Kontroverse um impfkritischen Film "Vaxxed": Skeptiker-Shitstorm soll Kinobetreiber einschüchtern

Kontroverse um impfkritischen Film "Vaxxed": Skeptiker-Shitstorm soll Kinobetreiber einschüchtern
Die Botschaft des impfkritischen Films "Vaxxed" bleibt weit hinter den radikalen Aussagen zurück, die man von dessen Produzenten sonst kennt. Die dogmatische Kampagne so genannter Skeptiker könnte diesem nun weitere Aufmerksamkeit verschaffen.
Der impfkritische Film "Vaxxed" ist ins Visier militanter Anhänger der so genannten Skeptiker-Bewegung geraten. Diese versuchen mittlerweile sogar, Kinobetreiber einzuschüchtern. Die Produzenten profitieren unterdessen auch von der negativen Publicity.

Die Frage, ob Impfungen medizinisch sinnvoll sind oder selbst zu schweren gesundheitlichen Schäden führen können, sorgt auch heute noch für kontroverse und emotionale Debatten. Sowohl unter den Gegnern als auch unter den Befürwortern des Impfens gibt es Extrempositionen, deren Vertreter stark ideologisiert sind und anstelle einer ergebnisoffenen Debatte eher einen blutigen Meinungskrieg führen.

Eine kritische Haltung zu Impfungen nimmt der britische Gastroenterologe Andrew Wakefield ein. Dieser sorgte im Jahr 1998 mit einer Studie für Aufmerksamkeit, deren Ergebnis ihn dazu veranlasste, einen Zusammenhang zwischen Impfungen gegen Mumps, Masern und Röteln und dem Vorkommen von Autismus bei Kindern zu erkennen.

Verantwortlich hierfür sei der Kombinationswirkstoff MMR. Kritiker warfen Wakefield jedoch vor, Testergebnisse manipuliert zu haben. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe ließen sich offenbar in einem Maße verbreiten, das ausreichte, um ihm seine Zulassung als praktizierender Arzt zu entziehen. Dennoch blieb der Brite so etwas wie der Erzfeind leidenschaftlicher Impfbefürworter, da nicht zuletzt seine Veröffentlichungen Ende der 1990er Jahre zu spürbaren Rückgängen der Impfrate in Großbritannien führten.

Markus Fiedler, Filmemacher und Lehrer im Gespräch mit Jasmin Kosubek.

Im vergangenen Jahr meldete sich Wakefield als Filmemacher zurück und klagt in dem Streifen "Vaxxed – Die schockierende Wahrheit?!" die Pharmalobby an. Auch die Hollywood-Legende Robert De Niro, der selbst einen autistischen Sohn hat, setzte sich für den Film ein.

Nun soll Vaxxed in deutschen Kinos anlaufen. Verleiher ist dieBusch Media Group GmbH & Co KG. Zudem ist eine Kinotour mit Andrew Wakefield geplant und zahlreiche Lichtspielhäuser führen den Film bereits im Kalender. Ein Film von vielen, der vor allem in kleineren Programmkinos läuft? Weit gefehlt. Regisseur Wakefield und der Filmverleiher Simon Busch haben offenbar nicht mit der in Deutschland äußerst straff organisierten und aggressiv agierenden so genannten "Skeptiker"-Bewegung gerechnet, welche die Vorführung des Films derzeit mit allen Mitteln zu verhindern versucht.

Protagonist von Vaxxed ist der US-Whistleblower Dr. William Thompson, der vielmehr ein moderater Impfkritiker als ein dogmatischer Impfgegner ist. Thompson sieht vor allem Mehrfachimpfungen als eine Gefahr an und schießt ansonsten vor allem gegen die amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC sowie die Pharmaindustrie. Impfungen an sich seien schon sinnvoll, so Thompson.

Das Kino am Raschplatz in Hannover sieht sich nach Drohungen gezwungen, die geplante Vorführung des Films "Vaxxed" auf Grund von Sicherheitsbedenken abzusagen.

Doch auch diese vergleichsweise eigentlich zurückhaltende Meinung im Impfdiskurs sieht sich mit durchaus extremen Gegenstimmen konfrontiert. Kinobetreiber, die den Film Vaxxed zeigen wollten oder wollen, berichten von massiven Shitstorms durch die Impfbefürworter. Auf Facebook verbreiten diese unzählige Hasskommentare gegen Wakefield und sein Filmprojekt. In Hannover sagte ein Kinobetreiber die Vorführung wegen Sicherheitsbedenken gar ab, weil Mitarbeiter des Kinos bedroht und angegriffen wurden. Weitere Absagen folgten.

Gegenüber RT Deutsch berichtet der Filmverleiher Simon Busch von insgesamt zwölf Kinos, die die geplante Premiere auf Grund der Einschüchterung abgesagt haben. Zehn Lichtspielhäuser sind standhaft geblieben und halten an der Kinotour fest, die am 3. April 2017 in Stuttgart beginnt.

Das Netzwerk hinter der Kampagne gegen Vaxxed ist kein unbekanntes. Erst kürzlich analysierte der Lehrer und Filmemacher Markus Fiedler in der Dokumentation Zensur - die gezielte Manipulation der Wikipedia und anderer Medien die so genannte Skeptiker-Bewegung, deren Selbstbezeichnung eher wie ein Treppenwitz anmutet. Ihrem Selbstverständnis nach sehen sich Skeptiker als die rationalen Ritter für die Bewahrung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ständig gilt es, hart erarbeitete Forschungsergebnisse gegen Pseudowissenschaft, Esoterik und Verschwörungstheorien zu verteidigen. Doch tragischerweise haben sich die Don Quijotes der Wahrheit selbst längst ideologisch verhärtet und bekriegen in ihrem Kampf gegen die stetig steigende Zahl an Windmühlen letztendlich vor allem sich selbst.

Mentalität und praktisches Handeln der "Skeptiker"-Bewegung sind weit entfernt von jedwedem wissenschaftlichen Standard. Strittige Themen werden nicht sachorientiert auf Grundlage von Argumenten diskutiert, sondern a priori beantwortet und gegen Andersdenkende mittels Hetzkampagnen, Drohungen, Rufmord und Shitstorms durchgesetzt.

Ein Lied davon singen, was es heißt, ins Fadenkreuz der selbsternannten Skeptiker zu kommen, kann auch der Friedensforscher und Historiker Daniele Ganser. Akribisch zeichnet Markus Fiedler in seiner Dokumentation "Zensur" nach, wie die Verleumdungen der "Skeptiker" gegen Ganser ihren Weg von randständigen Blogs wie Ruhrbarone und gwup über Pseudonachschlagewerke wie Psiram bis in die Wikipedia finden. Sind Proteste vor Vortragshallen, Kinos oder sonstigen öffentlichen Einrichtungen nötig, stehen meist Splittergruppen aus dem Antifa-Dunstkreis bereit.

Markus Fiedler, Filmemacher und Lehrer im Gespräch mit Jasmin Kosubek.

Ein feinmaschig gewebtes Netz von Webservern, ideologisierten Akteuren, aufgehetzten Aktivisten und Kapitalinteressen sorgt für die Durchsetzung der vermeintlichen Wahrheit über Kritiker der NATO-Kriege oder – wie im Falle Vaxxed – der Pharmaindustrie.

Tatsächlich birgt das wahnhafte Vorgehen der "Skeptiker"-Bewegung und die teils gelungene Einschüchterung von Publizisten, Veranstaltern und Medien-Konsumenten eine nicht unwesentliche Gefahr für die Meinungsfreiheit und damit auch für die Demokratie. Dem gegenüber steht jedoch die Tatsache, dass Inhalte, die massive Shitstorms aus den Reihen der Ideologen erfahren, erst recht Interesse beim Publikum wecken. Die Attacken auf Daniele Ganser ließen die YouTube-Zugriffe auf dessen Vorträge förmlich explodieren. Auch Vaxxed hat noch vor seiner Premiere in Deutschland fast schon Kultstatus erreicht und erfreut sich fast täglich neuer Ankündigungsberichte. So lassen sich "Skeptiker" auch am ehesten als eine moderne Variante des Faust'schen Mephistopheles sehen. Sind sie doch letztendlich ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

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