Obama auf dem Kirchentag – "Ein verhängnisvolles Signal"

Obama auf dem Kirchentag  – "Ein verhängnisvolles Signal"
Der 36. Evangelische Kirchentag im 500. Jahr der Reformation ist eine religiöse Veranstaltung. Sie wird jedoch zunehmend zur politischen Bühne. RT Deutsch hat Willy Wimmer, Reiner Braun und Kerstin Kaiser nach der Rolle der Politik bei der Veranstaltung befragt.

Wieviel Politik ist auf einem Kirchentag zulässig?

Willy Wimmer:

Das Entscheidende ist natürlich die Kirche selbst. Sie muss sich dann natürlich mit den Gläubigen, die diesen Kirchentag besuchen, aber auch mit der allgemeinen Öffentlichkeit anschließend darüber auseinandersetzten, ob es zu viel oder zu wenig gewesen ist. Aber das ist eben abhängig von einer Entscheidung, die vorher in der Kirche selbst getroffen werden muss.

Reiner Braun:

Ein Kirchentag ist immer politisch. Weil er sich nicht loslösen kann von den politischen Umständen, in denen er stattfindet. Selbst wenn man meint, man sei unpolitisch, ist man politisch. Sodass ich denke, dass dieser Kirchentag ein hochpolitischer ist. Weil er in einer Situation stattfindet, wo Krieg und Frieden auf Messers Schneide stehen. Und ich hoffe, er gibt eine eindeutige Antwort in Richtung Frieden und Abrüstung. Durch bestimmte Gäste wird der Kirchentag noch politischer als er sowieso schon ist. Und ich finde das nicht schlecht, weil sich Politik und Gesellschaft nicht trennen lassen. Und Kirchen haben eine Verantwortung, sich in politische und gesellschaftliche Prozesse einzumischen.

Kerstin Kaiser:

Soviel wie gewünscht wird. Ein Kirchentag ist ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis in Deutschland. Und Politik gehört zur Gesellschaft. Als Vertreterin einer politischen Stiftung finde ich das sogar sehr gut, wenn politische Themen tatsächlich überall dort erörtert werden, wo sich Leute treffen.

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Was macht ein US-Politiker auf dieser Veranstaltung?

Willy Wimmer:

Das wäre natürlich im Normalfall ein gern gesehener Gast, wenn er nicht wie Ex-Präsident Obama Blut an den Händen hätte. Das muss man wirklich sagen, unabhängig von der Frage, ob man diesen Mann mag oder nicht. Aber er hat als amerikanischer Präsident weltweit Leute umbringen lassen. Mit den dazu eingesetzten Drohnen und sonstigem technischem Gerät. Und an jedem Tag seiner Amtszeit hat er Krieg geführt. Was ist das eigentlich für ein Signal, das die Evangelische Kirche in Deutschland aussendet? Wenn sie ausgerechnet einen solchen Mann zu diesem Kirchentag einlädt? Das war natürlich tödlich, dass die Evangelische Kirche in Deutschland an diesem denkwürdigen Kirchentag, der dem Andenken von Martin Luther gewidmet ist, ein Signal gibt, dass Krieg offensichtlich wieder ins Konzept passt. Ein verhängnisvolles Signal.

Reiner Braun:

Das Problem ist immer, welcher Politiker den Kirchentag besucht, welche Fragen man ihm stellt und welche Antworten er darauf gibt. Und daher ist das immer eine inhaltliche Frage. Ich würde immer begrüßen, wenn Politiker, die sich dem Frieden verbunden fühlen, Kirchentage besuchen und nachher sagen, dass Frieden und Abrüstung, Kooperation und gemeinsame Sicherheit eine stärkere Rolle spielen. Das ist die Aufgabe eines Kirchentages, der sich in der Tradition der Bergpredigt und meiner Ansicht nach von Jesus Christus versteht.

Kerstin Kaiser:

Obama hat ein großes Erbe hinterlassen – ein positives Erbe, wie Deutschland das sieht. Obama hat viele internationale Fragen und politische Themen bearbeitet. Er steht für die USA nach wie vor. Und wenn wir sehen, wie die Welt aussieht... Sie ist nicht friedlicher geworden in der Zeit seiner Präsidentschaft. Sie ist nicht gerechter geworden in der Zeit und die Konflikte, auch die Auseinandersetzung zwischen Europa und zum Beispiel Russland oder auch der NATO mit der arabischen Welt, sind alles große Fragen. Wenn sich Obama dieser Debatte auf einem deutschen Kirchentag stellt und gar mit der deutschen Kanzlerin diskutiert, besteht die Möglichkeit, diese Fragen auch kritisch zu diskutieren. Das hoffe ich zumindest.

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Nutzen bestimmte Parteien den Kirchentag für die eigene Agenda?

Willy Wimmer:

Das ist ein Gegenstand der deutschen öffentlichen Debatte. Weil man sagt, das ist eine Unterstützung, die die Evangelische Kirche in Deutschland der Bundeskanzlerin, die ja selber evangelisch ist, im Zusammenhang mit dem Jahr der Bundestagswahl zuteilwerden lässt. Das heißt, man hat bei diesem Kirchentag gerade in dieser Frage einen mehr als üblen Beigeschmack.

Reiner Braun:

Alle Parteien nutzen den Kirchentag für die eigene Agenda. Und das ist auch ein legitimer Anspruch. Die Frage ist: Was ist der Inhalt und wie setzt sich ein solcher Kirchentag mit diesen Inhalten auseinander? Wenn dort Inhalte verbraten werden (wie es heute wieder geschehen ist), die eine Konfrontation mit Russland weiter festschreiben, die Abrüstung zwar deklamatorisch beschwören, aber genau das Gegenteil tun, nämlich aufzurüsten, hin zu zwei Prozent der NATO, sich eben sogar weigert, einen Verbotsvertrag gegen die Atomwaffen mitzuunterzeichnen, das ist ein sehr gravierender Missbrauch des Kirchentages.

Kerstin Kaiser:    

Jede Debatte muss konfrontativ geführt werden. Widersprüche gehören auf den Tisch. Ob das nutzt oder schadet, wird am Ende erst das Wahlergebnis zeigen. Und ich finde, auf einem Kirchentag können an alle Parteivertreter auch kritische Fragen gestellt werden.

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