Afghanistan: Scheitern oder Erfolg für die USA?

Afghanistan: Scheitern oder Erfolg für die USA?
Vor sechzehn Jahren startete "Operation Enduring Freedom". Heute liegt Afghanistan in Flammen. Ähnlich geht es Libyen und dem Irak, den anderen Orten der US-geführten 'Interventionen'.

Von Neil Clark

Die Gewaltserie in diesem zentralasiatischen Krisenherd ist schlimm: Am Mittwoch explodierte eine Lkw-Bombe in der Nähe der deutschen Botschaft in Kabul und tötete fast 100 Menschen. Am Freitag wurden durch drei getrennte Explosionen während einer Beerdigung in der afghanischen Hauptstadt mindestens sieben Menschen getötet und über hundert verletzt. Dies passierte, nachdem in  der vergangenen Woche tödliche Angriffe im ganzen Land stattfanden, bei denen über fünfzig Menschen ihr Leben verloren.

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Afghanistan, damit wir das nicht vergessen, ist der Ort, wo nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 der US-geführte "Krieg gegen den Terror" mit einer riesigen Fanfare begonnen hat. In das Land musste interveniert werden, um westliche Zivilisten zu schützen. Es war unsere moralische Pflicht, in das Land einzumarschieren und es auf den "richtigen" Weg zu führen.

Der "Sieg" wurde im November 2001 verkündet, als die US-unterstützte Northern Alliance Kabul eroberte. Im Dezember desselben Jahres begrüßte der britische Premierminister Tony Blair den Fall von Kandahar, der letzten Taliban-Festung.

Aber im Jahr 2003, als die neokonservativen Hawks in Großbritannien und den USA sich auf den Kampf gegen den säkularisierten Irak konzentrierten, der fälschlicherweise beschuldigt wurde, Massenvernichtungswaffen zu besitzen, begannen die Taliban zurückzuschlagen. Der Konflikt hatte seitdem seine "Höhen und Tiefen".

Die NATO-Mächte erhöhten zu verschiedenen Zeiten ihre Truppenzahlen, dann zogen sie Teile wieder ab oder kündigten den Abzug an, verschoben diesen und strukturierten die Streitkräfte um. Heute haben die Taliban, die Ende 2001 eine Niederlage erlitten, entweder die Kontrolle oder einen bedeutenden Stand in etwa 30 bis 50 Prozent des Landes. Der US- / NATO-"Krieg gegen den Terror" in Afghanistan war ein großer, kostspieliger Misserfolg.

Über 3.400 Koalitionstruppen und über 100.000 Afghanen wurden getötet. Im Jahr 2013 wurde berechnet, dass die Intervention über 37 Milliarden Pfund kostete, was sich auf über 20.000 Pfund für jeden britischen Haushalt beläuft. Zwei Jahre später veröffentlichte der Congressional Research Service einen Bericht, bei dem die Organisation die US-Kosten für den Afghanistan-Krieg auf atemberaubende 686.5 Milliarden US-Dollar berechnet.

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Und wofür? Dies ist die Frage, die von den britischen und US-amerikanischen Steuerzahlern gestellt werden sollte, denn zu Hause leiden sie durch Kürzungen von lebenswichtigen öffentlichen Diensten.

Das Sicherheitsrisiko für die Zivilbevölkerung in Großbritannien und anderswo hat sich seit 2001 erhöht, was der schreckliche Angriff vom Wochenende in London zeigt. Nicht nur die Taliban kontrollieren seit 2001 ein riesiges Territorium in Afghanistan, der IS und al-Kaida sind dort auch sehr präsent. Erinnern Sie sich an das Reden von George W. Bush und Konsorten darüber, dass es nun keine "sicheren Häfen" für Terroristen gäbe? Dank der US-Außenpolitik gibt es jetzt viele davon.

Es wurde viel von den NATO-Propagandisten bei der sogenannten "Trainings-, Beratungs- und Unterstützungs-"Mission getan. Wir würden die Truppen zurückziehen und den Afghanen dabei helfen, "es selbst in die Hand zu nehmen". Wie cool war das? Doch letzte Woche kam es im diplomatischen Viertel von Kabul, der als einer der sichersten Teile der Stadt gilt, zu der Explosion. Wurden jene von der NATO geschult, die dort die Sicherheit bereitstellen mussten? Wenn ja, welcher Art von Training wurden sie unterzogen? Auch hier sind Fragen, die gestellt werden müssen. Kein Wunder, dass Kabuls Bürger wütend sind.

Diese jüngste Gewaltausschreitung wird wahrscheinlich eine Zunahme der ausländischen militärischen Beteiligung in Afghanistan folgen. Dort gibt es bereits rund 13.000 internationale Truppen, darunter 8.400 US-Amerikaner, die die afghanische Regierung unterstützen. Wir sagen, dass US-Präsident Donald Trump einen "Truppenanstieg" abwägt. Aber wie viele Soldaten wären nötig, um die Taliban zurückzudrängen und sich mit dem "Islamischen Staat" zu befassen? Und laufen wir dabei nicht im Kreis herum?

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Um von den NATO-Misserfolgen abzulenken, wurde Russland wiederholt in der "Unterstützung der Taliban" angeklagt. Es gibt keine Beweise dafür. Aber was wir wissen ist, dass die USA und ihre Verbündeten die Mudschaheddin unterstützt haben, aus denen dann die Taliban hervorgekommen sind, als sich die sowjetischen Truppen in Afghanistan befanden, um die linke Regierung in den 1980er Jahren zu unterstützten. Wie ich hier detailliert beschrieb, war das Ziel von Zbigniew Brezinski, dem Sicherheitsberater von US-Präsident Carter, die Sowjetunion "bluten" zu lassen. In der Tat hat Afghanistan nichts als Gewalt erlebt, seitdem Zbig beschloss, den Sowjets ihr eigenes Vietnam zu organisieren, indem die USA islamistische "Freiheitskämpfer" unterstützte. In den 1980er Jahren haben die USA alles getan, um diplomatische Lösungen für den afghanischen Konflikt zu verhindern. Und heute ist es auch so.

Was die Frage aufwirft: Ist die US-Afghanistan-Politik wirklich ein Versagen, oder führt der Konflikt dort eigentlich den Plan aus? Entweder sind die USA und ihre Verbündeten spektakulär dumm, oder es ist ein finsteres Spiel im Gange.

In seinem Buch, Divide and Ruin, argumentiert der Autor Dan Glazebrook, dass die neue imperiale Strategie nicht daran interessiert ist, dass Washington ein "Regime" durch ein anderes ersetzt, sondern dass sichergestellt ist, dass strategisch wichtige Nationen durch den Krieg verwüstet werden und niemals wieder als unabhängige Akteure funktionieren können. Wenn der Krieg in Afghanistan endet, dann würde sich die Regierung dort unvermeidlich in Richtung Russland und China bewegen. Aber indem man die Feindseligkeiten bestehen lässt und das Land dauerhaft destabilisiert, wird die militärische Abhängigkeit der Afghanen vom Westen beibehalten.

Dies könnte erklären, warum es den Taliban jedes Mal gelungen ist, sich umzuorganisieren, nachdem die USA sie in die Flucht geschlagen hatten. Wenn sie wieder zu stark werden, geht es wieder von vorn los. Und wenn es eine Chance gibt, Leute an den Verhandlungstisch zu holen, haben die USA ihre Drohnen geschickt oder Führungskräfte, die Frieden sprechen könnten, gefangen genommen.

Wenn Sie denken, dass es ein wenig konspirativ ist, dann lohnt es sich, sich die Worte von Hamid Karzai, dem ehemaligen Mujahideen-Spendensammler, anzusehen, der mit der US-Unterstützung nach der Operation Enduring Freedom im Jahr 2001 an die Macht kam. In seiner Abschiedsrede als Präsident im Jahr 2014, beschuldigte Karzai die USA für die Tatsache, dass sein Land noch immer im Krieg war. "Heute sage ich Ihnen noch einmal, dass der Krieg in Afghanistan nicht unser Krieg ist, sondern uns auferlegt wurde und wir die Opfer sind", sagte Karzai und fuhr fort: "Einer der Gründe war, dass die US-Amerikaner keinen Frieden wollten, weil sie ihre eigene Agenda und Ziele hatten."

Karzais alles ausplaudernde Rede hätte weltweit Schlagzeilen rund um die Welt gemacht haben sollen. Aber wissen Sie was? Sie hat es nicht.

Die Frage, die wir in diesem Teufelskreis der Gewalt immer weiter stellen müssen, ist "cui bono"? Der US-Verteidigungsindustrie und den damit verbundenen Kriegsgewinnler geht es durch Afghanistan sehr gut. Den Menschen des Landes und denen, die dem Terror zum Opfer gefallen sind, viel weniger.

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