"Sag's mir ins Gesicht" -  Imagepflege bei der Tagesschau (Teil 1)

"Sag's mir ins Gesicht" -  Imagepflege bei der Tagesschau (Teil 1)
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Am 29. Mai 2017 startete die Tagesschau eine Art Charme-Offensive, mancher mag es auch Imagepflege nennen. Unter dem Slogan "Sag's mir ins Gesicht" sollen sich Hater der Tagesschau bzw. der ARD direkt mit Journalisten auseinandersetzen. Diese wollen mit den Zuschauern diskutieren, anstatt sich Lügenpresse nennen zu lassen. Den Anfang macht der Chef von ARD-aktuell, Kai Gniffke.

Ein Kommentar von Ole Olsonn

Schon der Beginn des Ganzen wirkt mindestens verunglückt. Denn ein Hauptthema der Live-Diskussion ist der Vorwurf, die ARD sei "von der Regierung gesteuert". Ein Gedanke, auf den der eine oder andere vielleicht aus irgendwelchen Gründen kommen könnte, dessen Richtigkeit aber kaum nachzuweisen ist, schon gar nicht für den Normalverbraucher.

Was soll also eine Diskussion bringen, für die man ohnehin kaum Argumente liefern kann? Da die Gegenseite eine solche nicht wirklich fürchten muss, verspricht die öffentliche Auseinandersetzung nicht so herausfordernd zu werden. Ich erwartete wenig Konkretes.

Die deutsche Geschichte gebietet den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Der erste User, der per Skype mit Kai Gniffke sprach, nennt sich Miro. Er hinterfragt die Sinnhaftigkeit der Rundfunkgebühren. "Das ist geltendes Gesetz", ist das Konkreteste, was der "aktuell"-Chef zu antworten weiß. Schon in den folgenden Sätzen stellt er relativ kühne Behauptungen auf. Gniffke verkündet: "Der öffentliche Rundfunk ist etwas, das dieser Gesellschaft eine Menge wert ist"...

Eigentlich eine Nullaussage, weil ihre Richtigkeit schwer nachzuweisen ist. Interessanter sind aber noch die Ausführungen des ARD-Mannes zur Daseinsberechtigung der Öffentlich-Rechtlichen. "Das hat etwas mit deutscher Geschichte zu tun", meint dieser. Man könne auch der Meinung sein, die Demokratie ist so gefestigt, es brauche keinen entsprechenden Rundfunk mehr. Aber bei der heutige Menge an Informationen hätte dieser durchaus immer noch seine Berechtigung, so drückt Gniffke sich sinngemäß weiter aus und bleibt an der sicheren Oberfläche.

"Ukraine-Berichterstattung ist jetzt besser"

Zum Thema Ukraine-Krise glaubt die ARD, am Anfang Zusammenhänge gut erklärt zu haben, dann habe man "unter Umständen vergessen, die russische Sicht zu berücksichtigen". Inzwischen glaube man, bei diesem Thema eine gute Berichterstattung zu gewährleisten. Mir fiel in diesem Zusammenhang vor allem der Ausdruck "die russische Sicht" auf. Was meint er damit? Gibt es nur eine russische Sicht? Auch hier ist Gniffke zu allgemein. Anderen wird regelmäßig vorgeworfen, zu viel an Interpretationsmöglichkeiten zu lassen. Jetzt interpretiere ich einfach mal, für die ARD ist die Welt ziemlich einfach. Es gibt die ukrainische Sicht und die russische Sichtweise, beide sind die Ansichten der jeweiligen Regierungen. So simpel ist die Welt.

Unabhängig von dem, was ich interpretiere, bleibt Gniffkes Aussage unhinterfragt, die ARD liefere beim Thema Ukraine inzwischen eine gute Berichterstattung. Ob dem tatsächlich so ist? Zahlreiche Programmbeschwerden werfen diesbezüglich zumindest Fragen auf. 

Ab Minute 33:25 des Facebook-Live-Videos „Sag's mir ins Gesicht“ weist ein YouTuber auf einen untergemischten Ton, einen Donnerschlag, unter einem Bericht über Donald Trump hin.

Diesen empfindet der User als stimmungsmachend und beeinflussend. Natürlich, da sind sich auch Experten einig, ist ein solcher Schnitt von Bild und Ton manipulativ. Gniffke spricht daraufhin von anfänglichen Umgangsschwierigkeiten mit Trump als Person, beantwortet die konkrete Frage des YouTubers aber nicht. Schade, mich hätte eine Antwort zu diesem Thema interessiert.

Alles nur Einzelfälle

Ab Minute 48:30 des Lives geht es dann noch einmal um den Vorwurf einer einseitigen Berichterstattung durch die ARD. Wieder sieht Gniffke keinen Anlass, gravierende Fehler einzugestehen. Auf der Seite der Ständigen Publikumskonferenz ist jedoch Gegenteiliges zu lesen.

Auch die Sperrung von Usern auf der Facebook-Seite der Tagesschau ist ein Thema, darum geht es ab Minute 58:20 im Live. Ein älterer Herr fühlte sich zu Unrecht gesperrt, nachdem er in die Kommentarzeilen geschrieben hatte, 98 Prozent der Berichterstattung über Donald Trump sei negativ. Gniffke wiederholt gebetsmühlenartig, dass die Moderatoren entsprechender Kommentarspalten oft sehr schnell reagieren müssten und es so zu Fehlern in der Beurteilung der Legitimität von Kommentaren komme. Auch diese Erklärung wirkt sehr dürftig. Wie immer läuft alles auf menschliche Fehler hinaus. Ein System hinter entsprechenden Entscheidungen gäbe es nicht. Wie man sich mit solch allgemeinen, nicht belegbaren Aussagen vor Lügenpresse-Rufen schützen möchte, bleibt mir immer noch unverständlich.

Sinnvoller wäre es, sich innerhalb dieses Formats zum Beispiel über die Mitarbeit von Medienvertretern in der Wirtschaft, in Interessenvertretungen oder transatlantischen Bündnissen zu unterhalten.

In seinem legendären Film

Eher Imagepflege als tatsächliche Dialogbereitschaft

Darüber hinaus wäre es möglicherweise sinnvoll, über eine effektive Kontrollmöglichkeit von Medien nachzudenken. Ein Fake-News Gesetz für Medien statt für Facebooknutzer oder Mini-Blogger. Von Profi-Journalisten muss man mindestens das erwarten können, was einfache User leisten sollen. Offizielle Medienvertreter müssten solchen Gesetzen entsprechen und jederzeit standhalten können. Aber diese erweiterte Kontrolle wird es wohl nicht geben.

Am Ende hat die Tagesschau als Vertreter der ARD versucht, modern zu wirken. Das hat sie unter einem rein technischen Gesichtspunkt wohl auch geschafft. Eine öffentliche Diskussion, zu sehen bei Facebook, geführt über Skype, war nicht die schlechteste Idee, die der Sender haben konnte. Jedoch wirkte der Auftritt inhaltlich zu unkonkret, um wirklich neues Vertrauen aufzubauen. So sah die Veranstaltung eher wie Imagepflege aus.

Einen Neuanfang, dem die Meinungen der User zugrundeliegen, konnte ich nicht erkennen. Warum Herr Gniffke nicht wirklich gefordert wurde, lässt sich im Nachhinein nicht eindeutig klären. Fakt ist: Ich habe unter einem privaten Profil konkrete Fragen an die Tagesschau zusammengestellt und via Facebook übermittelt. Konnte ich direkte Einladungen zum Gespräch mit Herrn Gniffke bei anderen Usern beobachten, deren Fragen weniger konkret waren, blieb eine solche bei mir aus. 

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