Frank Elbe: Kalter Krieg kannte besseres Krisenmanagement als wir heute

Frank Elbe: Kalter Krieg kannte besseres Krisenmanagement als wir heute
Der Botschafter Frank Elbe blickt auf eine lange Karriere als Diplomat zurück: Von Polen bis in die Schweiz war er in zahlreichen Ländern stationiert. Gemeinsam mit Hans-Dietrich Genscher war er an den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen über die Deutsche Einheit beteiligt.
Bei Krieg und Frieden versagt das kollektive Erinnerungsvermögen, meint Botschafter Frank Elbe. Eine irrationale Dynamik der Politik widersetze sich immer wieder früheren Erfahrungen. Dabei wäre gerade aus der Kuba-Krise und anderen Ereignissen viel zu lernen.

von Frank Elbe, Botschafter a.D.

"Was Krisenmanagement angeht, ist aus dem Kalten Krieg mehr zu lernen als aus der Epoche seitdem", schreibt Michael Stürmer in seinem Leitartikel "Warten auf eine Strategie" vom 18. April 2017 in der Zeitung Die Welt. 

Das ist ein bedeutsames Urteil aus der Feder eines konservativen Historikers, der sich niemals verdächtig gemacht hat, ein "Putinversteher" sein zu wollen. Aber seit langem schon leitet Stürmer unbeirrt und konsequent aus der apokalyptischen Natur nuklearer Waffen ab, dass ihre Existenz neue Strukturen erzwingt, nämlich Mäßigung und Souveränitätsverzicht. Wer dies nicht beachte, handele bei Strafe des Untergangs. 

Der Botschafter Frank Elbe blickt auf eine lange Karriere als Diplomat zurück: Von Polen bis in die Schweiz war er in zahlreichen Ländern stationiert. Gemeinsam mit  Hans-Dietrich Genscher war er an den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen über die Deutsche Einheit beteiligt.

Es ist richtig, wenngleich deprimierend: Der Kalte Krieg kannte ein besseres Krisenmanagement, als wir es heute haben. Offensichtlich versagt das kollektive Erinnerungsvermögen in Fragen von Krieg und Frieden. Eine irrationale Dynamik der Politik widersetzt sich - durch die Geschichte belegt - immer wieder früheren Erfahrungen. 

Frage von Besinnung oder Untergang

Wir haben alle Erkenntnisse, die wir brauchen, um einzusehen, dass ein nuklearer Krieg nicht geführt, weil er nicht gewonnen werden kann. Aus dem Satz "Alle Menschen sind sterblich" hat sich die Einsicht entwickelt "Die Menschheit als Ganzes ist 'tötbar' geworden", wie der deutsche Philosoph Günther Anders es formulierte. Besonders eindrücklich sind die Ansichten von Peter Sloterdijk in seinem Buch "Kritik der zynischen Vernunft":

Die Bombe ist längst kein Mittel zu einem Zweck mehr, denn sie ist das maßlose Mittel, das jeden möglichen Zweck übersteigt. Haben wir sie gebaut, um uns zu 'verteidigen', hat sie uns in Wahrheit eine beispiellose Wehrlosigkeit eingebracht. Die einzige Frage bleibt, ob wir den äußeren Weg wählen oder den inneren – ob die Einsicht aus der Besinnung kommen wird oder aus den Feuerbällen über der Erde.

Der wohl wichtigste Anwendungsfall des Imperativs, dass die sicherheitspolitische Vorsorge der Eindämmung des nuklearen Risikos zu dienen habe, war die Kuba-Krise im Oktober 1962.

Diplomatie in Zeiten der Kubakrise

Die Sowjetunion hatte heimlich nukleare Mittelstreckenraketen auf Kuba stationiert, die Washington, New York und die Industriezentren der USA mit einer Vorwarnzeit von nur fünf Minuten hätten erreichen können. Zu keinem Zeitpunkt zuvor und danach war die Welt der Gefahr so nah, in nuklearer Asche zu versinken, wie in den Tagen, in denen schließlich die Krise beigelegt und der Abzug der sowjetischen Raketen aus Kuba verhandelt werden konnte.

Jene 13 Oktobertage gerieten zum Lehrstück für die künftigen Spielregeln in den Ost-West-Beziehungen. John F. Kennedy tat etwas sehr Ungewöhnliches: Er ließ die Gespräche mit seinen politischen und militärischen Beratern im Weißen Haus ohne deren Wissen aufnehmen. Seit zwei Jahrzehnten liegen die "Kennedy-Tonbänder" als Buch vor. 

Jasmin Kosubek im Gespräch mit Frank Elbe.

Diese und andere Veröffentlichungen von Zeitzeugen veranschaulichen die Gewissenhaftigkeit, diplomatische Professionalität, sowie die Klarheit und Härte im Umgang mit der sowjetischen Führung. Sie belegen auch die bittere Schärfe der Auseinandersetzung im Weißen Haus. Die Generäle forderten geschlossen Luftangriffe auf die sowjetischen Raketenstellungen und eine Invasion Kubas. Präsident Kennedy setzte dagegen die Blockade Kubas durch. Die Militärs sahen sich als Verlierer. Frustriert und unversöhnlich unterschieden sie fortan zwischen "Tauben" und "Falken", ein Menetekel, dessen unheilverkündende Warnung, dass die Tage der "Tauben" gezählt sein könnten, bis in die Gegenwart nachwirkt. 

Wieso geriet die Bewältigung der Kubakrise zu einem Lehrstück und was beachten wir nach dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr?

Liddell Harts Goldene Regel der Diplomatie

Kennedy und Chruschtschow erkannten den Zwang, die dramatischen Folgen einer möglichen nuklearen Auseinandersetzung abzuwenden. Kennedy stützte sich auf einen Beraterstab von außergewöhnlich erfahrenen und besonnenen Persönlichkeiten, wie es ihn in dieser Qualität vorher und nachher nicht gegeben hat. Es gab fortwährend, fast täglich, hochrangige Kontakte zwischen der amerikanischen und sowjetischen Führung. Beide, Kennedy und Chruschtschow, ließen keinen Zweifel am Primat der Politik aufkommen. Der militärische Missmut sowjetischer Militärs gegenüber einer politischen Lösung war nicht geringer als der ihrer US-Kollegen, wie Chruschtschow dem amerikanischen Präsidenten anvertraute. 

Es gab ein sehr entscheidendes taktisches Prinzip für jene Zeit. Kennedy befolgte konsequent einen Lehrsatz des von ihm hochgeschätzten britischen Militärhistorikers Liddell Hart, dessen volle Zitierung geboten ist:

Bleib stark, wenn möglich. Bleib in jedem Fall beherrscht. Sei unbegrenzt geduldig. Treibe einen Gegner niemals in die Ecke und hilf ihm, sein Gesicht zu bewahren. Stell Dich in seine Schuhe, so dass Du die Dinge mit seinen Augen sehen kannst. Vermeide Selbstgerechtigkeit wie den Teufel – nichts macht Dich selbst so blind!

Frank Elbe im Gespräch mit dem ehemaligen deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher

Alles, was danach folgte, waren Anstrengungen, den Ost-West-Konflikt zu beenden. Der Weg dahin war steinig, aber schließlich erfolgreich. Die Deutsche Einheit, die großen politischen Veränderungen in Osteuropa und die Charta von Paris schienen Europa, Russland und den USA den Weg in eine breite, friedliche Zusammenarbeit in einem großen Kooperationsraum von Vancouver bis Wladiwostok zu öffnen.

Halten sich heutige Politiker für klüger als Genscher?

Und heute? Zwei Jahrzehnte sind nach Ende des Kalten Krieges verstrichen, die für die Gestaltung einer neuen Weltordnung nicht ausreichend genutzt wurden, in denen wir noch nicht einmal die Beziehungen zwischen Russland, Europa und Amerika auf eine ordentliche, nachhaltige Grundlage stellen konnten. Die Politiker des Westens sind fahrig, oberflächlich und ziellos geworden. Sie dümpeln ohne Orientierung vor sich hin. Für mich ist es unverständlich, dass sich niemand fragt, ob der Bürgerkrieg in der Ukraine nicht in eine nuklearen Auseinandersetzung münden könnte. Hier verlangt außenpolitische Verantwortung politischem Handeln eine klare Kante ab.

Kürzlich würdigte ein deutscher Politiker das Lebenswerk von Hans-Dietrich Genscher durchaus wohlwollend, konnte sich aber eine Einschränkung nicht verkneifen: Die Politik Genschers würde heute scheitern, weil die Probleme viel schwieriger geworden seien. Kann ich hinter einer solchen Feststellung die Absicht vermuten, eine Lösung gar nicht mehr versuchen zu wollen? 

Es hat zu keinem Zeitpunkt größere Bedrohungen für Europa gegeben als zur Zeit des Kalten Krieges. Jenseits der Demarkationslinie, die mitten durch Deutschland lief, gab es auf beiden Seiten ein präzedenzloses Massenaufgebot an Streitkräften, Panzern, Raketen, Kampfflugzeugen und Geschützen. Es hat die Politik nicht aufgehalten, Frieden nach Europa bringen zu wollen. Die NATO-Partner sollten sich daran orientieren, dass 1967 – mitten im Kalten Krieg – das Bündnis die Kraft hatte, durch den Harmel-Bericht jeden Bündnispartner zu verpflichten, eine "Verbesserung seiner Beziehungen zur Sowjetunion" zu fördern - eine Verpflichtung, die noch fortbesteht.

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