Tod für eine Schlagzeile: Spekulationen statt Aufklärung rund um den Mord an Denis Woronenkow

Tod für eine Schlagzeile: Spekulationen statt Aufklärung rund um den Mord an Denis Woronenkow
Denis Woronenkow mit seiner Ehefrau Maria Maksakowa bei der Vergabe des "Hollywood Reporter Award" im Illusion Cinema, Moskau, 9. Dezember 2015.
Am Donnerstag ermordete ein ehemaliger ukrainischer Nationalgardist im Zentrum von Kiew einen russischen Geschäftsmann und ehemaligen Duma-Abgeordneten. Die ukrainische Regierung serviert zur Erklärung eine abenteuerliche Verschwörungstheorie.

von Wladislaw Sankin

Die Macht der ersten Meldung hat etwas Entscheidendes. Wenn ein ehemaliger Parlamentarier eines großen Landes auf offener Straße in der Hauptstadt eines Nachbarstaates erschossen wird, muss man darüber berichten und zwar an prominenter Stelle. Wenn die betroffenen beiden Staaten auch noch in einem tiefen Konflikt miteinander stecken, umso mehr. Und wenn der Erschossene auch noch den Nimbus eines Putin-Kritikers trägt, dann hat man sowieso bereits die ultimative Schlagzeile.

Ex-Abgeordneter der russischen Staatsduma in Kiew erschossen

Dummer, dummer Putin

Und das ist natürlich keine Propaganda. War der Mann im Parlament? Ja. Dann ist er ein Politiker. Kritisierte er Russland, Putin und russische Führung? Ja. Zwar von der Ukraine aus, aber er kritisierte. Mehr noch, er drohte mit Enthüllungen, unter anderem über die so genannte Annexion der Krim. Er war also ein mutiger Kritiker. In dem Fall ist es auch nicht schlimm, dass er im März 2014 als Duma-Abgeordneter der Kommunistischen Partei selbst noch für das das Abkommen zwischen der Russischen Föderation und der Republik Krim über die Aufnahme der Republik Krim in die Russische Föderation, also ebendiese vermeintliche Annexion, gestimmt hat. Hauptsache, in der Ukraine gibt er sich als Putin-Kritiker.

Die Medien in Deutschland meldeten dann den Fall so: "Geflüchteter Duma-Abgeordneter erschossen" (n-tv), "Mord an russischem Politiker in Kiew: In Russland sagen sie, wir sind Verräter". Die angelsächsischen gingen noch weiter: "Mord an Denis Woronenkow: Der getötete Putin-Kritiker sagte im Interview, dass er in Gefahr war" (independent); "Russischer Putin-Kritiker in der Ukraine getötet" (NYTimes), "Die Tötung eines Überläufers sendet ein beängstigendes Signal" (bloomberg). Oder direkt ohne Schnörkel: "Ukraine: Russischer Agent tötete Kreml-Kritiker" (abc). Wenn kein Geringerer als der ukrainische Präsident höchstpersönlich das meint, na dann macht es auch nichts aus, dass die Anschuldigung in weniger als einer Stunde nach dem Attentat feststand.

Viele gehen noch weiter und reihen den Ermordeten bereits triumphierend in die Liste aller so genannten Putin-Kritiker ein, die in den letzten 12 Jahren ermordet wurden: Politkowskaja, Litwinenko, Nemzow. Für diesen Putin bleibt nur noch das Kopfschütteln übrig: Ach, dummer, dummer Putin, wie eine Bloggerin aus Kiew, Olga Bondarenko, direkt nach der ukrainischen Verkündung, wer am Tod schuld sei, schrieb: 

Gute Nachricht für die Ukraine: Putin ist nun ganz leicht zu besiegen. Er ist krank im Kopf. Er leidet mittlerweile an Altersschwachsinn. Warum? Die Hauptversion eines Mordes – eine demonstrative Hinrichtung vonseiten der FSB. Putin reichte Litwinenko nicht. Und er griff zur Waffe und tötete demonstrativ Nemzow. Um wieder einmal hören zu können, was er für ein Tyrann und Mörder ist. Dummer, dummer Putin.

Der fahrlässige Täter

Die Frage "Cui Bono?", also wem eine solche Steilvorlage nützen könnte, ist an dieser Stelle eine zu hohe Kunst für die Westmedien. Um den Sachstand zu verstehen, sollte die erste Schlagzeile reichen, die Hälfte der Leser liest sowieso nur sie. Wer wird dann schon die zweite oder dritte Meldung zu dem Fall lesen, die beispielsweise Aufschluss über die vielsagende Persönlichkeit des in die Schießerei verwickelten Täters geben könnte?

Komplettes Video des Attentats: 

Die Person des mutmaßlichen Täters, um beim möglichen Thema einer zweiten Meldung zu bleiben, weckt schon mal den ersten Argwohn: Es handelt sich mutmaßlich um Pawlo Parschow, einen 28-jährigen ukrainischen Staatsbürger. Dessen Hintergrund ist für einen russischen FSB-Häscher eher untypisch: Parschow diente in der Nationalgarde und in ukrainischen nationalistischen Freiwilligenbatallionen. Er nahm an den Kampfhandlungen im Osten der Ukraine teil und war in kriminelle Geschäfte verwickelt.

Eine dritte Meldung könnte von den roten Sportschuhen des Täters und dem auf Überwachungskameras festgehaltenen Video des Mordes und der anschließenden Schießerei handeln. Auf dem Video handelte der Täter für einen Killer äußerst unprofessionell, was ihn am Ende auch das Leben kostete.

Die vierte könnte von seinem Tod in einem Kiewer Krankenhaus handeln. Die fünfte von seinem mutmaßlichen Komplizen, Jaroslaw Lewentz, der im nationalistischen Rechten Sektor gedient hat. Mit ihm telefonierte der Killer kurz vor dem Attentat. Lewentz ist nach am Dienstag veröffentlichten Informationen eines Funktionärs des Rechten Sektors fünf Stunden nach der Tat in der Staatsanwaltschaft vernommen – und wieder entlassen worden. Mittlerweile ist er nicht mehr auffindbar.

Der Manngeldbeutel des erschossenen Täters Pawlo Parschow. Er nahm alle seine Ausweise - auch den Nationalgardistenausweis - zu seinem Attentat mit; Kiew, 23. März 2017.

Vom "Abwickler" zum Putin-Kritiker

Na ja, vielleicht interessiert sich auch jemand für Krimis. Das wäre, wenn diese Meldungen es überhaupt in die Westmedien schaffen sollten, durchaus hilfreich. Dann würde man an diesen spannenden Einzelheiten auch zweifellos Gefallen finden.

Aber was ist denn nun mit der Person des ermordeten "Putin-Kritikers"? War er denn wirklich einer?

Über diese Behauptung wird man in Russland nur bitter schmunzeln. Glaubt man den russischen Medien, war der Flüchtige jahrelang als Stroh- und Mittelsmann in krumme Geschäfte verwickelt, sozusagen als Abwickler für hohe Kriminelle, die für die Sicherheitsbehörden zu auffällig wurden. Er war ein Hochstapler, Betrüger und Halbkrimineller, der über seine Verhältnisse gelebt und anscheinend auch Schulden angehäuft hatte. Sein Duma-Mandat erkaufte er sich einfach, denn die Abgeordneten-Immunität bot ihm Schutz vor gerichtlicher Verfolgung.

Eine solche stand ihm auch bevor. Das Ermittlungskommitee bat die Staatsanwaltschaft, den Immunitätsstatus von Woronenkow aufheben zu lassen. Chefermittler Alexander Bastyrkin warf dem Abgeordneten vor, in die feindliche Übernahme einer teuren Immobilie in Moskau involviert gewesen zu sein. Der Generalstaatsanwalt winkte am 3. März 2016 mit der Begründung ab, der Verdacht sei zu vage belegt.

Das Mitglied des Komitees für den Kampf gegen die Korruption, Denis Woronenkow, und das Mitglied des Komitees für Kultur in der russischen Staatsduma, Maria Maksakowa, schauen am 30.05.2015 im Moskauer Hippodrom das Pferderennen "Monte Carlo Grand Prix".

Im Dezember 2016 setzte sich Woronenkow zusammen mit seiner Frau, der 37-jährigen Opernsängerin und Solistin des Mariinski-Theaters, Marija Maksakowa, in die Ukraine ab. Diese war seinerzeit lange mit einem Mafia-Boss - im Milieusprech einer "Autorität" - liiert. Doch danach verliebte sie sich in Denis Woronenkow. Sie lernten einander am gemeinsamen Arbeitsplatz kennen – im Parlament. Frau Maksakowa war die Deputierte der Regierungspartei Einiges Russland, Woronenkow von den Kommunisten.

Am 27. März 2015 feierte man dann die erste Duma-Hochzeit – sozusagen einen Zusammenschluss von zwei Fraktionen. Es war auch die Boulevard-Meldung des Monats: eine ultimative, teure VIP-Hochzeit. Der Bräutigam zahlte für 3 Tage das Buffet in der Duma. Spätestens jetzt stellt sich die berechtigte Frage: Was machten diese Menschen im Parlament? Jetzt, nach alledem, hat die Kommunistische Partei wie auch die Duma selbst ein Glaubwürdigkeitsproblem. Aber das ist schon ganz andere Story. Hat es überhaupt jemand bis hierher geschafft?   

Das Begräbnis des ehemaligen russischen Staatsduma-Abgeordneten Denis Woronenkow

Wichtig ist, dass Woronenkow gleich nach seiner Ankunft in der Ukraine mehrere Interviews gegeben hat, in denen er Russland mit Nazi-Deutschland verglich und sich als Zeuge im Verfahren gegen den Ex-Präsidenten Janukowytsch anbot. In Russland sagt man, dass er von seinem Posten her keine brisanten Informationen haben konnte und geblufft hat. Was für ihn am Ende eine unangenehme Konsequenz nach sich zog: Ein toter Woronenkow wurde für den Informationskrieg interessanter.

Stalinistische Diversantenschule

Zurück nach Kiew: Auch jetzt, nach vier, fünf Tagen, basteln ukrainische Spitzenbeamte wie der berüchtigte Anton Geraschtschenko vom Innenministerium mit beneidenswerter Selbstsicherheit an ihrer FSB-Version weiter. Ohne mit einem Auge zu zwinkern, erzählt dieser von angeblichen Diversanten-Ausbildungsstätten im Geiste des NKWD, die auf weißrussischem Territorium betrieben würden. Dort sei der Täter ausgebildet worden. Um sich zu einem Geheimagenten des FSB ausbilden zu lassen, sollte dieser zu Fuß die ukrainisch-weißrussische Grenze überquert haben.

Das Ganze soll er nur auf sich genommen haben, um dann, wenn es einen flüchtigen Putin-Kritiker in der Ukraine geben sollte, zuzuschlagen. Mit einer alten Waffe aus den 1930er bis 1950er Jahren, wie es sich für einen stalinistischen Geheimagenten gehört. Das ist die offizielle ukrainische Version, das ukrainische Fernsehen nennt Parschow nur so: "russischer Agent". Und er soll sich dabei noch möglichst unprofessionell anstellen und wenn möglich erschießen lassen, denn tote Auftragskiller können sich nicht so leicht verplappern.

Dieser Groschenkrimi wäre vielleicht sogar lustig, gäbe es den Tod zweier in ihrem Leben in tragische Irrungen und Wirrungen geratener Personen nicht. Ja, und was ist mit der Frau, mit der Sängerin Maksakowa? Sie wollte ukrainische Lieder lernen und in Kiewer Oper singen. Sie, derzeit schwanger, bleibt vorerst in der Ukraine, obwohl russische Behörden ihr angeboten haben, zurückzukehren.

Was am Ende mit ihr passiert und wie die ukrainische Schadenbegrenzungsmaßnahme mit angegliedertem Propagandafeldzug enden wird, die anstelle einer ernsthaften Ermittlung weiterbetrieben werden wird, werden im Westen vermutlich nur die wenigsten erfahren. Ein zweiter Litwinenko oder Nemzow ist Woronenkow nicht geworden, aber sein Schicksal hatte auch einen gewissen Wert für die westlichen Medien: Zu einer vielsagenden Schlagzeile hat es allemal gereicht.