Von al-Kaida zum Arabischen Frühling - Die Mysterien hinter dem Manchester-Attentat (IV)

Von al-Kaida zum Arabischen Frühling - Die Mysterien hinter dem Manchester-Attentat (IV)
Wir nehmen jede Unterstützung an: Ein Kämpfer der Organisation "Islamischer Staat" in der syrischen Stadt Kobani, Oktober 2014.
Nach den Erfolgen der „Libysch-Islamischen Kampfgruppe, LIFG“ beim Sturz Gaddafis wurden viele dieser kampferprobten LIFG-Terroristen von westlichen Geheimdiensten als „Freiheitskämpfer“ nach Syrien umdirigiert. Um die Unterstützung öffentlich rechtfertigen zu können, mussten die islamistischen Gewaltextremisten jedoch zu „moderaten Rebellen“ umetikettiert werden.

von Rainer Rupp

Nach dem blutigen Umsturz in Libyen im Jahr 2011 sollte der Elan, den die islamistischen Kämpfer der LIFG an den Tag gelegt hatten, möglichst auf die Kämpfe im nächsten Land übertragen werden, das sich im Regimewechsel-Visier der Anglo-Amerikaner befand, nämlich Syrien. Die Tatsache, dass durch den Sturz Gaddafis das am höchsten entwickelte Land Afrikas innerhalb kürzester Zeit in ein immer noch andauerndes, von mittelalterlichen Grausamkeiten geprägtes Chaos verwandelt worden ist, schien bei den Regierungen in London und Washington, die sonst so um Menschenrechte besorgt sind, keinen Eindruck hinterlassen zu haben.

Salman Abedi, der Attentäter von Manchester, in einer Aufnahme einer Überwachungskamera, 27. Mai 2017.

Auch die Mainstream-Medien taten ihr Bestes, um die von Libyen nach Syrien exportierten, schwer bewaffneten Terroristen als eine „islamische Internationale“ zur Befreiung der arabischen Völker von Willkür und Diktatur darzustellen. Selbst die links-liberale Tageszeitung “The Guardian” war sich nicht zu schade, die vornehmlich in Großbritannien wohnhafte LIFG-Terrorgruppe als demokratisch geläutert darzustellen.

2011 titelte das in London erscheinende Blatt: Die Libysch-Islamische Kampfgruppe - Von al-Kaida zum Arabischen Frühling. Damit tat der Guardian nichts anderes, als den terroristischen LIFG-Wolf im Schafspelz eines heroischen Kämpfers für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte zu zeigen. 

Im weiteren Text des Guardian-Artikels wurde die offiziell in Großbritannien immer noch als Terror-Organisation gelistete LIFG der Öffentlichkeit tatsächlich als reformiert und geläutert präsentiert, nämlich als freundliche, gemäßigte Rebellen, die bereits seit geraumer Zeit mit dem Auslandsgeheimdienst ihrer Britischen Majestät, dem MI6, zusammenarbeiten.

Seit über 20 Jahren hätten sich „britische Nachrichten- und Sicherheitsdienste bezüglich ihrer Interessen in Libyen auf die Libysche Islamische Kampfgruppe konzentriert“.

Dieser 1990 in Ost-Libyen gegründeten LIFG werde nachgesagt, „dreimal versucht zu haben, Gaddafi zu ermorden, angeblich mit Hilfe von MI6, wofür es jedoch keine Bestätigung“ gebe, heißt es weiter in dem Artikel. Der berichtet auch, dass nach dem erfolgreichen Regierungsumsturz der libysche Rebellenkommandeur  und LIFG-Chef Abdel-Hakim Belhaj gegenüber der Zeitung erklärt habe, dass „MI6 ihn während der Kämpfe in Libyen mit nachrichtendienstlichen Erkenntnissen über Gaddafi versorgt“ habe. 

Die Dschihadisten-Karawane zieht weiter

Der schnelle Umsturz in Libyen wurde in den westlichen Hauptstädten als großer Erfolg gewertet. Das müsste doch wiederholbar sein, spekulierten bereits westliche Medien mit gierigem Blick auf Syrien. Aber würde sich die bewährte Zusammenarbeit mit den LIFG-Terroristen auch auf das andere Ziel im Levant übertragen lassen?

Andererseits war zumindest auf die LIFG-Terroristen Verlass, die hatten für die britischen und US-Geheimdienste in Afghanistan bereits gegen die Sowjets gekämpft. Auch lebte der Großteil der Familien der LIFG-Terroristen im sicheren Großbritannien, vor allem im Raum Manchester, wohin sich auch die Kämpfer nach geschlagenen Schlachten unbehelligt zurückziehen und ausruhen konnten. 

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Bereits im November 2011 berichtete die britische Zeitung Telegraph unter dem Titel "Führender libyscher Islamist traf freie Syrische Armee Oppositionsgruppe". Demnach hatte der uns bereits hinlänglich bekannte Abdel Hakim Bil-Hajj sich mit Anführern der Freien Syrischen Armee in Istanbul und an der Grenze zur Türkei getroffen.

Bil-Hajj war inzwischen mit westlicher Unterstützung zum Chef des Militärrats in der libyschen Hauptstadt Tripolis gemacht worden und hatte damit eine der höchsten Positionen in der Übergangsregierung inne. Weiter berichtete das Londoner Blatt, dass Herr Bil-Hajj von dem neuen Präsidenten Libyens nach Syrien geschickt worden sei. Interessant ist auch, dass in dem Artikel von dem islamistischen Chef-Terroristen Bil-Hajj nur als „Herr“ gesprochen wird, Herr Bil-Hajj ist also bereits zu einer Respektperson geworden.

In der Folge gab es viele weitere Treffen zwischen den libyschen und syrischen Terroristengruppen. Vom Telegraph wurden diese Zusammenkünfte als „Zeichen für eine wachsende Verbindung zwischen Libyens junger Regierung und der syrischen Opposition“ beschrieben. Im Geist der terroristischen Internationalen wurde den syrischen Aufständischen gegen Präsident Bashar al-Assad von der neuen libyschen Regierung auch Geld und Waffen angeboten. Dabei berichtete der Telegraph in einem Ton, als hätte es sich um ein Treffen von Diplomaten über ein zwischenstaatliches Abkommen gehandelt.

Weiter war vom Telegraph zu erfahren, dass auch viel „über die Entsendung libyscher Kämpfer nach Syrien diskutiert“ worden sei. Wörtlich habe Herr Bil-Hajj gesagt, dass „die triumphierenden jungen Männer in Libyen, nachdem sie gerade einen Diktator davon gejagt haben, immer noch voller revolutionärer Leidenschaft sind und danach lechzen, den nächsten zu stürzen“. Auch verschiedene „Kommandanten bewaffneter Banden, die immer noch die Straßen der libyschen Hauptstadt durchstreifen“, kamen in dem Artikel zu Wort und sprachen von "Hunderten von (libyschen) Kämpfern, die bereit sind, in Syrien Krieg gegen das Assad-Regime zu führen.“

Der Telegraph ist eine Zeitung, die den britischen Konservativen und damit der damaligen und aktuellen Regierung in London sehr nahe steht. Der gerade erwähnte Artikel ist daher besonders interessant, weil er ganz unverhohlen die Deckungsgleichheit der Ziele der LIFG-Terroristen und der britischen Regierung offenbart. 

Enthusiastisch hatten auch große Teile der Weltöffentlichkeit, vor allem die Jugend in Europa und den USA, die Entwicklungen um den sogenannten Arabischen Frühlings verfolgt. Zugleich war der extrem blutige, von CIA und MI6 eingefädelte, Umsturz in Libyen von den westlichen Mainstream-Medien erfolgreich als Teil dieses Frühlings propagandistisch verkauft worden. Vor diesem Hintergrund dürfte in Washington und London der Plan entstanden sein, das revolutionäre Momentum zu nutzen, um mit Hilfe der in Libyen bewährten und verdienten Terroristen den nächsten Regimewechsel in Syrien auf den Weg zu bringen.

Und schon bald kamen die ersten Erfolgsmeldungen. Bereits Ende Juli 2012 konnte der US-Nachrichtensender CNN melden: Libysche Rebellen auf den Schlachtfeldern in Syrien eingetroffen. Reißerisch beginnt der Artikel:

„Ihr Krieg für die Freiheit in Libyen ist zu Ende, aber fast ein Jahr, nachdem sie den Kampf um die libysche Hauptstadt gewonnen haben, hat eine Gruppe von Kämpfern ein neues Schlachtfeld für sich gewonnen: Syrien.“

Im gleichem enthusiastischem Ton fährt der „Fake News“-Sender fort, dass unter dem Kommando eines der bekanntesten Rebellenkommandanten Libyens, Al-Mahdi al-Harati, „mehr als 30 libysche Kämpfer in Syrien eingetroffen sind, um die Rebellen der Freien Syrischen Armee in ihrem Krieg gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad zu unterstützen“. 

Ramadan Abedi, der Vater von Salman Abedi, dem Selbstmordbomber, der 22 Konzert-Besucher in Manchester tötete, bei einem Reuters-Interview in Tripoli, Libyen, 24. Mai 2017.

Die al-Kaida-Kämpfer im Auftrag des Empire

Al-Mahdi al-Harati, geboren 1972 in Tripolis, Libyen, war schon als Jugendlicher in den bewaffneten islamistischen Sekten gegen den säkularen Staat Libyen unter Oberst Gaddafi aktiv. Anfang der 1990er Jahre wurde das Pflaster in Libyen jedoch zu heiß für islamistische Gewaltextremisten. Während die meisten seiner LIFG-Terrorkameraden in England einen Unterschlupf gefunden hatten, hatte sich Mahdi al-Harati seit 1993 in der Hauptstadt der Republik Irland eingerichtet. In Dublin hatte er eine irische Frau geheiratet und so die irische Staatsangehörigkeit bekommen. Der islamistischen Gewalt hatte er jedoch nie abgeschworen. Und damit ließ sich auch ganz gut Geld verdienen, vor allem, wenn man sich dabei als Agent für die CIA verdingt hatte, was al-Harati 2011 unter bizarren Umständen persönlich gegenüber der irischen Polizei bekannte.

Am 7. November 2011 berichtete die irische Wochenzeitung “Sunday World”, dass die Ehefrau von al-Harati mit einem Anruf von der Schule, dass eines ihrer Kinder verunglückt sei, aus dem Haus gelockt worden war. Als sie in ihre Wohnung zurückkam, war diese gründlich durchsucht und ausgeraubt worden. Die Polizei erkannte in dem Vorgehen das Muster einer bekannten Bande aus irischen Zigeunern. Gegenüber den Beamten erklärte Frau al-Harati, es seien größere Mengen von teurem Schmuck und 200.000 Euro entwendet worden. 

Bei einer späteren Befragung woher das viele Geld in seinem Haus gekommen sei, gab dem Bericht der Sunday World zufolge al-Harati der erstaunten Polizei zu Protokoll, dass er vor einem Monat nach Frankreich, den Vereinigten Staaten und Katar gereist sei und dass Vertreter eines amerikanischen Geheimdienstes ihm eine beträchtliche Menge an Geld gegeben hätten, um ihn bei seinem Bemühungen, Gaddafi zu stürzen, zu unterstützen. Weiter sagte er, er habe zwei Umschläge mit Geld bei seiner Frau zurück gelassen, falls er getötet würde und den Rest des Bargeldes habe er mit nach Libyen genommen. 

Was lässt sich aus all dem schließen? Es steht im Einklang mit der Tatsache, dass die US-amerikanischen und britischen Geheimdienste die islamistischen Gewaltextremisten im Nahen Ostens und Nordafrikas aktiv und direkt unterstützten. Denn durch endloses Chaos und durch Brudermord werden die einst starken und stolzen, dem Westen kritisch gegenüber stehenden, säkularen arabischen Staaten von innen ausgehöhlt. 

Nach einer schrecklichen Übergangsphase – so das Kalkül – werden die dann in viele Stücke zersplitterten Staaten für die ehemaligen Kolonialmächte im Verbund mit Israel wieder leichter kontrollierbar. In diesem Sinne sollte es auch nicht lange dauern, bis al-Haratis erste Gruppe von 30 libyschen Terrorhelfern in Syrien auf Hunderte, und dann auf viele Tausende von Kämpfern angewachsen war. 

Obwohl viele der ursprünglichen LIFG-Kämpfer schon bald mit anderen Terrorgruppen in Syrien verschmolzen waren, darunter mit al-Kaidas syrischem Ableger „Jabhat Al Nusra“ und auch mit ISIS, filtern diese Terroristen immer wieder mal aus Libyen oder Syrien zur Erholung zu ihren Familien in Europa zurück, so auch nach Manchester.

Mit nach Hause bringen sie nicht nur das technische Wissen und die nötige Erfahrung, um verheerende Angriffe auszuführen, sondern auch eine sehr niedrige Hemmschwelle, wenn es darum geht, auch vollkommen unschuldige Menschen brutal und rücksichtslos zu töten. Der von LIFG-Kämpfer Salman Abadis verübte Massenmord an 22 Kindern und Jugendlichen in Manchester hat das mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt. 

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