Terrorgruppe statt "einsamer Wolf" – Die anhaltenden Mysterien hinter dem Manchester-Attentat (I)

Terrorgruppe statt "einsamer Wolf" – Die anhaltenden Mysterien hinter dem Manchester-Attentat (I)
Kurz vor der Unterhauswahl in Großbritannien bringt das Attentat von Manchester die als sichere Siegerin erscheinende Theresa May in Erklärungsnot. Nicht ein Einzeltäter, sondern eine aus dem Ruder gelaufene ganze Gruppe "moderater Rebellen" ist verdächtig.

von Rainer Rupp

In jüngster Zeit waren bei fast allen Terrorangriffen in Europa – ob in Frankreich und Belgien oder auf dem Berliner Weihnachtsmarkt – die Täter nicht nur so genannte einsame Wölfe, sondern in aller Regel schon lange vor der Tat den Sicherheits- und Geheimdiensten bekannt. Auch der Anschlag in Manchester am 25. Mai folgte diesem Schema. Diesmal ging das Kalkül jedoch nicht auf, den Selbstmordattentäter als Einzeltäter darzustellen und den Fall möglichst zügig abzuschließen.

Bereits kurz nach dem Anschlag in Manchester berichtete die britische Tageszeitung The Telegraph, dass der inzwischen als Salman Abedi identifizierte, 22 Jahre alte, in Manchester wohnhafte Selbstmordattentäter "den Sicherheitsdiensten bekannt und vermutlich erst vor einer Woche aus Libyen zurückgekehrt war".

Allerdings versuchten die ersten offiziellen Darstellungen der britischen Regierung und auch entsprechende Medienberichte die bei solchen Attentaten übliche Geschichte vom "einsamen Wolf" Abedi aufzubauen. Dieser habe als Einzeltäter die Bombe selbst gebaut und das Attentat ganz allein organisierte. Der Versuch, mittels dieses Narrativs von dem in Großbritannien und vor allem in Manchester existierenden, verdeckten Netzwerk der Libysch-Islamischen Kampfgruppe (LIFG) abzulenken, war mit den Händen zu greifen.

Tatsächlich aber stellte sich bereits wenige Tage nach dem Anschlag heraus, dass der junge Attentäter Abedi samt etlichen seiner Familienmitglieder, einschließlich seines Vaters, integraler Bestandteil dieser Gruppe gewaltbereiter islamischer Extremisten war. Deren Mitglieder wohnen zum Teil bereits seit Jahrzehnten im Vereinigten Königsreich, vor allem in und um Manchester. Allerdings waren sie in Großbritannien bis dahin noch nicht wegen islamistischer Gewalttaten auffällig geworden.

Ein Leck in den Reihen des US-Geheimdiensts

Allerdings ist der Versuch der britischen Regierung und ihrer Geheimdienste, die Öffentlichkeit mit der Einzeltäter-Legende irrezuführen, diesmal bereits im Ansatz gescheitert. Der Grund hierfür war ein Leck in den befreundeten US-amerikanischen Geheimdiensten. Britische Nachrichtendienst-Mitarbeiter hatten ihre US-amerikanischen Kollegen über die als "streng geheim" eingestuften, technischen Details des Abadi-Attentats informiert. Prompt nahmen, als es gerade der ungünstigste Zeitpunkt war, diese Geheiminformationen über das Leck in den US-Diensten zeitnah ihren Weg in die Medien und in die breite Öffentlichkeit.

Da die an die Medien durchgestochenen Informationen auch technische Details über die Zusammensetzung der Manchester-Bombe, des verwendeten Sprengstoffs und über andere Einzelheiten des Angriffs enthielten, war schnell klar, dass es sich bei Abedi nicht um einen "einsamen Wolf" gehandelt haben konnte. Im Gegenteil: Die Details des Angriffs von Manchester machten deutlich, dass es eine Operation gewesen war, die entweder von jemandem durchgeführt worden sein musste, der militärische Erfahrungen in einer terroristischen Organisation erworben hatte oder aber von jemandem, den eine terroristische Organisation mit umfangreicher Erfahrung dabei angeleitet hatte.

May kann den Deckel nicht länger draufhalten

Die britische Premierministerin Theresa May machte daraufhin gar nicht erst den Versuch, bei ihrer Begegnung mit US-Präsident Trump anlässlich dessen Europa-Besuchs letzte Woche ihren Ärger über die undichte Stelle im US-Sicherheitsapparat zu verstecken. Trump reagierte sofort und ordnete noch von Europa aus die Suche nach der undichten Stelle an.

Die Wut von Premierministerin May ist nachvollziehbar. Da sich die Mär vom Einzeltäter Abedi nicht mehr aufrechterhalten ließ, musste Frau May damit rechnen, dass nun das in Großbritannien mit Wissen der Regierung existierende Netzwerk gewaltbereiter islamistischer Extremisten ins Visier der normalen polizeilichen Ermittlungen geraten würde. Das würde eine Vertuschung erheblich erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen.

Genau in diese Richtung haben sich seither auch die polizeilichen Untersuchungen entwickelt. Reihenweise haben die Sicherheitskräfte inzwischen islamistische Verdächtige verhaftet, die im Rahmen des Netzwerks der Libysch-Islamischen Kampfgruppe (LIFG) mit Abedi direkt oder indirekt in Kontakt gestanden haben sollen.

Derweil tut sich für die britische Bevölkerung ein bodenloser Abgrund auf, denn auch für sie wird die völlig unverständliche Zusammenarbeit der britischen Dienste mit den Terroristen und deren Unterstützung für die LIFG immer offensichtlicher. Wie konnte eine Gruppe, die nachweislich im Ausland terroristische Operationen ausgeführt hat, mit Kenntnis des britischen Sicherheitsapparats unbehelligt inmitten der friedlichen Bürger von Manchester leben?

Kopfabschneider im Dienste Ihrer Majestät

Dennoch gab es aus Sicht der britischen Geheimdienste durchaus rationale, wenn auch hochgradig kriminelle Gründe für deren Wegschauen. Denn seit Jahrzehnten hatten sich die geheimen Dienste Ihrer Britischen Majestät erfolgreich dieser islamistischen Gruppe bedient, wenn es darum ging, zwecks Regimewechsels hoch motivierte Terroristen nach Libyen und später nach Syrien zu schicken.

Ausgerechnet so kurz vor den nächsten Unterhauswahlen ist diese ganze Angelegenheit für Premierministerin May besonders peinlich und potenziell sogar katastrophal. Denn sie war in ihren letzten sechs Jahren als Innenministerin auch zuständig für die inländischen Sicherheitsorgane und musste somit über die staatliche Duldung der von Staats wegen verbotenen Terrorgruppe LIFG Bescheid gewusst haben.

Ramadan Abedi, der Vater von Salman Abedi, dem Selbstmordbomber, der 22 Konzert-Besucher in Manchester tötete, bei einem Reuters-Interview in Tripoli, Libyen, 24. Mai 2017.

Wie viel angenehmer wäre es für Frau May gewesen, hätte die Aufarbeitung des Manchester-Attentats mit der Suche nach den Motiven eines toten Einzeltäters und langen psychologischen Diskursen darüber in den Medien ihr Ende finden können. Wie sich bereits am ersten Tag nach dem Attentat andeutete, wäre das alles begleitet gewesen von ernsten Ermahnungen an die Kritiker islamistischer Umtriebe, die schreckliche Tat eines "einsamen Wolfes" nicht zum Schüren von anti-islamischen Vorurteilen zu instrumentalisieren. Und dann wäre man schon bald zur gewohnten Tagesordnung zurückgekehrt.

Nun steht aber die Premierministerin selbst im Fokus einer Vielzahl britischer Bürger. Diese fragen sich, wie es möglich war, dass in Großbritannien wohnende Mitglieder einer verbotenen Terrororganisation problemlos in die vom Terrorismus heimgesuchten Regionen wie Libyen und Syrien aus- und von dort wieder einreisen konnten. Und das, ohne von britischen Grenzbeamten belästigt zu werden, weil sie nämlich von höherer Stelle gedeckt wurden. Kein Wunder, dass Frau May so wütend auf das Leck in den US-Geheimdiensten ist.

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