Mutti wird es schon richten! - Die Erfüllungsgehilfin und ihre Hofjournalisten

Mutti wird es schon richten! - Die Erfüllungsgehilfin und ihre Hofjournalisten
Stefan Kornelius von der Süddeutschen sieht in Angela Merkel und ihrer transatlantischen Fixierung die Rettung der Welt. Tatsächlich werden kommende Generationen die Folgen ihrer heutigen Politik ausbaden müssen.

von Wolfgang Effenberger

Am Sonntag, dem 28. Mai 2017, heizte Angela Merkel in einem Münchner Bierzelt ihrer vor Maßkrügen sitzenden und von Blasmusik eingerahmten Glaubensgemeinde so richtig ein:

Die Zeiten, in den wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei, […] und deshalb kann ich nur sagen, wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen.

Die Folgen dieses sicherlich nicht gedankenlos hingeworfenen Bierzelt-Satzes sind für Europa nicht abzusehen.

Die auf den öffentlichen Kampf gegen Trump eingeschworenen US-Mainstream-Medien nahmen Merkels Äußerung dankbar auf und begrüßten sie als eine Art Fanfarenstoß zur Rettung der westlichen Welt. Mit derartigem Auftrieb unter den Flügeln schraubte sich Stefan Kornelius in der Süddeutschen Zeitung mit seinem Kommentar "Merkels Weltenplan" wie einst Ikarus in hymnische Höhen. Dem Licht der Wahrheit halten seine Flügel aber nicht stand.

Angela Merkel in München, Deutschland, 15. Mai 2013.

Für Kornelius ist das transatlantische Verhältnis in einem Ausmaß erschüttert, "wie es nicht mal die Enthüllungen Edward Snowdens vermocht hatten".

Er sieht in Merkel und Trump intellektuelle Antipoden.

Was der eine denkt und sagt, käme der anderen nicht einmal in den Sinn, geschweige denn, dass sie darüber reden würde... Merkel weiß, was ihre Worte bewegen können, deswegen geht sie sorgsam mit ihnen um.

Kritik an Trump verstummt nur, wenn er Krieg führt

Für Trumps erstes Kriegsverbrechen, den Angriff auf einen syrischen Flugplatz Anfang April, fand Merkel lobende Worte und Kornelius schrieb: "Der neue US-Präsident mag keinen Plan haben, er mag emotionsgeleitet sein, er mag unfähig sein. Aber dennoch hat der Militärschlag in Syrien gezeigt: Sein Instinkt stimmt."

Instinkt? Der Machtinstinkt vielleicht, in dessen Diensten die Regierung Obama das Chaos im Nahen Osten vorsätzlich mitverursacht hat.

Das brutale Urteil der Kanzlerin, "Amerika ist unberechenbar", richtet sich für Kornelius vor allem an die Wähler, denen die Worte auch eine Art Immunschutz gegen eine antiamerikanische Infizierung verpassen sollten. Er erinnert in diesem Zusammenhang an den Wahlkampf 2002, als Kanzler Schröder aus der blinden Gefolgschaft gegenüber den USA ausscherte und nicht am illegalen Krieg gegen den Irak teilnehmen wollte.

Ist denn die Weigerung, an einem völkerrechtswidrigen Krieg teilzunehmen, bereits antiamerikanisch? Frau Merkel beeilte sich damals, nach Washington zu reisen, um sich dort für das "Fehlverhalten" von Gerhard Schröder zu entschuldigen. Unter Frau Merkel hätte die Bundesrepublik an der Invasion im Irak teilgenommen!

Statt sich unkritisch auf die Seite von Bush und Blair, den damaligen Führern des "freien Westens", und damit auf die Seite des Krieges zu schlagen, hätte sie helfen können, Europa auf den Weg des Friedens zu führen. Vielen Menschen wäre unendliches Leid erspart geblieben. Nordafrika und der arabisch-islamische Spannungsraum würden vermutlich nicht im Chaos versinken – einem von Leo Strauss im Sinne der Neocons angedachten "kreativen Chaos" zur besseren Ausplünderung dieser Regionen.

Januar 2016: Verteidigungsministerin von der Leyen stattet den in İncirlik stationierten Bundeswehrsoldaten einen Besuch ab. Seitdem kommt es zwischen Berlin und Ankara immer wieder zum Streit über Truppenbesuche.

Als dann - von den USA ausgehend - die globale Finanzkrise Europa überrollte, hätte Merkel Europa und den Euro vor den Exzessen der Wall Street schützen können. Stattdessen hat sie hunderte Milliarden an Steuergeldern zur Rettung der spekulativen US-Banken bereitgestellt - angeblich alternativlos!

Die postfaktische Seite des Schuldkomplexes

Nach Kornelius sind die USA "eine Konstante in Merkels Weltenplan, eine geografische und historische Selbstverständlichkeit, markiert in derselben Farbe wie Europa". Abschließend versteigt sich Kornelius zu einer historischen Deutung, die nicht einmal ein ungebildeter amerikanischer Hurra-Patriot so formulieren würde:

Zweimal haben die USA einen von Deutschland ausgehenden Weltbrand gelöscht, einmal hat dieses Amerika durch seine schiere Präsenz einen kriegerischen Konflikt verhindert.

Ein Blick in das Archiv des US-Kongresses legt hingegen eine ganz andere Lesart der Geschichte nahe. Im Jahr 1934 begann im Pentagon die Entwicklung der so genannten Rainbow-Kriegspläne. Einige Kongressmitglieder fürchteten einen neuen großen Krieg. Um diesen zu verhindern, rief man einen Untersuchungsausschuss ins Leben: das Committee on Investigation of the Munitions Industry. Es sollte die Hintergründe für den Kriegseintritt der USA 1917 herausfinden. Die Leitung hatte Senator Gerald P. Nye.

Nach sorgfältigen zweijährigen Ermittlungen konnte das Nye-Komitee überzeugend darstellen, dass Banker und Rüstungsindustrielle - die "Kaufleute des Todes" - Preisabsprachen getroffen und vor und während des Krieges starken Einfluss auf die US-Außenpolitik genommen hatten. So "tricksten" sie die USA in den Krieg.

Bis zum Eintritt der USA in den Krieg im Jahre 1917 hatten die - offiziell neutralen - USA dem deutschen Kaiserreich 27 Millionen US-Dollar an Darlehen gegeben, während die Entente 2.300 Millionen erhalten hatte. Eine Niederlage der Entente hätte demnach für die Wall Street eine Implosion bedeutet.

In den Jahren 1934 und 1935, als Senator Gerald P. Nye die Ursachen des Kriegseintrittes untersuchte, war die Arbeitslosenzahl in den USA auf elf Millionen gestiegen. In weiten Kreisen herrschte die Ansicht vor, dass die beispiellose wirtschaftliche Depression in den USA, die zehn Jahre nach Wilsons geistiger Umnachtung begonnen hatte, eine Folge des unnötigen Krieges und des darauffolgenden schlechten Friedens war.

Kapital wollte durch den Krieg die Dynastien beseitigen

So kommt es nicht überraschend, dass ganze 80 Prozent der Amerikaner bei einer Befragung im Jahr 1937 der Meinung waren, Wilsons Kriegspolitik sei ein haarsträubender Irrtum gewesen. Diesen "haarsträubenden Irrtum" hatte Franklin Delano Roosevelt als Marineminister im Kabinett Wilsons mit zu verantworten. Es ist heute unbestritten, dass der Erste Weltkrieg seine Wurzeln im Wesentlichen in britischen Finanz- und Wirtschaftsinteressen hatte und dass Deutschland, wie allen anderen kontinentalen Mächten auch, lediglich mangelnde Friedensbereitschaft vorgeworfen werden kann.

Ende Juli 1914 - auf dem Höhepunkt der Julikrise - fand in Lourdes der Eucharistische Weltkongress statt. Der Erzbischof von New York, Kardinal John Murphy Farley(1842-1918), wies damals in die richtige Richtung:

Der Krieg, der in Vorbereitung ist, wird ein Kampf zwischen dem internationalen Kapital und den regierenden Dynastien sein. Das Kapital wünscht, niemanden über sich zu haben, kennt keinen Gott oder Herrn und möchte alle Staaten als großes Bankgeschäft regieren lassen. Ihr Gewinn soll zur alleinigen Richtschnur der Regierenden werden […] Business […] einzig und allein.

Diese Kräfte dieses internationalen Kapitals sollten das gesamte 20. Jahrhundert bestimmen. Nach dem Ersten Weltkrieg waren die regierenden Dynastien im kontinentalen Europa beseitigt und die Entwicklung einer erfolgreichen europäischen Kooperation verhindert - nicht zuletzt durch die geheimdienstliche Unterstützung von Revolutionen ab 1917. Heute wird von denselben Kreisen der Schlachtruf "No Borders, No Nations" zur besseren Ausplünderung ausgegeben. Jetzt geht es um die Beseitigung einer stabilen nationalen Rechtsordnung.

Im Oktober 1945 - nur einen Monat nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki - beauftragte US-Präsident Truman General Eisenhower mit der so genannten Operation Totality einen hypothetischen Plan für einen umfassenden Krieg gegen die Sowjetunion. Mit 20 bis 30 Atombomben sollte ein Überraschungsschlag gegen 20 sowjetische Städte geführt werden.

US-Bürger demonstrieren gegen den designierten US-Präsidenten Donald Trump

Der geplante Krieg gegen die Sowjetunion

Im Frühjahr 1949 wurde die NATO gegründet. Und schon am 19. Dezember 1949 verabschiedete der Vereinigte Generalstab der Kriegsplan "Dropshot" zur Durchsetzung der Kriegsziele der Vereinigten Staaten gegenüber der UdSSR und ihren Satelliten. Damit es so aussah, als könne man nicht anders, wurde schon 1949 in der Präambel das offizielle Bedrohungsszenario so formuliert:

Am oder um den 1. Januar 1957 ist den Vereinigten Staaten durch einen Aggressionsakt der UdSSR und/oder ihrer Satelliten ein Krieg aufgezwungen worden.

Der für 1957 geplante Krieg fand nicht statt. Denn inzwischen hatte die Sowjetunion den Satelliten Sputnik ins All geschossen. Nun mussten die Kriegsplanungen überarbeitet werden. Doch in Moskau ist Dropshot unvergessen.

Im Jahr 1953, ein Jahr nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil, publizierte Thomas Mann einen Aufruf an die Europäer. Im Exil hatte er die Neigung der US-Regierung erkannt, Europa als "ökonomische Kolonie, militärische Basis, Glacis im zukünftigen Atom-Kreuzzug gegen Russland" zu behandeln, als ein

zwar antiquarisch interessantes und bereisenswertes Stück Erde, um dessen vollständigen Ruin man sich aber den Teufel scheren wird, wenn es dem Kampf um die Weltherrschaft gilt.

Am 11. September 1990 - während des Zerfalls der Sowjetunion - verkündete George H.W. Bush sein Credo "Vorwärts zu einer neuen Weltordnung". Am 17. Januar 1991 begann mit der Operation Desert Storm der Krieg gegen den Irak. Das veranlasste im März 1991 den ehemaligen US-amerikanischen Justizminister Ramsey Clark gegenüber der französischen Monatszeitschrift L'Autre Journal zu dem Hinweis:

Ich warne die Europäer davor, zu glauben, dass die USA im Rahmen der neuen Weltordnung Skrupel haben würden, auch in Europa militärisch zu intervenieren. Die USA würden eine europäische nukleare und wirtschaftliche Großmacht nicht lange dulden.

Ist Angela Merkel in Anlehnung an den "eisernen" Kanzler nun auf dem Weg zur "eisernen" Mutti?

Weit gefehlt! Frau Merkel war und ist nur die Erfüllungsgehilfin einer US-amerikanischen Machtelite, die mit ihren Dollarmilliarden seit über hundert Jahren die Ströme von Blut finanziert und letztlich von diesen profitiert. Wie tönte Merkel noch im Juni 2005?

Denn wir haben wahrlich keinen Rechtsanspruch auf Demokratie und soziale Marktwirtschaft auf alle Ewigkeit.

Bismarcks Ausgleichspolitik kontra Merkels Konfrontationskurs

In Anspielung auf Merkels Bierzeltsatz, die Europäer müssten ihr Schicksal in ihre eigene Hand nehmen, sagte der russische Präsident Putin am 2. Juni 2017 auf dem 21. Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg: "Ich möchte niemandem zu nahe treten, aber was Frau Merkel gesagt hat, wurde unter anderem durch den lang anhaltenden Ärger über die Tatsache diktiert, dass die Souveränität in der Tat eingeschränkt ist."

Kanzler Bismarck hatte im Gegensatz zu Angela Merkel, obwohl er über den Bankier Gerson Bleichröder ebenfalls von der angelsächsischen Finanzelite unterstützt wurde, die wahren Absichten der britischen und amerikanischen Außenpolitik klar benannt. Am 7. April 1888 - einen Monat, nachdem Friedrich III. den Thron bestiegen und England ganz Burma erobert hatte - bemerkte er:

Menschlichkeit, Friede und Freiheit ist immer ihr Vorwand, wenn es nicht Christentum und Ausbreitung der Segnungen der Gesittung unter Wilden und Halbbarbaren sein kann, zur Abwechslung. In Wahrheit aber schrieben die Times und die Königin im Interesse von England, das mit dem unsern nichts gemein hatte. Das Interesse Englands ist, dass das Deutsche Reich mit Russland schlecht steht, unser Interesse, dass wir mit ihm so gut stehen, als es der Sachlage nach möglich ist.

Aus diesem Grund wagte man es nicht, die Heiratspläne von Prinzessin Victoria von Preußen, der Tochter Friedrichs III., mit Alexander von Battenberg, dessen Familie vielfach mit der britischen Königsfamilie verbunden war, vor dem Tod von Wilhelm l. und dem Regierungsantritt von Friedrich III. bekanntzugeben. In dieser Verbindung wurde am preußischen Hof nämlich ein Versuch Englands gesehen, einen Keil zwischen Russland und Deutschland zu treiben. Bismarck jedenfalls dürfte es auch so gesehen haben.

Zunehmend unter Druck: Bundeskanzlerin Angela Merkel

Länder zerstören, um von deren Wiederaufbau zu profitieren

Wie ihre Vorgänger seit der Antike streben die USA als Seemacht danach, die gegenüberliegenden Küsten zu kontrollieren. Dieses Vorhaben scheiterte 1918 dank dem französischen Premier Clemenceau. Seit dem 2. Weltkrieg haben die USA ihre ständigen Brückenköpfe auf den gegenüberliegenden Küsten von Pazifik und Atlantik. Im Westen Eurasiens, in Deutschland, sind die meisten US-Soldaten stationiert, gefolgt von Südkorea im Osten Eurasiens. Von beiden Brückenköpfen findet Rüstung zum Krieg im Interesse der "Kaufleute des Todes" statt.

Frau Merkel unterstützt mit ihrer "alternativlosen" Politik die weltweiten Aktivitäten eines den Globus ausplündernden, finanzmächtigen Establishments, einer skrupellosen Finanzelite, die sich dank der Propagandaaktivitäten des Milliardärs George Soros erfolgreich einen linken Anstrich gibt. Das Erfolgsrezept der Ausplünderer ist ihr durchaus vertraut: Mittels des Sozialismus Länder zerstören, um sie danach umso besser kapitalistisch ausbeuten zu können - erst Crash, dann Cash.

Merkels Politik wird somit zweifelsfrei in die Geschichte eingehen: vermutlich als die einer DDR 2.0. Genauso, wie es die Literaturwissenschaftlerin Gertrud Höhler bereits in ihrem Buch "Die Patin" beschrieben hat. Oder wie es Vera Lengsfeld in ihrer vor wenigen Tagen erschienenen Rezension des Buches "Angela Merkel aus der Nähe – Analyse einer folgenschweren Politik" von Josef Schlarmann, ehemaliges Mitglied im CDU-Bundesvorstand, analysiert.

Sie zitiert Schlarmann mit den nüchternen Worten:

Die verheerenden Folgen ihrer Entscheidungen werden in ein paar Jahren unser Land mit voller Wucht treffen.

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