Fake News aus Frankreich: Wie France24 manipuliert und ehrlichem Journalismus schadet

Fake News aus Frankreich: Wie France24 manipuliert und ehrlichem Journalismus schadet
Screenshot: Elena Volochine auf France24
Westliche Politiker und Medien jammern über angebliche Fake News und wie diese das Vertrauen in die Nachrichten zerstören. Ein Beispiel aus Frankreich hingegen zeigt, wie rachsüchtige Sowjet-Dissidenten und neokonservative Ideologen selbst manipulieren.

von Zlatko Percinic

Überall hört man heute etwas von so genannten Fake News. Selbst in der Politik hat dieser Begriff Einzug gehalten, insbesondere seit die Wahl des US-Präsidenten Donald Trump ihn zum gegenseitigen Standardvorwurf zwischen seinen Anhängern und seinen Gegnern erhob.

Auch Politiker anderer Länder sind auf diesen Zug aufgesprungen, der ursprünglich als Konterattacke des Mainstreams gegen "Lügenpresse"-Vorwürfe und Alternativmedien gedacht war. Fake News wurden sogar als "Bedrohung für die Demokratie" eingestuft, die es zu bekämpfen gilt. In Finnland will die Regierung dafür eigens ein "Abwehrzentrum" einrichten, nebst den bereits bestehenden Zentren in Prag und Tallin und womöglich auch bald einem in Deutschland.

Riesig und schrecklich. Für jedes historische Ereignis in und um Russland hat der Westen immer nur eine Erklärung parat: Moskaus Imperium will sich einfach nur alles unter den Nagel reißen. Screenshot aus dem ARTE-Film

Selbstverständlich kommt die hybride Bedrohung nur aus dem Osten, wo nicht nur die Sonne aufgeht, sondern gewaltiges Ungemach in Form von nicht greifbaren Ängsten droht. Fast so, als ob sich die Geschichte wiederholen würde und Cyber-Mongolenstürme unter dem modernen Dschingis Khan in Form von Wladimir Putin die virtuelle Welt verwüsten und unsere Demokratie in die Knie zwingen. So ähnlich klingt das moderne Märchen, das nicht aus der Feder der Gebrüder Grimm stammt, sondern das Strategen aus einer Einrichtung mit dem weniger glamourös klingenden Namens NCCDCE entwickelt haben.

Davor aber, dass mitten aus einem Bürohaus in Frankfurt heraus Akteure unsere Demokratie tatsächlich bedrohen, indem sie Software wie Hardware manipulieren und Nachrichten produzieren, die Bild & Co später aufgreifen und als tatsächliche Fake News zeigen, wird interessanterweise nirgendwo gewarnt. Es ist ein ähnliches Paradoxon wie bei den so genannten Hasspostings, die auch je nach Bedarf äußerst selektiv ausgelegt und verfolgt werden.

Die Fake News verunsichern nicht nur Leserinnen und Leser, also die Medienkonsumenten und Opfer dieser angeblich neuartigen Bedrohung, sondern sie richten auch einen enormen Schaden für Reporter und damit nicht zuletzt auch wieder für die Leserschaft selbst an.

Versagen von Reportern fällt auf die Medien hinter ihnen zurück

Reporter leben von ihrem Namen, sprich ihrer Integrität. Je besser der Name eines Reporters, desto schneller und leichter kommt er oder sie an Quellen, Interviews und Zugang zu hochsensiblen Gebieten. Wird dieses Vertrauen aber ausgenutzt und missbraucht, verliert nicht nur der Reporter diesen Zugang zu verschiedenen Menschen, sondern es wirft einen langen und dunklen Schatten auf die gesamte Branche. Es zerbricht nicht nur das Vertrauen zu dieser einen Person, es zerbricht auch das Vertrauen in die Absichten des Medienunternehmens hinter derselben.

Ein sehr gutes Beispiel dafür bieten der französische staatliche Sender France24 und dessen Reporterin und Filmemacherin Elena Volochine.

Eigentlich könnten die Voraussetzungen bei Elena Volochine besser nicht sein. Ein abgeschlossenes Studium an der französischen Eliteuniversität Sorbonne; Tochter eines bekannten russischen Starviolinisten und Professors an der École Normale A. Cortot, Igor Volochine… Ideale Voraussetzungen, aber eben nur eigentlich.

Ihr Vater lernte in Frankreich Freunde von sowjetischen Dissidenten kennen, wie Galina Ackerman, eine in Frankreich bekannte Historikerin und Journalistin.

In Moskau 1948 geboren, wanderte sie 1973 nach Israel aus. Nach eigenen Angaben folgte dann 1984 eine erneute Auswanderung nach Frankreich. Ihre Werke als Historikerin handeln in der Hauptsache über den Massenmord an Juden in der Ukraine. Deshalb verblüfft es umso mehr, dass auch sie dem Bandera-Nationalismus in der Ukraine verfallen ist und die Teilnahme der OUN, der Partei von Stepan Bandera, an den Morden an Juden in Frage stellt.

Der Politiloge Dmitri Kulikow auf der V. Internationalen wissenschaftlichen Konferenz

Ihrer Argumentation zufolge wäre es völlig unverständlich, jetzt das Problem des Nationalsozialismus und Faschismus in der Ukraine so stark hervorzukehren, wo doch halb Europa in den 1930er Jahren ebenfalls mit Faschismus und Nationalsozialismus sympathisierte. Der wahre Übeltäter wäre nach Ackermans Meinung der sowjetische Führer Josef Stalin gewesen. Und liest man sich ein paar Texte von Galina Ackerman durch, merkt man mit jeder Zeile, wie sie abgrundtiefen Hass auf alles Russische zu Papier bringen wollte.

Der Pegida-Schwur der Sowjet-Exilanten

In einem Interview vom 3. Februar 2017 in Kiew gewährte sie denn auch einen kleinen Blick in ihr "Dissidentenleben" in Moskau, was mit Sicherheit einen gewaltigen Einfluss auf die Radikalisierung der Weltsicht von Galina Ackerman hatte. Man schloss sich selbst hermetisch gegen alles ab, was dem eigenen Weltbild zuwiderlief.

Damals hatten wir einen Ehrenkodex in unserem Dissidentenzirkel: Schaue nie (staatliches) Fernsehen, lese Zeitungen, höre dir 'Voice of America' und 'Radio Liberty' an...

Ähnlichkeiten zu Aufrufen in heutigen Pegida- oder AfD-Kreisen, etablierte Medien zu meiden und sich nur noch aus "Compact" oder "Junge Freiheit" zu informieren, sind sicher nur unerwünscht und zufällig.

Die größten Propagandasender des US-amerikanischen Geheimdienstes, Voice of America und Radio Liberty, sowie das von Axel Springer finanzierte Magazin "Kontinent", für das sie sogar eine Zeit lang schrieb, dienten also als Hauptinformationsquellen sowjetischer Dissidenten wie Galia Ackerman. Noch heute sagt diese von sich, dass ihr Verhältnis zu Russland "kompliziert" wäre.

Der ehemalige Schachmeister  Garri Kasparow  (R) während eines Tuniers in Valencia, Spanien, September 2009.

Angesichts ihrer Arbeit für den Internationalen Widerstand, eine von Wladimir Bukowski 1983 in Paris gegründete Organisation, ist das auch nicht weiter verwunderlich. Der IR erhielt bereits im ersten Jahr seines Bestehens eine "Spende" durch den US-Kongress in Höhe von sechs Millionen US-Dollar (wären heute fast 12 Millionen), eine für die damalige Zeit schon fast unerhört hohe Unterstützung für eine so kleine Organisation. Bis zur Gründung des American Foundation for Resistance International (AFRI) zwei Jahre später finanzierten private Spender aus den USA den IR, wie Ackerman selbst sagt. Hier konnte sie endlich das tun, was ihr nach eigenen Angaben Spaß machte:

Es war interessant für mich, dort zu arbeiten, weil ich plötzlich in Aktivitäten involviert war, die es ihnen [den Dissidenten] erlaubt hatten, alte Rechnungen mit den sowjetischen Behörden zu begleichen. Wie ich bereits geschrieben habe: Ich war jung und habe das sowjetische Regime nicht akzeptiert, [...] und nun wurde mir die Gelegenheit gegeben, etwas Sinnvolles für die 'gemeinsame Sache' zu tun.

Es muss in der Tat ein Riesen-Spaß gewesen sein. Der Gründer von IR, Wladimir Bukowski, saß nämlich mit anderen noch heute sehr bekannten Namen aus der neokonservativen Ecke im Vorstand von AFRI. Namen wie zum Beispiel Richard Perle, Michael Ledeen, Paul Wolfowitz, um nur einige zu nennen.

Zusammen organisierte man dann nicht nur friedliche Konferenzen wie jene 1990 in Prag, sondern bot dem US-Geheimdienst CIA ein ideales Werkzeug, um in Afghanistan über den als Tarnung aufgebauten Sender Radio Kabul die Kommunikation zwischen den Dschihadisten aufrechterhalten zu können. Diese Wortwahl und das entsprechende Eingeständnis kommt von Galina Ackerman selbst, früher war bekanntlich die Rede von Befreiungs- oder Unabhängigkeitskämpfern. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ging AFRI im halbstaatlichen National Endowment for Democracy (NED) auf.

Die Rolle des Regime-Change-Philosophen Lévy

In Paris übersetzte Galina Ackerman Dutzende antisowjetische Bücher in die französische Sprache, außerdem ukrainische Bücher, um "die Ukraine näher an Europa zu bringen", wie sie selbst sagte. Ihr Mann, Samuel "Sascha" Ackermann, den sie in Israel kennengelernt hatte, stammt aus Mukatschewo in der Westukraine und unterstützte sie enthusiastisch bei diesem Projekt. Sie freundete sich sogar mit Anna Politkowskaja an, die wegen ihrer kritischen Artikel über den Tschetschenienkrieg große Bekanntheit erlangte und leider 2006 in Moskau durch bis heute unbekannte Täter ermordet wurde.

Die Einladung 2010 durch den damaligen georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili nach Tiflis, um an einer so genannten Trauerfeier für die angebliche russische Aggression zwei Jahre zuvor teilzunehmen, kann angesichts dieser Vergangenheit kaum überraschen. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass Galina Ackerman zusammen mit dem umstrittenen französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy dem EUROFORUM (Europäisches Forum für die Ukraine) vorsteht. Sie unterzeichnete und unterstützte die Petition zur Freilassung von Nadja Sawtschenko, welche an die europäischen Regierungen verteilt wurde.

Ausgerechnet BHL, wie Lévy in Frankreich genannt wird, wurde zu ihrem engsten Mitstreiter: der Mann, dem sogar die FAZ Russophobie attestierte und der allen Ernstes forderte, dass Schamil Bassajew, der "Terrorfürst", Ministerpräsident von Tschetschenien werden sollte. Dass Lévy trotz seines familiären jüdischen Hintergrundes keinerlei Probleme mit hochgradig antisemitischen Dschihadisten hatte, stellte er unter Beweis, als er einer der wichtigsten Manipulatoren des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy war, den er zum Libyenkrieg überredet haben soll. In Bengasi fädelte er die Kontakte zu den so genannten Rebellen ein, die die NATO-Intervention schließlich an die Macht bringen sollte.

Nicht viel anders in der Ukraine: In Kiew spielt Lévy sich als der Retter der Ukraine auf, jongliert mit Millionenversprechen auf dem jährlichen Politevent "YES" mit ukrainischen Nationalisten und bekennenden Nationalsozialisten, um dann im Pariser Quai d'Orsay die französische Außenpolitik völlig durcheinanderzuwirbeln. Sein Versuch, die ukrainische Bezeichnung für die selbstausgerufenen Volksrepubliken von Donezk und Lugansk als "Terrororganisationen" auch in Brüssel zu übernehmen, scheiterte allerdings kläglich.

Elena Volochine, Galia Ackerman und Fake News

Es gibt hartnäckige Mutmaßungen und Gerüchte, dass Elena Volochine die Tochter von Galia Ackerman wäre, was völliger Blödsinn ist. Ackerman hat zwar zwei Töchter, Ada und Olga, die sogar in Volochines Alter sind, aber daraus gleich eine familiäre Bindung zu konstruieren, ist schlicht und ergreifend falsch.

Allerdings kennen sie einander, privat wie auch akademisch. Galina hält eine Geschichtsprofessur der Eliteuniversität Sorbonne in Paris, wo sowohl ihre Tochter Ada als auch Elena Volochine studiert haben. Die beiden jungen Frauen besuchten die gleichen Kurse für ihre Ausbildungen, auch wenn sich deren beruflicher Werdegang anschließend trennte. Die anti-russische Brille, die Ackerman und Volochine von zu Hause mit auf den Weg bekommen haben, eint sie aber bis heute.

So war denn Elena Volochine im Juli 2016 im Auftrag von France24 in Donezk, um über den Krieg im Donbass eine Reportage zu drehen, welche Mitte Oktober 2016 schließlich ausgestrahlt wurde.

Es wäre wahrscheinlich nie zu diesem Skandal gekommen, wären Elena Volochine und ihr Team nicht an diesem Tag, zur selben Zeit und am selben Ort auf die Belgierin Christelle Néant gestoßen, die für die Nachrichtenagentur DONi-News in der selbstausgerufenen Donezker Volksrepublik arbeitet. Beide Teams hatten in Zaitsevo einen Termin bei einem der Kommandeure der DPR-Armee bekommen, um sich vor Ort ein Bild machen und Interviews mit dem Kommandeur und seinen Soldaten führen zu können.

Christelle, die wie die meisten ausländischen Mitarbeiter von DONi-News mehr Freiwillige als gut bezahlte Journalisten sind, erzählte mir bei unserem Treffen in den Büroräumen in Donezk, wie überrascht sie war, als die France24-Reportage ausgestrahlt wurde. "Als ob wir beide nicht die gleiche Realität erlebt haben oder nicht das Gleiche aus demselben Mund des Kommandeurs gehört haben", schilderte sie ihre Eindrücke.

Offenkundige Manipulationen eines Interviews im Donbass

Aus diesem Grund haben sich Christelle und die Verantwortlichen von DONi-News entschieden, eine Gegendarstellung zu veröffentlichen und die schlimmsten Falschbehauptungen in der Reportage von Elena Volochine aufzudecken. Ob Volochine tatsächlich selbst die Manipulationen im Schnitt veranlasst hat oder ob es unter der Anweisung ihres Chefredakteurs, des Mitbegründers von France24 und Präsidenten der Académie24, Antoine Cormery, geschehen ist (auch er ließ die Möglichkeit einer Stellungnahme ungenutzt), ist nicht bekannt. Es ist aber erschreckend, zu sehen, was in den Redaktionen einiger großer Medienunternehmen im Westen mit dem Filmmaterial geschieht.

Es sind dann genau diese Art von Fake News, die bei den Personen, die sich zu Interviews bereiterklärt und sogar für die Sicherheit der Reporter gesorgt haben, höchst zwiespältige Gefühle bewirken. Bei künftigen Anfragen von westlichen Reportern wird man sich dann vielleicht nicht mehr zur Verfügung stellen und aus "Sicherheitsgründen" die Anfrage abschlägig beantworten.

Für andere Reporter und Medienunternehmen, die keinerlei sinistere Absichten hegen und einfach die Menschen, Bilder und Situationen für sich sprechen lassen wollen, wird durch solches unehrenhaftes und rücksichtsloses Verhalten wie im Falle von Elena Volochine und des Senders France24 der Weg zu den Hearts and Minds der Betroffenen versperrt bleiben.