14 Jahre US-Invasion im Irak: "Was das irakische Volk vom Westen bekam, waren Krieg und Terror"

14 Jahre US-Invasion im Irak: "Was das irakische Volk vom Westen bekam, waren Krieg und Terror"
"Mission accomplished": Der ehemalige US-Präsident George W. Bush rechnete ernsthaft damit, dass der Sturz Saddam Husseins den Irak zu einer Modellregion der Demokratie machen würde. Das Schicksal hatte jedoch andere Pläne.
Heute vor 14 Jahren begann die US-Invasion im Irak. Demokratie, Freiheit und Menschenrechte sollte der Sturz Saddams den Menschen bringen. Stattdessen bekamen sie eineinhalb Jahrzehnte Zerstörung, fasst der irakische Politikanalyst Tallha Abdulrazaq zusammen.

von Tallha Abdulrazaq

Für die meisten von uns ist heute ein Tag wie jeder andere. Für die meisten Iraker hingegen markiert dieses Datum ein traumatisches Erlebnis. Am 20. März des Jahres 2003 besiegelten die USA und ihre westlichen Verbündeten das Schicksal des irakischen Staates mit einer Intervention.

An diesem Tag vor 14 Jahren begann die Katastrophe, als Krieg und Instabilität die Gesellschaft des Iraks zerrissen. Zeichen eines Endes sind noch nicht absehbar.

Der Aufbruch zum Krieg baute maßgeblich auf potenziellen und nicht selten zusammenfantasierten Bedrohungen durch den Diktator Saddam Hussein auf, der den Irak über Jahrzehnte hinweg mit eiserner Faust regierte. Die Falken in Washington schienen von den noch frischen Wunden durch die Terrorangriffe vom 11. September 2001 in höchstem Maße angestachelt zu sein. Sie suchten nur nach einem Vorwand, um im Irak einzumarschieren.

Inmitten des intensiven Diskurses über Saddams fiktive Massenvernichtungswaffen fand das sich anbahnende Schicksals des irakischen Volkes kaum Erwähnung. Stattdessen propagierten die westlichen Mainstream-Medien, dass nach dem US-Demokratieexport aus dem Irak früher oder später ein blühendes und befreites Land hervorgehen würde.

Die Eingewöhnungsphase bezüglich der Demokratie gestaltete sich für das irakische Volk, das sich vermeintlich so sehr nach einer westlichen Befreiung durch Waffengewalt sehnte, lähmend und extrem tödlich.

Iraks Präsident Saddam Hussein vor dem Gericht, das ihn zum Tode verurteilte, Bagdad, 1. Juli 2004.

Seit 1990 und bis zur Invasion war der Irak einem brutalen westlichen Sanktionsregime unterworfen, das bis zu diesem Zeitpunkt schon mehr Iraker getötet hat als Saddam selbst. Zweifellos hatten die Sanktionen auch eine Art Strafcharakter für die irakische Invasion in Kuwait, die eine katastrophale, egoistische Entscheidung der Baathisten war. Die Maßnahmen rechtfertigen allerdings nicht das ausgelöste Leid unter der Bevölkerung, die am stärksten von den Sanktionen betroffen war. Allein von der Verhängung der Sanktionen bis 1995 starben über 500.000 irakische Kinder an direkten Folgen des Embargos.

Neben dem Massenmord, den das Sanktionsregime herbeigeführt hatte, konnte auch die US-geführte "zivilisatorische Mission", also dem Irak die Demokratie zu bringen, selbst als gescheitert und Katastrophe bezeichnet werden. Das Medizin-Magazin The Lancet veröffentlichte eine Umfrage, aus der hervorgeht, dass zwischen 2003 bis 2006 als direkte Folge der Invasion 654.965 Menschen starben.

Zusammen mit einer halben Million getöteter Kinder ein Jahrzehnt zuvor sind damit knapp 1,2 Millionen Iraker verstorben.

Die tatsächliche Zahl der Opfer dürfte noch wesentlich höher liegen, da die Umfrage von The Lancet noch vor dem blutigen sektiererischen Krieg gemacht wurde, der ausbrach, nachdem Al Kaida im Februar 2006 einen bedeutenden schiitischen Schrein in Samarra gesprengt hatte.

Nur eine naive Person kann glauben, dass die USA ausschließlich aus demokratischem Bewusstsein oder aber auch nur rein "für das Erdöl" in den Irak eindrangen. In erster Linie sollte die Invasion eine Machtdemonstration sein und ein Beweis dafür, dass die USA jedes Land der Welt zerstören können. Es war eine Warnung an alle, die an der Stärke Washingtons zu zweifeln begannen.

Mit der Zerstörung des Iraks verbunden war das Kalkül, dass kein anderer Akteur es mehr wagen würde, die USA nochmals wie am 11. September 2001 anzugreifen. Obwohl die Baathisten im Irak nichts mit den Tätern vom 11. September oder anderen Terroristen zu tun hatten, die US-amerikanischen Boden angriffen, steuerte Washington zielstrebig den Einmarsch an.

Auch durch die Brille des so genannten globalen Krieges gegen den Terror betrachtet war die Invasion im Irak jedoch ein Fiasko. Entgegen der erwarteten Gründung einer pro-westlichen Demokratie in Bagdad rutschte der Irak langsam, aber sicher erst tatsächlich in den Abgrund des Terrorismus ab. Der Irak wurde einem regelrechten Eldorado für eine stattliche Anzahl an sunnitischen und schiitischen Extremisten-Organisationen.

Wo Al Kaida zuvor unerwünscht war und von Saddams gefürchtetem Muchabarat-Geheimdienst zerschlagen wurde, begann die Gruppe nach dessen Sturz geradezu ungestört terroristische Zellen zu gründen. Der neue irakische Staat war zu schwach und zu korrupt, um diese Gruppierungen wirklich bekämpfen zu können  ohne durch eigene Aktivitäten auch noch die sunnitische Zivilbevölkerung zu radikalisieren.

Besonders makaber wirkte sich der Umstand aus, dass die US-Besatzer kurzerhand eine mehrheitlich schiitische Regierung ans Ruder brachte, die sich an den ehemaligen sunnitischen Herrschern rächte, und mit iranischer Unterstützung begann, Sunniten kontinuierlich politisch zu marginalisieren. Es kam zu systematischer Verfolgung, Anwendung von Folter und Demütigungen.

Die Repressalien gegen die sunnitische Gemeinde erreichten ein Ausmaß, dass diese begann, ihren Glauben an die repräsentative parlamentarische Demokratie in Bagdad zu verlieren, die Washington gerade erst installiert hatte.

Anstatt die Zeit weiter mit politischen Abstimmungen zu verschwenden, begannen sunnitische Gemeinden ab 2012, ihren Unmut mittels Massendemonstrationen auf die Straßen zu tragen. Sie demonstrierten nicht nur gegen die schiitisch dominierte Zentralregierung, sondern auch gegen die Schwäche und Korruption ihrer eigenen sunnitischen Volksvertreter und politischen Parteien.

Bagdads Antwort auf diese unbewaffneten und friedlichen Proteste war brutal. Unter dem schiitisch-religiös beeinflussten ehemaligen Premierminister und dem derzeitigen Vizepräsidenten Nuri al-Maliki griffen Sicherheitskräfte an Orten wie Hawidscha rücksichtslos Demonstranten an. Augenzeugen berichteten, wie Soldaten sektiererische Parolen riefen, bevor sie Demonstranten töteten.

Es waren diese Brutalität und die nachfolgenden Massaker an Sunniten, die es Al Kaida und den Baathisten erlaubten, sich unter der sunnitischen Bevölkerung auszubreiten und zum so genannten Islamischen Staat zu transformieren.

Da die Regierung in Bagdad daran scheiterte, sich als Interessensvertreterin aller Iraker zu etablieren, erwuchs dem IS die einmalige Gelegenheit, sich als Verteidigungslinie der Sunniten zu platzieren, auch wenn der IS eigentlich ein finsteres System im Schilde führte.

Werden die Probleme des Iraks mit der absehbaren Niederlage des IS gelöst? Nein, denn der IS ist nur ein Symptom eines weit größeren Problems. Der Regierung in Bagdad mangelt es an nationaler Einheit und der Fähigkeit zur Identitätsstiftung.

Solange keine Einheit zwischen Sunniten und Schiiten entsteht und sektiererische regionale Akteure sowie die USA keine Einschränkung erfahren, können wir in absehbarer Zeit kein Ende des Blutvergießens und der politischen Streitigkeiten erwarten.

Tallha Abdulrazaq ist Forscher am Institut für Strategie und Sicherheit an der Universität von Exeter und Gewinner des Jungforscher-Awards von Al Jazeera 2015. RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

ForumVostok