Hut ab, Polittechnologen: Wohin Frankreich sich mit der Traumfabrik Macron bewegt

Emmanuel Macron in Paris
Emmanuel Macron nach seiner Inauguration am 14. Mai 2017 in Paris.
Für den russischen Meinungsmacher Dmitri Kisseljow ist Emmanuel Macron ein reines Marketing-Konstrukt. Dennoch ist der junge Präsident nun Realität. Kisseljow kommentierte in seiner wöchentlichen Sendung die Wahlen in Frankreich und mögliche Konsequenzen.

von Dmitri Kisseljow

Emmanuel Macron, der neugewählte französische Präsident, ist mit seinen 39 Jahren der jüngste französische Staatslenker seit Napoleon. Das ist aber auch schon die einzige Parallele. Denn Napoleon ist die schillernde Persönlichkeit schlechthin, über Macron können nicht einmal seine Anhänger Derartiges sagen.

Als Artillerie-Kommandeur konnte Napoleon mit 24 die Engländer bei Toulon zurückschlagen, wofür er den Dienstgrad eines Brigadegenerals verliehen bekommen hat. Mit seinen 24 rettete er damals das republikanische Frankreich. Macron konnte in diesem Alter noch keine Antwort geben auf die Frage, wer er in seinem Leben werden will. Erst mit 27 startet er mit seiner Karriere als Inspekteur im französischen Wirtschaftsministerium durch.

Ein frischer Macron gefällig?

Noch vor einem Jahr gab es in der französischen Politik keinen Mann namens Macron. Aber jetzt, zur Überraschung Europas und der ganzen Welt, ist er der Präsident des großen Landes Frankreich. Wie konnte das dennoch passieren?

Ganz einfach: Heutzutage ist die wichtigste Kunst von allen die Verkaufskunst. Verkaufsspezialisten sind überall hoch geschätzt. Das Image von Macron wurde als etwas Junges, Attraktives, Frisches, Ermutigendes, nicht Stechendes und nicht Schneidendes konstruiert. Etwas Bequemes, Modisches, Romantisches und sogar Süßes, Nützliches und Bekömmliches – man trichterte all das der Bevölkerung buchstäblich ein. Fast zwangsweise.

Die Wahl von Macron war eine brilliant durchgeführte Marketingoperation, mit einer tiefgreifenden Marktanalyse, Auswahl und Fertigung des Produktes und einer wuchtigen Werbekampagne, die der Konkurrenz keine Chancen ließ. Damit ist es klargeworden, dass die modernen politischen Technologien in Frankreich nur ein weiteres Beispiel von Verkaufskunst sind.

Profitiert zurzeit von den Skandalen der Konkurrenten: Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron.

Man muss den französischen Polittechnologen eines attestieren: Sie haben eine glänzende Arbeit geleistet. Aber auch diese hätte nicht ausgereicht, hätte die staatliche und mediale Maschinerie die politische Konkurrenz um Macron herum nicht zertrampelt, während man von Macron jedes Stäubchen weggeblasen hat.

Zertrampeltes Terrain

Den einst aussichtsreichen Kandidaten der republikanischen Partei Francois Fillon hat man mit fadenscheinigen Ermittlungen vernichtet und Marine Le Pen, die es so noch in die zweite Runde schaffte, hat die Presse so stark dämonisiert, dass sie in Finale gar keine Chance hatte. Der führende Fernsehkanal France 2 arbeitete bei allem Anschein der Ausgewogenheit bei der Vergabe der Sendezeit an die beiden Kandidaten doch nur für Macron. Wie? Ganz einfach.  

In der letzten Woche vor der Wahl kritisierten alle eingeladene Experten des Kanals einstimmig Le Pen. Die Positionen von Macron haben sie hingegen nicht einmal angezweifelt. Nur die Mitglieder des Le-Pen-Teams kritisierten Macron, aber sie können, wie jedem klar ist, nicht objektiv sein. Deshalb wogen ihre Aussagen nichts.

Die Journalisten von France 2 brachen über jeden Fehler von Le Pen herein, pickten jede Ungenauigkeit in ihren Reden heraus, bei Macron konnten sie hingegen nichts finden. So konnte man die Gewerkschaften und die Organisationen der Arbeitnehmer gegen Le Pen aufbringen. Für Macron agitierten hingegen der amtierende Präsident Hollande, dessen Premier Cazeneuve und sogar Angela Merkel:

Ich habe keinen Zweifel, dass Macron ein starker Präsident sein wird", sagte Merkel.

Für Macron traten Obama, Mogherini, Juncker, Theresa May und der große Zidane auf. Für einen Menschen faktisch ohne jegliche politische Vergangenheit, mit einer nicht überzeugenden Kreditgeschichte - wie es ein Banker formulieren würde. Während die Größen der Weltpolitik Le Pen laut Populismus vorwarfen, gewann mit Macron ein 100-prozentiger Populist die Präsidentschaftswahlen.

NLP im Spiel?

Die Schaffung seines politischen Projekts En Marche la France extra für die Wahlen liefert ein Beispiel dafür – eine Bewegung des Appells, wie "Vorwärts", "Folge mir" oder "Kommt, lasst uns gehen, Frankreich". Es bleibt jedenfalls unklar, wohin man folgen soll, wo es überhaupt hingehen soll.

Der für seine westskeptischen Positionen bekannte Außenpolitiker Alexej Puschkow.

Eine muntere, optimistische Abstraktion: Jeder kann darunter das verstehen, was er will. Jeder würde dann denken, Frankreich gehe dorthin, wo er selbst hinmöchte. Obwohl eigentlich klar ist, dass der ganze Sinn des Projekts "Nachfolger des scheidenden Präsidenten Hollande" darin besteht, dass Frankreich dort bleibt, wo es ist und sich keinen Millimeter von seinem Platz bewegt; dass es keine Änderung geben soll, weder in der Innen- noch in der Außenpolitik.

En Marche ist also Lauf am Platze. Ok, warum denn nicht, vielleicht doch, um sich aufzuwärmen? Zufall ist, dass die Parole in der Printpresse stets als EM abgekürzt wurde. Wenn wir die Abkürzung EM gedanklich aussprechen, dann klingt es wie "aime" – lieben, das ist viel für Frankreich. Brilliant ausgedacht nach den Regeln NLP – der Neuro-Linguistischen Programmierung.

Und noch ein wundersamer Zufall: Steht das "EM" nicht etwa für Emmanuel Macron? Hut ab! Und welcher wundersamen Verwandlung unterzogen die Imagemaker die Ehe von Emmanuel Macron mit einer 24 Jahre älteren Frau? Wenn sich jemand anfangs wundern konnte und über die "moderne" Orientierung von Emmanuel nachdachte, hört man jetzt davon kein Wort mehr.

Macron in Paris
Emmanuel Macron mit seiner Ehefrau Brigitte am Tag der Inuaguration am 14. Mai 2017.

Die besten Modellierer, Visagisten, Friseure nahmen sich Brigitte an. Man bat Macron, mit der Frau immer Hand in Hand zu gehen. Küsschen, Blicke, Streicheleinheiten mit der nunmehrigen First Lady Frankreichs brachten Macron die zusätzliche Stimme der Französinnen, vor allem übrigens jene der Gleichaltrigen mit Brigitte, der Rentnerinnen.

Parteiensystem im Umbruch

Wie auch immer, Macron kam auf 64 Prozent. Zu einem beträchtlichen Teil, weil man aus Marine Le Pen eine Horrorgeschichte konstruiert hat. Dabei startete Macron mit 24 Prozent eigener Stimmen aus der ersten Runde. Es stehen am 11. Juni noch Parlamentswahlen bevor – ein harter Kampf mit unberechenbarem Ergebnis.

Der neue französische Präsident Emmanuel Macron muss das Land einen und die großen wirtschaftlichen Probleme lösen. Und all das ohne eine überzeugende Mehrheit oder einer politischen Hausmacht.

Warum? Weil das alte politische System mit seinen Institutionen für Frankreich nicht mehr brauchbar geworden ist. Wie in der zweiten Wahlrunde keiner der Kandidaten eine traditionelle Partei vertrat, so werden auch jetzt nicht diejenigen Spieler wichtig, die früher regierten. So sind die einst sehr starken Sozialisten jetzt nur noch politische Zwerge. Sogar der Ex-Premier Valls verlies die Partei.

Und Macron veranlasst ein Rebranding für seine Bewegung, jetzt heißt sie "Vorwärts, Republik" und schlägt sich im Parlament für Überläufer in die Bresche, der Ex-Premier und Ex-Präsidentschaftskandidat Valls ist nur einer von ihnen. Die Republikaner, die einstigen Rivalen der Sozialisten, werden mit Sicherheit versuchen, sich zu revanchieren.

Marine Le Pen wird auch nicht aufgeben und der Star des Präsidentschaftswettlaufs, Mélenchon, wird auch sicher weiterkämpfen. Die Ergebnisse der Parlamentswahlen werden die endgültige Konfiguration der Macht in Frankreich abbilden, sie werden das wahre Gewicht des Präsidenten Emmanuel Macron bestimmen. Er hat eine Parlamentsmehrheit bitter nötig. Es ist offensichtlich: Frankreich ist gespalten und die Perspektiven sind nebulös. Der Sieg von Macron ruft gemischte Gefühle hervor.

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

ForumVostok