Terroristen auf und sprach sogar mit den besonders berüchtigten unter ihnen – wie mit dem Organisator der blutigsten aller Terroranschläge (2002 in Moskau und 2004 in Beslan), Schamil Bassajew. Dafür erntete Babizki in Russland scharfe Kritik.

Nach dem fünftägigen Georgien-Krieg in August 2008 leitete Babizki das Informationsportal Westi Kawkaza für Radio Liberty. Er wohnte jahrelang mit seiner Familie in Prag, wo sich der Hauptsitz des Senders befindet. Mit dem Beginn der Ukraine-Krise geriet seine Position bei dem Sender allerdings ins Wanken, weil seine Berichterstattung zum Krieg in der Ostukraine nicht mehr in den strammen propagandistischen Kurs des Senders passte.

Der blutigste Terrorakt war die Geiselnahme von Beslan. Terroristen brachten über tausend Menschen - Schüler, Eltern und Lehrer - am 1. September 2004, dem Tag des Wissens, in ihre Gewalt. Bei der Erstürmung kamen 334 Menschen um. Hier: Gedenkaktion in der Turnhalle, wo die meisten Menschen starben.

In September 2014 entließ ihn Radio Liberty aus Gründen der "Reorganisation". Das war für Babizki, wie er später zugab, ein Befreiungsschlag. Seitdem wohnt der Journalist in Donezk als freier Autor und schreibt für diverse russische Medien. Im Dokumentarfilm "Schillernde Menschen. Donbass an der Feuerlinie", den der Kriegsreporter Maxim Fadeew im Frühjahr 2016 drehte, kommt Babizki ausführlich zu Wort. Mittels gewaltiger Sprachbilder versucht er im Film, die Ursachen und Folgen des Krieges in der Ukraine zu ergründen. RT dokumentiert seine Überlegungen.

von Andrej Babizki

Russland hatte im Donbass eine sehr schwache Position. Es setzte auf die Partei der Regionen. Doch als diese sich selbst abschaffte, gab es keine Hebel der Beeinflussung mehr. Russland schaltete sich diesbezüglich erst später ein, als Donezk schon stark genug war und ernsthaft begann, mit der Waffe in der Hand seine Rechte zu verteidigen.

Und was die Ukraine betrifft, ist es klar, dass die westliche Unterstützung der ukrainischen Nationalisten eine verhängnisvolle Rolle gespielt hatte, weil diese damit erstarkten. Sie glaubten, sie hätten einen ernsten Verbündeten auf ihrer Seite und entsprechend erhöhten sie ihren Druck auf den Donbass. Deswegen ist es eindeutig, dass den jetzigen Konflikt im Wesentlichen westliche Partner der Ukraine provoziert hatten.

Der Westen benötigte eine aggressive, harte antirussische Kraft, die in der Lage wäre, ein Sperrgebiet entlang der russischen Grenzen zu schaffen. Die Nationalisten waren für diese Rolle am besten geeignet, weil der Nationalismus im postsowjetischen Raum auf doktrinärer Ebene voll und ganz auf dem Hass gegen Russland basiert. Dieser Hass ist so allumfassend, dass er auch die russische Kultur abstößt. Er stößt alles Russische ab und weist es zurück. Das wäre eine natürliche Umwelt, mit der man Russland umzäunen könnte.

Angriff auf die Sprache als Angriff auf das Sein

Es ist bezeichnend, dass der Aufstand in Donezk gleich am nächsten Tag begann, nachdem das Sprachgesetz beschlossen worden war. Das Gesetz sah vor, die Nutzung der russischen Sprache einzuschränken. Dieses Sprachproblem ist zum Trigger geworden.

Aktion

Sprache ist nicht nur die Art und Weise der Kommunikation. Sprache ist eine intime, sehr wichtige Matrix der Kultur. Je nachdem, in welcher Sprache jemand redet, sieht er die Realität, die Gerechtigkeit, unterhält sich mit Gott. Der Mensch und das Volk. Der Angriff (покушение) auf die Sprache ist auch ein Angriff auf Kultur.

Übrigens, Anna Achmatowa [berühmte russische Dichterin] sah die Situation genauso. Anlässlich des Großen Vaterländischen Krieges schrieb sie ein Gedicht, in dem es hieß: Wir werden dich aufbewahren, unsere russische Rede. Wird das Volk der Sprache beraubt, wird es im Grunde seines Blickes auf das Leben beraubt, seiner Einzigartigkeit. In der russischen Sprache hat sich alles ausgedrückt – die Besonderheiten der Geografie, der zwischenmenschlichen Beziehungen, die накал (Inbrunst) des Gebets, die in schwierigen Zeiten hervortritt. Alles hat sich in der Sprache herauskristallisiert.

Entsprechend ist es auch völliger Quatsch, einfach nur zu sagen, man habe den Russen nicht erlaubt, in ihrer eigenen Sprache zu sprechen. Wenn der Sprache nur noch ihre kommunikative Funktion zugewiesen wird, ist es nicht mehr die Sprache, nicht mehr die Kultur, kein Kulturcode, keine Matrix. Das ist dann nur die Art, in Geschäften einzukaufen, sich im öffentlichen Verkehr zu verständigen. Das ist aber dann keine Art und Weise mehr, zu lieben, für seine Würde einzustehen.

"Es ist schwer für dieses Verbrechen einen Namen zu finden". Andrej Babizki in einer zerstörten Stadt im Donbass im Film "Schillernde Menschen".

Donbass als Teil der russischen Welt

Deswegen ist dieser Krieg für mich aber auch, so seltsam es vielleicht auch klingen mag, ein großer Krieg. Es ist ein Krieg für die Kultur. Der Donbass wollte den Raum eigener Sprache nicht aufgeben. Ich kenne keine Kriege in der Geschichte, die für die Sprache geführt worden sind, dessen Grund der gemeinsame Protest gegen den Angriff auf die Sprache ist, auf das Bedeutendste, was ein Volk besitzt.

Ich verstehe den Donbass als einen Teil der russischen Welt. Nicht in den Grenzen eines Staates Russland. Es ist Russland in einem viel breiteren Sinne, als Teil russischer Kultur, die zudem noch Avantgarde des Kampfes ist für den Schutz der russischen Kultur - und die Aktualisierung dieser russischen Kultur bis auf eine Stufe, da sie verstanden hat, dass sie sich mit der Waffe in der Hand schützen muss.

Der russische Schriftsteller Sachar Prilepin tritt in die Fußstapfen Lord Byrons, Jüngers und Hemingways.

Das ist sehr hohe Stufe der Kampfbereitschaft. Russland hat diese sehr lange nicht mehr demonstriert. Sie kam hier zum Vorschein, ausgerechnet im Donbass. Deswegen kämpft dieses Russland hier für sich selbst. Das hiesige Russland kämpft hier auch für Russland als Staat, für diesen Teil der russischen Welt, deren donbassischen Teil.

Der Zweite Weltkrieg zeigte uns, dass bei einem Krieg die Opfer in die Millionenhöhe gehen können oder müssen. Und wenn jetzt die Zahlen Erwähnung finden - 5.000 oder 10.000 Tote -, hat man auf den ersten Blick das Gefühl, diese Zahlen seien nicht vergleichbar mit den Opferzahlen eines echten Krieges.

Tausende sterben, weil sie sich gegen Zwang zur kulturellen Selbstaufgabe zur Wehr setzen

So ist es aber nicht! Wer hatte das Recht, diesen Menschen das Leben zu nehmen? Das war eine absolut friedliche Region. Sie hielt sich kulturell für anders. Sie hatte den Anspruch, eine eigene Lesart der Geschichte zu haben. Sie hatte den Anspruch, eine eigene Sprache nicht nur im Alltag zu benutzen. Dafür wird der Donbass bestraft, dafür nimmt man ihm mehrere tausend Leben - bis zu zehntausend. Dafür nimmt man ihm die Leben von Hunderten von Kindern.

Es ist schwer, für dieses Verbrechen einen Namen zu finden. Man tötete Menschen, weil sie einfach anderen Grundsätzen folgen wollten, sie wollten etwas Anderem folgen als dem, was man ihnen aufzwingen wollte. Ich glaube, es ist eine kolossale Tragödie, die sich hier ereignete. Menschen, die ohne jeglichen Grund getötet wurden.

Wohngebäude in Donezk nach Artilleriebeschuss durch ukrainische Streitkräfte, 2. Januar 2017

Das wird natürlich immer in der Erinnerung des Donbass verbleiben, das wird Kiew und dem ukrainischen Nazismus immer in Rechnung gestellt werden.

Der Krieg im Kaukasus war irgendwie verständlicher. Dort gab es tschetschenische Separatisten, die dem Separatismus des 19. Jahrhunderts folgten. Und sie waren bereit, dafür zu kämpfen. Dort hatte keiner an den Krieg gedacht. Und der Kaukasus ist ein Territorium des Krieges.

Nazismus mit demokratischer Phraseologie ummäntelt

Aber hier waren zuletzt die Nazis. Und es kam so, dass sich hier in über 20 Jahren nach dem Ende der Sowjetunion ein eigener Nazismus herausgebildet hat, und der ist keineswegs weniger grausam als derjenige, der hier in den Jahren des Größen Vaterländischen Krieges gewütet hatte.

Die Menschen haben sich erhoben, nahmen die Waffe in die Hand, um gegen den Nazismus zu kämpfen. Es ist so, auch wenn es hart klingt. Und es ist egal, was unsere vermeintlich aufgeklärten liberalen Freunde darüber denken. Sie machen sich über diese Rhetorik lustig. Sie meinen, es sei Quatsch, dass es in der Ukraine Nazismus gäbe.

Werbung für ein militär-patriotisches Camp "Asowetz" (Asower). Kindern werden dort die Grundzüge nationalistischer Ideologie in einer militarisierten Umgebung beigebracht.

Und es erscheint ihnen möglicherweise tatsächlich so, als ob es keinen Nazismus gäbe. In Wirklichkeit gibt es ihn aber. Er hat im Laufe der Jahrzehnte eine andere Form angenommen. Es zeichnet sich ab, dass in der mürben ukrainischen Staatlichkeit nicht so einfach die eiserne nazistische Faust wie damals in Nazi-Deutschland zu verankern ist. Es zerfällt alles in der Ukraine. Die staatliche Politik ist auch nicht in den Termini der nazistischen Ideologie formuliert, das ist auch klar. Sie wird mit demokratischer Phraseologie ummäntelt.

Aber wir sehen, dass es hier Verfolgungshandlungen gegen die russische Sprache und russische Kultur gab, dass die Russen allmählich zu Russischsprachigen wurden, dass man versucht hat, ihre Identität zu zerstören. Praktisch ging es um eine Art des politischen Rassismus, um den Versuch, einen geistigen, kulturellen Genozid durchzuführen. Der Donbass demonstriert einen direkten Widerstand, eine direkte Verteidigung vor diesem Genozid.

Geistige Verarmung durch antirussischen Wahn

Ich denke, es gibt viele Beispiele dafür, wie die Russen und die russische Welt den Versuchen trotzen, ihren Kulturcode in der Säure der Schmähung und Negation aufzulösen. Mir scheint es, als ob Russland und die Russen eine einmalige Größe des Geistes demonstriert haben - ausgerechnet im Kampf gegen die Agenten des Nichtseins, die der Westen gezüchtet und im Wege einer Attacke auf Russland losgeschickt hat.

Diese Leute, die versuchen, ihre Nation als eine sich von allem Russischen künstlich abgrenzende Anti-Nation aufzubauen, ob in Georgien, in der Ukraine oder anderen postsowjetischen Ländern, sie verstehen nicht, dass sie ihre Kultur ärmer machen um die ganze Größe der russischen Kultur. Denn die russische Kultur war ein untrennbarer Teil der nationalen georgischen oder ukrainischen Kultur. Diese kranken Menschen verstehen nicht, welche Kulturschicht sie in der eigenen Kultur vernichten. Und um wieviel sie dadurch ärmer werden. 

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