Ist Frau Petry die neue Angela Merkel? Der Kampf um die Macht – Ähnlichkeiten und Unterschiede

Ist Frau Petry die neue Angela Merkel? Der Kampf um die Macht – Ähnlichkeiten und Unterschiede
Frauke Petry - umstrittene AfD-Vorsitzende mit ausgeprägtem Machtinstinkt.
Angela Merkels steiler Aufstieg begann 1999, als sie in die fütternde Hand Helmut Kohls biss. In der FAZ warf sie ihrem Ziehvater anlässlich der Spendenaffäre vor, der Partei zu schaden. AfD-Sprecherin Frauke Petry scheint Merkels Weg inspiriert zu haben.

von Ole Olsonn

Erst einmal an der Macht, stärkte Angela Merkel diese, indem sie systematisch interne Kritiker von Friedrich Merz über Roland Koch bis Ole von Beust abräumte. Nachfolger für den Parteivorsitz oder die Kanzlerschaft hat sie nicht hochkommen lassen bzw. ließ sie auf ihrem Weg scheitern. Potenzielle Konkurrenten wie Stefan Mappus, Peter Althaus, Jürgen Rüttgers und Christian Wulf durften sich Niederlagen unter Merkel nicht leisten. Kohls Nachfolgerin machte sich in der CDU hingegen "alternativlos".

Erika Steinbach war von 1998 bis November 2014 Präsidentin des Bundes der Vertriebenen.

Das Volk war beeindruckt, es präferiert starke Führungspersönlichkeiten. Bei darauffolgenden Wahlen erreichte die Frau, die sich geschickt ein Image zwischen Mutti, Wissenschaftlerin und Ost- sowie Westdeutscher aufgebaut hatte, als Parteichefin starke Ergebnisse. Sie war schnell unangefochten die Nummer eins in der CDU.

"Koste es, was es wolle"

Frau, energisch, schlau, mit wissenschaftlichem Hintergrund und dabei im Osten wie im Westen zu Hause, das ist auch Frauke Petry. Auch sie hat schnell die Bedeutung von Macht begriffen. Etwas mehr - dem Zeitgeist entsprechend - jung und hübsch, aber verblüffend ähnlich im Umgang mit Rivalen, hat Petry die Kanzlerin anscheinend studiert.

Auch Frauke Petry probt den Weg zur Macht über den Sturz ihrer männlichen Kontrahenten. Nicht nur Alexander Gauland, André Poggenburg oder Björn Höcke - drei führende Persönlichkeiten aus dem konservativen Lager der AfD -, nein, auch Vertreter wie Jörg Meuthen haben begriffen: Diese Frau kann ihnen gefährlich werden. An der Seite ihres Mannes Marcus Pretzell führt sie einen beispiellosen Kampf um Alles oder Nichts, koste es, was es wolle. Dieser Kampf dringt nach außen und scheint Wähler zu kosten.

Petry versucht, im Merkel-Stil Fakten zu schaffen. Langwierige Diskussionen vermeidet sie, so gut es geht. Waren und sind Merkels Alleingänge direkte, unkalkulierbare Reaktionen auf aktuelle Ereignisse, steckt Petry noch in den Geburtswehen ihrer Partei fest. Das Prinzip ist dasselbe: Unberechenbarkeit scheint auch zu ihrem Stil zu werden. Erst machen, dann Kritik abbügeln und wenig diskutieren. Das Ganze wirkt wenig demokratisch, und das gerade aus einer Partei heraus, die Basisdemokratie propagiert.

Ein Unterschied zu Merkel ist der öffentliche Auftritt. Lässt die Bundeskanzlerin wichtige Entscheidungen lieber von ihren Vertrauten verkünden, ist Petry offenbar sehr daran interessiert, dieses selbst zu erledigen. Es wirkt, als liebt Petry den Auftritt. Inzwischen hat man auch das Gefühl, die Allianz zu entsprechenden Medienhäusern ist endlich geschmiedet. Die Wege von der Anfrage bis zum Statement sind wohl kurz geworden. Petry ist präsent in der von ihr einst so gescholtenen "Pinocchio-Presse".

Noch bevor sich medial eine Parteilinie der AfD verbreitet, verbreitet Petry die ihrige. Sehr deutlich wurde dies im Dauerstreit mit Björn Höcke. Tritt dieser hauptsächlich über Social-Media-Kanäle auf, sucht Petry den direkten Draht zur Presse. Auffällig dabei ist die einseitig verteilte Angriffslust gegenüber Parteimitgliedern. Einen gezielten Schuss auf Petry nimmt man eher selten wahr. So mancher AfDler wünscht sich, Petry möge ihre Energie lieber dem politischen Gegner entgegenbringen.

"Frauke Petry hätte auch getrost fernbleiben können"

Der von innen nach außen getragene Streit kann der AfD nicht zuträglich sein. Gerade vor Wahlen hat so etwas noch keiner Partei genützt. Der Unmut darüber wurde Frauke Petry in den letzten Wochen deutlich vor Augen gehalten. In Sachsen war ein emotionaler Auftritt unter Tränen nötig, um sich ihre Mehrheit zu sichern. Beim vergangenen Parteitag in Köln gab es dann eine riesengroße Watsche: Petry hatte dort keine Mehrheit mehr. Als sie für einen Moment nicht mehr auf dem Podium zu sehen war, spekulierte man schon, sie wäre abgereist. Dass dies von Delegierten überhaupt ernsthaft in Betracht gezogen wurde, spricht Bände.

Petry hat offenbar übersehen, dass sie nicht den gleichen Rückhalt wie Merkel in der eigenen Partei hat und sich somit nicht zur Alleinherrscherin aufschwingen kann. Sie hat die Stärke ihres Lagers gnadenlos überschätzt, zu schnell auf Kontrahenten gezielt und im Merkel-Stil versucht, zu verwandeln. Die Kanzlerin wäre hingegen clever genug, Rechnungen an ihre Kritiker im Verborgenen oder nach der Bundestagswahl zu verschicken.

Besonderen Einfluss hatte Frauke Petry auf dem Parteitag in Köln jedenfalls nicht. Sie hätte diesem auch, dieser Meinung waren auch nicht wenige Delegierte, getrost fernbleiben können. Ihre privaten Angriffe auf Björn Höcke und auch die von ihr entfachte Dauerdiskussion über einen so genannten realpolitischen Kurs ihrer Partei haben die Frau stark isoliert. So verkündete Petry, sie wolle sich nun zurücknehmen und eher eine beobachtende Position einnehmen.

Mit diesem Vorhaben scheiterte die Politikerin aber spätestens nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen. Auf der Bundespressekonferenz nach der Landtagswahl beginnt Petry die Diskussionen um die Begriffe Protestpartei und Realpolitik von neuem. Für Menschen, die sich mit politischen Begrifflichkeiten wie rechts und links eingehender beschäftigen, muss Petrys Aufruf zum "Kampf gegen rechts" eher verstörend wirken. Macht Petry jetzt gar schon selbst den Job ihrer "Pinocchio-Presse"?

Diese und die Altpolitik haben die politischen Kampf-Definitionen doch schon lange vorgegeben. War die AfD bestrebt, diese Denk-Vorgaben neu aufzudröseln, macht Petry im Alleingang die Rolle rückwärts? Wohin eigentlich? Hier ähnelt sie der Kanzlerin Merkel wiederum auf sehr starke Weise. Auch diese hatte ihrer Partei ein neues Profil verordnet: Umweltpolitik, Wehrpflicht und Asylpolitik definierte die Kanzlerin im Alleingang.

Petry kopiert die Kanzlerin eher schlecht

Ihr Gatte schaffte mit dem gemeinsam propagierten realpolitischen Kurs gerade einmal 7,4 Prozent für die AfD in Nordrhein-Westfalen. Selbst die schon tot geglaubte FDP erreichte 12,6 Prozent. Möglicherweise ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass Menschen, wenn sie liberale Politik wollen, eben doch das Original wählen. Dafür braucht es die AfD anscheinend nicht.

Kanzlerin Merkel beweist deutlich mehr Sinn fürs Kalkül als Petry. Vollkommen richtig hat Merkel vor Jahren verstanden, wie groß der Wunsch nach einer verbindlichen politischen Mitte in Deutschland war. Hingegen begreift Petry nicht, dass sich dieser Wunsch in der Bevölkerung mittlerweile allmählich wieder auflöst. Die Menschen wollen wieder klare Kante, in eine definierbare Richtung.

Und wieder ist die Kanzlerin schneller und lässt die CDU zurück ins Konservative schwenken. Dort, wo die AfD schon gut aufgestellt war, gestattete Petry mit ihrem "realpolitischen Nichts" der CDU den Weg aus der beliebigen Mitte, zurück auf die rechts-konservative Spur. 

Was auch immer das Ziel Petrys war - vielleicht auch eine möglichst baldige Regierungsbeteiligung -, es war ein gravierender, jetzt real sichtbar werdender Fehler. Dieser hat der AfD Wählerstimmen gekostet und könnte es weiter. Petry ist keine Merkel. Sie kopiert die Kanzlerin eher schlecht und scheitert dort, wo Angela Merkel besonders stark ist.