Anschläge in Europa - Saudisch-amerikanische Kooperation im Nahen Osten

Anschläge in Europa - Saudisch-amerikanische Kooperation im Nahen Osten
Ein junges Mädchen nach dem Anschlag von Manchester mit einem T-Shirt der Sängerin Ariana Grande. Ein Angriff auf die westliche Kultur? Manchester, 23. May 2017.
Der amerikanische Stratege Samuel Huntington erfand den Begriff vom "Clash of Civilizations". Er wollte weniger über Interessen reden als über kulturelle Unterschiede. Angesichts eines US-amerikanischen Präsidenten zu Besuch in Saudi-Arabien und ermordeter Konzertbesucher in Manchester sollte aber über Interessen geredet werden.

von Malte Daniljuk

Während der neue US-amerikanische Präsident Saudi-Arabien und Israel besucht, ereignet sich in Europa erneut ein Anschlag. Nach ersten Erkenntnissen spricht alles dafür, dass es sich um ein Selbstmord-Attentat handelt. Wie schon in Paris wählten der oder die Täter jugendliche Konzertbesucher als Ziel. Das Ergebnis ist deutlich erkennbar. Die Bevölkerung soll in ihrem Lebensstil, ihren Werten angegriffen werden. Massenmord an Kindern und Jugendlichen - was eignet sich besser, um den Hass zu schüren?

Bei seinem Staatsbesuch in Saudi-Arabien schwingt US-Präsident Trump das Tanzbein mit dem saudischen König Salman bin Abdulaziz Al Saud (3 von links).

Nach allen bisherigen Anschlägen wäre es nicht überraschend, wenn sich erneut herausstellt, dass auch diesen Angriff dubiose Extremisten verübten, die ihr Mordhandwerk mit religiösen Motiven verbrämen. Wer diese Leute bezahlt und ausbildet, wer seit Jahrzehnten den Terror deckt, wird auch nach diesem Angriff kaum öffentlich diskutiert werden. Dabei befand sich der US-Präsident kürzlich noch genau dort, wo der dschihadistische Terror seinen Ausgangspunkt nahm. 

Öl-Milliarden wandern in extremistische Missionstätigkeit

Seit Jahrzehnten fördert das saudische Königshaus weltweit eine extremistische Auslegung des Islam. Überall in der muslimischen Welt bekämpfen die Absolventen der religiösen saudischen Glaubensschulen die Vielfalt des Islam. Aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten finanzierte Söldner tauchen überall auf, wo es geostrategische Interessen gibt. Von Afghanistan über die ehemaligen Sowjetrepubliken, von Algerien bis Libyen, vom Irak bis Syrien verbreiten sie Terror und Zerstörung, vor allem in den arabischen und muslimischen Gesellschaften.

Wie dieses Modell funktioniert, demonstriert Donald Trump in diesen Tagen wieder deutlich. Die USA kaufen Saudi-Arabien täglich eine Million Barrel Rohöl ab. Die Gewinne schickt das saudische Königshaus zurück in amerikanischen Rüstungsfirmen. Dafür halten die USA ihnen militärisch und öffentlich der Rücken frei. Und sind ihnen behilflich, gemeinsame Gegner in der Region zu zerstören. Nachdem der Irak, Libyen und Syrien beinahe vollständig und dauerhaft zerstört sind, rufen Donald Trump, König Salman und Benjamin Netanjahu nun das nächste gemeinsame Ziel aus: den Iran.

Ihre an Zynismus nicht zu übertreffende Begründung lautet: Der Iran unterstützt den internationalen Terrorismus. Nun waren es nicht iranische Agenten, welche die zahllosen Anschläge der letzten Jahre in Europa durchführten. Es ist nicht der Iran, der die dschihadistischen Söldnerbanden weltweit ideologisch und finanziell ausrüstet. Aber die Strategen der dunklen Mächte scheinen sich darauf verlassen zu können, dass den meisten Menschen in Europa die feinen Unterschiede nicht so klar sind. Sie setzen darauf, dass wir pauschal "den Islam" für diese Verbrechen verantwortlich machen. 

Huntington war Auftragstäter

Mit großer Inszenierung machen die USA derweil den Bock zum Gärtner. In Saudi-Arabien gründet Donald Trump eine "Anti-Terror-Allianz". Die neue Redewendung aus der Orwell-Welt soll lauten, dass Saudi-Arabien und die Golfstaaten den Terror bekämpfen. Wir wissen noch nicht, wer den Anschlag in Manchester verübt hat. Aber wir wissen, wes Geistes Kinder die Attentäter von Petersburg, Paris, Brüssel und vielen anderen Orten waren. Wahhabitische und salafistische Extremisten, ausgebildet in der Internationale der Dschihadisten, finanziert und ausgebildet von sunnitischen Extremisten.

Vor 25 Jahren machte Professor Samuel Huntington, damals Berater für Sicherheitsstrategien der US-Regierung im Nationalen Sicherheitsrat, einen visionären Vorschlag. Nach dem Ende der Sowjetunion brauche der Westen einen neuen Gegner. Idealerweise, so Huntington, solle zukünftig nicht mehr öffentlich über unterschiedliche Interessen geredet werden, sondern nur über kulturelle Unterschiede. Nachdem Europa nun ideologisch wieder vereint sei, brauche ein anderes Merkmal, anhand dessen sich der Kontinent spalten lässt: 

Seit die ideologische Teilung Europas verschwunden ist, tritt die kulturelle Spaltung Europas zwischen dem westlichen Christentum einerseits und dem orthodoxen Christentum und dem Islam andererseits wieder auf.

Hinter dem islamistischen Extremismus stehen US- und saudische Machtpolitik

Gut meinende Zeitgenossen nahmen diesen Ansatz des Clash of Civilizations nicht besonders ernst. Sie hielten Huntington für einen Professor mit einer schrulligen Theorie. Sie übersahen, dass der Mann ein Stratege war, beauftragt, eine Rechtfertigung für das amerikanische Imperium und dessen Rüstungsindustrie zu finden. Sie übersahen, dass die USA damals in Afghanistan bereits über die Fußsoldaten des zukünftigen Kulturkriegs verfügte. Aber seit September 2001 nimmt diese Spaltung einen dauerhaften und kriegerischen Charakter an.

Angesichts der ermordeten Kinder und Konzertbesucher in Manchester muss immer wieder daran erinnert werden, dass zuerst die muslimischen Gesellschaften den Preis für diesen Wahnsinn zahlten. Hunderttausende Tote in Afghanistan, Pakistan, Irak, Libyen, Syrien und Jemen, Millionen von Vertriebenen sind das Ergebnis des sunnitischen Extremismus und des saudischen Söldnertums. Aber eine Spaltung braucht auch ein aktives Gegenüber: Betroffene in Europa, die sich in einen Kulturkrieg hineinziehen lassen, die mit verständlichem Hass reagieren, ohne die Interessen hinter dem Terror benennen zu können, die "Islam" sagen und die saudische und amerikanische Machtpolitik meinen.