Geschichtsklitterung durch EU-Ratspräsident Tusk: Zweiter Weltkrieg als "russische Aggression"

Geschichtsklitterung durch EU-Ratspräsident Tusk: Zweiter Weltkrieg als "russische Aggression"
Ratspräsident Donald Tusk gab sich Mühe, zum 60. Bestandsjubiläum der Römischen Verträge imaginäre Massen auf das vermeintliche Friedensprojekt der EU einzuschwören. Er brachte es dennoch wieder nur zu Kalter-Kriegs-Rhetorik und Geschichtsrevisionismus.

von Pierre Lévy, Paris

Donald Tusk ist derzeit wirklich an allen Fronten zu sehen. Am 29. März nahm er "traurig" das Schreiben aus London entgegen, das offiziell den Brexit auslöst. Am 3. April war er in Slowenien, anschließend in Mazedonien. Tags darauf betrat er bulgarischen Boden. Am 5. endete seine Reise in Griechenland.

Den gefühlten 99 Prozent unverzeihlichen Ignoranten, die noch nie von dieser noblen Persönlichkeit gehört haben oder mit "Tusk" nur das gleichnamige Album der US-Musikgruppe Fleetwood Mac assoziieren, sei gesagt, dass es sich bei Donald Tusk um den wichtigsten Mann der Europäischen Union handelt. Immerhin ist er der Präsident des sich aus den 28 Staats- und Regierungschefs zusammensetzenden EU-Rates. Von 2007 bis 2014 war er polnischer Premierminister.

Er gehörte also zu den zahlreichen Rednern, die sich auch in Rom anlässlich des sechzigsten Jubiläums jener Verträge äußerten, die den Namen dieser Stadt tragen. Das geschah am 25. März, als die 500 Millionen Bürger Europas anlässlich der denkwürdigen Feier buchstäblich gefesselt vor den Fernsehgeräten saßen, denn dieses historische Ereignis wollte wirklich niemand verpassen.

Der Zweite Weltkrieg als "russische Aggression"

Allen, die das Großereignis dennoch verpasst haben sollten, sei hier noch einmal eine kleine Rückschau gestattet: Donald Tusk hielt also eine Ansprache, in der er daran erinnerte, dass sein eigenes Geburtsjahr auch das der Europäischen Gemeinschaft sei, die überhaupt erst "den Frieden auf dem Kontinent möglich gemacht" habe. Der Pole erinnerte zudem daran, dass seine Geburtsstadt Danzig von "Hitler und Stalin" zerstört worden war.

Er wies auf diese Weise - nicht ausdrücklich, aber klar erkennbar - Nazi-Deutschland und der UdSSR gleichermaßen die Schuld an den damaligen Ereignissen zu. Aus den Reihen der führenden Politiker hat keiner aufgemuckt. Oder auch nur daran gedacht, ihn an ein möglicherweise nicht ganz unwesentliches Detail der Geschichte zu erinnern: daran nämlich, dass es im Zweiten Weltkrieg am 1. September 1939 einen Angreifer - an jenem Tag begann der Krieg offiziell mit der Invasion Polens durch die Wehrmacht - und am 22. Juni 1941 einen Angegriffenen gab.

Das war in diesem Fall die Sowjetunion, die einen in der Geschichte einmaligen Tribut für diese Tragödie bezahlt hat. Wer genauer hinsieht, könnte sogar auf den Gedanken kommen, dass es ihrem unglaublichen Opfer zu verdanken ist, aber auch ihrer unvergleichlichen militärischen Anstrengung mit allen anderen Alliierten zusammen, dass der Nationalsozialismus besiegt werden konnte.

Träume von Arbeitslosigkeit und Perspektivarmut?

Ohne die Schlacht bei Kursk und die Schlacht von Stalingrad, ohne die 34 Millionen Sowjetbürger, die mobilisiert wurden, und die 360 Divisionen der Roten Armee, die gegen die Wehrmacht gekämpft haben - im Vergleich dazu gab es zur Zeit des stärksten amerikanischen Engagements 90 US-Divisionen -, hätte Donald Tusk sicherlich 2017 kein Loblied auf Europa singen können.

Ungeachtet dessen war ihm sehr daran gelegen, an seine Jugend "unter dem Joch der Kommunisten" zu erinnern:

Mehr als mein halbes Leben lang habe ich hinter dem Eisernen Vorhang gelebt, wo es verboten war, von europäischen Werten zu träumen.

Das war zu Zeiten des sozialistischen Polens, als es in der Tat unmöglich war, von jener Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit für die junge Generation, die in weiten Teilen der EU heute alltägliche Realität ist, auch nur zu träumen...

Glücklicherweise gehören diese Zustände heute alle der Vergangenheit an. Die jungen Polen können in der EU frei nach Arbeit suchen, und allein 830.000 von ihnen sind deshalb in das Vereinigte Königreich emigriert, aber sicherlich nur, weil sie so gern reisen. Auch Donald Tusk selbst ist ein nach Brüssel entsandter Arbeitnehmer.

Er hatte übrigens ganz nebenbei die "Millionen von Menschen" begrüßt, "die heute in Rom, Warschau und sogar in London durch die Straßen unserer Hauptstädte ziehen", um Europa zu feiern. Millionen? Was heißt doch gleich "Fake News" auf Polnisch?

Doch ernsthaft, eines muss man der Intervention von Donald Tusk zumindest zugutehalten: Er hat uns an die grundsätzlichen Gene der europäischen Integration erinnert. Diese ist aus, im und durch den Kalten Krieg entstanden. Und in diesem ist sie entschlossen, zu verharren. Niemand kann eben aus seiner Haut heraus.

Letztendlich steht es natürlich jedem frei, Herrn Tusk zu vergessen. Aber es gibt auch historische Hintergründe, derer man sich manchmal erinnern sollte. Denn jeder hat das Recht auf seiner eigene Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten.

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