Befangener Journalismus in Deutschland: "Die Welt" ist nicht genug

Befangener Journalismus in Deutschland: "Die Welt" ist nicht genug
Bryan MacDonald, irischer Journalist, der derzeit in Russland lebt, beschreibt seine Reaktionen auf einen Zeitungsartikel der "Welt", der sich gegen RT und RT-Deutsch richtete, und den Verlust eines kühlen Biers. Deutscher Journalismus zwischen Tragik und Komik.

von Bryan MacDonald

Die deutsche Axel Springer Gruppe ist stolz auf ihre öffentliche Unterstützung der NATO, der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten von Amerika. Dennoch haben sie die Nerven, andere Medienanstalten der Voreingenommenheit und Propaganda zu bezichtigen. 

Manchmal sollte man nicht auf seine Mutter hören. Denn ein Vierteljahrhundert zuvor, als meine Schule mir die Wahl zwischen Deutsch und Französisch offerierte, sagte sie mir, dass ich Ersteres wählen solle, denn dies wäre die "Geschäftssprache der Zukunft". 

Was, natürlich, letztendlich das Englische war, das wir schon sprachen. Folglich vertat ich fünf Jahre meines Lebens für eine Sprache von gnadenloser Effizienz, statt mir eine von Liebe, Laune und Leidenschaft anzueignen. Als Resultat konnte ich nicht richtig mit niedlichen französischen Mädchen kommunizieren, nicht die "Le Monde Diplomatique" lesen [...]. 

Aber ich kann der Bild-Zeitung folgen, österreichische Zugbegleiter ansprechen und Ihnen genau sagen, was deutsche Fussballfans während großer Spiele rufen. Was kaum ein fairer Deal ist.

Mein deutsches Elend traf mich wieder diese Woche in Wien. Während der Pause einer Veranstaltung trottete ich runter in eine lokale Brauerei, wo eine Reihe von Zeitungen auf der Bar verteilt herumlag. Auf der Suche nach Zerstreuung nahm ich eine wenige Tage alte Ausgabe der deutschen "Die Welt" zur Hand, und es dauerte nicht lang, bis ich fast an meinem Lager-Bier erstickte. Denn auf den innenliegenden Seiten fand sich ein Leitartikel von Jan Lindenau, der einen Würgereflex in mir auslöste.

"Questioning more"

Die Schmährede zielte auf dieses Medienunternehmen, RT, ab und war gespickt mit Heuchelei. Themen waren die angebliche russische Einmischung in die vorausgegangen französischen Wahlen - der niemand, der auch nur eine Hirnhälfte besitzt, Glauben schenkt - und die Vorstellung, dass Moskau sich in die Wahlen in Deutschland im Herbst einmischen würde. 

Lindenau war verunsichert, ob RT nun Journalismus oder Propaganda liefert. Ein Vorwurf war auch, dass es schwer sei, mit der Firma in Kontakt zu treten - was bizarr erscheint, denn das RT-Pressebüro wird täglich auf dem einen oder anderen (Nachrichten-)Kanal zitiert. 

Wären die Angriffe der "Welt" etwas dezenter, würde ich diese lediglich als inhaltsleer bewerten. Deren Substanz konzentriert sich auf die vermeintliche Expertise von Sylvia Sasse, einer Professorin für slawische Studien an der Universität Zürich, kombiniert mit aggressiven Fragen gegenüber Ivan Rodionov, der RT-Deutsch leitet. 

Aber was das Machwerk auslässt, ist noch wesentlich bemerkenswerter als dessen Inhalt. Zum Beispiel beschreibt Lindenau vorsichtig die Produkte von RT-Deutsch, nennt dessen Angestelltenzahl (37, tatsächlich) und erklärt, dass der Kanal rund 4,5 Millionen Besucher pro Monat erhält. 

Aber er sagt nie, dass Berlin selbst auch einen Sender betreibt, die Deutsche Welle (DW), welche von der Regierung finanziert wird und ein wesentlich größeres Budget als RT zur Verfügung hat. Lindenau ignoriert auch, dass die DW viel feindlicher gegenüber Wladimir Putin eingestellt ist, als RT-Deutsch gegenüber Angela Merkel. 

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Eine verpflichtende Weltsicht

Weiterhin [...] vernachlässigt der Autor auch jede Referenz auf die der "Welt" zugrundeliegenden Ursprünge und im Speziellen auf die für verbindlich erklärte redaktionelle Haltung. 

Sehen Sie, die Zeitung wurde 1946 von der britischen Besatzungsmacht in Hamburg als Propagandamittel gegründet, um britische Ansichten zu verbreiten. In den 1950er Jahren, mit der festen Verankerung der BRD in der westlichen Ordnung, gaben die Briten das Blatt an Axel Springer weiter, der Herausgeber der Bild-Zeitung mit Sitz in West-Berlin. Zu dieser Zeit war die Zeitung ein konservatives und nationalistisches, jedenfalls aber militant antirussisches Boulevardblatt.

Springer, der 1985 verstarb, hinterließ eine spezielle Reihe von Artikeln für die Nachwelt, die bis heute Vorbildcharakter haben. In diesen wird "Die Welt" dazu angehalten, nachfolgend "die Vereinigung mit Europa voranzutreiben" und "die transatlantische Allianz und die liberale Gemeinschaft in Solidarität mit den USA zu unterstützen".

Konkret reduziert dies von vornherein den Spielraum der Redakteure, abweichende Stimmen in Auftrag zu geben. Und es bedeutet, Inhalte müssen auf jeden Fall eine Nuance aufweisen, die klar NATO- und EU-freundlich ist.

Das belässt uns in einer Situation, wo eine Nachrichten-Satzung ihren Redakteuren diktiert, das Hinterteil der Amerikaner zu küssen und dabei die Kühnheit besitzt, RT über objektiven Journalismus zu belehren. Solche Chuzpe in schriftlicher Form untergejubelt zu bekommen, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, ist eine Herausforderung, der nicht jedermann gewachsen ist. Die Redakteure der "Welt" schulden mir deshalb ein kaltes Lager-Bier, weil ihre Doppelzüngigkeit dazu führte, dass ich mich vor Lachen krümmte und mein Getränkt über ihr ausgebreitetes Blatt prustete. 

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